E-Book, Deutsch, Band 1, 250 Seiten
Stadelmann Der Nachtmahr
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-0561-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Daliborka. Das Geheimnis der Freiheit
E-Book, Deutsch, Band 1, 250 Seiten
Reihe: Daliborka. Das Geheimnis der Freiheit
ISBN: 978-3-7578-0561-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
1885, Berlin-Gesundbrunnen: Über Jahrzehnte hat Sahir, der Statthalter der Zwerge, die letzte Bastion seiner Gattung im Nordwesten der Großstadt bewacht. Eines Nachts wird die Eigentumsurkunde der Zwerge von einem Nachtmahr gestohlen. Zur Aufklärung des Falls wird die Zwergin Daliborka, adelige Vertreterin des Dezernats Riesengebirge, entsandt. Doch auch Drachen und Elben wollen den Kiez als Lebensraum für ihre Gattungen sichern, um von den Menschen nicht ganz verdrängt zu werden. Damit nicht genug: Ein Liebeszauber ergreift die Bewohner des Kiezes. Nur eine Hexe kann diesen mächtigen Zauber wirken. Sahirs Verdacht fällt auf Barbara, die Wirtin der Bierstube. Sie interessiert sich auffallend für Esoterik und Steinmagie. Oder ist es doch die unscheinbare Küchenhilfe Anna, die ein geheimnisvolles Doppelleben führt? Und wer ist der finstere Hintermann, der die Zwerge aus Gesundbrunnen vertreiben will? Ist er verantwortlich für die Anschläge auf Frau Daliborkas Leben?
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Séance
»Tee hast du also auch gekocht«, stellte Sibylle fest. Verlegen zupfte Barbara an dem schwarzen Wolltuch, das den Spiegel des Zierbuffets verhängte. Keine Spiegel, keine offenen Fenster, hieß es. Nur gut, dass das Hinterzimmer fensterlos war. Nervös schob sie das fünfte Teegedeck auf dem Tisch herum. »Das ist nicht irgendein Tee.« »Natürlich ist es das nicht, und das hier ist auch nicht irgendeine Zusammenkunft«, stichelte Sibylle, hob den Deckel von der Teekanne und schnupperte in den Dampf hinein. »Was ist da drin?« Barbaras Wangen verfärbten sich rot. »Feigen und türkischer Apfel.« Klappernd legte Sibylle den Deckel auf die Kanne zurück. »Was ist denn bitte ein türkischer Apfel? Gehört er etwa auch zu deiner spiritistischen Sitzung? Und die Feigen? Wer um alles in der Welt verkauft dir im Februar Feigen?« Ein zierlicher silberner Kaffeelöffel klirrte gegen die Untertasse. »Klara hat mir Feigentee geschenkt, weil ihr Mann eine Sonderlieferung aus Vorderasien bekommen hat. Ich soll ihn probieren und ihr sagen, ob er gut ist.« Barbara sprach so schnell, dass sie die einzelnen Worte fast verschluckte. Wäre Sibylle nach der Abendandacht doch bloß schlafen gegangen, statt Barbara von ihrem esoterischen Irrglauben zu bekehren! Und dann auch noch Feigentee, den Barbara nie und nimmer von Klara Lohschelder, der alten Pfennigfuchserin, geschenkt bekommen hatte! »Von mir aus kannst du gern Verkosterin der hochedlen Familie Lohschelder spielen«, sagte Sibylle so ruhig wie möglich. »Es ist hoffentlich dein Geld, das du aus dem Fenster wirfst.« Sie machte sich daran, das dunkle Tuch vom Zierbuffet zu ziehen. »Halt, nein! Das stand in den Anweisungen, die mir Monsieur Orell geschickt hat.« Sibylle hielt inne. »Tatsächlich?« »Ja. Schau, hier.« Barbaras Finger zitterten, als sie einen zerknitterten Zettel aus der Rocktasche zogen. »›Ich ersuche die Damen untertänigst, folgende Vorkehrungen für die Séance zu treffen: Verdunkeln Sie alle Fenster, um keine neugierigen Geister anzulocken. Verhängen Sie alle spiegelnden Flächen, damit kein Dämon unsere Zwiesprache mit den Toten stört. Legen Sie für jeden Anwesenden Tasse, Untertasse, Löffel sowie ein warmes Gebräu bereit, um die Gedanken weich und empfänglich zu machen, sowie eine zusätzliche Tasse.« »Hm«, brummte Sibylle. »Ich dachte, du hättest den Brief auch gelesen.« Barbara gestattete sich ein verschmitztes Grinsen. »Ach, mit so was gebe ich mich doch gar nicht ab!« Was ein sogenanntes Medium verlangte, interessierte Sibylle grundsätzlich nicht. Das war doch alles häretischer Hokuspokus! Aber heute Abend würde sie der armen, verwirrten Barbara beweisen, dass es nur eine Instanz gab, an die es zu glauben galt: Gott! Wie ärgerlich, dass man nach wie vor in Zeiten leben musste, in denen an Seinem unumstößlichen Gesetz gezweifelt wurde. »Ich hoffe, damit ist dein Hokuspokus vollständig«, knurrte Sibylle. »Ja.« Nachlässig steckte Barbara das Schreiben zurück in die Rocktasche. Da klopfte es. »Der Allmächtige steh uns bei, ist er das schon?«, flüsterte sie erschrocken. »Lass den Allmächtigen aus dem Spiel! Mach lieber die Tür auf!«, herrschte Sibylle sie an. Beunruhigt, dass die Begegnung mit ihrem besonderen Gast tatsächlich wahr werden sollte, flüchtete Barbara fast aus dem düsteren Hinterzimmer. Das Klopfen war von der Hintertür gekommen. Betraten hellsichtige Menschen aus Gründen, die Barbara nicht verstand, Gebäude nur von der Rückseite? Rasch richtete Barbara die Rüschen ihres Baumwollschals, streifte ein paar lose Haare zurück in ihren Dutt und räusperte sich. Mit einem Lächeln auf den Lippen öffnete sie die Tür zum Hinterhof. »Bin ich zu spät?« Klara Lohschelder hielt sich nicht lang mit einer Begrüßung auf, sondern drückte sich an Barbara vorbei. »Wo ist er? Sieht er gut aus? Hat er schon etwas prophezeit?« Suchend schaute sie sich um. Bis auf einen alten Schrank und angeschlagene Gläser aus der Bierstube gab es für sie nichts im Flur zum Hinterhof zu entdecken. »Nein! Leg ab und halt den Mund, du dummes Huhn!« Es fehlte nicht viel und Barbara wäre in Tränen ausgebrochen, so heftig setzte ihr die Aufregung wegen der bevorstehenden Séance zu. Sibylles harsche Worte taten ein Übriges. In letzter Zeit hatte sie heftig über Barbaras angebliche Verfehlung geschimpft, sich für mystische Rituale und dergleichen zu interessieren. Aber Barbara strebte nach dem, was sich in den Salons der wohlhabenden Bürger abspielte. Technik und Wissenschaft mochten sich mit Riesenschritten weiterentwickeln, doch nur der Spiritismus vervollständigte die Macht der Lebenden. Es reichte den Edlen nicht mehr, sich die Natur untertan zu machen. Auch alles andere zwischen Himmel und Erde sollte vom Menschen, der Krone der Schöpfung, unter Gefügigmachung der Geisterwelt gezähmt werden. Und je vehementer Sibylle all die seltsamen Vorkommnisse der letzten Zeit mit Gottes Allmacht zu erklären versuchte, desto stärker wurde Barbaras Überzeugung, dass Sibylle die Geister, die mit ihnen hier lebten und ihnen die ganze Fülle der Macht bringen sollten, nicht sehen wollte. Es störte Klara nicht, dass Barbara sie nicht besonders sanft vor sich herschob. »Man wird doch wohl noch fragen dürfen«, protestierte sie fröhlich. »Hoffentlich ist unser Erbe von Atlantis pünktlich!« »Hoffentlich hältst du deinen vorlauten Mund, wenn er da ist«, zischte Barbara wütend. Sie hätte Sibylle untersagen sollen, Klara Lohschelder als »neutrales Individuum« einzuladen. Die Gattin des Kolonialwarenhändlers würde mit ihrer enervierenden Art alles verderben! »Warum sollte ich?« Mit einer Geste, die auch zu einer Fürstin gepasst hätten, machte Klara sich von Barbara frei und schwebte den Flur entlang. »Muss ich etwa in euren schmuddeligen Alkoven?« »Richtig!« Sibylle trat in den Flur und zog die Tür des Hinterzimmers bis auf einen Spalt zu. Nur noch ein dünner Streifen Licht ließ sie erkennen, was im Flur vor sich ging. »Klara, Liebste! Wie schön, dass wenigstens du kommen konntest.« Zwei kraftlose Küsse flogen an Klaras Wangen vorbei. »Herr Altin hat leider abgesagt. Leg ab und komm herein, der Meister sollte jeden Moment erscheinen.« Dass der kleine Graveur nicht dabei war, enttäuschte Sibylle schwer, denn wie sie setzte er sich vehement gegen die grassierende esoterische Mode ein. Ohne größere Umstände drückte Klara ihr den Filzumhang in die Hand. »Barbara, dieses liederliche Weibsstück, verbietet mir doch tatsächlich den Mund. Meine Güte, warum ist es denn so dunkel hier?« »Weil wir …« »Und wie staubig die Luft bei euch ist!« Klara hustete affektiert. »Hier wurde ja schon ewig nicht mehr richtig saubergemacht. Seid ihr sicher, dass es eine gute Entscheidung war, diese Anna einzustellen und nicht Christine von den Bergers, die ich euch empfohlen habe? Barbara, hast du den Tee aufgebrüht?« »Ja, das hat sie und ich wäre dir sehr verbunden, wenn du mit dem Gegacker aufhören könntest«, fuhr Sibylle sie an. »Komm rein und sprich nur, wenn du gefragt wirst!« Da schwieg Barbara lieber. Sie fürchtete, dass Sibylle vor lauter Ärger über die Séance hysterisch wurde. Sekundenlang herrschte Stille. »Na gut«, sagte Klara schließlich. Ihre Begeisterung war hörbar geschwunden. »Es ist schon nach zehn. Können wir endlich anfangen? Oder wollt ihr noch länger in diesem ungemütlichen Gang stehen, bis wir alle erfroren …« Ähem. Einen Moment glaubte Barbara zu spüren, wie Eiskristalle ihren Nacken hinunterrieselten. Ich bin da. Die Stimme schien direkt aus der Wand zu kommen. Verwirrt blinzelte Klara in den Lichtspalt, der langsam breiter wurde. »Hast du sonst noch jemanden eingeladen?«, flüsterte sie unwillkürlich. »Nein«, antwortete Sibylle ebenso leise. Die Tür zum Hinterzimmer schwang zurück, bis die drei Frauen freien Blick auf den Tisch mit den Gedecken hatten. »Jessas«, entfuhr es Sibylle. Erschrocken schlug sie die Hand vor den Mund. Klaras Verwirrung wich dagegen unverhohlener Begeisterung. Verzückt versank sie in einem fast unanständig tiefen Hofknicks. »Monsieur Orell!«, seufzte sie und schickte ein schrilles »Willkommen!« hinterher. Sibylle brach der Schweiß aus. Das ist doch albern, dachte sie und tastete hinunter zu Klara, ohne den Schatten im Hinterzimmer aus den Augen zu lassen. »Steh wieder auf!« Im nervösen Flackern der Kerzen schien der Schatten zu wachsen. Sibylle versuchte, sich daran zu erinnern, wann sie sie angezündet hatte. Seid ihr bereit? »Ja«, flüsterte Barbara entrückt. Eine Geisterhand zog sie über die Zimmerschwelle, ohne dass sie einen Muskel bewegen musste. Willenlos glitt sie an den Tisch, sank auf den Stuhl, den der Schatten ihr mit einem Wink des Zeigefingers zuwies, und wartete. Die Luft war erfüllt vom Duft des süßen Feigentees. Kekse wären auch gut gewesen, dachte Klara, oder Biskuits. Im nächsten Moment tauchten sie hinter der Teekanne auf. Eine perfekte Illusion. Seltsam. Sibylle hatte Mühe, sich von dem Kerzenflackern nicht davontragen zu lassen. Ihre Vorbehalte verschmolzen mit den Schatten der Dunkelheit, sanken ins Nichts. Die mystische Atmosphäre war so perfekt, als hätte ihr Geist...




