E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Siemon-Netto Griewatsch!
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-03848-722-7
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Lümmel aus dem Leipziger Luftschutzkeller. Eine Vita.
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-03848-722-7
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Uwe Siemon-Netto hat sich längst im Westen einen Namen gemacht, ein Weltbürger schlechthin und ein Leipziger Patriot. Er war Kriegsreporter in Vietnam und Korrespondent für Axel Springers Zeitungen an der amerikanischen Ostküste. Jetzt hat ihn der Chefredakteur der Ostausgaben der BILD-Zeitung gebeten, anlässlich des 25. Jahrestags der Friedlichen Revolution über Leipzig zu schreiben.' Prof. Michael Stürmer, Chefkorrespondent der WELT
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Bild 4 Frech, schnoddrig, schlagfertig
Einführung
Seit über siebzig Jahren lässt sich mein Charakter hauptsächlich mit einer Kette von Konsonanten definieren. Ich bin «ä Griewatsch», wie ich in meiner frühen Kindheit in Leipzig erfuhr. Gillian, meine englische Frau, behauptet, dass sich daran auch im fortgeschrittenen Alter nichts geändert habe. Ein Griewatsch ist ein Leipziger Lausejunge, der Berliner Rotznase artverwandt. Griewatsche und Rotznasen sind gleichermaßen frech, schnoddrig und schlagfertig. Wir haben auch einen ähnlichen Mutterwitz, nur dass unserer nicht so zackig ist wie der Humor der Berliner, sondern schwiemelig fabulierend daherkommt.
Um sich als ein Griewatsch zu qualifizieren, muss man dieses Wort erst einmal ordentlich aussprechen können. Dazu sind ausschließlich echte Leipziger fähig, denn nur sie verstehen sich auf eine Kunst, die sich mit der klassischen Definition ihres nordwestsächsischen Dialektes beschreiben lässt: «Hände in dä Hos'ndasch'n schdeggn, een Been vor's andere schiem, Ginnlade ausfahr'n und einfach 'nauslaufen lassen.»
Ohne ausgefahrene Kinnlade könnte unsere sprichwörtliche Schwubbelgusche die aneinandergereihten Selbstlaute in Vorortsnamen wie Großzschocher, in Familiennamen wie Kretzschmar oder Exklamationen wie Dunnergnitsch (Donnerwetter) nur unzureichend von sich geben.
Das an Zischgeräuschen reiche Vokabular der Leipziger zeugt von unseren westslawischen Wurzeln; daran werden wir gerade jetzt erinnert, wenn wir unser tausendstes Stadtjubiläum feiern. Als Bischof Thietmar von Merseburg Leipzig 1015 zum ersten Mal schriftlich erwähnte, nannte er es «urbs Lipzi». Das war die latinisierte Form von «Lipsk», dem sorbischen Wort für Lindenstadt. Sorben siedelten damals an der Pleiße, der Luppe, der Parthe und der Rietzschke (sechs Konsonanten in einer Reihe); noch im 13. Jahrhundert wurde in Leipzig auf Sorbisch Gericht gehalten.
Ein Griewatsch ist demnach linguistisch eine slawische Kreatur, ethnisch jedoch nicht unbedingt. Denn warum sind unsere Frauen so rassig, warum hasste Hitler unsere Stadt so sehr, dass er sie nur ein einziges Mal besuchte? Weil die meisten von uns Promenadenmischungen sind, was wohl der Grund dafür ist, dass Leipziger sich rechtens rühmen, überdurchschnittlich «fischiland» zu sein. Dieser Begriff leitet sich von «vigilans» ab, der lateinischen Vokabel für scharfsinnig. Anders gesagt: Wir sind helle.
Ob dieses Attribut nun auch auf mich zutrifft, sei dem Urteil anderer überlassen. Aber ich bin insofern ein typischer Leipziger als gegen meinen Stammbaum Hunde aus allen erdenklichen Dörfern des Abendlandes ihre Hinterläufe gehoben haben, allen voran solche aus Lage im Fürstentum Lippe-Detmold, aus Annaberg im Erzgebirge, aus Holzminden im Hannöverschen, aus der südfranzösischen Hugenottenstadt Nîmes und insbesondere aus Venedig, wie mein Großonkel Hadrian Maria Netto ermittelt haben will, wenngleich er uns den letzten genealogischen Beweis dafür schuldig blieb.
Onkel Hadrian war im Ersten Weltkrieg ein königlich-sächsischer Rittmeister, der in der Weimarer Zeit nicht nur als Autor flotter Groschenromane, sondern auch als Filmschauspieler einen bescheidenen Ruhm erlangte, zum Beispiel in der Rolle eines Polizeihauptmanns neben Peter Lorre, Inge Landgut und Gustaf Gründgens in Fritz Langs Krimi «M». Daneben betätigte er sich als Ahnenforscher. Wenn seine Erkenntnisse stimmen, gehörten die Nettos wahrscheinlich zu den Anhängern des franziskanischen Ordensprovinzials Baldo Lupitano, eines heimlichen Gefolgsmanns Martin Luthers in Venedig.
Als Lupitano 1556 ertränkt wurde, retteten sich venezianische Lutheraner scharenweise ins Kurfürstentum Sachsen, wo sein kroatischer Neffe Matthias Flacius Illyricus, auch Matthias Flach genannt, bereits seit 1544 Hebräisch-Professor in Wittenberg war. Für diese These spricht, dass es unter den kursächsischen Nettos neben Bergakademikern viele Pfarrer gab. Die Theologie steckt uns, auch mir, im Blute, und dies mutmaßlich seit venezianischen Zeiten.
Dies hieße, dass dieser Zweig meiner Vorfahren aus Glaubensgründen in Leipzig landete. Andere Ahnen kamen aus ökonomischen Motiven. Sie besaßen beispielsweise in Lippe eine Steinhäger-Destille, die aber abbrannte, weil sich ihr wacholderseliger Fuhrmann mit angezündeter Pfeife im Heu zur Ruhe bettete. Was aus ihm in jener Nacht wurde, ist nicht überliefert. Aber der Schnapsbrenner und seine Familie mussten auf der Suche nach einer neuen Einkunftsquelle auswandern. Da bot sich entweder das weit entfernte Amerika an oder, wesentlich näher, die pulsierende Wirtschaftsmetropole Leipzig, die ihren Wohlstand der Tatsache verdankte, dass sich dort schon seit der Antike die beiden wichtigsten Handelsstraßen des Abendlandes kreuzten: die Via Regia (Königsstraße), die von Spanien über Paris nach Breslau führte, und die Via Imperii (Reichsstraße), die von Venedig nach Berlin verlief.
An der Schnittstelle dieser beiden Verkehrsachsen entstanden vor über 850 Jahren die ersten internationalen Handelsmessen der Welt – die Frühjahrsmessen und die Herbstmessen. Als ich während des Zweiten Weltkrieges ein ABC-Schütze in der 4. Volksschule in der Elisenstraße war, hörte ich schon in der ersten Klasse von den gewaltigen, schwer beladenen Pferdefuhrwerken, die damals vom Westen nach Osten und vom Süden nach dem Norden durch Deutschlands Mitte rumpelten. Am tiefsten grub sich die Mitteilung meines Klassenlehrers in mein Gedächtnis ein, dass es damals ja noch kein Mineralöl gab und die Achsen dieser Fahrzeuge deshalb mit roten Nacktschnecken geschmiert worden seien, welche es gerade im Frühjahr und Herbst in üppiger Zahl am Wegrain gegeben habe.
Wichtiger für das Entstehen von Leipzigs kosmopolitischem Flair war freilich, dass über diese Handelswege und ihre bis ins fernste Asien führenden Anschlussstraßen Exoten aus allen Himmelsrichtungen zu uns kamen, sich bei uns ansiedelten und mit den Einheimischen vermischten, darunter Chinesen und Perser, Griechen und Juden, die Leipzig zum internationalen Umschlagsplatz für Rauchwaren (Pelze) machten, auch Russen, Polen, Franzosen, Italiener, Niederländer, Skandinavier und Deutsche von überall.
Dieses Gemisch hat uns geprägt. Deswegen sind wir so, wie wir sind: pfiffig, umtriebig und gut informiert, wozu die Tatsache beiträgt, dass bei uns 1650 die erste Tageszeitung der Welt entstand; sie hieß «Einkommende Zeitungen».
Bedenken wir, dass Leipzig bis zur DDR-Epoche die Welt mit vielen prominenten Journalisten versorgte. Bedenken wir weiter, dass es eine der ältesten und berühmtesten Universitäten in Deutschland hat – sie wurde 1409 gegründet – und Leipzig vor den Nazi- und SED-Diktaturen die wichtigste Buchverlagsstadt im deutschen Sprachraum war. Bedenken wir obendrein, dass Leipzig eines der ältesten und berühmtesten Sinfonieorchester der Welt besitzt und Johann Sebastian Bach hier in seinen 27 Jahren als Kantor an der Thomaskirche die meisten seiner Werke schrieb, dann dürfte mein ständiges Heimweh nicht zu abwegig gewesen sein. Dies war das Heimweh nach einer Stadt, über die Goethe im «Faust I» den Frosch in einer Szene in Auerbachs Keller sagen lässt: «Mein Leipzig lob ich mir. Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.»
Heimweh plagte mich, seit ich Leipzig mit zehn Jahren verlassen musste. Es brachte mich, sehr zur Betretenheit meiner Frau, zum lauten Schluchzen, als ich an meinem 45. Geburtstag in Burlington in Vermont nach jahrzehntelanger Abstinenz zum ersten Mal wieder den satt-warmen Klang des Gewandhausorchesters vernahm. Aus Heimweh geriet ich in Rage, als ich zu DDR-Zeiten bei Recherchen für eine GEO-Reportage den Verfall meiner Heimatstadt zur Kenntnis nahm, eine Folge sozialistischer Misswirtschaft. So wütend wurde ich, dass ich die Contenance verlor und meinen erlesen unangenehmen Stasi-Aufpasser Walter Huste beim Abschiedsfrühstück anbrüllte: «Was habt ihr Kerle nur aus meinem Leipzig gemacht?» Er behauptete frech, dieser Zustand sei die Schuld meiner «Glasse». Welcher Klasse? «Nu, där Burschwassie» (gemeint ist die Bourgeoisie). Dann verwies er mich «auf alle Zeiten» aus meiner Heimat.
Ich habe andere, größere Metropolen lieben gelernt: Berlin, Hamburg, Paris, London, New York, Hongkong und Saigon. Aber im Herzen war und bin ich immer ein Leipziger geblieben. Wie diese Liebe wuchs, wie sie verschmäht wurde, wie sie Bombennächte und Exil überdauerte, und wie meine Flucht, wie sie mich immer wieder nach langen Intervallen heimlockte und was ich dabei erlebte, davon handelt dieses Buch.
Dass ich es jetzt in meinem 78. Lebensjahr schreibe, verdanke ich Thomas Liebenberg, dem Leiter der Regionalausgaben Ost der BILD-Zeitung. Wir saßen beim Mittagessen im Restaurant «Maître» nur wenige Schritte von meiner Geburtsstätte am früheren Sophienplatz entfernt, der jetzt Shakespeareplatz heißt. Ich erzählte ihm aus meiner Kindheit, und zwar nicht nur vom Bombenkrieg und von der Hungersnot, sondern vor allem mit einer gewissen Wehmut von der Glorie des Leipziger Bürgertums, das im Gegensatz zu Hustes geschichtswidrigem Geschwafel dieses Klein-Paris geprägt, aber doch nicht zerstört hatte.
Da sagte er: «Diese bürgerlichen Werte sollten wiederbelebt werden. Schreiben Sie doch in BILD eine Serie über Ihre Rückkehr nach Leipzig und Ihre Spurensuche nach Restbeständen dieser bourgeoisen Qualitäten.»
Und so entstand die BILD-Serie «Mein Leipzig», die ich nun zu diesen Memoiren ausweitete. Ich bin Thomas Liebenberg für diesen Anstoß zutiefst dankbar, so wie ich auch seiner kompetenten und kultivierten...




