E-Book, Deutsch, 512 Seiten
Schrader Der Todeskandidat / Band 3 & 4
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-946469-19-3
Verlag: Quality Books Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
August Schraders Meisterwerk in einer modernisierten Neufassung
E-Book, Deutsch, 512 Seiten
ISBN: 978-3-946469-19-3
Verlag: Quality Books Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
'In Dumas'scher Manier schrieb sensationell, hochromantisch, auf Effekt und Nervenkitzel rechnend, der talentvolle und fruchtbare Romanschriftsteller August Schrader, eigentlich Simmel - geboren 01. Oktober 1815 zu Wegeleben bei Halberstadt und gestorben 16. Juni 1878 in Leipzig.' (Dr. Adolph Kohut in: 'Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit, Bd. 2')
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Zweites Kapitel
Zwei Monate waren verflossen. Werner hatte glücklich ein heftiges Fieber überstanden, das die ungewöhnliche geistige Aufregung und die anstrengenden Gänge durch die benachbarten Täler erzeugt hatten. Die Krankheit war überwunden und die Kräfte des Rekonvaleszenten kehrten nach und nach zurück, wozu die aufmerksame Fürsorge Wolfgangs nicht wenig beitrug. Es war gegen Mittag eines der letzten Septembertage, als die Witwe Engel, die Wirtin Werners, in das Zimmer trat. Zu ihrem Erstaunen sah sie, dass der kleine Mann vor dem Spiegel stand und seine Toilette vollendete. Da es Sonntag war, hatte er seine besten Kleider gewählt.
»Was ist denn das?«, rief sie aus. »Sie wollen doch wohl nicht ausgehen?«
Werner hatte die Schleifen seines weißen Halstuches vollendet und trat von dem kleinen Spiegel, der zwischen den beiden Fenstern hing, zurück.
»Der Tag ist schön«, antwortete er lächelnd und mit matter Stimme; »ein Spaziergang in frischer Luft wird mich stärken. Der Herbst ist vor der Tür; wer weiß, wie viel schöne Tage wir noch bekommen werden.«
»Haben Sie denn auch den Arzt gefragt?«, rief die besorgte Witwe. »Wenn Sie nicht die Erlaubnis von ihm haben, so bleiben Sie zu Hause. Ich dulde nicht, dass Sie ausgehen. Nehmen Sie es mir nicht übel; aber Sie sind ein leichtsinniger Mensch, der gewaltsam auf seine Gesundheit einstürmt. Kaum können Sie wieder ein wenig Luft schnappen, und schon geht das Laufen wieder los. Sie bleiben zu Hause, und damit Punktum!«
Frau Engel nahm den blauen Leibrock mit gelben Knöpfen, der rein gebürstet auf einem Stuhl lag, und hing ihn an einen Nagel der weißen Wand.
»Das fehlte noch!«, rief sie wie ärgerlich aus. »Ihr Freund, der Legationsrat, der es so gut mit Ihnen meint, hat mich für Sie verantwortlich gemacht. Sie wissen das nicht, mein lieber Mann, wie er sich um Sie geängstigt hat; manchen Tag hat er Sie zweimal besucht, und dann saß er mit besorgten Mienen an Ihrem Bett und hörte geduldig dem Unsinn zu, den Sie in Ihren Fieberfantasien aussprachen. Sooft er ging, fragte er, ob es Ihnen auch an nichts fehle, und deutete ich nur eine Erleichterung an, die ich Ihnen aus eigenen Mitteln nicht gewähren konnte, so zog er gleich seine Börse und gab mir das nötige Geld dazu. Außerdem hat er mich auch für meine Mühe entschädigt, und da ich einmal das Geld angenommen habe, muss ich auch meine Pflicht tun. Fragen Sie den Arzt – gibt er die Erlaubnis, so habe ich keine Verantwortlichkeit. Hier – ziehen Sie Ihre wollene Jacke an und setzen Sie sich in den Lehnstuhl!«
Sie ergriff die Jacke und bekleidete Werner damit, der sich wie ein geduldiges Kind fügte.
»Liebe Frau«, sagte er, »ich weiß, dass Sie es herzlich gut mit mir meinen, aber …«
»Hier gilt kein Aber!«, fuhr die Alte geschwätzig fort. »Sehen Sie nur Ihre dünnen Ärmchen an; sie bestehen nur noch aus Haut und Knochen. Sie haben ja kein Lot Fleisch mehr am ganzen Körper, wie mein seliger Mann zu sagen pflegte. Und dann erst Ihr Gesicht – die Augen sind so groß wie Wagenräder, die Backen sind grässlich eingefallen und die Lippen sind weiß wie Ihre Hemdsärmel. Man wird sich vor Ihnen fürchten, wenn Sie über die Straße gehen. Setzen Sie sich hin und sehen Sie durch das Fenster.«
Bei diesen Worten drückte sie den schwachen Tapezierer in den Lehnstuhl nieder. Werner musste es dulden, da ihm wirklich die Kraft zum Widerstand fehlte.
»So! Nun warten Sie noch eine Viertelstunde, und ich bringe Ihnen eine Tasse kräftige Fleischbrühe, die Ihnen besser bekommen wird als ein Spaziergang.«
Die Witwe begann in dem Stübchen aufzuräumen.
»Frau Engel!«, rief Werner, der in dem Lehnstuhl saß.
»Was beliebt?«
»Setzen Sie sich einige Augenblicke zu mir.«
»Jetzt?«
»Ja.«
»Sehen Sie denn nicht, wie es in dem Zimmer aussieht? Man muss sich schämen, wenn jemand kommt. Bevor Sie aufgestanden sind, hatte ich so schön aufgeräumt, und jetzt liegt alles wie Kraut und Rüben durcheinander. Nun, ich sage nichts dazu; in einer Krankenstube kann es nicht anders aussehen; aber bleiben darf es so nicht. Hier ist Ihre Mütze.«
Die Witwe zog Werner eine wollene Mütze über die Ohren, sodass sein glatt gekämmtes Haupt völlig bedeckt war.
Ich muss Nachsicht mit der guten Frau haben, dachte Werner lächelnd, indem er die Mütze wieder so weit aus dem Gesicht zurückschob, dass Augen und Stirn frei wurden. Sie hat mich so treulich gepflegt, dass ich ihr zu großem Dank verbunden bin. Eine Mutter hätte nicht mehr für ihren Sohn tun können.
Schweigend sah er dem Treiben der rührigen Frau zu. Nach fünf Minuten hatte sie völlig aufgeräumt und den Staub von den wenigen einfachen Möbeln entfernt, die in dem Zimmer standen. Nun trat sie zu Werner und fragte:
»Sie wollten mir etwas sagen?«
»Ja, liebe Frau Engel.«
»Haben Sie Appetit auf irgendeine Speise?«
»Nein, nein!«
»Sagen Sie es nur rundweg heraus. Der Herr Legationsrat hat mir bei seinem letzten Besuch so viel Geld hinterlassen, dass ich jeden Ihrer Wünsche befriedigen kann. Im Keller steht auch noch ein Korb mit Wein, den die Nichte der Frau Oberhofmeisterin geschickt hat.«
Werner zuckte zusammen, als er diesen Namen hörte. Frau Engel, die vor ihm stand, hatte es bemerkt.
»Nun, was ist Ihnen denn?«, fragte sie. »Sie bekommen doch nicht etwa wieder einen Fieberanfall?«
»Ich befinde mich ganz wohl.«
»Oder halten Sie Ihre Fantasien für Wahrheit? Sooft Sie während Ihrer Krankheit ein wenig einschlummerten, hatten Sie es mit der Oberhofmeisterin zu tun. Und jetzt, da ich dieses Wort ausspreche, zucken Sie zusammen, als ob Sie die Tarantel gestochen hätte. Wahrhaftig, Sie haben wieder einen Fieberanfall!« Wenn nur sein Verstand nicht gelitten hat, dachte sie erschreckt, während sie den armen Werner betrachtete, der düster vor sich hinstarrte. Schon vor seiner Krankheit kam er mir vor, als ob er ein wenig übergeschnappt sei. Es sollte mir leidtun um den guten Burschen.
Werner schlug sein von der Krankheit vergrößertes und noch mattes Auge empor.
»Frau Engel«, sagte er, »über diesen Gegenstand wollte ich mit Ihnen sprechen.«
»Mit mir?«
»Setzen Sie sich neben mich und geben Sie mir Antwort auf meine Fragen.«
Die Neugierde ließ die gute Frau alles vergessen. Sie hatte oft darüber nachgedacht, in welcher Beziehung der bucklige Tapezierer zu der Oberhofmeisterin stehen und was der Grund sein könne, der die sonderbaren Ideen in ihm angeregt hatte. Da Werner die Papiere, die sie an dem Abend, an dem sich die Krankheit einstellte, mit ängstlicher Sorgfalt stets verborgen gehalten hatte, war es ihr unmöglich gewesen, sich von dem Inhalt derselben zu unterrichten. Es konnte ihr nichts erwünschter kommen als die bevorstehende Unterredung. Rasch schob sie einen Stuhl heran und ließ sich nieder.
»Sprechen Sie sich offen aus, denn Sie wissen ja, dass ich es gut mit Ihnen meine«, sagte sie eifrig.
»Wenn ich etwas auf dem Herzen habe und ich kann mich aussprechen, so fühle ich stets eine Erleichterung; natürlich wähle ich dazu eine Person, auf deren Verschwiegenheit ich mich verlassen kann.«
»Was Sie mir sagen, ist so gut aufgehoben, als ob sie es gar nicht gesagt hätten, und kann ich Ihnen mit Rat und Tat nützlich sein, so zählen Sie auf mich. Du lieber Gott, was wäre wohl im Leben aus meinem Seligen geworden, wenn er mich nicht gehabt hätte. Wir sind blutarm in diese Stadt gekommen, und wenn ich nicht immer mit Rat und Tat bei der Hand gewesen wäre, so hätten wir uns dieses Häuschen nicht erwerben können. So habe ich doch meinen Witwensitz, aus dem mich die Niederträchtigkeit der Menschen nicht vertreiben kann, und einige Morgen Acker im Feld, von deren Pacht ich so leidlich leben kann. Man muss zur rechten Zeit klug handeln, dann kommt man zu etwas. Sehen Sie, dieses Haus besaß ein filziger Mensch, ein Wucherer, der den armen Leuten das Mark aussog …«
»Ich kenne die Geschichte Ihres Hauses, liebe Frau Engel«, unterbrach Werner die Redselige. »Bleiben wir bei der Sache.«
»Nun gut, ich höre.«
»Ich erinnere mich, dass Sie zu mir ins Zimmer traten, als ich an jenem Abend von der Krankheit befallen wurde.«
»Ganz recht, ich hielt dies für meine Schuldigkeit.«
»Und ich danke Ihnen dafür.«
»Hat nichts zu sagen, lieber Werner; ich freue mich nur, dass alles so gut abgelaufen ist. Ach, damals sah es schlimm aus mit Ihnen. Sie glühten wie eine Kohle und schwatzten lauter dummes Zeug. Unter anderm sagten Sie auch, die Frau Oberhofmeisterin wäre ihre Mutter, und dabei stellten Sie sich, als ob Sie es aus den Papieren gelesen hätten, die vor Ihnen auf dem Tisch lagen, als ich eintrat. Ich muss Ihnen sagen, mein lieber Werner, dass mir ganz sonderbar zumute wurde.«
»Ich glaube Ihnen; aber es ist kein Wort wahr von allen, die ich gesprochen habe – wie Sie sich wohl leicht denken können.«
»Das kann ich mir nicht leicht denken, mein lieber Freund; Ihre Worte brachten mich im Gegenteil auf allerlei Vermutungen – aber ich habe diese Vermutungen nicht laut werden lassen, weil es gefährlich ist, über solche Dinge zu sprechen.«
»Wie?«, fragte Werner verwundert.
»Ja, sehen Sie, mein lieber Werner, ich bin nur eine arme Witwe, die für die vornehmen Leute die feine Wäsche plättet und nur selten aus dem Haus kommt; aber ich weiß doch so manches, was sehr viele Leute nicht wissen. Daraus können Sie schließen, wie klug und verschwiegen ich bin. Als ich an jenem unglücklichen Abend die Worte von der Oberhofmeisterin hörte, da glaubte ich wirklich, dass...




