Schubert | Judasfrauen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Schubert Judasfrauen

Zehn Fallgeschichten weiblicher Denunziation im Dritten Reich
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-423-43989-3
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Zehn Fallgeschichten weiblicher Denunziation im Dritten Reich

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-423-43989-3
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Die Diktatur ist die Täterin.' Judas als Frau, Frauen als Verräterinnen - in ihrem dokumentarischen Werk erzählt Helga Schubert von zehn Frauen, die im Dritten Reich zu Denunziantinnen geworden sind. Aus Gerichtsakten rekonstruiert die Autorin die tödliche Beziehung der Verräterinnen zu ihren Opfern, geht mit den Mitteln der Literatur auf eine Spurensuche nach weiblicher Täterschaft und destilliert daraus irritierende Parabeln des Verrats. Diesen Verrat hat Helga Schubert »aufgehoben wie ein verwelktes Blatt. Und wie unter einem Mikroskop sah ich eine Struktur, die sich immer und immer und immer wiederholt.«

Helga Schubert, geboren 1940 in Berlin, war Psychotherapeutin und Schriftstellerin in der DDR. Sie zog sich aus der literarischen Öffentlichkeit zurück, bis sie 2020 mit der Geschichte >Vom Aufstehen< den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Der gleichnamige Erzählband erschien 2021 bei dtv und war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. 2023 erschien >Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe<, 2024 wurde Helga Schubert mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Landeskulturpreis MV ausgezeichnet.
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Judasfrauen


Von Frauen verraten.

Von Männern verhaftet, von Männern verhört, von Männern verurteilt, von Männern geköpft. Aber von Frauen verraten.

Ein leiser Verrat.

Ein heimlicher und sauberer Verrat. Kein Blut an den zarten Händen, das Blut klebte am Fallbeil.

Frauen, die andere Menschen durch ihren Verrat töteten. Was waren das für Frauen?

Fühlst du dich denn überhaupt befugt, über so etwas zu schreiben? Das sollen doch die machen, die das miterlebt haben, die im KZ waren oder in der Emigration.

Du bist ja nicht einmal die Tochter von Betroffenen. Du bist kein Kind jüdischer Eltern, und deine Mutter war keine Politische im Zuchthaus.

Schreib über das, was dich selbst betrifft: die Flucht aus Hinterpommern.

Schreib über die Mütter, die damals mit euch geflohen sind. In den Trecks, in den Lkws am Ostseestrand, ohne Scheinwerfer, und auf der Straße oben das drohende Gebrumm der russischen Panzer. Diesen Frauen müsstest du ein Denkmal setzen.

Ja, du hast recht, antwortete ich meiner Mutter. Aber ich bin auch eine Deutsche, und ich bin auch eine Frau. Was bewog diese Frauen zum Verrat? Sie wussten doch, dass er tödlich ist.

Ist das nicht gefährlich – du musst dich mit dem Leben dieser Frauen beschäftigen, um sie beschreiben zu können. Am Ende bekommst du noch so etwas wie Verständnis für diese Subjekte. Ein anständiger Mensch hat doch eine natürliche Hemmschwelle und denunziert nicht.

Ja. Aber wo liegt der Unterschied zwischen der Frau, die über diese Hemmschwelle springt, und der, die davor stehen bleibt? Könnte ich an ihrer Stelle sein?

Warum sprichst du eigentlich dauernd von Frauen? Als ob es nicht auch unter den Männern Denunzianten gäbe. Willst du deinen Geschlechtsgenossinnen eins auswischen?

Mich stört die Frauenveredelung: So sensibel, so zart, so kooperativ, so mütterlich, so mitleidig, so kreativ, so authentisch sind wir nicht. Wir sind auch böse und auch gefährlich, auf unsere Weise. Sobald ein Mensch auf einem Sockel steht, möchte ich den Sockel zerschlagen.

Mich müssen Sie nicht fragen, sagte die Historikerin. Ich bin keine gute lebende Quelle für Sie, weil ich historisch denke und alles, was ich erlebt habe, historisch einordne.

Zum Beispiel werde ich skeptisch, wenn Leute von ihren mutigen Handlungen berichten: Sie erzählen nicht die ganze Wahrheit, bauschen auf, verschweigen, und das ist ja auch verständlich. Ich würde an Ihrer Stelle nicht alles glauben.

Außerdem fragen Sie nicht die richtigen Leute. Sie bekommen Antworten von Leuten, die auf der falschen Seite stehen. Die haben gar nichts gemacht gegen Hitler, diese Leute nicht.

Sehen Sie, ich habe vor dem Kriegsende als Sekretärin bei einem Mann gearbeitet, der war in die Pläne um den 20. Juli 1944 eingeweiht. Ich habe das erst nach dem Krieg erfahren und frage mich noch heute: Warum hatte er kein Vertrauen zu mir? Er hätte mich doch einweihen können.

Gehen Sie zum Vorsitzenden der Hausgemeinschaftsleitung: Er nennt Ihnen die alten Antifaschisten, die hier in der Nähe wohnen. Dann brauchen Sie nicht beim Fahrstuhlfahren die alten Frauen so unsystematisch zu befragen. Warum schreiben Sie eigentlich nicht über die Trümmerfrauen? Hier im Haus wohnt eine.

Müssen Sie das lesen? Oder lesen Sie das freiwillig?, fragte mich meine Nachbarin im Wartezimmer des Frauenarztes, nachdem sie den Titel des Buches registriert hatte, das ich gerade las: ›Frauen unterm Hakenkreuz‹.

Beides, antwortete ich.

Möchten Sie weiterlesen, oder möchten Sie sich ein wenig mit mir unterhalten?, fragte sie da.

Ich legte das Buch auf den Schoß und sah sie an.

Sie sei Mitverfasserin des Weißbuchs über Globke gewesen – jetzt sei sie ja Rentnerin – und habe Unterschriften von Nazigrößen überprüft. Dann erkundigte sie sich nach meiner Arbeit.

Ich berichtete von meinem Interesse an politischen Denunziantinnen. Sie überlegte: In meinem Hochhaus wohnen einige interessante alte Genossen. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen ein Gespräch mit einer Genossin vermitteln, die bei Hitler im Zuchthaus saß als KPD-Kassiererin und nach dem Krieg bei uns lange Jahre Richterin war.

Auch in der Stalinzeit?, fragte ich.

Sie habe ohne Unterbrechung gearbeitet.

Und ist sie denunziert worden? Oder hat sie jemanden verraten?

Beides nicht. Aber sie könnte Ihnen erklären, wie Sie die damalige Zeit zu verstehen haben.

Seitdem ich wusste, dass auch in der DDR Akten des Volksgerichtshofs aufgehoben sind – denn alles wurde geteilt in Deutschland nach dem letzten Krieg –, und seitdem ich wusste, in welchem Archiv sie lagern und wo sich das Archiv befindet, nämlich in Berlin-Mitte, hatte ich vor, dorthin zu gehen und die Todesurteile zu lesen.

Polizei stand davor. Wie sollte ich hineinkommen?

Aussichtslos, sagte mir eine zweite Historikerin, ihr sei es auch nicht erlaubt worden. Man brauche dafür eine Genehmigung höheren Ortes.

Ich stellte einen schriftlichen Antrag und bekam einen Termin für den höheren Ort.

Pünktlich eine halbe Stunde vor dem Termin ging ich in das Besucherbüro des höheren Ortes. Man suchte und fand meinen Namen auf der Liste der angemeldeten Besucher, ich bekam einen Passierschein, sollte sagen, wie viele Taschen ich mit mir führe, sagte, dass es eine sei, ging mit der Tasche und dem Passierschein um die Ecke des dickmaurigen Gebäudes, zeigte zwei Offizieren meinen Passierschein und meinen Personalausweis, wies meine Tasche vor (in die ich im Besucherbüro vor der Frage nach der Zahl der Taschen die zweite kleinere gesteckt hatte, um nicht mit zwei Taschen beladen, unordentlich und verdächtig, herumzulaufen), ging in die marmorne Eingangshalle, stieg in den seitlichen Paternoster und fuhr, an dem Flur mit Teppichbelag vorbei, der zum Höchsten führte und von einem neben dem Paternoster postierten Offizier überwacht wurde, höher und höher bis zu der auf dem Passierschein angegebenen Zimmernummer.

Hinter der Zimmertür wurde ich von einer verantwortlichen Frau erwartet, die nach der Begrüßung wieder an ihrem Schreibtisch Platz nahm und mich an den quer stehenden Konferenztisch mit acht Stühlen wies. Sie fragte nach meinem Anliegen.

Ich erklärte es ihr noch einmal mündlich: Dass ich diejenigen Volksgerichtshofakten lesen möchte, in denen nach Denunziation durch Frauen ein Todesurteil erfolgte. Dabei interessiere mich besonders der Alltag der Diktatur und die spezifische Situation, ich vermute Ohnmacht, der Frau, die sie vielleicht zu diesem Verbrechen getrieben habe. Die Genehmigung zum Lesen dieser Akten bedürfe einer Fürsprache, hätte ich gehört, sagte ich der verantwortlichen Frau. Und um diese Fürsprache zu erbitten, sei ich gekommen.

Wir begrüßen es, dass Sie sich als Schriftstellerin mit der Zeit des Faschismus in Deutschland auseinandersetzen wollen, antwortete sie mir. Bitte widmen Sie sich dabei besonders dem Widerstand der Kommunistinnen. Unsere Analysen haben ergeben, dass wir ihnen im Vergleich zu ihren männlichen Genossen in der Literatur noch besser gerecht werden müssten.

Ich entgegnete, dass mich die Versuchung zum Verrat interessiere, in einer Gesellschaftsordnung, in der es möglich sei, private Konflikte sozusagen mittels Staatsgewalt zu lösen.

Was wollen Sie mit diesem abgeschlossenen Kapitel, fragte sie mich. Sie vermute, ich habe die Absicht, dem Kleinbürgertum seine Vergangenheit vorzuwerfen. Das ist nicht in unserem Interesse, sagte sie, es sind unsere Bündnispartner.

Sie schlug mir vor, mich stattdessen um etwas historisch Relevanteres und Positiveres zu kümmern. Aber sie machte sich Notizen, und nach einiger Zeit erhielt ich die schriftliche Erlaubnis für die Arbeit im Archiv mit Angabe einer Telefonnummer, unter der ich einen Termin vereinbaren sollte.

Am Telefon bekam ich einen Termin für ein »Quellengrundlagen-Gespräch« mit einer Wissenschaftlerin, Spezialistin auf dem Gebiet »Frau und Faschismus«.

Als ich fünf Minuten vor dem vereinbarten Termin am Eingang des Archivs anlangte, suchte der Polizist meinen Namen auf der Liste der angemeldeten Besucher, ließ sich meinen Personalausweis zeigen und stellte mir einen Passierschein aus. Der Polizist, der aus einer Entfernung von drei Metern zugesehen hatte, prüfte den Passierschein, verglich ihn mit meinem Personalausweis, ließ mich passieren.

Ich fand die Wissenschaftlerin in ihrem Arbeitszimmer, dessen eine Wand ein Fenster zum Nachbarraum, offensichtlich einem Lesesaal, hatte. Sie schrieb sich mein Anliegen auf und fragte: Warum beschäftigen Sie sich denn bloß mit so etwas Negativem?

Sie ließ mich unterschreiben, dass ich in diesem Archiv nicht das Recht habe, Suchkarteien zu benutzen, nur das lesen dürfe, was sie mir zuteile, und ohne die Erlaubnis des Archivs keine Einzelheiten veröffentlichen werde.

Dann gab sie mir einen Termin für den ersten Lesetag im Archiv.

An diesem ersten Lesetag zeigte ich am Eingang des Archivs wieder meinen Personalausweis, bekam einen Passierschein, weil mein Name auf der Liste der erwarteten Leser stand, zeigte den Passierschein dem wenige Meter entfernt im Innern stehenden Polizisten, der alles noch einmal prüfte, und fuhr im Fahrstuhl in die Etage mit dem angegebenen Lesesaal.

Ich ging hinein und meldete mich bei dem in diesem Lesesaal Aufsicht führenden Archivangestellten. Er sah in die Liste der erwarteten Leser, fand meinen Namen und bat mich, meine...


Schubert, Helga
Helga Schubert, geboren 1940 in Berlin, war Psychotherapeutin und Schriftstellerin in der DDR. Sie zog sich aus der literarischen Öffentlichkeit zurück, bis sie 2020 mit der Geschichte ›Vom Aufstehen‹ den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Der gleichnamige Erzählband erschien 2021 bei dtv und war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. 2023 erschien ›Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe‹, 2024 wurde Helga Schubert mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Landeskulturpreis MV ausgezeichnet.

Helga Schubert, geboren 1940 in Berlin, war Psychotherapeutin und Schriftstellerin in der DDR. Sie zog sich aus der literarischen Öffentlichkeit zurück, bis sie 2020 mit der Geschichte ›Vom Aufstehen‹ den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Der gleichnamige Erzählband erschien 2021 bei dtv und war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. 2023 erschien ›Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe‹, 2024 wurde Helga Schubert mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Landeskulturpreis MV ausgezeichnet.



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