E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Seibert Das letzte Aufgebot
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96129-488-6
Verlag: KARIBU
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-96129-488-6
Verlag: KARIBU
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Moritz Seibert wurde 1967 geboren und hat an der Filmakademie Baden-Württemberg Filmregie und Drehbuch studiert, hat als Autor und Regisseur verschiedene Filme, Fernsehspiele und Theaterstücke geschrieben und inszeniert. Er ist Intendant das Jungen Theater Bonn, das unter seiner Leitung das bestbesuchte Theater für junges Publikum in Deutschland wurde. 'Das letzte Aufgebot' ist sein Debüt als Romanautor.
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2.
Auf dem Weg zu den Feldern mache ich einen kleinen Umweg am Postamt vorbei, um zu hören, ob vielleicht ein Brief von Vater gekommen ist. Und um meinen besten Freund Franz abzuholen. Herr Gause, sein Vater, ist der einzige Postbeamte hier im Ort, deshalb wohnen sie in der Dienstwohnung über dem Amt. Franz wartet schon vor der Tür auf mich.
»Nichts für euch dabei. Tut mir leid«, ruft er mir zur Begrüßung entgegen, erhebt sich und hält mir seine Hand hin. »Herzlichen Glückwunsch, Jakob!«, sagt er dann und schlägt mir aufmunternd auf die Schulter.
Dann gehen wir schweigend zu den Kartoffelfeldern des Bauern Bäumler. Der Bäumler hat den größten Hof hier im Ort und braucht jetzt jeden Tag Erntehelfer. Seine Knechte sind längst von der Wehrmacht eingezogen worden und kämpfen an der Front für Führer und Vaterland. Das ist gut für uns, denn so gibt es mehr Arbeit. Von zehn Kartoffeln, die wir in dem knochentrockenen Ackerboden bei der Nachernte noch finden, dürfen wir zwei behalten, das ist unser Lohn. Es ist nicht viel, aber es ist besser als nichts. Unsere eigenen Felder sind längst abgeerntet. Der Ertrag war mies dieses Jahr und wird uns nicht über den Winter reichen.
Eigentlich mag ich die Arbeit auf den Feldern. Meine kräftigen Hände reißen die verkrustete Erde wie von selbst auf und tasten darin nach den Kartoffeln, die bei der eigentlichen Ernte übersehen worden sind. Aber seit ein paar Tagen ist es einfach zu heiß. Als wir um kurz vor acht mit der Arbeit beginnen, brennt die Sonne schon unbarmherzig auf uns nieder. Seit Wochen ist kein Tropfen Regen mehr gefallen. Die Luft ist so staubig, dass das Atmen manchmal wehtut, und selbst im Schatten ist es so heiß, dass man schon beim Nichtstun schwitzt. Aber hier auf dem Feld gibt es keinen Schatten. Der graubraune Staub der ausgetrockneten Äcker legt sich sofort auf meine Haut, bis er hier und da von einem Rinnsal aus Schweiß wieder weggewaschen wird.
»Du siehst aus wie ein Zebra«, hatte Maria vor ein paar Wochen grinsend zu mir gesagt, als sie mich beim Salatpflanzen auf dem Feld besucht hat. Da war es auch schon so heiß, und wir waren noch nicht so richtig zusammen. Ich wusste damals noch nicht, was genau ein Zebra ist. Maria weiß viel mehr als ich, aber sie lässt mich das nie spüren. Sie kommt aus der Stadt und lebt erst seit zwei Jahren hier im Dorf, seit ihre Eltern gestorben sind und ihr Onkel sie bei sich aufgenommen hat.
»Wie ein Zebra?«, habe ich sie verwundert gefragt.
»Weil du so viele Streifen hast.«
»Ach so, klar«, habe ich lachend geantwortet und dabei gehofft, dass sie nicht merkt, dass ich nicht die leiseste Ahnung hatte, wovon sie spricht.
Die Wehrmacht hat ihre Panzer alle nach Wildtieren benannt. Selbst hier im Dorf weiß daher jedes Kind, was ein Panther, ein Leopard oder ein Königstiger ist. Einen Panzer namens Zebra gibt es bisher leider nicht, weswegen dieses Tier vielleicht im Naturkundeunterricht in der Volksschule etwas zu kurz gekommen war, jedenfalls hier bei uns. Maria schien Zebras zu mögen, jedenfalls klang es nicht abfällig. Mit ihrem Zeigefinger zeichnete sie spöttisch lächelnd einen der Streifen auf meiner Haut nach. Von der kleinen Kuhle unter meinem Kehlkopf hatte sich ein großer Tropfen Schweiß seinen Weg durch den Staub auf meiner Brust und meinem Bauch gebahnt, bis er vom Bund meiner Hose aufgesogen worden war. Marias Finger folgte dem Weg des Tröpfchens, ganz zart und unendlich langsam, folgte jedem seiner Umwege, und ich war heilfroh gewesen, dass es so heiß war und dass ich so sehr schwitzte, dass ich diesen Zebra-Streifen hatte, was auch immer das für ein Tier sein mochte.
An diesem Tag hat Maria mir dann von einer Reise erzählt, die sie vor langer Zeit mit ihren Eltern gemacht hat, nach Hamburg. Ich bin bisher nur einmal in einer Stadt gewesen, in Düren. Vater wollte einen neuen Pflug kaufen und hat mich mitgenommen. Der Weg dorthin kam mir vor wie eine Weltreise. Aber Hamburg? Das war einfach unvorstellbar. Unvorstellbar weit weg, unvorstellbar reich und groß. Dort gab es Kaufhäuser und Theater, feine Hotels und einen Tierpark, und in diesem Tierpark gab es auch Zebras, und dort war Maria mit ihren Eltern gewesen, als sie noch klein war. Und jetzt ist diese Stadt völlig verwüstet von den feigen Bombenangriffen der Amerikaner und der Engländer.
Aber das hätte ich besser nicht gesagt. Vom einen auf den anderen Moment war Maria wie ausgewechselt, traurig, verschlossen, wie eingefroren. Vielleicht hatte ich irgendwas Dummes gesagt. Vielleicht war es auch nur die Erinnerung an ihre Eltern. Sie schien nicht verärgert, nur plötzlich so furchtbar traurig zu sein, und ich hatte keine Ahnung, was ich sagen oder tun könnte, um sie wieder aufzuheitern.
Maria war dann bald gegangen. Meine Hände haben weiter wie von selbst Löcher in die Erde gerissen und die kleinen Setzlinge hineingepflanzt, während ich über Maria nachdachte, über alles, was sie mir erzählt hatte, und woher sie so viel weiß, warum sie oft so fröhlich war und im nächsten Moment so furchtbar traurig wurde, wie gerade eben. Und was ich vielleicht dagegen tun könnte.
Und ich fragte mich, ob sie ahnt, wie sehr es mir gefallen hat, wie ihr Zeigefinger über meine Haut gewandert ist. Und wie gern ich diese Berührung erwidert hätte. Und warum ich mich das nicht getraut habe. Das war das Schöne an der Arbeit auf dem Feld: Ich konnte den ganzen Tag über diese Dinge nachdenken, und manchmal, seit diesem Tag vor etwa acht Wochen eigentlich fast jeden Tag, kam irgendwann Maria vorbei.
Franz hockt nur ein paar Meter von mir entfernt auf dem Feld und gräbt nach Kartoffeln. Es gab heute früh nicht genug Körbe für alle Helfer, also teilen wir uns einen. Wer wie viele Kartoffeln findet, spielt keine Rolle zwischen uns. Den Lohn werden wir uns heute Abend teilen, so wie wir eigentlich immer alles geteilt haben. Nur meine Liebe zu Maria kann ich nicht mit ihm teilen. Er hat sie nie besonders gemocht, und seit ich mit ihr zusammen bin, mag er sie noch weniger. Jedenfalls kommt mir das so vor. »Deine Geliebte« nennt er sie seitdem, und es klingt immer irgendwie abfällig.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Franz plötzlich die Arbeit unterbricht und einer Kartoffel ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit schenkt, bevor er sie in der Tasche seiner Hose verschwinden lässt, anstatt sie zu den anderen in unseren Korb zu werfen. Neugierig stehe ich auf und gehe zu ihm.
»Rück die sofort wieder raus!«, rufe ich ihm streng zu. Franz erschrickt und starrt panisch zu mir hoch, als hätte ich ihn bei was Unsittlichem erwischt. »Die Kartoffel! Rück sie schon raus.«
Franz zögert noch einen Moment, dann ergibt er sich, zieht die Kartoffel wieder aus der Tasche und hält sie mir seufzend entgegen. Ihre Form erinnert entfernt an ein Herz. Jetzt ist mir alles klar.
»Für Gerti?«, frage ich ihn grinsend. Franz nickt zerknirscht.
Gerti ist die Tochter unseres Bürgermeisters und die Cousine von Maria. Seit ich mit Maria zusammen bin, lässt Franz nichts unversucht, um Gertis Gunst für sich zu gewinnen. Er ist ein paar Monate älter als ich, und dass ich schon eine Freundin habe und er noch nicht, das passt ihm überhaupt nicht.
»Die Gerti nimmt dich eh nicht. Und sicher nicht für ’ne Kartoffel!«, rufe ich ihm lachend zu. Aber Franz ist die Sache sehr ernst.
»Meinst du?«, fragt er mich besorgt.
»Die Gerti hat Ansprüche. Mit ’ner Kartoffel brauchst du der gar nicht erst kommen.« Ich gebe mir wirklich große Mühe, es wie einen Spaß klingen zu lassen. Tatsächlich weiß jeder hier im Dorf, dass Franz niemals bei Gerti zum Zuge kommen wird. Aber er hat sich da ziemlich hineingesteigert, und sehr viel Auswahl bietet die weibliche Bevölkerung unseres Ortes ihm auch nicht. Ich nehme ihm die Kartoffel ab, lege sie in den Korb und will mich wieder an die Arbeit machen.
»Du, Jakob«, ruft Franz mir nach, »meine Mutter hat noch eine Mettwurst im Räucherschrank!« Seine Augen strahlen vor Hoffnung und Zuversicht, und ich hasse mich dafür, dass ich ihm die nehmen muss. Aber es hilft ja nichts.
»Eine Mettwurst? Bist du irre?«, frage ich ihn also.
»Wieso denn? Die ist saulecker!« Franz meint es wirklich ernst.
Ich habe Mühe, mir das Lachen zu verkneifen, während ich mir vorstelle, wie mein bester Freund, liebestoll, wie er nun mal ist, ausgerechnet mit einer Mettwurst um Gertis Gunst buhlen will.
»Ja, du hast gut lachen!«, mault Franz, »du hast ja die Maria! Du hast deine große Liebe gefunden. Und sie liebt dich scheinbar auch. Wie hast du sie nur dazu gebracht?«
Das habe ich mich auch schon gelegentlich gefragt, bin aber bisher noch zu keinem Ergebnis gekommen. »Also ganz bestimmt nicht mit einer Mettwurst«, antworte ich lachend, und das ist immerhin nicht gelogen.
Wie habe ich sie nur dazu gebracht? Ganz ehrlich, ich weiß nicht, warum sie sich unter all den Jungen in unserem Dorf ausgerechnet in mich verliebt hat, in den Jungen vom ärmsten aller Höfe hier, in den Jungen ohne Schuhe, in den Jungen, der bis vor Kurzem nicht mal wusste, was ein Zebra ist.
Ein paar Tage nach der Geschichte mit dem Zebra hatte es sich ergeben, dass Maria und ich am frühen Abend nach der Arbeit allein auf dem Feld übrig blieben und dann zusammen den Weg zurück zum Dorf gegangen sind. Es duftete herrlich nach Bärwurz, der gerade zu blühen begonnen hatte. Wir ließen uns Zeit und gingen einen kleinen Umweg und sprachen über dies und das, und es begann schon zu dämmern, als wir plötzlich das Surren von Flugzeugmotoren hörten, das schnell lauter wurde. Hoch oben am Himmel sahen wir...




