E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Schultz Sleeping with Friends
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-8394-1
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wem kannst du noch trauen, wenn du dich an nichts mehr erinnerst, außer an Filme? | Feinsinniger Spannungsroman
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-7517-8394-1
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nach der Hochzeit mit einem reichen Unternehmer ist der Kontakt zwischen Mia und ihren Uni-Freunden sporadisch geworden. Das ändert sich erst, als sie ein Schädel-Hirn-Trauma erleidet. Die Umstände sind unklar, Mia liegt tagelang im Koma. Als sie aufwacht, kann sie sich nur noch an Filme erinnern. Die alte Clique bietet Unterstützung an und reist geschlossen zu Mias abgelegenem Wochenendhaus. Doch mit den langjährigen Vertrauten kehren auch unschöne Erinnerungen zurück, und Mia kommen immer wieder Filmszenen in den Sinn, die Situationen anders einordnen, als ihre Freunde ihr weismachen wollen. Jeder scheint etwas zu verbergen. Doch wie tief gehen die Geheimnisse? Ist ein Mörder im Haus?
Emily Schultz ist die ehemalige Herausgeberin des JOYLAND MAGAZINE. Ihre Texte sind in ELLE, SLATE, EVERGREEN REVIEW, VICE, TODAY'S PARENT, HAZLITT, The HOPKINS REVIEW und PRAIRIE SCHOONER erschienen. Sie lebt in Brooklyn, wo sie als Produzentin für das Indie-Medienunternehmen Heroic Collective tätig ist.
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Kapitel 1
PREP TIME
Mia war für alle da, ein Traum von einer Frau. Wenn man sich in ihrer Gegenwart befand, war sie mehr als präsent. Sie war dein, kümmerte sich um dich wie niemand sonst. Im Gespräch sah sie dir immerzu in die Augen. Sie verstand dich und wusste genau, was du gerade brauchst, sogar, wenn du es selbst nicht wusstest. Agnes hielt Mia Sinclair für die herzlichste und großzügigste Person, der sie je begegnet war: smart, schön und mit einem Sinn für Humor, der jeden beschämen würde, der sie unterschätzte. Das Band zwischen ihnen war von der Art, die man nur mit Anfang zwanzig bildet, wenn man Freundschaft schließt und denkt: Das ist das Mädchen, für das ich sterben würde. Das ist die Person, die für mich bestimmt ist und die ich nie aus den Augen verlieren werde. Und genau darum war es ein echter Schock, als Mia heiratete, als würden ihre Freundschaftsgelübde nichts mehr bedeuten.
Sie hatte nicht nur Agnes hinter sich gelassen, sondern alle – Victor, Ethan, Zoey – die ganze Fünfer-Ehe, zu der sich Mias Freundeskreis während der Collegezeit entwickelt hatte.
Diese Zeit lief längst unter »Jahre her«, trotzdem griff Agnes noch immer instinktiv zu ihrem Telefon, um Mia anzurufen, wann immer etwas »Großes« geschah – ob es nun ein Desaster war wie damals, als ihr Wagen mitten auf der Williamsburg Bridge liegen geblieben war, oder etwas Aufregendes wie der Anblick der französischen Schauspielerin Marion Cotillard vor einem McDonald’s im East Village. Doch als Agnes das letzte Mal bei Mia angerufen hatte, hatte sie eine Nachricht hinterlassen müssen. Mia hatte nicht drangehen können, denn man hatte sie bereits ins Krankenhaus gebracht und ins Koma versetzt. Dort lag sie dann mit flatternden, leicht geöffneten Lidern und einem Schädelbruch, von dem niemand wusste, wie sie ihn sich zugezogen haben mochte.
Inzwischen war sie entlassen worden, und es war an der Zeit, ihr zu helfen, wieder gesund zu werden. Agnes fuhr schnell, brannte darauf, zu Mias Haus in Connecticut zu gelangen, und Zoey saß neben ihr auf dem Beifahrersitz. Sie rasten an Rotahornbäumen vorbei, die vor lauter Blüten ganz pink waren, und an Felsenbirnen, die gerade erst anfingen zu blühen. Jenseits des Highways wiegten sie sich im Wind wie zarte, weiße Gespenster.
Während der letzten paar Wochen hatte Agnes alles stehen und liegen lassen und als Verbindungsstelle zwischen Mias Freunden und Familie fungiert, hatte Neuigkeiten seitens der Ärzte weitergeleitet und sich über medizinische Fachbegriffe informiert: Stents, Aphasie, Verlust des visuellen Gedächtnisses. Kurz nachdem es passiert war, hatte sich Agnes bei einer Cousine, einer Kinderärztin, per Mail erkundigt, warum man Mia wegen der Kopfverletzung in ein künstliches Koma versetzt hatte.
So wird das Leben des Patienten pausiert, hatte sie geantwortet. Weil sie nicht wissen, was sie sonst tun könnten.
In gewisser Weise hatte Mia das schon selbst erledigt, indem sie hierher gezogen war. Zwar hatte sie einen Teil der Zeit in Brooklyn verbracht, doch wenn Agnes sie im Verlauf des letzten Jahres angerufen hatte, war sie immer häufiger »auf dem Land« gewesen. Agnes spähte nach Straßenschildern, und Zoey rutschte unbehaglich auf dem Beifahrersitz herum. Agnes sah ihr an, dass sie lieber am Steuer gesessen hätte. »Ich bin ein paarmal öfter hierher eingeladen gewesen«, sagte Zoey und griff dabei die alten Statuskämpfe ob der Frage, wer am meisten Mia-Zeit bekam, wieder auf. »Wahrscheinlich, weil Ethan und ich ein Paar sind.«
Paar hin oder her, wenn es um die Mia-Zeit ging, hatte eindeutig Martin alle anderen in den Schatten gestellt.
Nachdem sie aus ihrem vierzehntägigen Koma erwacht war und die anschließende Genesungszeit hinter sich gebracht hatte, hatte Mia unter der ständigen Aufsicht ihres Mannes gestanden. Als Agnes Mia im Krankenhaus besucht hatte, war ihr aufgefallen, dass sich Mia nicht an sie erinnert hatte. Wann immer Agnes sie angelächelt hatte, hatten Mias blutunterlaufene Augen einfach woanders hingeschaut. Sie war nicht sie selbst gewesen. Eine grob rasierte Stelle an ihrem Hinterkopf gab den Blick auf die Naht frei, mit der die Wunde verschlossen worden war, eine Wunde, die sie sich, wie Martin (oft und laut) erklärt hatte, an der Ecke der Marmorplatte auf der Kücheninsel in ihrem Landhaus zugezogen hatte. Agnes jedoch sah dem Pflegepersonal, das routiniert den Tropf einstellte und das Krankenblatt auf dem neuesten Stand hielt, an, dass die dachten, ihr Mann hätte ihr das angetan. Ihr hatte Martin erzählt, er sei in ihrem Brownstonehaus in Brooklyn gewesen, als es passiert war.
Niemand rechnet damit, dass gerade einmal zwei Wochen Schlaf so viele hellwache Jahre auszuradieren imstande waren. Die vielen Konzerte, die sie in jungen Jahren gemeinsam besucht hatten, die Kunst- und Schreibprojekte, die Joints, die sie sich geteilt hatten, die verliehenen und nie zurückgegebenen Blusen oder Jeans. Es fiel Agnes nicht leicht, das zu glauben – das ganze Inventar ausgelöscht.
Aber dann, als Agnes sich am ersten Tag aufmachte, das Krankenhaus zu verlassen, sprach Mia einen Namen – Thora – mit so schwacher, trauriger Stimme, dass Agnes ihre Tasche wieder abstellte.
»Wir waren Freunde, oder? Wie in Ghost World?«, fragte Mia.
Agnes nahm ihre Hand und sagte Ja. Ja. Warum zum Teufel erinnert sie sich an Thora Birch, aber nicht an mich, dachte sie. Bedeutete das, dass Mia selbst Scarlett Johansson war?
Agnes war diejenige, die Martin davon überzeugte, eine »Erinnerungsparty« zu veranstalten, als Mia wieder nach Hause durfte. Sie mit den Gesichtern derer zu umgeben, die sie seit Jahren gekannt hatte. Agnes und Zoey würden Fotos und Videos beisteuern. Man würde ihre Lieblingsspeisen servieren. Mias Schwester Stephanie würde extra aus Chicago herfliegen, um auch dabei zu sein. Am Ende wirkte Martin mehr erschlagen als überzeugt. »Das ist eher so etwas wie ein Erinnerungsspiel, oder nicht?«, hatte er gefragt. »In dem es darum geht, zu bestimmen, woran sie sich erinnert. Menschen ändern sich.«
Was Agnes jedoch hörte, war ein Mann, der Angst davor hatte, dass in Mias Kopf mehr von ihren Freunden übrig sein könnte als von ihm selbst.
»Ich bin nicht sicher, welche Ausfahrt wir nehmen müssen. Hast du einen Routenplan?«, fragte Agnes.
Zoey griff nach einem Telefon, das in der Mittelkonsole lag. »Oh, warte. Das ist ja dein Telefon.«
Agnes zog den Kopf ein. »Ich habe jetzt das neue Modell. Weil du gesagt hast, dass dir deines gefällt. Und ich kann es in monatlichen Raten abbezahlen.«
Zoey lachte. »Und auch in Roségold.« Sie musterte das Display und fügte hinzu: »Du hast eine Benachrichtigung. Es ist eine E-Mail von deiner Bank.«
»Ach, die können warten. Gib her.«
Agnes nahm das Telefon an sich, während Zoey in ihrer Tasche nach ihrem eigenen wühlte. Sie tippte darauf herum und hielt es hoch, damit Agnes die Karte sehen konnte. Dann blickte sie nach vorn und suchte nach der Ausfahrt nach Kettlebury, Connecticut, der nächsten Stadt, die sie in zwei Meilen erreicht haben sollten.
Agnes schaltete den Blinker recht früh ein und wechselte auf die rechte Spur. »Wann warst du das letzte Mal hier oben?«
»Wir sind oft eingeladen worden.« Irgendwie schaffte Zoey es immer, eine Nasenlänge voraus zu sein. »Aber seit die Show angelaufen ist, ist es schwer, sich freizumachen.«
Zoey Wilder und ihr Freund Ethan Sharp produzierten eine YouTube-Show namens Movie Fails mit Chroma-Keying in ihrer Wohnung, in der sie die Kontinuitätsfehler in erfolgreichen Filmen aufzählten. Fragen nachgingen wie: Hatte der Raum in Pulp Fiction bereits Einschusslöcher in der Wand, bevor die Schießerei losging? Oder: Wie konnte Don Cheadle am Ende von Boogie Nights mit nur hundert Dollar aus dem Doughnut-Shop-Raub einen Audio-Laden eröffnen? Die Show von Ethan und Zoey war viral gegangen, nachdem der Regisseur eines Marvel-Films sauer geworden war und Todesdrohungen gegen sie getwittert hatte.
»Geht mir ähnlich«, sagte Agnes. »Ich hatte mit der Trennung zu tun.«
»Ach, richtig, die Australierin. Charlie. Wie hast du das denn verbocken können? Gott, sie war hinreißend.«
»Zu blond und zu groß. Das macht mich nervös. Da unten sehen alle aus wie Elben aus Herr der Ringe.«
»Was ist aus ihr geworden?«
»Nach zwei Monaten hat sie mir erzählt, sie hätte Probleme mit dem Visum. Im Grunde hat sie mir einen Antrag gemacht, indem sie mir die Formulare zum Ausfüllen rübergeschoben hat.«
»Vielleicht wäre es das wert gewesen«, wandte Zoey ein. »Eine scharfe Australierin, die Probleme mit dem Visum hat. Eine romantische Komödie.«
Agnes schüttelte den Kopf. »Einen Tag nach der Trennung bin ich am Cubbyhole vorbeigekommen, und sie hat schon mit jemand anderem rumgemacht.«
Bis dahin war Agnes immer die Freundin gewesen, die zu allem Ja gesagt hatte. Ja, ich gehe ans Telefon, wann immer du anrufst. Ich beantworte jede Textnachricht. Ich sage dir, warum er der Falsche für dich ist – aber erst, wenn du dich von ihm getrennt hast. Ich komme zu deiner überstürzt geplanten Hochzeit und beklage mich nie darüber, dass ich nicht deine Trauzeugin geworden bin. Und ja (am Ende), wenn du aus dem Krankenhaus kommst, bin ich diejenige, die die Erinnerungsparty organisiert und die Gastgeberin spielt, um dir zu helfen, dich wieder zurechtzufinden....




