E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Reihe: Schneiderbuch
Schreiber Nachhaltig verliebt
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-505-14375-5
Verlag: Schneiderbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Reihe: Schneiderbuch
ISBN: 978-3-505-14375-5
Verlag: Schneiderbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Als ihre Mutter verreist, übernehmen die 15-jährige Zoe und ihr älterer Bruder Jack das Fill up, den Zero Waste-Laden ihrer Mutter. Zoe ist froh, dass sie vor lauter Arbeit kaum zum Nachdenken kommt, denn ihr Ex Milo spukt ihr immer noch im Kopf herum. Obwohl er vor seinen Kumpels respektlose Bemerkungen über ihre Figur gemacht hat. Die Erfahrung nagt an ihrem Selbstbewusstsein. Ihre weiblichen Formen versteckt sie jetzt unter dem Fill-Up-Shirt, wie sie auch ihre wunderschöne Solostimme lieber im Chor ?versteckt?. Da taucht Leon im Laden auf, der sie ganz anders zu sehen scheint. Die Enttäuschung mit Milo beginnt zu verblassen. Doch dann wird alles erneut in Frage gestellt. Ist Leon wirklich an ihr interessiert oder verfolgt er andere Ziele? Als dann auch noch von einem Tag auf den anderen alles auf dem Spiel steht, wofür die Familie so hart gearbeitet hat, findet Zoe Hilfe dort, wo sie nicht damit rechnet ? und endlich die Stärke, sich nicht mehr zu verstecken.
Chantal Schreiber heißt wirklich so und schreibt Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Sie liebt Tiere (alle!), Second-Hand-Shops (Schatzsuche!), Kochen und Backen (vegan), Bücher, Kino und Draußensein. Sie lebt und arbeitet in der Nähe von Wien.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Family Business
»Der CO2-Ausgleich macht ungefähr sechzig Euro aus.« Jack hämmert auf die Tastatur seines Laptops ein und ich frage mich wieder einmal, wie man mit zwei Fingern so schnell tippen kann. »Willst du lieber ein Permakulturprojekt in Tansania oder einen Tiefbrunnenbau in Uganda unterstützen?«
Mom hebt abwehrend die Hände. »Immer langsam. Noch hab ich den Flug nicht mal gebucht.«
»Aber Mom, du musst doch fliegen!«
Ihre Finger klopfen nervös auf der Tischkante und ich merke, dass sie wieder begonnen hat, die Nagelhaut an ihren Daumen blutig zu beißen. Ich weiß nicht, warum sie alle anderen Finger in Ruhe lässt, aber ihre Daumen sind jedenfalls ein sehr genauer Mom-Stress-Indikator.
»Oder nicht? Wenn du die einzige Verwandte bist?«
Bowie, unser Mischlingshund, kommt in die Wohnküche getrottet und legt sich so unter den Tisch, dass seine Vorderpfoten auf Jacks Füßen liegen, seine Hinterpfoten auf Moms und sein Kopf auf meinen Zehen. Er ist ein Familienhund im wahrsten Sinne des Wortes.
»Gibt es wirklich keine anderen Verwandten?«, fragt mein Bruder und Mom seufzt.
»Wirklich nicht«, sagt sie. »Sie war die Cousine eures verstorbenen Großvaters. Unverheiratet oder verwitwet, jedenfalls keine Kinder. Ist mit zwanzig in die USA ausgewandert, um Karriere als Sängerin zu machen, und hat sich damals mit der gesamten Familie zerstritten. Ich hatte keine Ahnung, was aus ihr geworden ist, bis der Brief kam.« Sie überlegt kurz. »Eigentlich hab ich immer noch keine Ahnung. Aber da sie offenbar die letzten vier Jahrzehnte in einer Stadt zugebracht hat, die keiner kennt ...«
Jack tippt schon wieder. »Norman, Oklahoma«, liest er aus Wikipedia vor. »Universitätsstadt. 122.000 Einwohner. Davon 25.000 Studenten. Nicht gerade eine Metropole.«
»Also wohl auch keine Karriere«, ergänze ich.
»Nein, wohl nicht«, meint Mom. »Zumindest dürfte sie lange vorbei gewesen sein. Ich muss vielleicht sogar das Geld fürs Begräbnis vorschießen, bis das Häuschen verkauft ist. Und das kann dauern, so wie der Immobilienmarkt in den USA momentan aussieht.«
»Die reichen Tanten aus Amerika gibt es wohl nur im Film«, sage ich und seufze auch. Erst hat es aufregend geklungen, als diese amerikanische Tante plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht ist – wenn auch nur in Form eines Anwaltsbriefes aus Oklahoma City, der Mom über ihren Tod informierte. Da unsere Mutter ja »Ms Gertrud Vannemaker« gar nicht gekannt hat, hielt sich ihre Trauer in Grenzen und der Trip in die USA hätte so was wie ein längst überfälliger Urlaub für sie werden können – finanziert durch den Verkauf von Großtante Gertruds Besitz. Aber jetzt sieht es so aus, als könnte sich die Sache stattdessen zu einer finanziellen Belastung auswachsen. Die Flüge, die Anwaltskosten, die Beisetzung ...
»Ich habe keine Ahnung, wie lange das Ganze dauert«, sagt Mom mit einem Seufzer. »Wenn ich das Fill up einfach auf unbegrenzte Zeit schließe, verlieren wir den Kundenstamm, den wir in den letzten Monaten so mühsam aufgebaut haben.« Bowie beginnt tröstend ihre Füße zu lecken, sie krault ihn mit den Zehen und er rollt sich auf den Rücken, die verschiedenfarbigen Augen genießerisch geschlossen.
Vor einem Jahr hat Mom ihren Job als Lektorin bei einem Verlag gekündigt und sich mit dem Fill up einen Traum erfüllt. Der Name war meine Idee und ich muss sagen, ich bin ziemlich stolz drauf, vor allem, weil er gleich doppelt Sinn macht: Das Fill up ist ein Laden, in dem man von türkischen Bio-Pistazien bis zu hundertprozentig biologisch abbaubarem Waschmittel alles ohne Verpackung kaufen kann. Man kommt also mit eigenen Behältern und lässt sie auffüllen. Natürlich gibt es auch ein paar verpackte Produkte, wie Pflanzenmilch oder Schokolade. Aber wir achten in jedem Fall auf besondere Nachhaltigkeit des Produkts. Unsere kleine, aber feine Auswahl an Obst und Gemüse beziehen wir zu über achtzig Prozent aus der näheren Umgebung. Die paar Sachen, die aus Italien kommen, werden CO2-neutral transportiert. »Man kann nicht hundertprozentig nachhaltig sein«, sagt Mom immer. »Irgendwo stößt man an Grenzen, auch mit den besten Absichten. Aber man kann einfach immer die umweltfreundlichere Variante wählen, wenn man schon den Luxus der freien Wahl hat.«
Nails it, oder? Ich könnte jedenfalls nicht mehr zustimmen. Ich bin, zugegeben, auch einer von Moms größten Fans und wahnsinnig stolz auf sie.
An den Shop angeschlossen haben wir unser Fill-up-Bistro, das Tee, Kaffee, hausgemachte Limonaden, selbst gebackene Kuchen, Sandwiches und kleine Speisen anbietet. Alles bio, vegan und vieles auch glutenfrei. Man kann sich also auch selbst »auffüllen«. Wie gesagt, ich bin ziemlich stolz auf den Namen!
Begonnen hat alles mit Kuchenverkauf an unserer Schule, aus dem mit der Zeit so was wie ein Mini-Partyservice wurde. Dass meine Mutter spezielle Diätwünsche erfüllen kann, hat die Nachfrage enorm angehoben. Leckere Mini-Quiches, die sich nicht nur optisch gut auf dem Büfett machen, sondern auch superlecker schmecken, sind an und für sich schon nicht so leicht zu bekommen. Aber dann auch noch vegan und glutenfrei? Vegane Burger, die so »echt« schmecken, dass man als Vegetarier oder Veganer beinahe ein schlechtes Gewissen kriegt, wenn man reinbeißt? Das kann kaum jemand. Gebackener Cheesecake, der geschmacklich nicht von »normalem« Cheesecake zu unterscheiden ist, in dem aber kein Ei und kein bisschen »Cheese« zu finden ist? Und kein Weizen? Ebenfalls eine Rarität.
Das Catering hat Spaß gemacht, war aber auch ziemlich stressig, und Mom hat ständig Ideen gewälzt, was sie tun könnte, um ALLES, was ihr wichtig ist, irgendwie in ein Paket zu packen und umzusetzen. Vegan und gesund backen und kochen. Den fairen Handel unterstützen. Ein Zeichen für die Umwelt setzen, das einen Schneeballeffekt hat und so vielleicht ein bisschen mehr bewirkt. Also haben Mom, Jack und ich über Monate hinweg das Konzept des Fill up entwickelt. Aber es blieb immer noch ein sehr theoretischer Plan. Schließlich braucht man die perfekte Location für so etwas. Und dann erfuhren wir, dass die alte Dame, die den Nähzubehörladen im Erdgeschoss unseres Wohnhauses führte, in Rente ging. Das war der kleine Schubs, das Zeichen des Universums, dass der Moment gekommen war. Wir wohnen in der richtigen Gegend für so ein Projekt: bisschen alternativ angehaucht, aber auch hip, viele Künstler, viele Jungfamilien in Birkenstocks, viele nette kleine Läden. Moms ganzes Erspartes ist in das Geschäft geflossen, und ein ziemlich hoher Kredit. Wir waren also sehr erleichtert, als das Fill up so gut angenommen wurde, trotz des Biosupermarkts zwei Straßen weiter! Jack, Clara und ich waren die ersten Angestellten. Clara ist Jacks Freundin und der zuverlässigste Mensch, den ich kenne. Sie ist so erwachsen, dass es fast schon beängstigend ist. Und sie liebt Zahlen! Also macht sie auch die Buchhaltung für das Fill up und hat immer im Blick, was nachbestellt werden muss.
Ich beteilige mich beim Backen und Kochen und helfe nach der Schule im Geschäft. Clara macht meistens zwei Tage in der Woche, je nachdem, wie viel an der Uni los ist. Jack steht an den Tagen, an denen er keine Uni hat, ebenfalls hinter dem Tresen. Mein Bruder ist auch derjenige, der das Brot bäckt! Er ist ein geradezu fanatischer Brotbäcker und erfindet ständig neue Sorten. Er bäckt das beste vegane Dinkelbrot, das ich je gegessen hab. Man möchte ja nicht glauben, wie viele tierische Produkte oft in Brot zu finden sind. Ei! Joghurt! Milch! Jacks Brote sind alle vegan.
Mom und ich sind die Scouts, ständig auf der Suche nach neuen ökologischen Produkten: Trinkflaschen und Kaffeebecher aus nachhaltigen Materialien. Bambuszahnbürsten, wiederverwendbares, unzerbrechliches Geschirr für Take-away-Essen, Zahnpasta-Kau-Tabs in wiederbefüllbaren Blechdosen statt der üblichen Plastiktube, die dann alle paar Wochen im Müll landet. Wir haben beinahe so was wie einen Wettbewerb laufen, wer die Produkte mit dem größten Nachhaltigkeitsfaktor entdeckt. Mom hat sich von Anfang an geweigert, Kaffee in Einwegbechern zu verkaufen. Nein, auch die aus Recyclingpapier kamen nicht infrage. Entweder bleiben und ihn im Bistro trinken oder einen mitgebrachten Trinkbecher füllen lassen. Das zu verwenden, was man hat, anstatt was Neues zu kaufen, ist schließlich immer der nachhaltigste Weg. Aber für jeden, der noch keinen Travel Mug hat, findet sich in unserem Sortiment was. Anfangs haben wir mit dieser strikten Anti-Wegwerf-Politik sicher auch Kunden vergrault. Aber die meisten wissen zu schätzen, dass es uns wirklich um die Umwelt geht und wir nicht nur Geld machen wollen. Ich meine, echt jetzt, ein nachhaltiger Laden, der den Kaffee in Wegwerfbechern verkauft? Das geht gar nicht! Mom hat völlig recht.
Wir haben ein Bonussystem mit Stempelkarte, jeder zehnte Kaffee ist gratis und einen unserer selbst gemachten Cookies gibt es auch dazu. Nun läuft das Fill up seit fast einem Jahr und es läuft wirklich. Es trägt sich schon selbst, inklusive Kreditraten, und ich hab mir sagen lassen, das sei großartig für ein neues Geschäft nach so kurzer Zeit. Jedenfalls ist das Ganze ein richtiges Familienprojekt und wir sind alle verdammt stolz drauf. Und natürlich kommt es absolut nicht in die kompostierbare Tüte, den Laden zu schließen!
»Natürlich bleibt das Fill up...




