E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Siskind Love Like Magic
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-99569-6
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-492-99569-6
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kelly Siskind, die im Herzen immer ein Mädchen aus der Kleinstadt war, zog von der Stadt aufs Land, um mit ihrem Mann im Norden Ontarios einen Käseladen zu eröffnen. Wenn sie nicht gerade Käse verkauft oder wandert, hält sie eine der vielen Ideen, die in ihrem Kopf herumschwirren, auf einem Notizblock fest. Kelly Siskind lacht gerne über ihre eigenen Witze und löst alle Sorgen mit Essen - denn Gummibärchen heilen alles. Sie ist außerdem eine unverbesserliche Romantikerin, die bis in die frühen Morgenstunden Liebesromane verschlingt.
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Kapitel 1
Die Welt durch die rosarote Brille zu sehen war eine Spezialität von ihr. Eine sonnige Perspektive konnte manch bedeckten Himmel aufreißen lassen und die Welt mit Helligkeit fluten. Meistens fiel es ihr leicht, Widrigkeiten mit einem Lächeln zu begegnen. Doch heute Abend hatte Bea jeglicher Optimismus verlassen.
»Machen Sie mir noch einen, Sir.« Sie ratterte die Aufforderung ungewollt schnell herunter, sodass ein Wort an das andere stieß.
Der Barkeeper zog eine Augenbraue hoch. »Sind Sie sicher, dass das eine gute Idee ist? Sieht aus, als hätten Sie schon ein paar Drinks intus gehabt, bevor Sie hierhergekommen sind.«
Sie blinzelte den Mann mit den zurückgegelten Haaren und der ordentlichen Fliege an. Er wirkte, als wäre er von der unerschütterlichen Sorte, die einen schwarzen Tag, wie sie ihn gehabt hatte, mit einer Tasse Tee und einem selbstironischen Lächeln wegsteckte.
Bea stützte die Ellenbogen auf den Tresen und verzog nur kurz die Miene, als sie merkte, wie klebrig die Oberfläche war.
»Ich weiß Ihre Fürsorge zu schätzen, aber das war mein erster Drink. Und würden wir wie in einem dieser Filme für einen Tag im Körper des anderen stecken, und Sie hätten die letzten dreizehn Stunden so erlebt, wie ich sie erlebt habe, würden Sie wissen, dass ich mich damit für das Guinness-Buch der Rekorde für den schlimmsten Pechtag ever qualifiziert hätte. Mir jetzt einen weiteren Drink zu verweigern wäre geradezu barbarisch.«
Das Problem war, dass der Alkohol ihre übliche rosarote Brille beschlagen ließ. Oder vielleicht war es auch die Erkältungsmedizin, die sie genommen hatte, als sie in ihrer Handtasche keine Kopfschmerztabletten hatte finden können.
Das rang dem Barkeeper ein Lächeln ab. »Barbarisch?«
»Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.«
Er schüttelte den Kopf und griff nach der Wodkaflasche im Regal hinter sich. »Vielleicht inhalieren Sie den hier einfach nicht so wie den letzten.«
Mit dem zweiten Lemon Drop Martini in der Hand drehte sie sich auf ihrem Barhocker herum und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Die schummerige Beleuchtung machte ihre Augenlider schwer, die roten Teppiche und die dunklen holzvertäfelten Wände trugen zusätzlich zur schläfrigen Wärme der Bar bei. Sie strahlte eine Rat-Pack-Atmosphäre aus, die von den Fliege tragenden Angestellten und den kleinen Lampenschirmen auf den Tischen unterstrichen wurde. Jazzmusik untermalte das Stimmengewirr der Gäste. Die Sorte von Gästen, die ihr genauso fremd war wie der Rest von New Orleans.
Komm mit mir in die Stadt des Mardi Gras, hatte Nick sie angefleht. Nachts ziehen wir durch die Bars. Du kannst den ganzen Tag malen. Wir leben jede Minute, als wäre es unsere letzte!
Ihr Freund, der inzwischen zum Ex geworden war, hatte allerdings vergessen zu erwähnen, dass er nach vier Tagen ihres Abenteuers die Regeln ändern und Bea wohnungs- und arbeitslos in der Geburtsstätte des Jazz zurücklassen würde. Außerdem hatte sie seit einem Monat nichts außer stupiden Amöbenformen gemalt.
Sie sank auf ihrem Hocker zusammen und klammerte sich mit beiden Händen an ihrem Drink fest. Sie trank nicht sofort davon, sondern kostete ihre leichte Beschwipstheit noch ein wenig aus, als ein Mann in Zylinder und Umhang auftauchte.
Jep. Das war gerade passiert.
Sie schaute auf ihr volles Glas und dann wieder die seltsame Erscheinung an, wobei sie sich fragte, ob sie nicht doch beschwipster war, als sie gedacht hatte. Sie hatte ihren ersten Drink tatsächlich wesentlich schneller getrunken als sonst, und Erkältungsmedizin und Alkohol zu mischen war selten eine gute Idee. Sie blinzelte den Mann an. Der Zylinder war immer noch da, wodurch seine ohnehin schon hochgewachsene Gestalt noch größer wirkte. Der Umhang war ebenfalls noch da, und es war nicht einfach irgendein Umhang. Ein mitternachtsblauer Samtumhang mit aufgestickten Sternen.
Es war eine Galaxie – weit, weit entfernt. Und doch hier. In einer Bar in New Orleans.
Der Umhang sah weich und flauschig aus. Bea hätte am liebsten ihr Gesicht an dem plüschigen Stoff gerieben und sich darin eingerollt, dann hätte sie eine Woche lang schlafen und in einem anderen Leben wieder aufwachen können. Einem Leben, das nicht aussah wie eine Massenkarambolage aus fünfzig Autos.
Der Mann im Zylinder schaute sie an, als würde er ihren sehnsüchtigen Blick spüren. Oder vielleicht hatte er auch gehört, wie sie gesagt hatte: »Mann, sieht der kuschlig aus.«
Ein Gedanke, den sie aus Versehen laut ausgesprochen hatte.
Er ging auf sie zu, als wäre sie die einzige Person in dem lebhaften Getümmel der Bar, und blieb vor ihrem Barhocker stehen. »Sie können ihn gern anfassen, wenn Sie möchten.«
Der Stoff sah aus der Nähe sogar noch weicher aus, doch es war der sinnliche Klang seiner dunklen Stimme, der sie dazu brachte, sich aufrechter hinzusetzen. »Sollten Sie nicht von Ihrem Umhang sprechen, wird das hier hässlich enden.«
Sie war sich nicht zu schade, ihm ihren Drink ins Gesicht zu kippen.
Seine Mundwinkel zuckten. »Ich spreche von meinem Umhang. Außer natürlich, Sie würden gern meinen Hut anprobieren.« Er tippte sich an die Filzkrempe.
Sie war erleichtert, dass sie ihren guten Martini nicht verschwenden musste. Doch so, wie ihr Tag bisher gelaufen war, würde sie von dem Hut vermutlich Läuse bekommen. »Ich nehme keine Hüte von Fremden an. Oder Umhänge.«
»Ich glaube, diese Regel gilt für Süßigkeiten, nicht für Umhänge.«
»Was, wenn er mit einem uralten Zauberspruch belegt ist und mich in irgendein finsteres Schloss versetzt, wo ich eingesperrt und gefoltert werde, bis sie herausfinden, dass ich die Magie des Umhangs nicht kontrollieren kann?«
Beim Lächeln bildeten sich Fältchen in seinen Augenwinkeln. »Berechtigter Einwand.«
Sein träger Blick wanderte an ihrem Körper hinab und wieder hinauf. Er musterte sie so ausgiebig, dass sie einen Schluck aus ihrem Glas nehmen musste. Schließlich streckte er ihr die Hand entgegen. »Ich bin Huxley.«
In dem Moment, als sich ihre Finger – kalt und feucht von dem gekühlten Glas – in Huxleys großer Hand verloren, schoss ihr Hitze den Arm empor. Der Umhang hatte definitiv verborgene Kräfte. »Bea«, erwiderte sie. »Nett, Sie kennenzulernen.«
Der netteste Moment ihres grauen Tages.
Abgesehen von dem unauffälligen blonden Dreitagebart, der seine dramatischen Wangenknochen und die Adlernase unterstrich, war Huxley nicht im traditionellen Sinne gut aussehend. Zusammengezogene Haut beendete eine seiner Augenbrauen abrupt, ein Teil des rechten Ohrs fehlte, und eine dicke Narbe lief ihm über die linke Wange. Sein aschblondes Haar war auf unordentliche Weise gelockt, die Spitzen kringelten sich in seinem Nacken.
Einzeln waren seine Gesichtszüge nicht besonders attraktiv, doch insgesamt gesehen hatte dieser Mann eine wilde Eleganz an sich. Als würde man von einem Monet einen Schritt zurücktreten, und alle Pinselstriche fügten sich zu einem Meisterwerk zusammen.
Bis er sagte: »Bee, wie die Biene?«
Jetzt war er mehr ein verstörendes Picasso-Gemälde als ein Meisterwerk von Monet. »Nein, wie Beatrice Baker, aber sollten Sie es wagen, auch nur einen Bienen-Witz zu reißen, leihe ich mir vielleicht doch noch Ihren Umhang aus. Mal sehen, ob ich seine schlummernde Magie dazu nutzen kann, Sie in einen Colon rectum zu verwandeln.«
Er lachte laut auf. »Wie bitte?«
Sie bedachte ihn mit ihrem finstersten Blick. »Ein Kolonistenkäfer. Ziemlich hässliches Viech.«
Da sie als Kind viel zu oft mit »Bienen«-Witzen aufgezogen worden war, hatte Bea sich besonders intensiv mit seltenen Insekten und Tieren beschäftigt. Je seltsamer der Name, desto besser. Wenn sie dann die Kinder, die sie ärgerten, damit beleidigte, verwirrte sie das nicht selten so sehr, dass sie fortan die Klappe hielten. Bei Huxley war der Effekt ein anderer, denn er grinste, als wäre er über ein vierblättriges Kleeblatt gestolpert.
Sie lehnte sich unwillkürlich nach vorn. »Sind Sie aus New Orleans?«
»Das bin ich. Aber Sie nicht.«
Sie erstarrte. Er konnte nicht wissen, dass sie gerade erst aus Chicago in die Stadt gekommen war, außer er war ihr hierher gefolgt. Nicht unmöglich, doch die einzige Person, die Grund hatte, sie zu verfolgen, war sogar noch größer und hatte einen kleinen Bierbauch. Big Eddie könnte natürlich auch jemand anderen auf sie angesetzt haben – einen Komplizen, der sie einschüchtern und bedrohen sollte. Nur dass ein Auftragskiller kaum so schamlos in Umhang und Zylinder herumspazieren würde. Außerdem hatte Big Eddie keinen blassen Schimmer, wo sie steckte.
Sie entspannte sich wieder. »Woher wissen Sie, dass ich nicht von hier bin?«
»Logische Schlussfolgerung.«
»Weil Sie Hellseher mit fotografischem Gedächtnis sind und mir jetzt sagen können, was ich letzte Woche jeden Tag zu Mittag gegessen habe?«
Seine Augen blitzten amüsiert auf. »Meine Methode ist viel einfacher.«
»Dann nur raus damit.«
Er zeigte auf ihren Schoß. »Der Schlüsselanhänger an Ihrer Handtasche hat Sie verraten.«
Natürlich. Der Chicago-Bulls-Anhänger. Ein Geschenk ihres Ex-Freunds zu ihrem dritten Date. Sie stand nicht einmal auf Basketball, aber sie hatte ihn als süßes Andenken behalten. Jetzt war die Erinnerung nur noch bittersüß. Sie entfernte den Anhänger vom Reißverschluss ihrer Handtasche und warf ihn auf den Tresen. »So, jetzt falle ich nicht mehr auf.«
Huxley verlagerte das Gewicht, sodass die Distanz zwischen ihnen schrumpfte. »Eine Frau, die so schön ist...




