Shree | Weißer Hibiskus | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 88 Seiten

Shree Weißer Hibiskus

Erzählungen
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30880-0
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzählungen

E-Book, Deutsch, 88 Seiten

ISBN: 978-3-293-30880-0
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Geetanjali Shrees Erzählungen handeln von Familien- und Beziehungsstrukturen, von sozialen und religiösen Konflikten ebenso wie vom Übergang aus der Tradition in die Moderne. Dabei erzeugt die Schriftstellerin Stimmungen, in denen sich Gefühle, Phantasien und Erinnerungen entwickeln können. Mit großer Präzision gelingen ihr so eindringliche Geschichten über die Vielschichtigkeit menschlichen Verhaltens. Diese Anthologie versammelt fünf Erzählungen einer der bedeutendsten Autorinnen der Hindi-Gegenwartsliteratur.

Geetanjali Shree (eigentlich Geetanjali Pandey), geboren 1957 in Mainpuri, Indien, studierte neuere indische Geschichte. Zunächst begann sie eine akademische Karriere als Historikerin und Sozialwissenschaftlerin, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Ihr Autorenname Geetanjali Shree, unter dem sie ihre auf Hindi verfassten literarischen Texte publiziert, setzt sich aus ihrem eigenen Vornamen und dem Vornamen ihrer Mutter zusammen. 2022 wurde sie mit dem Booker International Prize ausgezeichnet. Sie lebt in Neu-Delhi.
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Flügel


Ich hatte sie nicht angestarrt. Mein Blick war nur an ihnen vorbeigezogen. Wie die schwarzen Wolken am Himmel. Vor dem Fenster wiegten sich die Neembäume, Bambusse und Palmen in Erwartung des Regens im Wind. Auf der Suche nach Zuflucht drängten sich Vogelschwärme zwischen die Wolken. Wohl Krähen. Oder Tauben. Ich überlegte, welche der beiden Arten abstoßender war und ob es in unserer Stadt eigentlich noch andere Vögel gab.

Aber diese Gedanken bekümmerten mich nicht. Denn eigentlich hatte ich die Bäume betrachtet, die sich auf ein ausgelassenes Spiel im Regen vorbereiteten.

Und ich hatte sie wirklich nicht angestarrt. Ziellos waren meine Blicke umhergeschweift, durch das Fenster des Restaurants, in das wir täglich für ein kurzes Mittagessen kamen, bevor wir, Ameisen gleich, in die unermesslichen Bauten unserer Büros zurückkehrten. Aber wie Kinder das Statue-Spiel spielen und, sobald die anderen »Statue« rufen, in einer unsinnigen Pose einfrieren, so gefroren auch meine schweifenden Blicke, sobald Ravi rief: »Was starrst du denn so?«

Dort, vor der Fensterfront, saß ein Liebespaar, eingerahmt von den grünen Bäumen, die sich draußen im Wind wiegten. Die Haut des Mädchens war weiß wie Schnee, sie kam sicher aus Nordindien. Der Junge, der vor Hitze und Leidenschaft glühte, war offenkundig aus dem Süden. Er sprach gerade, streckte dabei seine Füße unter dem Tisch aus und stieß gegen etwas – ihre Füße, wie er wohl dachte, denn er zog eilig die Beine zurück. ›Sorry‹, las ich von seinen Lippen. Doch das Mädchen blickte nur gedankenverloren vor sich hin. Der Junge warf einen kurzen Blick unter den Tisch, wo sein Fuß gegen eine Falte im Teppich gestoßen war. Er lächelte.

Der Teppich war grün. Die Bluse des Mädchens auch. Mit halblangen Ärmeln. Ich wandte meine Augen von all diesem Grün ab und suchte Rettung auf der Tischplatte vor mir, auf der, wie ich bemerken musste, eine grüne Tischdecke lag.

»Starr doch fremde Leute nicht so an!«, rief Ravi meine Blicke, die wieder umher geschweift waren, zurück. Als ob er sagen wollte: ›Wie lange willst du mir noch ausweichen? Beantworte endlich meine Frage!‹

»Sie sind nicht fremd«, sagte ich. Als ob ich sagen wollte: ›Lass mich noch ein wenig nachdenken.‹

Das war keine Lüge. Ich wünschte, dass sie keine Fremden wären.

Jetzt starrte ich ganz unverhohlen zu dem Paar hinüber. Zu den zwei Menschen, die sich dort am Tisch gegenüber saßen. Der Junge schien etwas zu erklären. Sein Blick war gesenkt, und er hielt sich am Tisch fest, als ob dieser ihn beruhigte, ihn davor bewahrte, seine schwindende Beherrschung gänzlich zu verlieren.

Das Mädchen blickte manchmal auf den Tisch, manchmal zu den Bäumen. Ihr Gesicht verschwand immer wieder hinter ihrem offenen Haar.

Plötzlich blickte der Junge auf und sah sie an. Als vermutete er, dass sie ihn die ganze Zeit über unentwegt angestarrt hätte. Aber die Augen des Mädchens schweiften umher, hierhin und dorthin. Da lächelte der Junge, vielleicht über sein eitles Missverständnis, und schöpfte aus seiner Dummheit den Mut, sie weiter unverwandt anzublicken. Als wollte er sagen: ›Hör mal, du gefällst mir sehr. Aber das ist gar nicht gut. Denn jetzt habe ich Angst vor dir.‹

›Muss man denn Angst vor jemandem haben, der einem gefällt?‹, würde das Mädchen dann vielleicht fragen. Wenn nur ihre Blicke, die hier und dort und überall waren, kurz in ihrem Tanz innehielten.

›Ich weiß nicht, wo das enden soll. Und wie.‹

›Lass es doch erst einmal anfangen‹, könnte sie dann keck entgegnen.

Wenn der Junge doch nur noch etwas sagen würde!

Er starrte sie an. Das Mädchen fühlte es und erwiderte schüchtern seinen Blick. Und als würden auch sie das Statue-Spiel spielen, erstarrten ihre Augen so, in dieser Position. Sie hatten einander in Statuen verwandelt und starrten sich an. Das Mädchen streckte ihre Hand über den Tisch. Der Junge nahm sie und legte sie um ein Saftglas.

›Starr nicht so‹, dachte ich, und bevor Ravi wieder etwas sagen konnte, wandte ich meine Augen ab, bohrte sie in den Tisch, der zwischen ihnen stand, bis die Augen sich mit Wasser füllten und der Tisch wie ein Boot zu schaukeln begann.

›Das ist Zauberei‹, sagte der Junge.

‚In dem Tisch?‹, neckte ihn das Mädchen. Dann schwiegen sie wieder. Saßen dort und wiegten sich in den Augen des anderen. Weiter nichts.

Der Junge sagte nicht: ›Seit du hinter dem Bus hergerannt bist und deine Sandale beim Einsteigen verloren hast, denke ich nur noch an dich. Das sind 24, mindestens 23 Stunden!‹

›Das kann nicht sein. Du lügst!‹, widersprach das Mädchen nicht.

›Okay, ich hab gelogen. Ich denke nicht seit 23, sondern seit 24 Stunden nur noch an dich!‹, beharrte der Junge nicht auf seinen Worten. Aber bestimmt waren es ähnlich dumme Dialoge, die über den Tisch zwischen ihnen hin- und herflogen.

Auf einer Tischseite klopfte der Junge mit seinen langen, schönen Fingern auf die Speisekarte. Von der anderen Seite streckte das Mädchen ihren kräftigen, weichen Arm aus und zeigte auf ein Gericht.

›Deine Finger sind schön.‹

›Und dein Arm.‹

Aber der Junge sagte nur: »Das?« Das Mädchen nickte zustimmend.

Der Kellner sah auch zu ihrem Tisch hinüber. Die Faszination, die nur die erste Verabredung mit sich bringt, schwebte dort in der Luft. Rings um die beiden waren Menschen, doch niemand konnte in ihre Welt eindringen.

»Sir«, ein Kellner eilte auf Ravis Zeichen hin herbei. Schnell konzentrierte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf unseren Tisch. Auf dem jetzt dieselben altbekannten, täglich wiederkehrenden Gerichte standen. Auf der ins Braune abgleitenden grünen Tischdecke, grün die Teller, Ravis Chola-Bhatura, mein Masala Dosa, triefendes Öl. Von der Tischdecke stieg, kaum merkbar, der Geruch von altem Fett auf, die Ecken waren zerknittert, die Berührung leicht klebrig.

Ravi hatte einen Bhatura zu mir herüber geschoben, ein runder Ballon, aber nur von Ferne prachtvoll. Er wusste genau, dass er ihn selbst würde essen müssen.

»Willst du ihn?«

»Nein.«

»Die Hälfte?«

»Nein.«

»Dann bestell dir noch was anderes.«

»Nein.«

»Uh, so viel Öl!« Er riss ein Stückchen ab.

»Aber immer wieder bestellst du das. Lass es eben! Iss lieber Idlis!«

»Nein. Willst du nicht noch eine Limonade?«

»Trinke ich jemals Limonade?« Ich wurde wütend.

»Uh, warum wirst du denn gleich wütend?«

»Warum vergisst du alles?«

»Weil du sagst, ich soll Idlis bestellen, obwohl ich die nie esse.«

»Warum sagst du dann, dass dein Essen vor Öl trieft?«

Die Abgründe unserer sinnlosen Kriege. Ravi stützte nachlässig seine Ellbogen auf den Tisch, lustlos. Ich wandte mich ab und ließ meinen Blick, bemüht nicht wieder zu dem Paar hinüber zu sehen, im Restaurant umher wandern. Tisch reihte sich an Tisch. Verschiedene Leute. Hier eine braune, dort eine grüne Tischdecke. Darauf die grünen Teller und die billigen Gläser. Andächtig liefen die Kellner, Tabletts in der Hand, um sie herum. Die Tabletts, die mit aufgeblähten Bhaturas und meterlangen, hauchdünnen Dosas beladen waren, flogen wie Flugzeuge durch den Raum. Mal mussten sie auf diesem, mal auf jenem Tisch landen.

Die Unterhaltungen der Leute erinnerten eher an Lärm als an Gespräche. Sie redeten schnell, verhaspelten sich, und zügellos fielen, stotterten und rollten die Worte aus ihren Mündern. Aber der Junge und das Mädchen machten keinen Lärm. Sie redeten nicht laut. Der Junge und das Mädchen sprachen die meiste Zeit überhaupt nicht. Und wenn sie sprachen, dann von einem zum anderen. Aber nicht so, als hätten sie etwas zu verbergen. Eher so, als seien wir ihnen gleichgültig. Wir gehörten nicht zu ihrer Welt. Nur ein Ich und ein Du. Und der Tisch zwischen ihnen leitete den Strom. Sogar wenn sie darauf ein Glas abstellten oder einen Löffel anhoben, war es, als erkundeten sie den Weg von dem einen zum anderen.

Hinter ihnen wuchs die Sehnsucht der Bäume. Die Palmen wehten im Wind, jeden Moment konnten sie mit den Wolken davonfliegen. Der Bambus sammelte zwischen seinen Blättern Musik, und die Zweige des Neem verwandelten sich in Tänzer und Tänzerinnen.

Mit ihrer Gabel und ihrem Messer hob das Mädchen vorsichtig ein Stück – vielleicht war es Uttapam – von ihrem Teller und hielt es dem Jungen entgegen. Er schüttelte den Kopf, nahm es aber doch auf seinem Teller entgegen. In dem Moment, als sie das Essen hinüberreichte, formten ihre Hände einen Halbkreis, bogen sich verspielt über den Tisch und berührten seine Hände.

Ein Halbmond – definierte ich die Gestalt ihrer Arme auf dem Tisch. ›Du bist ein Vollmond‹, sagten sie zueinander. Falls sie etwas sagten.

»Das sind die, die gestern beim I.S.B.T. über die Straße gegangen sind«, rechtfertigte ich mich, als ich Ravis mahnenden Blick bemerkte.

»Das Mädchen hatte aber einen Kurzhaarschnitt«, widersprach er, und ich erwiderte: »Die Haare sind eben gewachsen.«

Vor dem...


Shree, Geetanjali
Geetanjali Shree (eigentlich Geetanjali Pandey), geboren 1957 in Mainpuri, Indien, studierte neuere indische Geschichte. Zunächst begann sie eine akademische Karriere als Historikerin und Sozialwissenschaftlerin, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Ihr Autorenname Geetanjali Shree, unter dem sie ihre auf Hindi verfassten literarischen Texte publiziert, setzt sich aus ihrem eigenen Vornamen und dem Vornamen ihrer Mutter zusammen. 2022 wurde sie mit dem Booker International Prize ausgezeichnet. Sie lebt in Neu-Delhi.

Petersdorf, Anna
Anna Petersdorf, geboren 1981, studierte Indische Philologie und Nordamerikanistik in Berlin. Seither arbeitet sie als freie Übersetzerin aus dem Englischen und Hindi.



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