E-Book, Deutsch, 374 Seiten
Schröder Der Fall ins Blaue
2. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7583-5185-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 374 Seiten
ISBN: 978-3-7583-5185-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Während einer Rundreise durch das faszinierende Island hofft Hanna auf Ablenkung von ihrer Vergangenheit und quälenden Zukunftsängsten. Im abgelegenen FineHostel begegnet sie ihrem Ex-Freund Luki, der mit seiner Freundin Dalia dort lebt. Dalias plötzlicher Tod in der Nacht nach Hannas Ankunft löst im Hostel heftige Konflikte aus. Entschlossen, die Wahrheit über Dalias Tod aufzudecken, entdeckt Hanna verstörende Hinweise, die sie in ein Netz aus Intrigen ziehen. Zwischen den majestätischen Felsen und den geheimnisvollen Wasserfällen Islands wird ihre Suche immer gefährlicher. Die Spannungen im Hostel eskalieren, während dunkle Geheimnisse ans Licht kommen. Hanna muss nicht nur ihren eigenen Ängsten ins Auge blicken, sondern auch herausfinden, wem sie in dieser verwirrenden Situation noch vertrauen kann. Inmitten von Verdächtigungen und unerklärlichen Vorfällen steht die Frage im Raum: Wird es Hanna gelingen, die Wahrheit hinter Dalias Tod aufzudecken, bevor es zu spät ist?
Elisabeth Schröder, 1996 in Karlsruhe geboren, verbrachte den Sommer nach ihrem Bachelorabschluss in "International Management" auf Island und verlor dort ihr Herz an das Land aus Eis und Feuer. Inspiriert von diesem Aufenthalt spielt ihr erstes Buch, "Der Fall ins Blaue", auf der Insel.
Autoren/Hrsg.
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PROLOG
„Elfen und Kobolde im Seljaland!“ Alvar Baldvin Garðarsson überflog die Schlagzeile der Zeitung und schenkte ihr keine große Beachtung, denn etwas anderes nahm seine Aufmerksamkeit in Beschlag. Der Brief befand sich ganz oben auf dem Haufen Post, der auf dem Terrassentisch verteilt lag. Er war noch ungeöffnet. Alvars Blick streifte den unscheinbaren Umschlag und blieb am Namen des Absender hängen. Er nahm ihn in die rechte Hand, an der ihm seit seinem 39. Lebensjahr wegen eines Sägeunfalls zwei Finger fehlten. Mittlerweile war er 52 Jahre alt – an ihre Nutzung ohne Ring- und Mittelfinger hatte er sich längst gewöhnt. Er drehte und wendete das Schreiben, um es dann doch wieder zurück auf den Haufen zu werfen. Heute nicht. Er strich sich eine grau melierte Haarsträhne aus dem Gesicht und wandte sich stattdessen wieder der Tageszeitung zu. „Don’t worry, be happy – Island auf dem zweiten Platz des World Happiness Reports“, las er vor. Er gab einen verächtlichen Laut von sich und starrte in die Ferne. Es war sein täglicher Anblick: flaches Gras, welches kilometerweit reichte, die Gebirge, die sich in der Ferne erhoben und sich scheinbar in die Unendlichkeit zogen, sowie der schmale Streifen eines Wasserfalls, der aus der Entfernung nur mit Mühe zu erkennen war. Sie waren immer da, wenn er morgens auf der Terrasse seines Hostels in den Tag startete. Hinter den gigantischen Bergen schoben sich dunkle Wolken vorbei – schnell und wie ein dichter Vorhang, und Alvar wünschte sich, dass auch er ein Teil der Wolkendecke sein und mit ihr weiterziehen könnte. Eigentlich hatte er Grund zur Freude. Es war Ende Juli, und sein Hostel war fast ausgebucht. Doch vertieft in seinen Gedanken, bemerkte er nicht einmal, wie einzelne Sonnenstrahlen hinter dem Dickicht an Wolken durchblitzten und sein Gesicht in ein warmes Licht tauchten. Missmutig dachte er an den bevorstehenden Tag, der wie jeder andere sein würde. Er musste die Schichten seiner Mitarbeiter einteilen, die Einkaufsliste für die kommende Woche prüfen sowie eine kleine Reparatur im Dach vornehmen, die er schon seit Wochen vor sich herschob. Und als ob das nicht schon genug wäre, musste er auch noch eine Gruppe Touristen zum Wasserfall Skógafoss begleiten. Mit seinem Pick-up brauchte er etwa 20 Minuten dorthin, und das Sightseeing gehörte zu einem der Services, die er seinen Hostelbewohnern anbot. Normalerweise drückte er diese Aufgabe an seine Mitarbeiter ab, doch heute würde er sich der Sache selbst annehmen. Seine Truppe, bestehend aus fünf Personen, lebte im Hostel und half ihm, es am Laufen zu halten. Obwohl er es nicht zugeben wollte, hatte Alvar jede Hilfe nötig, seit seine Frau und die Kinder in Reykjavík wohnten. Mehr als ein Jahr war es nun her, seit sie ihn verlassen hatten. Da kommt mir sogar dieser Italiener gelegen. Alvar hielt einen Moment inne und überlegte, ob er das gerade tatsächlich gedacht hatte. Emilio, der 29-jährige Italiener, verkörperte alles, was Alvar verabscheute. Er war ein lauter, oberflächlicher Frauenheld und hatte eine gekünstelte, dramatische Art an sich, die alles, was er von sich gab, in ein seltsames Licht warf. Ja, er packte an, aber würde auch nur ein Bewerber für den Posten auftauchen, den Alvar mehr leiden konnte, dann würde Emilio schneller aus dem FineHostel fliegen, als er das Wort „Spaghetti“ aussprechen konnte. Dann war da noch Nuncio, der 21 Jahre junge Spanier, der sich hier – soweit Alvar es beurteilen konnte – total fehl am Platz fühlte. Der Junge machte seine Arbeit. Ansonsten verkroch Nuncio sich in seinem Zimmer. Ihm war andauernd kalt – sogar jetzt im Sommer bei milden 14°C. Alvar lachte kurz auf, denn das war für ihn T-Shirt-Wetter. Hildur war etwas älter als Nuncio und die einzige Isländerin, die für ihn arbeitete. Zumindest eine Person, die meine Kultur versteht. Und dann gab es natürlich noch Luki und Dalia. Luki kam aus Deutschland, Dalia aus Mexiko. Die beiden hatten sich während Dalias Studiensemester auf der Insel kennengelernt. Nach außen hin waren die beiden recht umgänglich. Sie erledigten ihre Aufgaben ordentlich und entsprechend Alvars Wünschen. Sie verhielten sich nicht auffälliger als notwendig wie ein Paar. Das gefiel Alvar. Denn wenn er eines noch weniger leiden konnte als aufgeplusterte Südländer, dann waren es verliebte Pärchen. Alvar kannte die beiden mit Abstand am längsten. Seit drei Jahren arbeiteten sie mit ihm. Und der Grund dafür, dass es schon so lange funktionierte, war einfach: Er mischte sich nicht in ihre Angelegenheiten ein – und sie taten das ebenso wenig. Er kannte die Hostel-Gerüchte, die besagten, dass hinter Dalias und Lukis verschlossener Tür das eine oder andere Mal die Fetzen flogen. Solange sie keinen Streit mit ihm oder vor seinen Gästen anfingen, war es ihm egal, wann, wie und wo sich die beiden in die Haare bekamen. Er hatte nie ein Problem damit, Luki und Dalia in eine Schicht zu stecken, denn erfahrungsgemäß lief die Arbeit wie ein geöltes Uhrwerk. Die beiden benahmen sich immer professionell – aber nicht am gestrigen Tag. Laute Stimmen aus dem Empfangsbereich hatten ihn aufhorchen lassen, und er traute seinen Augen kaum: Luki und Dalia befanden sich in einer hitzigen Diskussion, und das auch noch vor einer Familie, die im selben Moment einchecken wollte. Alvar hatte die erschrockenen Blicke der Kleinkinder ignoriert. Schließlich wusste er, was für einen Angst einflößenden Eindruck er auf andere hatte. Seine knapp zwei Meter große Erscheinung, sein krateriges Gesicht, sein schulterlanges gräuliches Haar sowie seine abschreckenden Fingerstummel hatten schon so manches Balg in die Flucht geschlagen. Da sich Dalia und Luki nahezu anschrien, hatte er sie in sein Büro befohlen, um sie seinerseits zurechtzuweisen. „So geht das nicht! Wir haben hier Regeln, und die beruhen primär auf Harmonie. Wie sollen sich meine Gäste wohlfühlen, wenn es nicht mal meine Mitarbeiter können? So etwas wie heute dulde ich kein weiteres Mal. Wenn ihr streiten wollt, dann geht in euer Zimmer. Für solche privaten Angelegenheiten ist es da!“ Luki hatte ihn mit verschränkten Armen angeschaut und dann seinen verärgerten Blick auf Dalia gerichtet, die lediglich auf ihre Füße gestarrt hatte. „Habt ihr verstanden, was ich damit sagen möchte?“ Stummes Nicken war ihre Antwort gewesen. „Alvar!“ Jemand riss ihn aus seinem Gedanken. Es war Emilio, und schon bei seinem Anblick sank Alvars Laune mit rasanter Geschwindigkeit auf einen neuen Tiefpunkt. „Was ist?“, fragte er und versuchte, sich seine Genervtheit nicht anmerken zu lassen. Das war kontraproduktiv für das Arbeitsklima. „Eine Toilette im Erdgeschoss ist verstopft“, sagte Emilio und fügte zerknirscht hinzu: „Der gesamte Raum steht unter Wasser.“ Bei diesen Worten sprang Alvar auf. „Was?! Wer war das?“, fragte er und stampfte durch die gläserne Terrassentür in das Innere des Hostels. „I… ich habe keine Ahnung. Das muss in der Nacht passiert sein. Dieser deutsche Gast hat mich gerade darauf hingewiesen.“ Alvar grunzte zornig. Er wusste genau, welchen Gast Emilio meinte. Es war dieser Geizhals aus Hamburg. Wie war sein Name noch mal? Hans-Peters? Jan-Ulli? Nein, Jan-Uwe! Dieser Deutsche war ihm nicht nur wegen seines eigenwilligen Namens im Gedächtnis geblieben. Zu Alvars Ärger steckte Jan-Uwe seine Nase in jegliche Angelegenheiten des Hostels. Alvar hörte Emilios Schritte hinter sich. Seine Füße führten ihn quer zwischen Tischen und Stühlen des halb leeren Aufenthaltsraums zur Toilettentür. Er öffnete sie, und ein übler Gestank – eine Mischung aus Fäkalien, Kälte und süßlichem Raumspray – bohrte sich in seine Nase. Der Italiener hatte nicht übertrieben: Wasser, alles stand mehrere Zentimeter hoch unter Wasser, und es sickerte bereits über die Türschwelle in das Zentrum des Hostels. Wütend funkelte er Emilio an. „Worauf wartest du noch? Hol die Putzsachen aus der Kammer!“, bellte Alvar. „Aber ich habe keinen Putzdienst. Dalia ist heute dran!“, maulte Emilio beleidigt und biss sich sogleich auf die Unterlippe. Alvar baute sich in seiner gesamten Größe vor dem Italiener auf. „Dalia ist offensichtlich nicht hier, du schon. Bring das Putzzeug und am besten schon gestern!“ Er erwartete keine Widerrede. Kleinlaut machte sich Emilio auf den Weg zur Putzkammer. Dabei warf er seine gegelten Korkenzieherlocken theatralisch nach hinten. Und dieses Getue soll eine unwiderstehliche Wirkung auf Frauen haben? Wie immer verstand Alvar den Wirbel um dieses Machogehabe nicht. Er versuchte, wieder in seinen ruhigen und ausgeglichenen Normalzustand zu gelangen. Doch er schaffte es nicht. Ungläubig starrte er durch den Türschlitz in den Raum, in dem die aneinandergereihten Toilettenkabinen im Abflusswasser standen. Wer hatte sich an einer seiner Toiletten zu schaffen gemacht? Er tippte entweder auf ein...




