Stadelmann | Arbeiter- und Leichenstaat | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 140 Seiten

Stadelmann Arbeiter- und Leichenstaat

Ein Plattenbau-Thriller
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7583-8648-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Plattenbau-Thriller

E-Book, Deutsch, 140 Seiten

ISBN: 978-3-7583-8648-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



August 1991. Ich heiße Luca und schulde meiner Kollegin Cindy einen Besuch drüben im Osten, in ihrer alten Heimat. Cindy ist ein guter Kumpel, aber leider auch wahnsinnig anstrengend. Zum Glück sind ihre Nachbarn Ursula und Detlef vorbeigekommen, um mit uns ein paar Flaschen Wein zu köpfen. Während wir fröhlich Rosenthaler Kadarka in uns hineinschütten, verstärkt sich das ungute Gefühl, dass ich den Satz über Cindy und ihre Bekannten hinter dem Wort "wahnsinnig" beenden sollte. Und als der Sowjetsoldat Semjon auftaucht, nimmt meine Ost-Reise für alle Anwesenden eine "urst" ungesunde Wendung...

Michaela Stadelmann wuchs in Nordrhein-Westfalen auf und lebt in Mittelfranken. Seit 2007 veröffentlicht sie Romane in unterschiedlichen Genres, u.a. Krimis bei Ullstein. Sie ist freie Übersetzerin und Lektorin. Im Internet findet man sie unter dem Namen Textflash.

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DDR-Souvenirs
Der Augusttag dämmerte so sonnig und heiß herauf wie alle Sommertage des Jahres 1991. Seit den Feierlichkeiten zum 3. Oktober 1990 waren zehn Monate vergangen. Allzu viel hatte ich, damals 21, von der Wiedervereinigung noch nicht mitbekommen. (Bis auf den Umstand, dass die nationale Freude nach kurzer Zeit der Ernüchterung gewichen war.) Tief im Westen hatte ich mich im Frühsommer auf meine Prüfung in irgendeinem Büroberuf vorbereitet und war nach deren Bestehen in meinen Ausbildungsbetrieb übernommen worden. Meine Mit-Azubine Cindy, zweites Lehrjahr, lud mich daraufhin für ein Wochenende zu sich in ihre »alte Heimat« nach Thüringen ein. Ich sollte echte Ost-Luft schnuppern, während sie die Gelegenheit nutzen würde, mich näher kennenzulernen. Aus mir unbegreiflichen Gründen hatte sich Cindy in einer unserer durchgemachten Disco-Nächte unsterblich in mich verschossen. Aber schon die Ehe meiner Eltern fand ich so anstrengend, dass ich keine Lust hatte, für sie mein Single-Dasein aufzugeben. Weil mich weder der Osten noch Cindy interessierten, hielt ich sie mehr oder weniger geschickt zwei Wochen hin. Dann, in der zweiten Augustwoche erhielt ich die Zusage für eine besser bezahlte und vor allem interessantere Stelle in der Nachbarstadt, um die ich mich schon vor Längerem beworben hatte. Anfang September würde ich in die Buchhaltung eines mittelständischen Antiquariatsgroßhändlers wechseln. Mit dem Wechsel tauschte ich zwar einen sicheren Arbeitsplatz in einem Handwerksbetrieb gegen die wackelige Kulturbranche ein. Aber wir lebten in den 1990ern, von überall her schallte die Aufforderung zur Selbstverwirklichung. Und wenn sogar ganze Staatssysteme innerhalb weniger Wochen zusammenbrechen und neu aufgezogen werden konnten, sollte es mir doch möglich sein, meinen Lebensunterhalt mit Kultur zu verdienen, nicht wahr? Blieben noch zwei Hürden: der Chef und Cindy. Wie erwartet schaute mein Chef finster, als ich ihm knapp drei Wochen nach meiner Übernahme die Kündigung auf den Tisch legte. »Verräter!«, zischte er und unterschrieb meinen Antrag auf Resturlaub. Der war wegen der neu angelaufenen Probezeit mickrig, was mich aber nicht juckte. Dann drückte er mir noch die Einarbeitung meiner Stellennachfolgerin Frau Fahnke auf, die in einer Woche aus dem Urlaub zurückkehren würde, wünschte mir trotzdem alles Gute und warf mich aus seinem Büro. Blieb noch Cindy. Ja, ich weiß, ich war ihr keine Rechenschaft schuldig. Außerdem war sie die ganze Woche in der Berufsschule und wollte anschließend für zwei Wochen nach Thüringen. Sie würde erst wieder im Büro auftauchen, wenn ich nicht mehr da war. Es wäre also ein Leichtes gewesen, ihrem emotionalen Zusammenbruch auszuweichen, indem ich mich klammheimlich verdrückte. Aber das brachte ich nicht übers Herz. Wir waren stets die Sonderlinge im Betrieb gewesen, das schweißte zusammen. Sie kam »von drüben« und ich, nun. Die Fahnke hatte es in der Frühstückspause zwischen zwei Bissen mal so formuliert: »Es ist schwierig, Sie der richtigen Seite zuzuordnen, Luca.« Ich wusste natürlich, worauf diese Bemerkung abzielte, dennoch schwieg ich. Das war meine private Angelegenheit. Aber Cindy hatte dazu mal wieder nicht schweigen wollen. In einer flammenden Rede verteidigte sie mich und den Rest der Menschheit gegen das beschränkte Schubladendenken der Fahnke. Nur durch die Stigmatisierung einzelner Gesellschaftsgruppen wäre zum Beispiel die weltweite Verbreitung des HI-Virus erst möglich gemacht worden! – Als die Fahnke sie darauf hinwies, dass sie demnächst ihre Beurteilung über den Abteilungseinsatz zu verfassen hatte, schwieg Cindy dann doch. Die Beurteilungen waren immens wichtig für die Übernahme nach der Ausbildung. Bei der Fahnke hatte Cindy trotzdem einen Nerv getroffen. Entsprechende Anspielungen unterblieben künftig, was mein schlechtes Gewissen gegenüber Cindy verstärkte. Am Abend rief ich also schweren Herzens Cindy am zentralen Telefon ihres Wohnheims an, um mich mit ihr für den nächsten Tag, einen Donnerstag, zu verabreden. In ihrem Lieblingscafé wollte ich ihr bei Kaffee und Kuchen ganz ruhig darlegen, was sie nach ihrem Urlaub in der Firma erwartete, beziehungsweise wer sie nicht mehr erwartete. In der Öffentlichkeit hatte sie mir bisher ihre peinlichen Ausraster erspart. – Immer wieder ging ich die zurechtgelegten Sätze durch. Ich bin einfach nicht gut im Abschiednehmen. Doch als sie sich endlich im Hörer meldete, war alles wie weggeblasen. Mein Gehirn sprang zur zweiten Sache, die ich mit ihr besprechen wollte: den Besuch in Thüringen. Das sollte meine Vorschusswiedergutmachtung sein. Wie setzte mich Cindys geballte Freude fast außer Gefecht. Völlig überfahren stimmte ich zu, gleich am kommenden Wochenende bei ihr aufzutauchen. Bis auf diesen Samstag und Sonntag hatte sie ihren Heimaturlaub bereits verplant mit Besuchen und dem Umzug einer Verwandten von Rohr nach Gräfinau-Angstedt (wo immer das sein mochte). Eigentlich mochte ich es nicht, so spontan zu verreisen. Aber auch hier ließen mich mein schlechtes Gewissen und meine Angst, dass sie bei Widerspruch überreagieren könnte, schweigen. Ich stimmte also zu und legte auf. Nun gut. Dann würde ich sie eben in Thüringen ins Café einladen. Dachte ich. An einem immer noch heißen Freitagnachmittag rumpelte ich Mitte August mit dem Zug von Bochum gen Osten. Ich hatte extra eine Fahrkarte für einen späteren Zug gekauft, damit Cindy nicht auf die Idee kam, die Berufsschule zu schwänzen und mit mir zusammen nach Hause zu fahren. Auf ihre unnachahmliche Art hätte sie schon im Zug aus mir herausgekitzelt, dass ich die Firma verlassen würde, eine unaussprechlich anstrengende Vorstellung. Je weiter der Zug in den Osten vordrang, desto trostloser erschien mir die Gegend. Jahrzehnte des Verfalls hatten die Städte geprägt, durch die ich fuhr. Die meisten heruntergekommenen Bahnhöfe schienen nicht größer zu sein als Bushaltestellen. Mit einem einzigen Blick auf die Häuser glaubte ich zu begreifen, warum es den DDR-Bürgern mit dem Sozialismus gereicht hatte. Aus dieser Erkenntnis entwickelte ich nach und nach ein ungesundes Überlegenheitsgefühl, das mir heute, 30 Jahre später, immer noch peinlich ist. Immerhin hatte ich genug Grips, mit einem älteren Herrn, der kurz hinter der ehemaligen Grenze zustieg und sich als linientreuer Parteiaktivist outete, nicht über Politik zu diskutieren. Ich hätte auf seine Argumentation nichts zu erwidern gewusst, außer dass ich Sozialismus, Kommunismus und überhaupt alle Ostblock-Ismen bescheuert fand, Schule sei dank. Deshalb heuchelte ich Interesse an seinem Monolog über die gute alte Zeit. Er wusste es halt nicht besser, genau wie ich. Vielleicht bereitet es dem Lesenden Genugtuung, wenn ich verrate, dass eine höhere Macht mein reichlich arrogantes Desinteresse an allem, was die Bürger der Ex-DDR betraf, ziemlich daneben fand. Schließlich stolperte ich mit meinem Rucksack auf den Bahnsteig einer ehemaligen südthüringischen Kreisstadt. Cindy war nirgends zu sehen. Sie hätte eigentlich hier auf mich warten sollen. Dabei hatte sie am Telefon ein riesiges Getue darum gemacht, dass sie mich unbedingt abholen wollte. Und jetzt war sie nicht da. Sollte ich mich an eine von Cindys blumigen Schilderungen über die Kreisstadt halten, in der jeder jeden kannte »wie auf dem Dorf«? Demnach brauchte ich nur einen Bus- oder Taxifahrer zu fragen, wo Cindy wohnte und im Handumdrehen würde er mich zu ihr bringen. Aber erstens gab es vor dem Bahnhof weder Taxistand noch Bushaltestelle. Und zweitens war meine Kollegin bestimmt nicht die einzige Cindy, die hier lebte. Ich hätte sie beim Telefonat nach ihrer Adresse fragen sollen. Aber die konnte ich bestimmt im nächsten Postamt nachschlagen. Und wo befand sich das nächste Postamt? – Ich sah mich bereits die nicht sehr vertrauenerweckende Unterführung am Bahnhof Richtung Stadtzentrum hinuntergehen. Just in diesem Moment spurtete Cindy fröhlich winkend aus der Unterführung. »Luca! Hier bin ich!«, rief sie so laut, dass auch ein paar Jugendliche, die sich vor einem Nebeneingang des Bahnhofs herumdrückten, auf uns aufmerksam wurden. Stark gekürztes Haupthaar, Hosenträger und Springerstiefel bestätigten auf ungute Weise, was ich bisher über den Osten gehört hatte. Doch Cindys plötzliches Auftauchen löschte mein Unbehagen aus und schuf Raum für einen Flashback: Cindy wurde zur Unbekannten in den Abendnachrichten, die sich mit anderen Figuren an einem Schlagbaum vorbei auf die Westseite der Stadt drängte. Was natürlich eine Überlagerung verschiedener Erinnerungen aus dem Fernsehen und an Begebenheiten mit der echten Cindy darstellte. »Da staunste, was?«, sagte sie, sehr zufrieden mit meiner Reaktion. »Nur für dich habe ich noch mal meine DDR-Kollektion rausgekramt. Ich hätte das Zeug längst weggeworfen, aber meine Mutter hatte es im Keller aufgehoben und da konnte ich nicht widerstehen und tadaaa! So sind wir damals rumgelaufen!« Vorsichtig musterte ich ihre...



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