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E-Book, Deutsch, 206 Seiten

Schwab Perlen vor die Schweine

Der dritte Büb Klütsch-Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86287-189-6
Verlag: Fuego
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Der dritte Büb Klütsch-Roman

E-Book, Deutsch, 206 Seiten

ISBN: 978-3-86287-189-6
Verlag: Fuego
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eher nebenbei fällt im Prolog des zweiten Büb-Klütsch-Romans 'Eine Alte Dame Ging Hering' dieser Satz über Kathrinchen, eine alte Freundin Bübs: 'Wir konnten alle drei noch nicht wissen, dass dies ihr letzter Sommer sein würde ...' 'Ja, wie?', beschwerten sich daraufhin etliche Leser, die Kathrinchen schon in Band Eins, 'Nie wieder Apfelkorn', ins Herz geschlossen hatten. 'Was ist denn mit der passiert?!?' Aufklärung tat not. Um das Geheimnis um Kathrinchens Tod zu lüften, gibt es nun, nur wegen dieses einen unbedachten Satzes, stattdessen als Band Drei 'Perlen vor die Schweine', dessen Handlung zum Jahreswechsel 1980/81 spielt. Büb glaubt nicht, wie Polizei und Staatsanwaltschaft, an einen Drogenunfall oder gar Selbstmord Kathrinchens - er ist sicher, dass sie ermordet wurde. Nur, warum und von wem? Zwischen Studioterminen und Auftritten macht Rockschlagzeuger Büb sich auf, um Antworten zu finden. Die Suche führt ihn durch etliche Kneipen und die Halb- bis Unterwelt im Kölner Friesenviertel und durch Junkie-Absteigen bis an die Küste Hollands - und die Lösung des Falls überrascht nicht nur ihn ... und macht nicht mal ihn selbst glücklich ...

Rich Schwab, Musiker und Autor. Buchkürzer. Gelegenheitslektor. Kölner, Jahrgang 1949. Lebt mit der angetrauten Düsseldorferin auf neutralem, sehr ländlichem Gebiet am Niederrhein. Vorsichtshalber mit Hund. Rentner seit 2015. Kein Grund, hinterm Ofen zu sitzen und die Hände in den Schoß zu legen.
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4


Rabotti

Mann, hatte ich eine Woche hinter mir! Beim Pinkeln wäre ich fast vornüber gekippt. Meine Zunge schmeckte, als hätte ich die halbe Nacht am Abflussrohr eines Brauhauses geleckt. Und wahrscheinlich auch an dem bröckligen Mörtel drum herum – mein Gaumen war trocken wie Tante Friedas Sandkuchen. Nach einem ordentlichen Schwall kaltem Wasser fühlte es sich ein bisschen besser an, aber an dem Geschmack änderte das auch nichts.

Ich beguckte mir ein Weilchen das Gesicht in meinem Spiegel. Wir sahen aus wie ein und derselbe Typ, aber das waren wir auf keinen Fall. Beschlossen wir eben Kumpels zu werden und putzten uns gemeinsam die Zähne.

, knurrte er blubbernd und schüttelte angeekelt den Kopf.

, erwiderte ich mit Schaum vorm Mund. Musste ihm freilich recht geben und versuchte, die letzten Tage zu rekapitulieren. dachte ich.

Wider besseres Wissen – war ja nicht der erste Versuch gewesen –, aber eben auch, weil ich, pleite wie lange nicht mehr, kaum eine Wahl hatte, war ich vorletztes Wochenende mit einer Snare, einem Bündel Knüppel und einem Satz eigener Becken im Gepäck nach Hinderup gereist – nach drei Stunden Zugfahrt Umsteigen in Osnabrück, eine halbe Stunde Bummelzug, in Espelkamp fast eine Stunde Warten auf einen Überlandbus, der mich nach einer weiteren halben Stunde in Brödershof hatte stehen lassen, von wo ich dann aus einer Telefonzelle Bescheid geben konnte, damit mich jemand abholen käme.

Ich war’s ja nun wirklich gewohnt, über Land zu gurken, vor allem in Gefährten, die stinken, schaukeln und nicht gerade flott vorankommen, und auch auf dieser Fahrt hätte man schön seinen alten Ross McDonald lesen und sich mit Lew Archer amüsieren können, zwischendurch vielleicht ein bisschen Leute und Landschaft gucken – immerhin war die Deutsche Märchenstraße nicht weit – oder einfach nur vor sich hin dösen und über das komische Leben meditieren …

Aber apropos Leute und komisches Leben – oder auch umgekehrt – leider stand da auf dem, was in Espelkamp als Marktplatz durchging, an der Bushaltestelle dieser Freak. hatte ihm eine fürsorgliche Freundin in fettem Knatschrosa auf eine dunkelblaue Wollmütze gestickt. Karottenhosen an spindeldürren Beinen, aber schwere Malocherstiefel, ungefähr drei T-Shirts übereinander, das oberste eins von, ausgerechnet, Grobschnitt, und eine verwaschen grüne bayrische Trachtenjacke, von oben bis unten vollgepappt mit bunten Buttons à la und so weiter. Das Beste war noch , woraus jemand mit lila Filzstift gemacht hatte. Zwischen den Stiefeln klemmte eine verschlissene braune Aktentasche.

»Ey – ich kenn’ dich irgendwo her, Ollen«, sprach er mich an. Es gibt so Typen, da weißt du gleich, wenn du auch nur »Tach« sagst, hast du sie an der Backe. Also guckte ich bloß und zuckte mit einer Schulter. »Echt, ey! Ich hab’ dich iiir-gend-wo …«

Er zog ein Päckchen aus einer Jackentasche. Diese Typen rauchen immer . »’ne Kippe, Ollen?« Ich holte ein Päckchen von meinem eigenen Vorrat raus, hielt es hoch und schüttelte bedauernd den Kopf. . »Ey, wow! Is’ dat denn? , ha ha! Kann ich ma’ probier’n, ey?«

Diese Typen wollen immer probieren. Ich öffnete die Packung und hielt sie ihm unter die Nase. Innerlich soufflierte ich ihm seinen nächsten Satz –

»Ach so – is’ so’n Blonder, ey. Nö, lass ma’«, sagte er. Er kramte in seinem zerknüllten Scheiß- herum, und ich kannte auch schon seine nächste Zeile. Kam prompt. »Au! Haste ma’n Paper, ey?«

Diese Typen haben nie genug Blättchen. Drehen sich viermal am Tag dreiblättrige Joints, aber es kommt ihnen im Leben nicht in die bekiffte Birne, dass auf die Art die Blättchen womöglich nicht so lange halten wie der Tabak. Dafür ha’m sie ja immer Typen wie mich. Ich ging ja nicht mal zum Brötchenholen ohne ein zweites Päckchen Tabak und drei Extraheftchen Zigarettenpapier in der Tasche. Und zwei Feuerzeuge natürlich.

»Spießer!«, hatte Kathrinchen mich deswegen mal genannt. »Immer auf Nummer Sicher, wa’?«

»Du weißt nie, wo du landest«, hatte ich ihr erklärt, »und wann du von da wieder zurückkommst.«

»Klar«, schnaubte sie, »Clint Eastwood und du …« Das ließ ich dann einfach mal so stehen.

Für Rabotti hatte ich auch gleich noch mehr Gesprächsstoff – als ich ihm eins von meinen braunen Maisblättchen rauspulte.

»Boah, ey! Geil, Ollen! Haste’n die her?« Ich nickte Richtung Friesenplatz. »Ah«, meinte er.

Also drehten wir uns jeder eine. wettete ich mit mir selbst. Verloren. Es waren Streichhölzer. Aber immerhin keine stinknormalen, sondern Kunststückchen-geeignete – seins rieb er lässig an einem besonders großen Button an, mit einem Foto von Jane Fonda als Barbarella drauf. , forderte sie mich per Sprechblase auf, das von Henry geerbte Nussknackerkinn grimmig zu einer Art Lächeln verrenkend, ihre Augen so liebevoll wie ein Stück Schmirgelpapier. Ich dachte einen Augenblick darüber nach. Aber den alten Witz mit dem Kasten Bier auf’m Gesicht hatte ich noch nie so wahnsinnig komisch gefunden.

»Irgendwoher kenn’ ich dich, Ollen, weiß ich ganz genau.« Natürlich gab er so schnell nicht auf. Na ja, jetzt rauchten wir schon zusammen, konnte ich auch mit ihm reden.

»Tatsächlich«, sagte ich also und hockte mich auf mein hölzernes Snare-Flightcase mit den typischen Aluleisten und Flügelschrauben. Dachte darüber nach, was aus Jane Asher wohl geworden sein mochte. Guckte auf dem menschenleeren, nassen Platz herum. Zählte sieben Häufchen schmutzig-graue Schneereste. Bewunderte den Dorf-Weihnachtsbaum, ein windschiefes Wrack mit neun elektrischen Kerzen, drei davon kaputt, und einer rot-weißen Stoffgirlande, das zwei Tage nach dem ersten Advent schon aussah, als säßen die Heiligen Drei Könige bereits seit vier Wochen wieder am Strand vom Roten Meer. Und im Stillen verfasste ich einen Leserbrief an den ein geharnischtes Protestschreiben gegen Gustav Schnöken & Sohn, die ihre laut Aushang »mittag bis zwei, abend 17 bis 22 Uhr« geöffnet hatten. Jetzt war es viertel vor zwei, und das schiefe schwarze Rollgitter vor der Eingangstür war bereits unten. Falls es heute überhaupt schon mal oben gewesen war. Auf der anderen Seite des Platzes duckte sich eine dunkelrote Backsteinkirche unter dem bleigrauen flachen Himmel, hinter bunten Fensterchen schien Kerzenlicht zu flackern. Da war jetzt, zur Adventszeit, wohl mehr los als bei Gustav. Aber vielleicht war Gustav ja auch gleichzeitig der Pfarrer der Gemeinde – Seelsorger ist Seelsorger.

»Ich wette, du bist Musiker, ey«, näherte mein neuer Kumpel sich dem Jackpot. Ich starrte auf die Kiste unter mir, den runden Koffer neben mir, mit meinen Becken drin und all den Aufklebern auf dem verschrammten Deckel – und .  …

»Nah dran.« Den Witz hatte er auch schon mal gehört. Er warf seine langen, verfilzten blonden Locken aus dem Gesicht und wieherte.

»Schlagzeuger! Jau, Mann!« Er blies beide Backen auf, schob die Lippen vor und trommelte beidarmig in der Luft herum. »Dudu duduff duduff duffuff …« Irgendwas zwischen und ’nem kleinen Jungen mit ’ner Märklin-Eisenbahn. Aus seiner Kippe sprühten Funken und aus seinem Mund Speichelbläschen zwischen einem Schwall Atemwölkchen. .

Mir war kalt. Ich hatte Hunger. Und Durst. Vor allem Durst. Oder wie Opa Klütsch immer zu sagen pflegte: *… Und der nächste Bus kam laut Fahrplan, soweit man das zwischen all dem -Gekrakel lesen konnte, um halb drei. * knödelte Kevin Johnson in meinem Hinterkopf.

Um es kurz zu fassen: Er ging mir auf die Nerven, bis ich aussteigen musste. Nee, nicht Kevin. Da wusste ich aber dann auch, dass er zwar Klaus-Peter hieß, aber von allen nur Rabotti genannt wurde, weil er seit drei Jahren in zwei Jobs malochte – morgens um sechs ging er bis vier Trecker und Rasenmäher reparieren, und abends von sechs bis halb zehn stand er an einem elektrischen Hobel und verwandelte Schalbretter in Nut-und-Feder, ein Baumaterial für Innenausstattungen, von dem der deutsche Eigenheimbewohner und Gartenlaubenbesitzer nie genug kriegen kann. Ich hatte einen ganzen Packen Fotos von seinen vier Freundinnen gesehen, wusste, dass er sich mit achtzehn beim Bund eine Vorhautverengung mit einer Rasierklinge...



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