E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Schumann Wollt ihr mich oder eure Träume?
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-360-50182-0
Verlag: Das Neue Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Joschka Fischer - Ein Nachruf
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-360-50182-0
Verlag: Das Neue Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gerd Schumann, geboren 1951 in Wilster (Holstein), lebt und arbeitet als Autor in Berlin und in Mecklenburg. Langjährig Redakteur und Korrespondent von Tageszeitungen (u.a. junge Welt). Reportagen und Hintergründe vom afrikanischen Kontinent, aus der Karibik, vom Balkan für Hörfunk und Printmedien. Jüngste Buchpublikationen: 'Kolonialismus. Neokolonialismus. Rekolonisierung' (2016), 'Das Morgen im Gestern. Erkundungen eines Wessis im Osten' (2019).
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DAUERLAUF IN DEN KRIEG
Mit Fischer beim Hamburg-Marathon und auf dem Schicksalsparteitag der Grünen. Beobachtungen an den Strecken
Es ist Sonntag, der 19. April 1998. Ein klarer, freundlicher, sonniger Frühlingsvormittag in Hamburg. Die Marathonsaison beginnt. Mit überwältigender Beteiligung, ein neuer Rekord, wie häufig in Zeiten der noch recht jungen Joggingbewegung, durch die die Streetfighter von einst immerhin auf der Straße aktiv bleiben, wenn auch nur als Roadrunner. Ihr neues, nicht mehr ganz junges Idol Joschka Fischer traut sich erstmals in seinem 49-jährigen Leben an die 42,195 Kilometer heran.
Als ihn fast zwei Jahre zuvor seine dritte Ehefrau während des traditionell üppigen, an Speis und Trank nie knappen Toskana-Urlaubs verlassen hatte, weil sie sich »nach Kindern und einem normalen Familienleben sehnte« und er »ihr das nicht bieten wollte«10, wie Fischer-Biografin Sibylle Krause-Burger berichtet, war der Schock so stark, dass er von einem Tag auf den anderen – er würde sagen: von einer Sekunde auf die nächste – Schluss mit »Fress- und Sauforgien«11, mit »rauschende(n) Abendgelage(n)«12 machte, Fischer selbst nennt das »Völlerei«.13
Und der Dicke läuft und läuft, wie einst der Käfer, und nimmt ab und nimmt ab und rennt beim Bundestag in Bonn am Rhein von Brücke zu Brücke und reist mit Sporttasche im Gepäck durch den 1998er Bundestagswahlkampf, ein mürrisches Energiebündel von inzwischen nur noch 75 Kilo, sein Kampfgewicht von viel früher. Fit wie’n Turnschuh, nennt das der Volksmund, und die Menschen säumen zu Zehntausenden die Rennstrecke der Hansestadt und ahnen nichts von dem, was gut ein Jahr später in Bielefeld geschehen wird.
Wir haben Donnerstag, den 13. Mai 1999. Himmelfahrt in Ostwestfalen, ein Tag zum Gruseln nicht unbedingt wegen des miesen Wetters. Ostern ist ein paar Wochen her, das höchste serbisch-orthodoxe Kirchenfest. »Für Christen kann es keine Unterbrechung zu Ostern geben, während das Töten von Muslimen weitergeht«14, hatte Fischer am 30. März gegenüber US-Außenministerin Madeleine Albright in einem Telefongespräch erklärt und einen Waffenstillstand abgelehnt. Zehn Jahre hindurch habe Slobodan Miloševic agiert »wie die Nazis in den 1930ern«, so der »Führer der Grünen Partei seines Landes« in der Wiedergabe Albrights. »Ein engagierter Pazifist« und »moderner Deutscher, der die Lehren der Geschichte ernst nimmt«.15
Also liegt Belgrad weiter unter Beschuss wie vor tausend Jahren. Jugoslawien wird kaputtgebombt, Züge und Brücken werden zerstört, und Miloševic bekommt die Schuld. Der moderne Deutsche erzählt Albright seine Story von der Geschichte, und sie zitiert ihn freudig erregt ob all der Absolution für den Angriffskrieg gegen einen Schurken aus den Reihen der jugoslawischen Ex-Kommunisten: »Erst sprengte er Jugoslawien. Dann Kroatien. Dann Bosnien, und jetzt Kosovo. Wie viele Leute hat er getötet? Für wie viele Vergewaltigungen und Flüchtlinge ist er verantwortlich?«16 Fast will es scheinen, als sei Albrights unverrückbarer Wille, Miloševic militärisch eine Lektion zu erteilen, dem Einflüsterer Fischer geschuldet.
Das Zastava-Automobilwerk in Kragujevac liegt in Trümmern – in der von der deutschen Wehrmacht besetzten heutigen Partnerstadt von Ingolstadt hatte die Waffen-SS-Division »Prinz Eugen« am 21. Oktober 1941 mehr als 2300 Menschen – Kinder, Frauen und Männer – erschossen. Und jetzt hinterlassen die NATO-Geschosse ungezählte Leichen und eine Wüste aus Stahlträgern und Beton. In Niš wird der Markt angegriffen, als »Kollateralschäden« liegen Dutzende Tote und Verletzte auf dem Platz zwischen Universität, osmanischen Festungsanlagen und dem Fluss Nišava. Miloševic wird bestraft, elf Wochen lang rollt Angriffswelle auf Angriffswelle, und die pazifistischen Grünen sitzen im Geiste an Bord der Bundeswehr-»Tornados«.
An diesem Maitag wird die Bielefelder Seidenstickerhalle von unzähligen Kriegsgegnern belagert und blockiert. 1500 Bereitschaftspolizisten wurden von der Stadt abgestellt, drinnen brennt die Luft, eine Palisade aus Bodyguards hat sich zwischen Fischer und die Delegierten geschoben. Trotzdem wird er von einem Farbbeutel getroffen und bald darauf mit angerissenem Trommelfell und gewohnt barscher Bärbeißigkeit ein von Drohungen und düsteren Prophezeiungen durchzogenes Plädoyer für die Fortsetzung der »Operation Allied Force« (Operation Bündnisstreitmacht) halten.
»Wollt ihr mich oder eure Träume«17, hatte er schon vorher ultimativ gefragt, spielte sich und sein Image gegen grüne Ideale von Gewaltlosigkeit und Frieden aus, als wäre ausgerechnet er, der außer Rand und Band geratene Außenminister, eine Alternative zu irgendetwas von Substanz. Nun greift er tief in die Trickkiste und zieht blank. Er spiele mit dem Gedanken, die Grünen zu verlassen, lanciert sein Vertrauter Daniel Cohn-Bendit am Rande des Kongresses ein Gerücht, mit dem wohl gleichfalls Druck aufgebaut werden soll. Manche Delegierte fürchten um die Partei, die ohne Fischer zerfiele, sagen sie und meinen wahrscheinlich eher ihre Jobs im rot-grünen Regierungskontext. Muss ja ein toller Hecht sein, der Fischer, dass er sich selbst zur absoluten Parteiikone erheben kann, denkt derweil der Außenstehende.
Der Marathonmann hält auf Asphalt und Teer wie auch schließlich am Rednerpult aus Holz oder Plastik durch. »Das wirkliche Geheimnis meines Erfolges war das Auswechseln und völlige Neuschreiben meiner persönlichen Programmdiskette«18, berichtet er und meint mit »Erfolg« die Gewichtsreduzierung. Seine äußere Erscheinung hat sich der eines »dünnen Herings« anverwandelt, wie Marius Müller-Westernhagen das Toskana-Wunder genannt haben könnte, woran weniger der Heilige Geist als vielmehr der Wille entscheidende Anteile hat. Und hinter dem wiederum verbirgt sich ein unbedingtes Karrierestreben, aufzusteigen in höchste Höhen des Politbetriebs.
Das zieht der durch, so der Eindruck, koste es, was es wolle. Fischer und seine Mitregierenden lassen die Luftwaffe fliegen. Und wenn ihm dabei die Partei nicht mehr folgen sollte, würde er der Partei nicht folgen. Doch die Mehrheit folgt ihm, und die Grünen haben ihre historische »Schlacht um den Pazifismus«19 verloren, dauerhaft, wie sich herausstellen wird. Ihre Verwandlung in eine erpressbare, autoritäre Partei des Krieges ist vollzogen. Vielleicht kennt Fischer den Song der Disco-Gruppe En Vogue: »Free your mind/And the rest will follow.«
Und wir, die wir am Hamburger Dammtor und an der Elbchaussee und an den Landungsbrücken den Mann vorbeihasten sahen und ein Jahr später auf dem Rathausmarkt in einem Akt der Verzweiflung hilflos protestierend ein letztes naives Mal Friedenstauben aufsteigen ließen? Und Schreikrämpfe bekamen, als irgendein verirrter restgrüner Kundgebungsredner immer noch von seiner Partei als »Alternative« sprach, inzwischen als »Dissident«, als Dino-Werber für das Trotz-alledem-Gute, als – Trottel?
Es mag schwerfallen, das zuzugeben: Wir waren die Verlierer. Wahrscheinlich schon länger. Fischer hatte das bereits Ende der Siebziger erkannt, und auch wir hätten es merken können. Spätestens aber, seit 1993 der junge Popmusikant Beck Hansen aus der ersten Nach-Achtundsechziger-Generation über sich und für uns und die Millionen anderen, die verloren hatten, verkündete, dass auch er ein »loser« sei, ein vor seinem Tod Altgewordener, und fragte: »so why don’t you kill me?«, da wurde langsam klar, dass »my generation« sich – wir uns – die Niederlage eingestehen sollte.
Wie fast überall, wo Fischer und seine Freunde mitliefen, an der Startbahn 19 West, bei den Hanauer Plutoniumfabriken, beim Protest gegen Atomraketen, in besetzten Häusern, nach Tschernobyl und vor Fukushima, in Sachen Hartz IV und Rentenalter – wir waren am Ende die Dummen. Und als er schließlich zu Jugoslawien seine unsäglichen Auschwitz-Analogien vom Stapel ließ, durch die er die Völkermorde der Vätergeneration relativierte, um mit seinen Turnschuhen in die Abdrücke von deren Knobelbechern zu passen, guckten wir empört, aber hilflos aus der Wäsche. »Der Traum ist aus« (Rio Reiser). »68«, das legendäre, war eine Eintagsfliege und blieb es. »Bis hierhin«, wie Friedrich Küppersbusch früher immer im Fernsehen sagte.
Nur einer kam durch: Fischer will groß herauskommen – frisch, grimmig, launisch, eifersüchtig, ehrgeizzerfressen, aber doch irgendwie cool, oder? Ein Model mit Idealmaßen, angetrieben vom Modetrend einer Yuppie-Ästhetik der Äußerlichkeit, Hedonist der unfreien Entscheidung, der schon immer von sich meinte, er müsse im Mittelpunkt stehen – und sei es bloß wegen seines Aussehens, damals mit Bart, langen Haaren, entschlossenem Blick, Fluppe im Mundwinkel wie Jean-Paul Belmondo in »Außer Atem«; inzwischen als Schlipsträger mit dem siegellosen Herrenring seines Vaters am Finger und am Ziel seiner Wünsche. Er hat es geschafft.
Dafür gibt er 1999 den Irren mit den Bomben – täte er es nicht, wäre alles vorbei, schließlich sitzen ihm Albright mit der allumfassenden Supermachtpower und sein burschikos-dreister Kompagnon Gerhard Schröder im Nacken. Er muss sich entscheiden, und die Drei rufen nun im Chor: Serbien muss sterbien, wie es einst der Habsburger Kaiser tat, konsequent, beinhart, kompromisslos....




