E-Book, Deutsch, 296 Seiten
Schubert Die Welt da drinnen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-423-43990-9
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine deutsche Nervenklinik und der Wahn vom »unwerten Leben«
E-Book, Deutsch, 296 Seiten
ISBN: 978-3-423-43990-9
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Helga Schubert, geboren 1940 in Berlin, war Psychotherapeutin und Schriftstellerin in der DDR. Sie zog sich aus der literarischen Öffentlichkeit zurück, bis sie 2020 mit der Geschichte >Vom Aufstehen< den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Der gleichnamige Erzählband erschien 2021 bei dtv und war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. 2023 erschien >Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe<, 2024 wurde Helga Schubert mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Landeskulturpreis MV ausgezeichnet.
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Perlkönigin und Nattergallen – Der Haken über dem u
Alwine, die Perlkönigin, erlitt am 24. Februar 1940 einen Ohnmachtsanfall. Bei einer Körpertemperatur von 38° fieberte sie. Der herbeigerufene diensthabende Psychiater vermutete eine Influenza. Er unterzeichnete diese Eintragung in ihrer Krankenakte aber nicht mit seinem Namen. Bis auf eine einzige Ausnahme in all den 178 anderen Krankenakten aus der Heil- und Pflegeanstalt auf dem Schweriner Sachsenberg, die ich gelesen hatte, tat das auch keiner seiner Kollegen.
Aber ich erkannte diesen Arzt trotzdem wieder. Denn er machte als Einziger seine Eintragungen in lateinischen Buchstaben und setzte dabei einen Haken über das u. Da gehörte der Haken aber nicht hin. Denn der u-Haken gehört zur alten Sütterlinschrift. (Wir, in der ersten Schulklasse gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, sechs Jahre nach diesem Ohnmachtsanfall, erlernten noch ein paar Wochen lang diese Schrift.)
Er wollte vielleicht modern sein und hing doch an dem früh Erlernten, dachte ich: Da machte er auch einen Haken über dem u der Influenza. So konnte ich diesen Arzt mit dem überflüssigen u-Haken in den Krankenakten von seinen Kollegen unterscheiden, aber nur, wenn ein Wort mit u im Satz vorkam.
Ein zweiter Arzt dagegen unterschied sich deutlich von seinen anderen Kollegen, und ich freute mich schon, wenn ich seine Schrift beim Umblättern der Aktenseite entdeckte, denn er verfasste seine Bemerkungen in winzigen Sütterlin-Arabesken mit dünner Feder, wie in einer Geheimschrift. Nie machte er einen Klecks, und jedes Mal lohnte es sich, seine Grafiken genau zu entziffern: Es waren oft menschenfreundliche Entdeckungen in der fremden Welt seiner ihm anvertrauten verwirrten Patienten. Seine Girlandenzeilen taten mir gut, denn er versuchte, das ihm Unverständliche zu beschreiben und seine Patienten als Schwerkranke zu sehen. Nie las ich bei ihm von Unbrauchbaren, blöde Glotzenden oder Keifenden.
Ein dritter Arzt schrieb in unauffälliger Sütterlinschrift, in jede Akte nur ein paar Wörter, Jahr für Jahr, nur die notwendigsten Mitteilungen: Zerreißt. Schlägt. Ruhiger. Verlegt in Einzelzelle. Hyoscin (er gab bei diesem Medikament die genaue Dosis an). Er machte ebenfalls einen u-Haken, aber der gehörte ja auch zur Sütterlinschrift.
Ein vierter Arzt schrieb ähnlich wie der erste in lateinischen Buchstaben, machte aber keinen u-Haken. Er hatte sich als Einziger ganz auf die neue Schrift eingestellt. Auch als es um Leben und Tod ging, als man nämlich in der Berliner Euthanasie-Zentrale über die Meldebögen schon Bescheid bekommen hatte, dass ein bestimmter Patient nicht mehr arbeiten konnte oder eine Patientin apathisch im Bett lag, und die anderen Ärzte mit u-Haken, Girlanden und sachlichen Kurzwörtern noch etwas Gutes von den bald womöglich als lebensunwert Herausgesuchten berichteten, also von der Hilfsbereitschaft eines schizophrenen Patienten, von seinen militärischen Grüßen, seiner Freundlichkeit und Zuverlässigkeit, oder zumindest von seiner Insichgekehrtheit, dann schrieb dieser vierte Arzt ohne u-Haken: Zu nichts zu gebrauchen, unbrauchbar.
Seine Schrift fand ich in roter Tinte neben jahrzehntealten Eintragungen früherer Ärzte. Deren damalige Aufzeichnungen konnten für die Entscheidung zur Tötung wichtig sein: Denn wenn schon die Mutter Selbstmord in der Anstalt verübt hatte, sah dann nicht die Depression der Tochter, die jetzt auf der Station lag, nach einer ererbten Geisteskrankheit aus? Erblich? schrieb darum dieser vierte Arzt in roter Tintenschrift in die Anamnese von vor 20 Jahren, die, verfasst in ordentlicher Sütterlinschrift, am Anfang der Akte eingeheftet war.
Denn um das Erbliche und die familiäre Belastung und den gesunden Volkskörper ging es diesem Arzt wohl, ohne u-Haken bei den Wörtern »Belastung« und »gesunden«.
Alwines Fieber stieg zwei Tage später auf 39,1°. Der Arzt mit dem u-Haken hatte mit der Diagnose einer Influenza recht behalten. Nur mit der Jahreszahl in der Akte irrte er sich: Er trug seine Bemerkung noch unter dem Jahr 1939 ein. Vermutlich hatte er übersehen, dass seine Eintragung vom 24. Februar die erste über diese Patientin im Jahre 1940 war, dass also noch kein Arzt vor ihm etwas Mitteilenswertes an ihr gefunden hatte. Erst bei der nächsten Eintragung, der zweiten und letzten über sie in diesem Jahr, steht in einer ähnlichen Schrift die richtige Jahreszahl: 1940. »5.8.: Sehr verschroben, wird als Hoheit angeredet, brachte einen toten Vogel aus dem Garten, wollte ihn gebraten haben. Schwer beeinflussbar, leicht erregbar.«
Die u’s in »aus« und »beeinflussbar« standen nackt, ohne u-Haken, vor mir.
Als ich in der Krankenakte Alwines las, dass sie einen toten Vogel aus dem Garten der Anstalt hereingebracht hatte und ihn gebraten haben wollte, fast genau ein Jahr vor ihrem eigenen Tod, war mir unheimlich: Es war ja schon August 1940, bald begann das zweite Kriegsjahr. War sie so hungrig? Hielt sie den Vogel für eine Delikatesse? War es ein archaisches Symbol? Das Herz eines Vogels essen statt das Herz eines Menschen? Vermutlich hatte sie den Vogel schon tot gefunden, denn wenn sie ihn erst getötet hätte, wäre darüber in der Akte berichtet worden.
Ich stellte mir einen kleinen Vogel vor in ihren Händen. Einen kleinen Vogel. Denn einen großen Vogel, eine Taube, eine Krähe oder einen Raben hätte der Arzt in seiner Eintragung vielleicht näher bezeichnet. Kannte er den kleinen Sommervogel nicht? Oder wurde ihm der Vorfall nur erzählt, hielt er ihn für krankhaft und absonderlich und darum mitteilenswert? Ein Minuspunkt für Alwine. Denn er war ja der Arzt ohne u-Haken, der Mitleidlose.
Die Perlkönigin hatte vielleicht eine Nachtigall erkannt, eine kleine tote starre Unscheinbare, die sie sich einverleiben wollte. Ich nahm mir vor, das Andersen-Märchen von der Nachtigall an dieser Stelle aus meinem Kindergedächtnis nachzuerzählen. Da ganz genau gehörte es hin. Aber dann habe ich es doch vorher noch einmal gelesen. Zum Trösten. Denn Alwine, die Perlkönigin, ist ja auch ermordet worden. Ein Jahr später.
Gewundert habe ich mich dann doch, als ich beim Wiederlesen anfing zu weinen – fast ein ganzes Leben hatte ich seit dem ersten Erzähltbekommen gelebt – und gar nicht wieder aufhören konnte zu weinen. Nein, ich durfte mich nicht in die Kälte ziehen lassen, in den Ekel vor diesen Erbarmungswürdigen, sondern ich musste mich an die Girlanden in der Schrift halten, an das Erbarmen, die Heiterkeit, an das Angerührtsein vom Leben in seiner ganzen Verrücktheit.
Und ich war erleichtert, dass meine Tränen zu mir zurückgekommen waren wie die Nachtigall zu dem chinesischen Kaiser, denn in den letzten Monaten musste ich mir künstliche Tränen in die Augen träufeln, so trocken waren sie geworden, so ohne Lidschlag erstarrt. Manchmal las und schrieb ich die ganze Zeit. Und so sehr brannten meine Augen.
Die Diener kamen herein, um nach ihrem toten Kaiser zu sehen – ja, da standen sie, und der Kaiser sagte: Guten Morgen! Das war der entscheidende Satz.
Der Kaiser kommt in der Überschrift des Märchens gar nicht vor; es ist allein das Märchen von der Nachtigall, der Nattergallen im Dänischen. Sie ist die Hauptperson. Von ihrem Gesang sind die Leute so beglückt, dass sie sich immer mit Nacht und Gall begrüßen, wenn sie sich treffen, weil ihnen vor Freude gar keine andere Begrüßung einfällt.
Die Märchen-Nachtigall nimmt nichts übel, weder die Gefangennahme im kaiserlichen Garten noch die Ausweisung aus dem kaiserlichen Reich, als sie schon daraus geflohen war, auch nicht die Zurücksetzung gegenüber der künstlichen Nachtigall, ihrer juwelenverzierten Nachbildung, die immer zur Verfügung stand und auch immer singen konnte, bis, ja, bis sie kaputtging. Erst als der Kaiser einsam und sterbenskrank in seinem Palast liegt und die Nachtigall davon erfährt, kommt sie zurückgeflogen, setzt sich vor sein Fenster, singt für ihn und rettet ihm damit sein Leben.
Und der Tod, der schon beim Kaiser am Sterbebett saß, gibt freiwillig alles zurück, was er ihm schon genommen hatte, nur weil er weiter ihrem sehnsuchtsvollen Gesang lauschen möchte.
Der Kaiser würde sie zwar ganz gern wieder einsperren lassen, aber sie möchte freiwillig kommen und wieder wegfliegen dürfen: Da will ich des Abends auf dem Zweige hier bei deinem Fenster sitzen und dir etwas vorsingen, damit du froh werden kannst und gedankenvoll zugleich. Ich werde von den Glücklichen singen und denen, die da leiden, verspricht sie ihm.
Der mächtige Kaiser von China muss wohl oder übel mit ihrer Bedingung einverstanden sein, ihr sogar versprechen, dass er niemand etwas von ihr erzählt, und wird noch in dieser Nacht ganz gesund. Und dann fliegt die Nachtigall wieder fort zu ihren grünen Wäldern.
Beim Lesen des Märchens in der Ausgabe der Dieterichschen Verlagsbuchhandlung von 1953 fiel mir zum ersten Mal eine Fußnote auf: Im Dänischen eignet sich das Wort für Nachtigall, also Nattergallen, für ein Wortspiel: Gall bedeutet nämlich verrückt.
Gall nimmt vier Buchstaben in der Nattergallen ein. In ihren übrigen Buchstaben ist nichts Verrücktes. Aber eine Nachtigall wird sie nur mit dem Verrückten in sich. Sonst wäre sie nur eine Nachti oder eine Natter. Und wer will die schon singen hören?
Alwine, die Perlkönigin, hatte in jungen Jahren draußen im normalen Leben als sehr begabt gegolten: Sie lernte leicht, hatte ein...




