Sebauer | Nincshof | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Sebauer Nincshof

Ausgezeichnet mit dem Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals 2023
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8321-6075-3
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ausgezeichnet mit dem Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals 2023

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-8321-6075-3
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nincshof, ein kleines Dorf an der österreichisch-ungarischen Grenze, soll vergessen werden. So der Plan dreier Männer, die sich »die Oblivisten« nennen und rauswollen aus der hektischen Zeit. Wenn niemand mehr von ihnen weiß, können sie und das ganze Dorf in Freiheit und Ruhe leben. Laut Legende ist das in Nincshof schon einmal so gewesen. Ausgerechnet die alte Erna Rohdiebl soll dabei helfen, dass dieses Vorhaben gelingt, denn die drei Männer glauben, dass die alte Frau die Freiheit im Blut hat und daher genau die Richtige für ihre Bewegung ist. Erna Rohdiebl wiederum hat in ihrem langen Leben selten Dümmeres als die Idee zu verschwinden gehört, aber ihre Neugierde siegt. Abend für Abend poltern die Oblivisten an ihre Eckbank und plotten bei Speckbroten und Pusztafeigenschnaps ihr Verschwinden. Straßenschilder werden abmontiert, wichtige Feierlichkeiten abgesagt, lästige Fahrradtouristen vergrault. Alles scheint nach Plan zu verlaufen. Wenn da nicht die Neuen aus der Stadt wären. Ein turbulenter Sommer nimmt seinen Lauf!

JOHANNA SEBAUER, 1988 in Wien geboren. Ihr erster Roman >Nincshof< wurde mit dem Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals 2023 ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für das Hamburger Buch des Jahres 2023. Beim Bachmann-Wettbewerb 2024 erhielt ihre Erzählung >Das Gurkerl< den 3sat-Preis sowie den Publikumspreis. Nach vielen Jahren in Hamburg lebt sie wieder in einem kleinen Dorf nahe der österreichisch-ungarischen Grenze.
Sebauer Nincshof jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1

Es war also der erste Tag im Juni, als die Geschichte begann, und wie so oft trübte die Mystik des Beginns zunächst allen von ihm Betroffenen jegliche Vorahnung. Im kleinen Garten hinter dem Haus in der Urbarialgasse Nummer fünf saß Erna Rohdiebl unbeirrt, kratzte mit der Messerspitze Reste der Pusztafeigenmarmelade unter ihrem Fingernagel hervor und dachte, ein wenig reumütig, an Frau Dr.Waratny.

»So eine Diabetesdiagnose, Frau Rohdiebl«, hatte sie beim letzten Mal zu ihr gesagt, »so eine Diabetesdiagnose ist schnell gestellt.«

Und Erna Rohdiebl hatte nichts zurückgesagt, denn was sollte man schon zurücksagen, wenn einem die Hausärztin so etwas hinklatschte? Wenn sie einen ansah über den Goldrand ihrer Brille, vorwurfsvoll und fast ein wenig enttäuscht? Erna Rohdiebl hatte geschwiegen, genickt und sich von diesem Satz, achtlos aus dem Mundwinkel herausgeplätschert, den schuldfreien Frühstücksgenuss bis auf Weiteres verwehren lassen. Es war nicht so, als hätte Erna Rohdiebl danach nichts Diabetesrisikominderndes unternommen. Zunächst hatte sie die Marmelade einfach weggelassen, hatte, draufgängerisch enthaltsam, die ledige Semmel gegessen, nur mit Butter, nackt und traurig. Hatte frischen Beeren dabei zugesehen, wie sie rote Streifen zogen, als sie sie ins Naturjoghurt rührte, hatte Haferflocken zu einer schleimigen Paste verkocht und dabei angewidert geschluckt, in Erinnerung an jenen Brei aus Essensresten, den Großmutter Martha damals den Säuen in die Tröge gekippt hatte. Hatte sogar das Mandelmus, das Tochter Marianne unter größten Lobgesängen aufgetischt hatte, probiert. Ein Wagnis, das damit geendet hatte, dass Erna Rohdiebl noch am selben Tag in das gleißende Rundlicht über dem Zahnarztsessel blinzeln musste, während man ihre im Mandelmus stecken gebliebene Krone wieder befestigte. Aber es war nicht viel auszurichten, wenn der eigene Körper diese Angewohnheit langsam zur Gewohnheit und dann, über viele Jahrzehnte, gar zu einer Bedingung festgeklopft hatte, unter der allein er bereit war, den Rest des Tages in Angriff zu nehmen. Erna Rohdiebl seufzte. Die Marmelade glitzerte feucht in der Morgensonne.

Es war der erste Tag im Juni, und er versprach, ein schöner zu werden. Trotz seiner Jungfräulichkeit war er unverschämt warm. Ein müder Wind, vom See kommend, trug den Geruch von Schlamm nach Nincshof. Im Nussbaum zirpte eine Blaumeise. Über dem bescheidenen Stück Wiese im Garten schaukelten zwei Schmetterlinge. Wer in den außerordentlichen Genuss kam, den Juni in Nincshof zu erleben, den hatte jemand mit ganz besonderem Glück bedacht. Die Luft wurde um diese Jahreszeit warm und jeden Tag schwerer mit Düften von Robinie, Pfingstrose, Lavendel, dem Surren von Grillen, Maikäfern, Hummeln und dem Übermut der Singvögel allesamt. Und als hätten sie sich still dazu verabredet, plusterten sich Sträucher weiter auf und weiter auf, reckten die Bäume ihre Kronen noch ein wenig und noch ein wenig höher, stolz wie Schauspieler, bereit für ihr wichtigstes Stück.

Erna Rohdiebl schob die Messerspitze mit der abgekratzten Marmelade zwischen ihre Lippen. Auf der anderen Seite des Hauses quietschte das Gartentor.

»Erna!«, ertönte eine schrille Stimme.

Kein Zweifel, wer da gerufen hatte. Um den gesamten Neusiedler See, wahrscheinlich gar bis weit hinter die ungarische Grenze, gab es eine solche Stimme kein zweites Mal. Sie fuhr, wenn sie Erna Rohdiebl unvorbereitet traf, durch den ganzen Körper bis hinauf in den linken Backenzahn, wo seit dem Malheur mit dem Mandelmus ein Schmerz schlummerte, den nur diese Stimme aufzuwecken verstand.

Frederika Liebzipfel wohnte ein paar Häuser weiter und war, da auch sie bereits früh ihren Mann verloren hatte, seit gut einem Jahrzehnt Erna Rohdiebls Begleitung, wenn es ans Gießen auf dem Friedhof ging. In Erna Rohdiebls Garten kam sie nun, gefolgt von deren Nachbarin Armina Karnelli. Die beiden Damen hatten lange Tücher um ihre Hüften gewickelt. Bunte Badeanzüge spannten über ihren runden Bäuchen und üppigen Busen. Frederika Liebzipfel trug einen Strohhut. Armina Karnelli baumelte eine große Badetasche von der linken Schulter, unter ihrem rechten Arm klemmten zwei Schwimmnudeln.

»Bist du noch gar nicht fertig?«, fragte Frederika Liebzipfel und stemmte die Fäuste in die Hüften.

»Fertig wofür?«, fragte Erna Rohdiebl und drückte sich langsam aus ihrem Gartenstuhl.

»Wofür?« Frederika Liebzipfel schnaufte belustigt. »Die Fetzi hat ihren Pool endlich eingelassen. Wir gehen ihn einweihen.«

An ihrem linken Ohrläppchen erkannte Erna Rohdiebl etwas, das sie als Reste von hastig verschmierter Sonnencreme identifizierte. Zu diesem Ereignis, auf das sich die beiden Damen augenscheinlich mit sehr viel Sorgfalt vorbereitet hatten, hatte Erna Rohdiebl keine Einladung erhalten.

Den Witz am Kuchenbuffet beim letzten Feuerwehrfest über die vermeintliche Fertigbackmischung in Fetzi Erlangers Zwetschkenkuchen hatte diese anscheinend noch nicht verdaut. Eine beiläufig dahingesagte, augenzwinkernde Bemerkung war das damals gewesen, ein Lob im Grunde, das aber an ihr abgeprallt und direkt in den falschen Hals gezischt war. Erna Rohdiebl war nicht mehr dazu gekommen, dieses Missverständnis aufzuklären. So sehr hatte sich Fetzi Erlanger festgefahren in ihrer Kränkung. Seit diesem Vorfall war das Verhältnis zwischen den beiden Damen abgekühlt. Sie grüßten zwar, wenn sie einander auf der Straße trafen, wechselten aber keine weiteren Worte und gingen unbeirrt ihre Wege. Missverständnisse waren schwierig zu navigierende Gewässer in einem Dorf wie Nincshof, in dem alle der paar Hundert Einwohner einander kannten. Eine Flamme der Eifersucht loderte in Erna Rohdiebl empor, aber nur eine kleine.

»Nein, ich komm nicht mit! Ich hab’s doch nicht so mit dem Chlorwasser.«

Eine Lüge, aber nur eine kleine.

»Außerdem muss ich noch so viel im Garten machen.«

Frederika Liebzipfel und Armina Karnelli sahen sich im Garten um. Auch Lügen waren schwierig zu navigierende Gewässer in einem Dorf wie Nincshof. Allein der Anstand gebot es den Damen an dieser Stelle, glücklicherweise, von weiteren Überredungsversuchen abzusehen.

»Also dann, Erna. Mach’s gut«, sagten sie und gingen Richtung Gartentür. Ihre runden Hintern schwangen unter den bunten Tüchern hin und her.

Erna Rohdiebl ließ sich wieder in ihren Plastikgartenstuhl sinken. Sie biss in ihre Marmeladensemmel und strich über das Blumenmuster der Wachstischdecke. Neben ihrem Teller war eine Ameise in einem Marmeladenklecks kleben geblieben und ruderte mit ihren Beinchen verzweifelt in der Luft herum. Erna Rohdiebl beobachtete sie kauend und sortierte ihre Gefühle. Es war der erste Tag im Juni, und der Sommer bekam eine Richtung.

In Nincshof hatten viele Grundstücke zwei Zugänge. Einen offiziellen nach vorne auf jene Straße, die im Grundbuch als Adresse eingetragen war – es war der hübsche Eingang mit einladender Fassade und Blumenkästen –, und einen zweiten Zugang auf einer weiteren Straße, am hinteren Ende des Grundstückes. Dort wurden durch Scheunentore, groß wie Tunneleinfahrten, einst Traktoren, Mähdrescher und Pferdeanhänger gerollt. Obwohl diese Zufahrtsgassen angeblich offizielle Namen hatten, sah keiner je die Notwendigkeit, sie zu benutzen. Stattdessen nannten die Anwohner diese kahlen, weil zweckdienlichen Gassen bloß Hintaus. Und da in Nincshof jeder den anderen kannte und jeder wusste, wo der andere wohnte, war auch immer klar, welche Hintausgasse jeweils gemeint war, wenn einer davon sprach. Die riesigen Traktoreinfahrten waren über die Jahre in manchen Hintausgassen weniger geworden und grünem Maschendraht, Thujenhecken und Garagentoren gewichen.

Auch auf dem Grundstück der Fetzi Erlanger war dies so, vor dem Erna Rohdiebl nun stand, zwei Tage nachdem Frederika Liebzipfel und Armina Karnelli in Badeaufmachung in ihren Garten gekommen waren. Auf dem Weg zur Bäckerei Hagenrieder hatte sie just entschieden, einen Umweg zu nehmen, einen kleinen bloß. Warum denn auch nicht? War doch der Tag so schön! War doch die Luft so klar! Hatte doch außerdem die Frau Dr.Waratny etwas von Bewegung gesagt, die guttäte, wegen des Cholesterins und der verkalkten Gefäße. Zwei Kreuzungen, zweimal abbiegen, und nun, tja, stand sie hier und schielte vorsichtig durch die Thujenzweige. Als hätte er es so gewollt, der Zufall. Dieser ewige Schelm.

Babyblau schimmerte er in der morgendlichen Sonne. Er war riesig. Den Anhänger vom Weinbauern, den großen grünen mit der elektrischen Kippfunktion, hätte man darin zur Gänze versenken können. Erna Rohdiebl trat näher und schob ein paar Äste zur Seite. An einer Seite ein Sprungbrett, an der anderen, eine dunkelblaue Rolle, mit der Poolabdeckfolie. Ein akkurat getrimmter Rasen rundherum wie ein Spannteppich. Sie steckte mit beiden Armen bis zur Schulter in der Hecke, ihr weicher Bauch quoll durch den Maschendrahtzaun. War das die Möglichkeit? Mitten in Nincshof! Das Gurgeln eines Motors riss sie schließlich aus ihrer Andacht. Ein Auto bog in einiger Entfernung in die Hintausgasse ein. Ruckartig zog sie ihren Kopf aus dem Strauch, zupfte sich Grün und Geäst aus den dünnen Haaren und setzte ihren Umweg fort.

Mit einer aufregenden Mischung aus Kühnheit und Scham verließ Erna Rohdiebl die Hintausgasse, in die es sie so zufällig verschlagen hatte. Die Gedanken flirrten durch ihren Kopf. Beinahe wäre sie dem Postbus, der zweimal täglich aus der Hauptstadt kam, vor die Räder gelaufen, hätte dieser nicht mit einem lauten Hupen auf sich aufmerksam gemacht. Wie ferngesteuert schlug sie den Weg zum Friedhof ein. Wie ferngesteuert stemmte sie sich...


Sebauer, Johanna
JOHANNA SEBAUER, 1988 in Wien geboren. Ihr erster Roman ›Nincshof‹ wurde mit dem Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals 2023 ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für das Hamburger Buch des Jahres 2023. Beim Bachmann-Wettbewerb 2024 erhielt ihre Erzählung ›Das Gurkerl‹ den 3sat-Preis sowie den Publikumspreis. Nach vielen Jahren in Hamburg lebt sie wieder in einem kleinen Dorf nahe der österreichisch-ungarischen Grenze.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.