E-Book, Deutsch, 238 Seiten
Schmidt Zwielicht Classic 18
2. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8187-7956-6
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 238 Seiten
ISBN: 978-3-8187-7956-6
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Michael Schmidt wurde 1970 in Koblenz geboren. Er veröffentlichte bisher über 60 Kurzgeschichten, die sich zumeist mit der dunklen Seite der Menschen beschäftigt. Als Herausgeber zeichnete er schon für diverse Anthologien verantwortlich. Zwielicht (Saphir im Stahl) gewann dabei dreimal in Folge den Vincent Preis. Seine Geschichten finden sich gesammelt in mehreren Storysammlungen, die als ebook und Create Space Buch bei Amazon erschienen sind, u.a. Teutonic Horror, Teutonic Future und Silbermond. Außerdem steuerte er zwei Romane zur Fantasyserie Saramee bei. Sein Blog befindet sich auf: www.defms.de
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Yvonne Tunnat – Morsche Haut (2022)
Die Maschine dampft aus zwei Öffnungen, links riecht es nach Kaffeebohnen, rechts leicht metallisch und ein wenig nach Chlor. Betrüblicherweise verdirbt der Chlorgeruch den nach frisch gebrühtem Kaffee.
Ich nehme mir eine Tasse, überlege, ob ich Milch hinzufüge, entscheide mich aber dagegen. Die Milchflasche hat kein Etikett.
Auch die Milch von veränderten Kühen ist tadellos und delikat, tönt mir die Werbung in den Ohren. Mag sein, aber ich finde diese Tiere mit fünf Beinen oder Hörnern an ungemütlichen Stellen trotzdem scheußlich.
Ich blicke mich in dem Waggon um – offenbar reisen heute alle nach Norden. Nicht verwunderlich, der Sommer hat früh begonnen, sogar noch früher als im letzten Jahr.
Der einzige Tisch, an dem noch Platz ist, wird auf beiden Sitzen in Fahrtrichtung von einer Dame mit kleinem Jungen okkupiert.
Ich nehme gegenüber Platz und nicke ihnen zu. Hoffentlich fängt sie kein Gespräch an! Der Junge mag ungefähr zwei Jahre alt sein, ein Alter, in dem die meisten nur ungenügend stammeln können. Die Dame könnte genau im richtigen Alter sein, um fremden Leuten gegenüber kolossal mitteilsam zu sein. Es wird nicht lange dauern, dann bin ich auch in dem Alter.
„Mehr Senf?“, erkundigt sie sich, und ich schaue auf, weil mich eine derartige Frage morgens um neun Uhr irritiert. Es ist der Junge, zu dem sie spricht. Der schaufelt sich gerade einen überaus großen Löffel Senf in den weit geöffneten Mund und schließt die Augen, als die gelbe Paste hinter seinen Lippen verschwindet. Hm, lecker, scheint sein Gesicht zu sagen, es steht geradezu in grellfarbigen Dämpfen über seinem Kopf. Seine Stirnhaut wirkt zerfurcht und seltsam marmoriert.
Das voluminöse Glas vor ihm ist zur Hälfte geleert. Alleine von dem Anblick kündigt sich für mich schon ein famoses Sodbrennen an.
„Vermutlich werden Sie ihm das stets vorhalten, sein ganzes Leben lang. Damals, als du klein warst, hast du zum Frühstück immer ein Glas Senf gegessen“, sage ich zu ihr. Jetzt fange ich doch wieder ein Gespräch an! Es ist, als würden mir die Worte aus dem Mund fallen, ohne dass sie sich vorher dazu die Erlaubnis von meinem Gehirn geholt haben.
Sie reagiert mit einem kurzen Nicken, bevor sie sich wieder dem Jungen zuwendet.
„Wir sagen unserer Tochter heute noch, dass sie als Kind immer die Kondensmilch vertilgt hat. Unpraktisch, wenn spontan Besuch zum Kaffee kommt“, füge ich hinzu. Hm, Kondensmilch. Damals definitiv noch von unveränderten Kühen.
Ich beobachte den Jungen, der noch ganz vertieft in den Genuss seines Senfs ist. Die Frau tupft mit einem bestickten Taschentuch seine Mundwinkel ab. Das Tuch bleibt sauber, so sorgfältig hat der Kleine gegessen. Sie wendet sich von ihm ab und lehnt sich zurück gegen ihr Sitzpolster. Hinter uns schreit ein kleines Mädchen. „Nein, nein, nein, nicht das, aua, das ist grün!“ Was es wohl Grünes zu essen geben mag auf ihrem Frühstücksteller? Wir schweigen, die gedämpften Stimmen der Eltern sind zu hören, dann bricht das Mädchen in kreischendes Gebrüll aus, das metallisch durch den ganzen Waggon schrillt. Ich unterdrücke den Impuls, meine Hände auf die Ohren zu legen. Auch mein Gegenüber schrickt zusammen, lediglich der Junge reagiert nicht, taucht nur erneut den Löffel in seinen Senf.
„Mein Name ist Auguste“, sagt die Frau, als das Geschrei vom Tisch hinter uns langsam abklingt, und nickt mir zu. Ich nicke zurück. „Rebecca.“
„Reisen Sie alleine?“, fragt sie mich.
Grundsätzlich! Mein Mann traut sich schon seit Jahren nicht mehr fort von den Annehmlichkeiten unseres Heims. Verständlich; er vermag sich nur mit dem dampfbetriebenen Rollstuhl fortzubewegen. Ich nicke nur. Kein Grund, ihr Einzelheiten zu schildern. Auguste legt ihre Hand auf die Schulter des Jungen. „Sein Name ist Elias.“
Fast hätte ich die Frage an sie gerichtet, ob dies ihr Enkel sei. Gottlob ist sie schneller. „Mein über alles geliebtes Söhnchen.“
Tatsächlich? Ich betrachte sie gründlicher.
Ihr Gesicht ist grau, die Augen müde, die Haut darum von Falten durchwoben, ihre Schultern zusammengesunken. Im Ganzen wirkt sie geschrumpft, als sei sie früher deutlich größer und aufrechter gewesen, und dann hätte jemand begonnen, langsam die Luft aus ihr herauszulassen. Ist sie wirklich jung genug dafür, dass der Junge ihr Sohn ist? Ich kann sie schwerlich direkt nach ihrem Alter fragen!
Womöglich bekümmert sie ihr eigenes Alter zu sehr, um es als Wahrheit anzuerkennen. Ich betrachte Elias. Sein Anblick durchtränkt mich mit Verzagtheit, und das liegt nicht nur an seinem Senf-Frühstück. Ich beuge mich etwas zu ihm vor. „Na, mein kleiner Herr?“
Er starrt blicklos in meine Richtung. Braucht er eine Brille? Ein Rasseln entfährt ihm. Solch ein Geräusch sollte keiner kindlichen Brust entweichen! Er wendet seinen Blick ab, hoffentlich provoziere ich keinen dieser Anfälle, von denen Kinder in diesem Alter oft gepackt werden.
Eine Szene mit Ben kommt mir in den Sinn. Sein Köpfchen mit wütendem Rot überzogen, das laute Stampfen auf dem Fußboden. Nein, nein, nein! Nicht das! Das da! Nein! Das da! Die meiste Zeit wusste niemand, was gemeint sein mochte. Die Trotzphase war lang, tausend Jahre. Und dann hatte alles ein Ende, aber auf andere Weise, als wir uns gewünscht hatten. Zur kleinsten Stunde erwachte er mit kochender Stirn, schweiß-durchnässt, fortwährend wimmernd. Wir erhoben uns alle sogleich und bekümmerten ihn, organisierten in zähne-fletschender Hektik Wadenwickel, meine Älteste rannte zum Arzt – zu spät. Unser kleiner Ben verdampfte geradezu, noch bevor der neue Tag begann.
Dreißig Jahre sind vergangen. Jene Nacht begleitet mich noch immer. Die Erinnerung an seinen Geruch. Wie faulender Blattsalat. Ein Teil von mir schaltet sich immer wieder in diese Szene, durchlebt sie erneut, immer und immer wieder.
Ich denke an meinen Gatten, wie er betrübt dasitzt, sobald er sich unbeobachtet fühlt, und seine Stirn in Falten legt. Ist auch er dort, an diesem dunklen Ort? Nie habe ich diese Frage an ihn gerichtet, aus Furcht vor seiner Antwort.
„Wo ist sein Vater?“, frage ich, unbedacht, mit einem Kopf-nicken auf Elias.
Oh, wie gern würde ich mir diese Frage zurück in den Mund stopfen, als ich bemerke, wie Auguste sich abwendet und aus dem Fenster schaut. Ich folge ihrem Blick. Das erste, was ich sehe, sind Kühe mit fünf Beinen, und der Kaffee in meinem Magen grummelt. Dabei habe ich doch auf die Milch verzichtet!
„Gegangen. Vor Jahren schon.“
Jemand hinter uns lacht hektisch. Ich merke, wie angespannt ich sein muss, da ich davon zusammenzucke. Doch das hat alles nichts mit uns zu tun. Die Gerüche in diesem Waggon, Chlor, Kaffee, Rosenparfum, all das rückt in den Hintergrund. Es ist, als wäre um uns herum nichts Anderes mehr von Bedeutung.
Ich betrachte Elias, kaum zwei Jahre alt. Vor Jahren? In meinem Kopf fügen sich die Bausteine zu einem Bild zusammen.
Diese Möglichkeit hat der Leibarzt uns damals auch eröffnet. Ben war noch nicht ganz auf die Umgebungstemperatur erkaltet. Die Technik, sie schreitet weiter fort, das war uns bewusst und wir mussten uns rasch entscheiden. Noch einige lebhafte Jahre hatte der Arzt uns in Aussicht gestellt, auch wenn Ben zweijährig verbleiben würde. Ein Abschied, ja, aber noch nicht sofort.
Ich schaue Elias an. Dieses Rasseln in der Brust. Hornhaut trübe und gelblich. Die Fingerkuppen rötlich bis braun, die Lippen ausgetrocknet, inzwischen doch etwas mit feinem Senf besprenkelt. Am Tisch vor uns kreischt ein Kleinkind auf und schlägt mit einem Löffel in seinen Frühstücksbrei. Der junge Vater greift es sich und prustet ihm mit Lippen und Bart gegen die Wange, das Kind windet sich vor Vergnügen. Es bemerkt meinen Blick und erwidert ihn, das Leben pulsiert geradezu aus den grünblauen Augen unter langen Wimpern. Ich schaue erneut zu Elias. Kurze, stumpfe Wimpern. Kein Pulsieren.
Auguste beobachtet meine Miene und sackt tiefer in den Sitz, ihre Schultern wandern hinunter, bis sie aussieht wie ein auf dem Kopf stehendes V.
Kann der Junge mich überhaupt noch hören? Riechen? Schmecken? Ich schaue auf den scharfen Senf. Der kommt offenbar noch durch.
Organisches fault. Einige Jahre, oft auch ein Jahrzehnt, schafft es das mechanische Gerät, die Haut zu durchbluten. Was danach passiert, habe ich vor ein paar Jahren in Berlin gesehen. Ein erwachsener Mann. An einer Straßenecke hat er gebettelt. Kleidung, die mal teuer war, aber mittlerweile verschlissen, sogar eine Krawatte trug er noch, inzwischen verstaubt und voller Haarschuppen. Aus Gewohnheit habe ich einige Münzen aus meiner Tasche gekramt und ihm gereicht. Dabei fielen mir seine Finger auf. Das Fleisch hatte die Nägel offenbar nicht mehr halten können. Ich habe die Münzen fallen lassen und als er sich danach bückte, erblickte ich seinen Haaransatz, der Hinterkopf schon zerrupft, nur noch wenige Büschel hielten sich in dem verwesenden Fleisch, in dem sich einige stumpf-gelbliche Maden wanden. Mein Magen gibt sonst so leicht nichts wieder heraus, doch ich konnte meine letzte Mahlzeit nur mit Mühe in mir behalten. Spätestens von ihrem Geruch werden die Freunde des Lebens angelockt, die von Anfang an gegen diese Art von Lebenserhaltung protestierten. Steamies nennen sie diese Wesen. Wandelnde Leichen. Eine Bezeichnung, die nicht so fern liegt. Viel erreicht haben sie...




