E-Book, Deutsch, 354 Seiten
Schubert Gesundheitselixier Beziehung
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-6413-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das faszinierende Wechselspiel von Bindung, sozialer Verbundenheit und Immunsystem
E-Book, Deutsch, 354 Seiten
ISBN: 978-3-7597-6413-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wer in sicheren Bindungen lebt, der lebt gesünder und auch länger. Wer einsam ist und wenig soziale Unterstützung erfährt, der wird schneller krank. Soziale Beziehungen gehören zu den mächtigsten Gesundheitsfaktoren, so Christian Schubert, was auch zahlreiche Studien mit großer Eindeutigkeit belegen. Das Immunsystem ist aufs engste mit unseren sozialen Beziehungen verknüpft, ja es besteht eine starke Wechselwirkung. Wie sich diese gestaltet, das beleuchten 14 namhafte Expertinnen und Experten aus verschiedenen Perspektiven. Der Band versammelt Beiträge aus Fachbereichen wie der Psychoneuroimmunologie, der Bindungsforschung, der Biomedizin, der Systemtheorie, der Medizinsoziologie bis hin zur Musikwissenschaft. Und die Botschaft lautet: Es braucht eine neue Medizin, die diesen faszinierenden Zusammenhängen in der Praxis Rechnung trägt.
Autoren/Hrsg.
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CHRISTINE HEIM
STRESS IN FRÜHEN
LEBENS-PHASEN UND DAS LEBENSLANGE
ERKRANKUNGSRISIKO1
EINLEITUNG
ERKENNTNISSE DER modernen Neurowissenschaften und der biomedizinischen Forschung zeigen, dass die Grundlage für Gesundheit und Anpassungsfähigkeit über die Lebensspanne hinweg bereits früh im Leben gelegt wird. Ungünstige Erfahrungen können lebenslange Spuren im Gehirn und seinen Regulationssystemen wie dem endokrinen und dem Immunsystem hinterlassen, welche eine lang anhaltende Anfälligkeit für nachfolgende Belastungen bedingen und zu einem lebenslang deutlich erhöhten Krankheitsrisiko beitragen. In diesem Kapitel werden wissenschaftliche Erkenntnisse über die biologischen Folgen traumatischer Erfahrungen in der Kindheit zusammengefasst. Hierbei werden neuroendokrine, immunologische, neurostrukturelle und neurofunktionelle sowie molekularbiologische Änderungen bei Erwachsenen dargestellt, die in der Kindheit Traumatisierungen erlebt haben. Solche Änderungen können bereits bei Kindern unmittelbar nach der traumatischen Erfahrung beobachtet werden. Diese Spuren der biologischen Einbettung früher traumatischer Erfahrungen können außerdem in die nächste Generation übertragen werden und das Krankheitsrisiko der Nachfahren beeinflussen. Wenn wir in der Lage sind, die Prozesse der biologischen Einbettung von frühen traumatischen Lebenserfahrungen und deren langfristige Folgen sowie auch die Übertragungswege an nachfolgende Generationen genau zu verstehen, dann können wir innovative Interventionen entwickeln, die gezielt an den beteiligten Mechanismen ansetzen und diesen Prozessen entgegenwirken. Ein verbessertes Verständnis der Prozesse dieser »frühen Programmierung« von Krankheitsanfälligkeit durch Stress und Trauma kann den Weg für einen paradigmatischen Wechsel in der Konzeptualisierung psychischer und psychosomatischer Störungen ebnen. Entwicklungsbezogene Mechanismen sollen über diagnostische Grenzen hinweg berücksichtigt und innovative frühe Präzisionsinterventionen ermöglicht werden. Das folgende Kapitel fasst den derzeitigen Forschungsstand zusammen und stellt ausgewählte Studien vor. NEURONALE PLASTIZITÄT
Ein Verständnis derjenigen Mechanismen, die den gravierenden und anhaltenden Folgen von frühen Stresserfahrungen für die Gesundheit und Anpassungsfähigkeit über die Lebensspanne zugrunde liegen, erfordert ein Verständnis des Prinzips der neuronalen Plastizität. Unter neuronaler Plastizität versteht man die Fähigkeit von Synapsen, Nervenzellen oder Hirnarealen, sich nutzungs- oder erfahrungsabhängig in ihrer Anatomie, Funktion oder Vernetzung zu verändern: Dabei gelten verschiedene Grundprinzipien:1 a) Neuronen, die immer wieder gemeinsam aktiviert werden, werden strukturell miteinander verknüpft (»What fires together, wires together«). b) Häufig benutzte Verbindungen werden zunehmend gestärkt, wohingegen wenig benutzte Verbindungen eliminiert werden (»Use it or lose it«). Diese Formbarkeit der Synapsen, Neuronen und Schaltkreise in Abhängigkeit der Nutzung oder Erfahrung ermöglicht das Lernen und steigert die Effizienz des Gehirns. Das Gehirn wird über diese Prozesse an die spezifisch wirksamen Umgebungsbedingungen angepasst. Die neuroplastische Veränderbarkeit des Gehirns ist damit evolutionär adaptiv. Obwohl das Gehirn auch im Erwachsenenalter durch Nutzung und Erfahrung formbar ist, ist dessen Formbarkeit in der frühen Entwicklung besonders ausgeprägt.2 In der frühen Hirnentwicklung existieren sogenannte sensible Perioden. Darunter versteht man bestimmte Zeitfenster, in denen das Gehirn in besonderem Ausmaß durch Nutzung oder Erfahrung formbar ist. Das Konzept der sensiblen Phasen wurde ursprünglich für sensorische Systeme entdeckt:3 Visuelle Sinneseindrücke in den ersten Lebenswochen sind in entscheidendem Maße notwendig, damit sich der visuelle Kortex und die visuelle Funktion normentsprechend entwickeln können. Visuelle Deprivation, also ein Ausbleiben der Erfahrungen während dieser sensiblen Phasen, führt zu lebenslangen Schäden im visuellen Kortex. Nachdem das sensible Zeitfenster geschlossen ist, lassen sich diese Änderungen nicht mehr rückgängig machen. Während dieser sensiblen Phasen sind bestimmte Erfahrungen und Reize sogar zwingend notwendig, damit sich die entsprechenden Schaltkreise normal entwickeln. Gleichzeitig können destruktive Reize während der Zeit drastische und irreversible Schäden verursachen. Solche sensiblen Perioden sind sorgfältig orchestrierte Prozesse, die sich auf verschiedenen Ebenen von den Genen bis zum Verhalten entfalten. Umwelterfahrungen und molekulare Auslöser öffnen die jeweilige Periode und erhöhen die Neuroplastizität. Sobald die sensible Periode ausgelöst wurde, erleichtern zusätzliche Mechanismen eine rasche strukturelle und funktionelle Rekonfiguration und Abstimmung auf Erfahrungsreize. Während der sensiblen Perioden kommt es zu einer dramatischen Modellierung von Synapsen, Neuronen und Schaltkreisen durch Umwelterfahrungen. Die sensiblen Perioden werden dann geschlossen, um die erfahrungsgesteuerte Funktion zu stabilisieren. Die Neuroplastizität der sensiblen Periode wird durch eine Reihe molekularer und struktureller Faktoren herabreguliert, die die Plastizität aktiv hemmen. Nach Abschluss der sensiblen Periode besteht eine begrenzte Restplastizität durch erfahrungsabhängige Mechanismen, die über den Lebensverlauf zur Verfügung steht.4 Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob das Konzept der sensiblen Phasen auch für Effekte von Stress gilt: Eine sichere frühe Lebensumgebung mit optimaler Bindung an die Bezugsperson und förderlichen Einflüssen ist möglicherweise notwendig, damit sich Schaltkreise der Stress- und Emotionsregulation optimal entwickeln. Toxische Stressoren wie Misshandlung und Vernachlässigung während sensibler Phasen könnten sich hingegen dauerhaft auf die Entwicklung genau derjenigen Schaltkreise auswirken, die an der Regulation von Stress und Emotionen beteiligt sind, und somit eine erhöhte Stressempfindlichkeit und eine Vulnerabilität für psychische und somatische Störungen bedingen. Dauerhafte Auswirkungen von frühen Stresserfahrungen auf das Gehirn und seine peripheren Regulationssysteme, das heißt auf das autonome, endokrine und Immunsystem, können zur Entstehung eines anfälligen Phänotyps mit erhöhter Stressempfindlichkeit und einem gesteigerten Risiko für psychische und somatische Störungen führen. Studien in Tiermodellen haben den kausalen Nachweis erbracht, dass Stress in den ersten Lebenstagen, wie mütterliche Trennung oder eine geringe mütterliche Fürsorge, zu strukturellen und funktionellen Änderungen in Hirnregionen führt, die an neuroendokriner und autonomer Regulation, Wachsamkeit, emotionaler Regulation und Angstkonditionierung beteiligt sind, und zu gesteigerten Reaktionen auf nachfolgenden Stress beitragen.5 Diese Befunde sind auf den Menschen übertragbar, wie im Folgenden dargestellt wird. Inwieweit beim Menschen diskrete sensible Phasen für die Folgen von kindlicher Traumatisierung vorliegen, ist bislang nicht hinreichend bekannt und bedarf einer systematischen Untersuchung.6 FRÜHE STRESS ERFAHRUNGEN UND
KRANKHEITSFOLGEN ÜBER DIE
LEBENSSPANNE HINWEG
Eine große Zahl von Kindern in unserer Gesellschaft erlebt während des Aufwachsens stressreiche und traumatische Ereignisse. Frühe aversive oder traumatische Lebenserfahrungen umfassen verschiedene Formen von schwerwiegenden Stressoren in der Kindheit, darunter Misshandlung, Missbrauch, Gewalt, Vernachlässigung, Trennung oder Verlust eines Elternteils und andere Formen von schwergradigen Belastungen. Zusätzlich umfassen frühe Stresserfahrungen ein komplexes Spektrum früher negativer Umwelteinflüsse auf verschiedenen Ebenen, beispielsweise Stigmatisierung, Migration, Armut, Kriminalität und viele andere mehr. Es wird geschätzt, dass drei von zehn Kindern in unserer Gesellschaft misshandelt werden. Wenn andere Formen von kindlichem Trauma berücksichtigt werden, steigt diese Zahl auf fast jedes zweite Kind. In einer retrospektiven bevölkerungsbasierten Studie in Deutschland berichtete etwa ein Drittel der erwachsenen Befragten über eine Form von Kindesmisshandlung.7 Diese Prävalenz deckt sich mit Schätzungen zur Häufigkeit von Kindesmisshandlung in den Vereinigten Staaten.8 In einer aktuellen Metaanalyse, welche 206 Studien aus 22 Ländern mit 546.458 erwachsenen Teilnehmern einschloss, berichteten nur 40 Prozent der Befragten über keine frühen negativen Lebensereignisse.9 Frühe Stresserfahrungen sind in der Allgemeinbevölkerung weit verbreitet. Ein erheblicher Anteil ist Opfer von mehr als einer Form von Misshandlung und anderen Traumatisierungen. Umfangreiche Befunde aus epidemiologischen Studien zeigen, dass das Erleben...




