E-Book, Deutsch, 508 Seiten
Schwarz Todestrieb
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-95520-500-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 508 Seiten
ISBN: 978-3-95520-500-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Nora Schwarz ist das Pseudonym der erfolgreichen deutschen Autorin Britta Habekost. Sie wurde 1982 in Heilbronn geboren, studierte Germanistik und Kunstgeschichte - und verdiente sich in dieser Zeit ihren Lebensunterhalt als Domina. Über diese Erfahrungen schrieb sie den Bestseller »Lessons in Lack«, dem erotische Erzählungen, aber auch zahlreiche Kriminalromane folgten. Bei dotbooks veröffentlichte Nora Schwarz ihren Kriminalroman »Todestrieb« sowie die erotischen Romane der NYLONS-Serie aus dem dunklen Berlin der Nachkriegszeit, die auch im Sammelband »Dark Temptation - Gefährliches Spiel« erhältlich sind: NYLONS 1: Gewagtes Spiel NYLONS 2: Verbotenes Spiel NYLONS 3: Gefährliches Spiel NYLONS 4: Harte Zeiten NYLONS 5: Mademoiselle hat ein Geheimnis NYLONS 6: Erziehung eines Diebes NYLONS 7: Der Schwan NYLONS 8: Das französische Mädchen Unter Britta Hasler veröffentliche sie bei dotbooks ihre Kriminalromane »Das Sterben der Bilder« und »Bilder des Bösen«, die auch im Sammelband »Die Toten von Wien« erhältlich sind. Unter Britta Habekost erscheinen bei dotbooks die Kriminalromane um ihre Mannheimer Ermittlerin Jelene Bahl: »Ein dunkles Spiel - Der erste Fall« »Eine dunkle Lüge - Der zweite Fall«
Autoren/Hrsg.
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Erster Tag
Ein Tag am Wasser. Eine verlockende Aussicht in einem Sommer, in dem die Luft honigdick über Mannheim hing. Doch dieses Wasser erfrischte nicht. Der Rhein klatschte hier gegen moosig-ölige Mauern, darin wummernde Maschinen wie die Herzwände eines Riesen. Pipelines folgten dem Verlauf der Friesenheimer Straße auf metallenen Stelzen, und im nachgiebigen Teer lagen Schienen, die zu den Fabrikhöfen und Lagerhallen führten.
Der alte Industriehafen auf der Friesenheimer Insel war Niemandsland, in dem lediglich ein paar verstreute Zigarettenautomaten und Kioskbuden auf die Bedürfnisse von Menschen hinwiesen. Eine davon war »Wolle’s Wurstparadies«.
Davor mümmelten Fernfahrer an Brötchen und Zigaretten.
Am Straßenrand stand ein abgekoppelter Anhänger, auf dem ein Kinderkarussell mit verblichenen Farben und ausgehängten Gondeln auf bessere Zeiten wartete. Vom Blickfeld der baufälligen kleinen Lagerhalle aus war es ein surrealistisches Fanal. Ringsum zwischen Holzpaletten, Zementsäcken und einem Betonmischer standen Bauarbeiter, die aussahen, als hätte ihnen jemand die Farbe gleich eimerweise aus dem Gesicht gepumpt. Ein paar von ihnen saugten zitternd an Zigaretten, und eine kleine Gruppe Polizisten huschte lautlos ins Innere der Halle. Mehrere Streifenwagen rollten scheinbar geräuschlos an, jemand spannte ein gestreiftes Band, und es wurde hinter vorgehaltenen Händen wispernd telefoniert. Kurz darauf entlud ein Kleinbus Leute, die im Schatten der Halle weiße Papieranzüge überstreiften.
Fragende alarmierte Blicke bei den Stehtischen am Kiosk.
Dann glitt etwas um die Ecke, leise wie ein Schwan und ebenso weiß. Um im nächsten Moment mit röhrendem Motor und quietschenden Bremsen die unwirkliche Ruhe über dem Geschehen zu brechen, ehe es ruckelnd stehenblieb.
Ein langes, aber kräftiges Bein, umspielt von seltsamen Lichtreflexen stellte sich neben die offene Fahrertür, dann ein zweites, und die dazu gehörigen, hochhackigen Lederpumps brachten den Kies zum Knirschen. Der Oldtimer ächzte ein bisschen, als die Frau aufstand, und sich den knielangen Rock glatt strich. Eng war dieser Rock, und die darunter liegenden Wölbungen rollten sanft im Rhythmus ihrer lauten Schritte, als sie auf die Lagerhalle zulief.
Vielleicht hörte der ein oder andere Fernfahrer auf zu kauen. Möglicherweise wegen dem Anblick des cremeweißen Jaguars zwischen all den mit Reflektoren und Blaulichtern bestückten Wägen.
Aber Tom Krohne glaubte das nicht.
Er strich rasch sein T-Shirt glatt, ehe er der Frau entgegen lief. Was sich da dem abgesperrten Areal vor der Lagerhalle näherte, schien nicht hier her zu gehören, nicht nach Mannheim, nicht in diesen schwitzenden Industriehafen, nicht zwischen die blau uniformierten Männer.
Sie gehörte in einen alten französischen Film, auf ein Art Deco Plakat. Und in einen kleinen Teil seiner Gedanken.
Und ebenso flüchtig rauschte Hanna Mantolf an Krohne vorbei, streifte ihn nur mit einem herben Lächeln. Schade, dass sie sich nicht die Hände gaben, dachte er. Und wozu ihm einen Guten Morgen wünschen? Das hier war kein verdammter guter Morgen, und der Rest des Tages würde nicht wesentlich besser werden. Da hatte Hanna Mantolf jedes Recht, ihm einfach nur ihre burgunderroten, geschlossenen Lippen zu zeigen. Er nickte. Sie alle würden noch früh genug reden müssen. Über schreckliche Dinge.
Krohne drehte sich um und folgte seiner Partnerin durch den bröckeligen Backsteinbogen.
Drinnen zwischen den flüsternden Plastikplanen war es kühl wie am Grund eines Brunnens. Bereits nach den ersten Schritten drang feiner Baustaub in Haare und Lungen und sicher auch zwischen die Maschen von Hanna Mantolfs Feinstrümpfen. Krohne ertappte sich bei diesem Gedanken, als wäre er etwas Verbotenes. Er fragte sich schon seit dem ersten Tag ihrer Zusammenarbeit vor einem halben Jahr, wen Hanna Mantolf mit ihrem Outfit eigentlich quälen wollte. Die Männer draußen an den Stehtischen?
Oder ihn? Im Kollegenkreis galt er als glücklich verheiratet. Einer, der Bilder der Familie auf dem Schreibtisch hatte. Von dem alle wussten, dass seine Maria ein Goldstück war, warmherzig und wunderbar. Irgendetwas an diesem Bild stimmt nicht, dachte Tom Krohne verwirrt. Er dachte das jedes Mal, wenn er Hanna Mantolf hinterher sah.
Die ersten drei Schritte ihrer Pumps auf dem Steinboden waren das Stakkato eines Wortes, das hier nicht hergehörte. Er sah die ersten Staubflocken sich auf ihrem Rock absetzen wie Schnee. Mit langen, geraden Schritten setzte sie ihre Stöckelschuhe über den Parcours der Schildchen, die die Spurensicherung als Schneise abgesteckt hatte. Ihre Schritte hallten wider zwischen den schmutzigen Mauern. Die Leute von der Spurensicherung wirkten mit ihren weißen Ganzkörperanzügen seltsam passend. Wie Astronauten auf einem Wüstenplaneten ohne Luft zum Atmen. In der Mitte der Halle hingen mehrere Planen von der Decke. Hanna Mantolf blieb stehen.
»Ist er da drin?«, fragte sie niemanden bestimmten.
»Wenn ich ihn umgebracht hätt, dann da«, flüsterte Tom Krohne absichtlich dramatisch zurück und erntete einen verständnislosen Blick. Er hatte den Humor der Hauptkommissarin immer noch nicht durchschaut, und die Testballons, die er regelmäßig steigen ließ, sanken allesamt mit durchstochener Hülle auf den Boden zurück.
Insbesondere mit seinem Mannheimer Dialekt schien sie nichts anfangen zu können. Heimlich ärgerte ihn das. Er fand diese Frau so anziehend, so schön. Aber ihr Mundwerk gefiel ihm schon weniger. Zu schriftdeutsch, mit sparsamer Melodie.
Er wusste, dass Hanna Mantolf in Schwetzingen aufgewachsen war, also im Herzstück der Kurpfalz. Aber anscheinend hatten ihre Eltern es für ein Zeichen von Kultiviertheit gehalten, dialektfrei zu sprechen. Dabei lebte Hanna Mantolf nach einigen Jahren im schwäbischen Feindesland nun wieder seit 12 Jahren in Mannheim. Und trotzdem schaute sie ihn und andere Kollegen von der Kripo konsterniert an, wenn er sich von der ganz speziellen kurpfälzer Sprachmelodie davon tragen ließ. Vielleicht denkt sie, dass das einen Bullen unprofessionell wirken lässt, stellte er sich vor. Sie verwendete keine der in der Stadt gängigen Floskeln, und manchmal war Krohne irritiert von dem Gedanken, dass Hanna Mantolf nur noch begehrenswerter wäre, wenn sie dieselbe »Gosch« hätte wie andere Alteingesessene. Aber passte das zu ihrem tiefroten, strengen Mund?
Ein Polizeibeamter, dessen Uniform aussah, als hätte er einen alten Keller ausgemistet, reichte Ihnen eine Plastiktüte, in der ein Personalausweis lag.
»Der Tote ist schon identifiziert?«, fragte Hanna Mantolf, fasste die Tüte aber nicht an. Der Beamte räusperte sich. »Neben ihm lagen seine Kleider. Darin haben wir den hier gefunden.«
»Sven Borke …«, las Krohne mit zusammen gekniffenen Augen vor. Das Bild des Mannes ließ auf ein energisches Gesicht mit großen Augen schließen. Er versuchte dieses sachliche, biometrische Portrait mit dem vornüber gebeugten Gesicht am T-Träger in Einklang zu bringen. Es war ein absurdes Gedankenspiel, das ihn innerlich schaudern ließ.
»Jahrgang 1964. Der Name kommt mir irgendwie bekannt vor.« Er reichte ihr die Beweismitteltüte, aber Hanna ignorierte ihn.
»Der Name wird gerade überprüft. Möchten Sie …?« Der junge, staubige Mann wies auf die herabhängenden Plastikfolien, hinter denen sich die Schatten bewegten. Als lade er sie ein, sich auf einem Jahrmarkt eine besonders geheimnisvolle Attraktion anzuschauen, hob er die Plane, und Krohne und Mantolf betraten den Tatort.
Im Innern herrschte ein seltsames Eisschranklicht. Das passte auch zu dem blutigen, im buchstäblichen Sinne gut abgehangenen Stück Rot, das in der Mitte leuchtete.
Zuerst erkannte Tom Krohne nicht genau, was sie da vor sich hatten. Er blinzelte. Vielleicht war seine Netzhaut ebenfalls mit Baustaub überzogen. Doch dann sagte eine Stimme aus dem Nichts: »Es erinnert an ein Gemälde von Francis Bacon, findet ihr nicht? Fleischfarbene Wirbel mit blutroten Spritzern. Ich frage mich, ob der gute Francis seinen schreienden Päpsten auch gerne die Kehle durchgeschnitten hätte.«
Hanna Mantolf neben ihm holte tief Luft. Vorsichtig trat er näher. Der Mann war stehend an einen T-Träger gefesselt und hatte sich im Verlauf seines Martyriums so dagegen gestemmt, dass die Schultern wie ausgekugelt aussahen. Die Knie waren nach innen eingeknickt. Er war nach vorne gesunken, und unter dem dichten schwarzen Haar verlief eine Augenbinde, als wollte jemand der Leiche den eigenen, Anblick ersparen. Krohne gönnte sich – ganz ohne schlechtes Gewissen – einen Blick auf die schimmernden Lichtreflexe in Mantolfs Strumpfhose, was ihn seltsamerweise beruhigte. Wann hatte die Sonne diesen Teil ihrer Strahlen darin verloren und nicht wieder zurück gefordert?
»Was … was sind das für Spuren auf seiner Haut?«, fragte sie, noch immer gebannt von dem erschütternden Anblick, und die Stimme sagte: »Sieht aus wie Striemen. Oder Schnitte.« Neben dem T-Träger lag ein Häuflein mit Kleidern, die Schuhe standen ordentlich daneben. Und dort trat nun Benno Hader hervor, der sich selbst scherzhaft Dr. Hades nannte. Er trug trotz der Hitze einen grauen Anzug und einen Hut. Dieses Outfit eines 50er Jahre Gangsters endete im Baustaub mit einem Paar hellroter Sneaker. Seine Stimme füllte den Raum mit hallenden Echos.
»Massiver Blutverlust. Die Kehle wurde durchtrennt, aber von jemandem, der das zum ersten Mal gemacht hat. Sehr dilettantisch, das Ganze.«
Er sagte das leichthin. Wenn Tom Krohne dem Pathologen begegnete, erinnerte er ihn immer ein klein wenig an einen Studenten im 5. Semester, der sich noch über die besonders...




