Auf Krücken durch Sumatra
Indonesien, 2012
„Meine Ex-Freundin war Krankenschwester“, informiert mich Lamat auf Englisch, nachdem ich ihn nach seiner genauen Qualifikation zum Arzt frage. Lamat trägt dicke Goldketten und eine dunkle Sonnenbrille, raucht ungefilterte Zigaretten der Marke International und ist etwa Ende zwanzig Jahre jung. Der Qualm steigt mir in die Nase. „Aus Deutschland war sie, wir waren etwa drei Monate zusammen“, klärt er mich auf. Damit ist er im Dorf derjenige mit der umfangreichsten medizinischen Ausbildung. Und daher der unangefochtene Arzt im Dorf. Gerade liege ich auf einem wackligen Tisch, mehrere erwachsene indonesische Männer halten mich fest, während Lamat mir den geschwollenen Knöchel massiert. Der Tisch ist uneben, drückt mir in den Rücken und riecht nach getrocknetem Bier. Mein rechter Fuß ist ein dicker blauer Klumpen und Lamat massiert den Bluterguss mit kräftigen Fingern. Die Schmerzen sind unerträglich, mein „Arzt“ scheint allerdings zufrieden mit dem Ergebnis. Die Männer um mich herum freuen sich auch sichtbar: mein Guide Doni, Nordin und die anderen. Nach ein paar Minuten ist die Tortur vorbei, und ich gehe davon aus, nie mehr meinen Fuß bewegen zu können. Meine Backen sind verklebt von all den Tränen, meine Stimme heiser wie nach einem Death-Metal Konzert, aber irgendwie fühle ich mich gut, wie ein Sechsjähriger, der gerade mitten in der Nacht auf einen Lego-Stein getreten ist, laut aufheult, dann aber bemerkt, dass er gerade das fehlende Teil für den Feuerwehrwagen gefunden hat. So in etwa.
Wir sind hier in Bukit Lawang, einem kleinen Dorf, das sich mitten im Dschungel im Norden Sumatras versteckt – ein Ort, den eigentlich nur ein paar entspannte Backpacker oder Orang-Utans selbst auf der Landkarte finden. Warum bin ich hier? Nun, ich träume schon lange davon, diese seltenen Tiere in freier Wildbahn zu sehen, tief im indonesischen Dschungel. Die Anreise ist allerdings etwas mühsam, da es keine Direktflüge aus der Schweiz oder aus Deutschland nach Medan gibt. Für mich ging es zuerst nach Doha (Katar) und dann weiter nach Kuala Lumpur (Malaysia), von dort weiter mit einem Billigflieger der Air Asia nach Medan auf Sumatra (Indonesien). Dementsprechend übermüdet war ich dann auch bei der Ankunft.
In Medan wurde ich einige Tage zuvor von Doni abgeholt, meinem Guide für die Dschungel-Expedition. Der Plan war, vier Tage im dichten Dschungel zu verbringen, dort zu übernachten, ohne andere Touristen und das Ganze möglichst nachhaltig (was schwierig wird nach zwölftausend Kilometern Flug). Doni hatte ich durch verschiedene Recherchen im Internet gefunden. Er gilt als Tierfreund, Umweltschützer und bei jeder seiner Touren pflanzt er einen Baum im Dschungel an, einen Mangobaum, als kleines Symbol gegen die vielen abgeholzten Wälder. Die Beschreibung gefiel mir gut, die Planung mit ihm ging sehr einfach und unkompliziert, und siehe da, er stand tatsächlich in Medan am Flughafen, breit grinsend, Zigarette im Mundwinkel. Donis Haare standen in alle Himmelsrichtungen, er war klein und hager, ein paar schlecht gestochene Tattoos zierten seine dünnen Oberarme und auf seinem löchrigen T-Shirt war eine bekannte Motorradmarke abgebildet. Das „Abholen“ stellte sich dann eher als „Begleitung“ heraus, denn er hatte kein eigenes Auto. Stattdessen gingen wir zusammen zum Busbahnhof, wo wir dann in einen maßlos überfüllten Minibus einstiegen, mit dem Ziel: Bukit Lawang. Meine Laune: hervorragend.
Die holprige Fahrt dauerte einige Stunden. Es war weder bequem noch kühl. Die offenen Fenster trugen heißen Wind und Staub ins Fahrzeug und ich saß dicht an dicht zusammengequetscht. Doni quasselte durchgehend, was mir ganz gelegen kam, und bedeutete, dass ich nicht so viel sagen musste und mich viel mehr mit verlegenen Blicken auf die unfassbar schöne, junge Frau eine Reihe vor mir konzentrieren konnte. Sie hatte ein buntes Kopftuch um und ein schmales, hübsches Gesicht. Eine Haarsträhne fiel ihr über die Stirn, und sie trug eine ganze Menge Ketten und bunte Bänder an beiden Armen. Sie war auf dem Weg in den Norden Sumatras, dem ehemaligen Rebellengebiet Aceh, das Weihnachten 2004 grausam vom Tsunami getroffen wurde und dadurch traurige Bekanntheit erlangte, als mehr als einhundertdreißigtausend Menschen alleine in Indonesien ihr Leben verloren. Tsunami, Rebellen, Vulkane und Vorurteile sind sicherlich einige der Hauptgründe, warum Touristen weiterhin der Gegend fernbleiben. Zu allem Übel kommt es in Bukit Lawang immer wieder zu heftigen Überschwemmung, begünstigt durch skrupellosen Raubbau an den Wäldern und damit der Zerstörung der Flussvegetation. So starb vor einigen Jahren auch Donis Mutter in den Fluten. Wirtschaftliche Interessen und illegale Abholzung bleiben in der Region weiterhin pro-blematisch.
Die Fahrt ging fast ausschließlich entlang endloser Palmölplantagen, die Speisefett für berühmte Nuss-Nugat-Cremes liefern, wodurch dicke Kinder namens Meret und Joshua noch dicker werden und die leider keinen guten Einfluss auf den Lebensraum der letzten Orang-Utans haben. Kurz gesagt: Es gibt nur noch wenige dieser wunderbaren Geschöpfe auf der Welt, und damit meine ich die Affen, nicht Meret oder Joshua, denn der Dschungel, ihr Rückzugsort, wird gnadenlos abgeholzt. Die verhungernden Tiere, die sich aus Verzweiflung an die Früchte der Bauern machen, werden dann erschossen und die süßen, kleinen Babys werden an fette, neureiche Menschen vorwiegend aus Asien oder der arabischen Welt verkauft, wo sie dann genauso fett werden und an Leberversagen zugrunde gehen. Ich spürte, wie die Wut in mir aufstieg, beim Anblick der perfekt organisierten Palmölplantagen. Indonesien ist der weltweit größte Produzent von Palmöl.
Die junge Muslimin vor mir im Bus würdigte mich übrigens keines Blickes. Sie schien sich für allerlei Dinge zu interessieren, nur ich war anscheinend nicht auf der Liste. Irgendwann redete ich mir ein, dass sie einfach zu schüchtern sei. Allerdings schien sie sich mit den anderen jungen Männern im Bus prächtig zu verstehen. Etwas zu prächtig, wie mir schien. Da wurde gelacht, diskutiert und sogar Essen ausgetauscht.
Am kleinen Busbahnhof mussten wir dann noch einmal umsteigen, in ein furchtbar lautes und augenbetäubend buntes Tuk-Tuk, das uns dann schließlich zum eigentlichen Ziel brachte, Bukit Lawang. Ich war bereits recht müde von der langen Reise, und auch nicht mehr der Frischeste. Das Dorf Bukit Lawang bestand aus vielen kleinen Hütten und war von einer durchgehenden Straße verschont geblieben. Stattdessen führte ein schmaler Fußweg, etwa einen Kilometer lang, an gemütlichen Hostels und Restaurants mit Palmblattdächern vorbei. Zur Linken erstreckte sich der reißende Fluss, dessen klare Gewässer wild zwischen den Ufern tobten. Die steilen Hügel des Dschungels erhoben sich majestätisch zur Rechten. Überall spielten Kinder, und die Einheimischen grüßten freundlich, ohne aufdringlich zu sein. Ein verführerischer Duft nach Gewürzen, Fisch und süßen Früchten lag in der Luft. Mein Gepäck, das stolze fünfzehn Kilogramm wog, machte sich schon nach wenigen Metern bemerkbar. Das Green Hill Hostel lag fast am Ende des Dorfes, und nach einer Viertelstunde Fußweg kam ich völlig verschwitzt an. Doch die Strapazen hatten sich gelohnt, denn oben am Hang des Dorfes erwartete mich eine eigene kleine Hütte mit einem atemberaubenden Blick auf den reißenden Fluss und die dichten Wälder.
Dort wartete auch schon Anja. Sie sah gut aus, mit ihren gelockten, roten Haaren, dem bunten Rock, dem Fruchtsaft vor sich und der Zigarette in ihrer Hand. „Lange her“, sagte sie lächelnd, und wir umarmten uns. Anja kannte ich aus alten Tagen im Studium. Sie verließ im Anschluss Deutschland für ein Jahr, arbeitete in Neuseeland in einer Design-Agentur und war am Ende für zwei Monate auf einer Asienreise unterwegs. Ich erfuhr zufällig auf Facebook davon, berichtete ihr von meiner geplanten Reise und sie beschloss spontan, für ein paar Tage dazuzustoßen. Und hier saßen wir also, am Ende der Welt. Ich bestellte einen Papaya-Shake und heiße Kartoffeln mit scharfer Tomatensoße und wir beobachteten den Wald vor uns. In diesem Moment fühlte ich mich sehr glücklich. Es gibt diese Momente, nichts Bestimmtes passiert, aber alles passt wunderbar zusammen, der Kopf ist frei und man ist ganz vor Ort. Dazu noch ein frischer Papaya-Shake und nichts kann mehr schiefgehen. Außer, dass ein scharfer Zwiebelgeschmack meine Freude trübte, denn scheinbar wurde die Papaya mit dem Gemüsemesser zerlegt.
Kurz danach ging das Unwetter los. Es regnete heftig, es windete, und in der Ferne hörte man das grollende Gewitter. Allerdings genoss ich den Augenblick. Ich mag Regen, ich mag den Klang und den Geruch von Regen. Und geschützt unter Palmendächern, irgendwo auf Sumatra, fühlte es sich sehr gemütlich an. Wir blieben eine Weile so sitzen und lauschten dem Wetter, bis ich irgendwann das schwere Gepäck in meinen Bungalow schleppte. Ich nahm eine Dusche, allerdings war diese offen an der Seite meines Bungalows angebaut, sodass ich im warmen Regen stand, während ich mich ordentlich einseifte. Eigentlich praktisch. Anjas Bungalow lag direkt neben meinem, und wir verbrachten den Rest des Nachmittags auf meiner großen Veranda, redeten über alte Zeiten und beobachteten die frechen Affen, die von Veranda zu Veranda sprangen, Früchte klauten und sich gegenseitig ärgerten. Und dann fragten wir uns, ob unser geplanter Dschungeltrip auch bei einem solchen Unwetter stattfinden wird.
Am frühen Abend hörte der Regen auf, wir suchten uns ein kleines Restaurant im Dorf aus, mit Blick auf den Fluss und aßen gelbes Curry. Die Gespräche gingen uns nicht aus und...