Spain | Das Tal der toten Mädchen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 414 Seiten

Reihe: Irland-Krimis

Spain Das Tal der toten Mädchen

Irland-Krimi
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7325-7253-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Irland-Krimi

E-Book, Deutsch, Band 3, 414 Seiten

Reihe: Irland-Krimis

ISBN: 978-3-7325-7253-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



In einem idyllischen Tal im irischen Wicklow werden die Leichen fünf junger Frauen gefunden. Sie alle verschwanden innerhalb der letzten Jahre spurlos. Inspector Tom Reynolds steht vor dem bislang größten Rätsel seiner Karriere. Während er und sein Team versuchen, eine Verbindung zwischen den Opfern herzustellen, wird ein weiteres Mädchen als vermisst gemeldet. Alles deutet darauf hin, dass auch sie dem Serienmörder in die Hände fiel. Die Hoffnung, sie lebend zu finden, schwindet mit jeder Stunde ...



Jo Spain arbeitet als Journalistin und Beraterin des Irischen Parlaments. Ihr Krimidebüt Tu Buße und stirb avancierte in Irland sogleich zum Bestseller und schaffte es auf die Shortlist des renommierten Richard and Judy Bestseller Competition. Auch die beiden Folgebände der Serie mit dem sympathischen Ermittlerteam um Inspector Tom Reynolds schafften den Sprung auf die irische Bestsellerliste. Jo Spain lebt mit ihrem Ehemann und ihren vier gemeinsamen Kindern in Dublin.
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1


»Er will nicht, dass ich meine Mutter besuche.«

»Wie bitte?«

»Sean. Er will nicht …« Die Stimme von June McGuinness erstarb. »Entschuldige, was habe ich gerade gesagt, Liebes?«

Louise Reynolds runzelte die Stirn. Sie wusste, was sie gehört hatte, war aber unfähig, es zu wiederholen. So bürstete sie weiter mit sanften Strichen Junes Haar mit der altmodischen Bürste mit weichen Naturborsten.

»Das ist doch jetzt nicht so wichtig«, sagte sie und hob das Kinn der älteren Frau an, damit sie sich im Spiegel betrachten konnte. »Sieh nur, wie hübsch du aussiehst. Was ist, gehen wir runter und führen es den Männern vor?«

Junes Augen leuchteten auf, als sie ihren ordentlichen Pagenschnitt im Spiegel erblickte. Sie langte nach ihrem Schminktäschchen, das auf dem Frisiertisch lag.

»Aber nicht ohne ein wenig Lippenstift, Liebes.«

Sie fanden Tom und Sean im Wintergarten auf der Rückseite des Hauses, wo sie sich leise unterhielten.

»Nun, was sagt ihr?«

June drehte sich vor ihrem Publikum und strich lächelnd über ihre grauen Haare.

Der Mann, mit dem sie seit fast einem halben Jahrhundert verheiratet war, erwiderte das Lächeln, und man merkte ihm kaum an, unter welcher Belastung er stand.

»Du siehst wirklich elegant aus, Liebling«, rief er mit seinem starken Kerry-Akzent, seiner Frau zuliebe mit gezwungener Fröhlichkeit. »Also, wie wär’s mit etwas zu trinken? Was soll es sein, Jungs und Mädels? Tee oder Kaffee?«

»Ach, du liebe Zeit, Sean. Es ist so ein schöner Sommernachmittag. Warum machen wir nicht eine Flasche Weißwein auf? Ich hole die Gläser.«

June entschwebte in Richtung Küche, eine zierliche tickende Zeitbombe, gefolgt von ihrem über eins achtzig großen Bär von einem Mann.

Louise setzte sich zu Tom auf den Rattan-Zweisitzer und legte den Kopf auf seine Schulter. Die hitzeregulierenden Glasscheiben arbeiteten auf Hochtouren, um die Temperatur in der heißen Mittagssonne erträglich zu halten.

Tom nahm die Hand seiner Frau.

»So schwierig?«, fragte er beunruhigt.

Louise verzog den Mund.

»Einfach furchtbar. Es scheint in Wellen zu kommen. Einen Moment ist sie völlig klar, und im nächsten Moment erzählt sie mir, Sean würde nicht zulassen, dass sie ihre Mutter besucht. Ist ihre Mutter nicht vor dreißig Jahren gestorben? Ich weiß nicht, wie er das aushält.«

Tom seufzte.

Bis vor Kurzem war Sean McGuinness der Chief Superintendent des National Bureau of Criminal Investigation gewesen. Tom Reynolds war Leiter der Mordkommission, ein in Dublin ansässiges Team von Spezialisten, das zur Bundes-Kripo gehörte, und Sean war sein Vorgesetzter gewesen. Zudem waren sie alte Freunde.

Was es umso schwieriger machte, als im vorigen Jahr bei June Alzheimer mit frühem Beginn diagnostiziert worden war.

Ihr Zustand hatte sich schneller verschlechtert als erwartet, und der Chief, ein Mann, der für seine Arbeit lebte, jedoch seine Frau noch mehr liebte, war in Frühpension gegangen, um sie zu pflegen. Keine Sekunde hatte er erwogen, sie in ein Heim zu geben. Schließlich war er sechzig – es war Zeit zu gehen. Obwohl alle bei der Polizei angenommen hatten, der Chief würde irgendwann in einer Kiste aus seinem Büro getragen werden müssen, lange nachdem er sich aus dem Staub hätte machen sollen. Seine Hingabe an seinen Beruf war legendär.

Louise legte die Hände um das Gesicht ihres Mannes und bemerkte den sorgenvollen Blick seiner normalerweise lächelnden grünen Augen. Er hatte sich das Haar in diesem Sommer ganz kurz schneiden lassen, weil so das Grau darin weniger auffiel. Sie fand, dass ihm diese Frisur besser stand, und es störte sie nicht einmal, dass er sich offenbar heimlich den lange gewünschten Bart wachsen ließ. Tatsächlich sah er ausgesprochen gut damit aus.

»Er macht einfach jeden Tag weiter«, antwortete Tom ruhig. »Es ist zu seinem neuen Standard geworden. Alles wiederholen zu müssen, sie an alles erinnern zu müssen, ständig mit dem Unerwarteten zu rechnen.«

»Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.« June kehrte mit einem voll beladenen Holzbrett in den Wintergarten zurück. Darauf türmten sich eine Käseauswahl, Chutney, Obst und Cracker.

Sean folgte ihr mit resignierter Miene. »Ich habe sie nicht versteckt«, verwahrte er sich und stellte eine Flasche Riesling und Weingläser auf dem Tisch ab.

»Oh, deine Begonie ist ja prachtvoll!« Louise lenkte Junes Aufmerksamkeit auf sich.

»Ja, der ganze Garten ist wunderschön dieses Jahr«, bestätigte June. »Würdest du gern sehen, was ich gestern hinten in der Erde gefunden habe?«

Louise versuchte, einen begeisterten Eindruck zu machen. Sie folgte June durch die Tür aus dem Wintergarten, und die beiden Frauen steuerten auf einem gewundenen Plattenweg auf die Bäume und die Wildnis am Ende des Gartens zu.

Der Wintergarten war erfüllt von dem süßen Duft nach Gardenien, Nelken und frischgemähtem Gras, der von draußen hereinwehte. Tom verfolgte, wie die beiden Frauen mit Weingläsern in der Hand nebeneinanderher schlenderten. Die Szene wirkte so friedlich und entspannt, dass er sich fast einbilden konnte, es wäre ein ganz normaler, fauler Samstagnachmittag, so wie früher.

»Und wie kommst du mit Joe Kennedy zurecht?«, fragte Sean und brach damit den Bann. Er brauchte eine Ablenkung von dem täglichen Kampf gegen Junes Krankheit. Als er noch Toms Vorgesetzter gewesen war, hatten sie sich gesiezt, aber jetzt duzten sie sich.

Tom seufzte.

»Mit Chief Superintendent Joe Kennedy, um ihn bei seinem vollständigen Titel zu nennen«, fuhr Sean mit einem Lächeln fort. »So lässt er sich übrigens von mir anreden.«

»Du machst Witze.«

»Er will nicht, dass irgendjemand durcheinandergerät oder sich einbildet, dass immer noch ich der Boss bin.«

Tom fluchte leise. Seiner bescheidenen Ansicht nach war der neue Chief es nicht mal wert, die Stiefel von McGuinness zu lecken. Er wusste, dass Sean diese Ansicht teilte. Er wusste aber auch, wenn er mit dem Thema anfinge, würde Sean ihn tadeln und ihn daran erinnern, dass er seinem neuen Vorgesetzten mit dem Respekt zu begegnen habe, der der Position gebührte.

Das war die Art seines alten Chefs, seine Missbilligung darüber auszudrücken, dass Tom den Posten nicht selbst übernommen hatte.

Er war ihm angeboten worden. Im Frühjahr, kurz nachdem Sean die Bombe hatte platzen lassen, hatte Bronwyn Maher, die stellvertretende Polizeipräsidentin, Tom zu sich bestellt und ihm erklärt, er könne den Job haben.

»Es gibt hochgestellte Persönlichkeiten, die viel von Ihnen halten«, hatte sie bemerkt.

»Sie wurden wohl unter Druck gesetzt«, hatte Tom gescherzt.

Bronwyn Maher lächelte.

»Überhaupt nicht. Ich bin Ihr größter Fürsprecher. Aber woher um alles in der Welt kennen Sie den neuen Taoiseach?«

»Jarlath O’Keefe, den Toaiseach? Oh, wir kennen uns schon ewig. Tja, zumindest seit diesem Fall im Leinster House im letzten Herbst.«

»Ah. Sie haben ihn also zu dem gemacht, was er heute ist. Er hat sich sehr für Sie eingesetzt, Tom. Als Nächstes gibt er Ihnen noch meinen Job. Ich kann nicht behaupten, dass mir das viel ausmachen würde. Ich wäre froh, wenn Sie der neue Leiter des NBCI werden, wissen Sie. Aber nur, wenn Sie bereit sind, sich mit Herz und Seele hineinzuknien. Bei dem Posten kann es keine Halbheiten geben.«

Und das war das Problem gewesen. Der Inspector wollte die zusätzliche Verantwortung und den Druck nicht, die mit der neuen Position einhergehen würden. Er war gern Leiter der Mordkommission, und diese Aufgabe war wahrlich anspruchsvoll genug. Und als er im letzten Jahr fünfzig geworden war, hatte er erkannt, dass er mehr Zeit für seine Familie haben wollte, nicht weniger.

Also hatte er die Beförderung abgelehnt, und Joe Kennedy bekam den Posten.

Kennedy war ein Meister der Selbstdarstellung. Es gelang ihm, gleichzeitig seriös, intelligent und beruhigend zu wirken. Er trug eine Brille im Retro-Look und einen Ausdruck ständiger Sorge um die Sicherheit der irischen Öffentlichkeit im Gesicht. Bei Pressekonferenzen, wenn aufmunternde Floskeln von seinen Lippen tröpfelten wie Honig, war er in seinem Element.

Ein größerer Unterschied zu dem Mann mit den buschigen schwarzen Augenbrauen und der grauen Haarmähne, der Tom gegenübersaß, war kaum vorstellbar. Das Weinglas wirkte direkt zierlich in einer Hand, die so groß war, dass sie ein kleines Bäumchen mit den Wurzeln hätte herausziehen können. McGuinness war brüsk und einschüchternd, aber er hatte Tiefgang.

Die Entscheidung, Sean durch Joe Kennedy zu ersetzen, war so abgeschmackt, dass es Tom ganz übel wurde.

»Alles ruhig an der Westfront«, antwortete er also und behielt seine Ansichten über den neuen Vorgesetzten für sich. »Bei der Hitze läuft niemand rum und bringt Leute um.«

»Ich würde momentan keinen Urlaub planen, Tom. Vielleicht ist gerade nichts los, aber diese Hitze … sie macht die Leute kirre. Ein Mann, der sich sonst nur leicht geärgert hätte, wenn seine Frau ihn drängt, im Garten zu arbeiten oder den Grill anzuwerfen, bekommt jetzt vielleicht Mordgelüste.«

»Wir waren ja schon weg«, sagte der Inspector und dachte wehmütig an ihre Kubareise im Mai zurück. Dort war es noch heißer, aber darauf waren sie vorbereitet gewesen. Während in Irland die Leute mit freudigem Staunen auf den ersten richtig sonnigen Tag reagierten, jedoch nach zwei Wochen Hitzewelle nicht begreifen...



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