E-Book, Deutsch, 206 Seiten
Stadelmann Joe Brauns Begräbnis
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-0590-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 206 Seiten
ISBN: 978-3-7578-0590-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erst war ich arm. Dann reich. Die ganze Zeit glaubte ich, das Wissen in den Büchern der Welt bedeutet Macht. Doch dann begriff ich: Absolute Macht verleiht nur der Tod. Vater wäre stolz auf mich. Johannas Leben besteht aus Hunger und Armut. Ihre Mutter Grit, arbeits- und hoffnungslos, hat ihre pubertierende Tochter längst vergessen. Unverhofft werden die beiden in die Welt der Superreichen katapultiert. Doch Johanna kann sich mit der Rolle der reichen Erbin nicht arrangieren. Sie kehrt dem Jetset den Rücken und heuert als Aushilfe in einem Imbiss an. Bei einem Rollenspielwochenende lernt sie den angehenden Studenten Leon kennen. Er verspottet sie und ihren Job. Seiner Meinung nach hat sie nicht genug Ehrgeiz, um ein »besseres« Leben zu führen. Johanna beschließt daraufhin, endgültig Abschied von der Welt zu nehmen. Vorher zieht sie noch einmal alle Register: Die Zeit ist reif für das perfekte Rollenspiel. 6
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Johanna
Prolog
Johannas Körper schreckte hoch. Ihre Gedanken lösten sich aus der heilsamen Dunkelheit des Schlafs. In der Sekunde zwischen Abschiedsschmerz und Akzeptanz pflanzte ihr das andere Ich die Idee ein, später die Dorfbibliothek von Kleinküsterhausen aufzusuchen. Johanna hasste diese Schutzlosigkeit zwischen dort und hier. Grit schnarchte im Sessel, der Radiowecker zeigte 4:30 Uhr. Trotz der zu erwartenden Schlappe verfuhr Johanna wie immer. Die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt. »Grit! Aufwachen!« »Hmpf.« Mühsam öffneten sich die verquollenen Augen ihrer Mutter. »Es ist halb fünf!« »Lass mich schlafen.« »Aber-« »Verdammt noch mal, ich muss nicht mehr aufstehen!« Wer auch immer den Sender mit dem Dauersatellitenflug um die Erde eingeschaltet hatte: Die Sendung nervte. Johanna tastete nach der Fernbedienung. Die Mattscheibe erlosch. Augenblicklich war es stockdunkel, aber nicht so sicher wie in ihrem Kopf. Sie schälte sich aus der abgewetzten Decke, die im Winter immer nach nassem Hund roch. Kalt war es hier. Zitternd tappte sie zu Grits Schlafsessel und schüttelte sie vorsichtig. Grit brummte. Etwas Hartes landete dumpf auf dem Boden. Eine leere Flasche. Leere Flaschen bedeuteten Hunger. Früher hätte Johanna deshalb vor Wut geheult und um sich geschlagen. Doch nun brachte ihr Magen nur noch ein resigniertes Gurgeln zustande. Es sollte wohl ein Knurren sein. »Lass uns frühstücken«, bat Johanna, um lauter zu sein als der Hunger. »Um die Zeit?« In Grits Atem klebten Hopfen und Malz. »Na gut. Weil du’s bist.« Stöhnend erhob sie sich und schaffte es tatsächlich in die Küche, ohne gegen etwas zu stoßen oder umzurennen. »Ich hab vorgesorgt«, murmelte sie, angelte das treue Keramikschwein Miffi vom Regal, zog den Stopfen aus seinem Bauch und drehte es um. Ein einsames 10-Cent-Stück rollte über den Tisch. »Ich gehe duschen«, murmelte Grit. »Vielleicht ist das Wasser heute warm.« Johannas Backenzähne mahlten. Sie wusste, dass man vor Hunger halluzinieren konnte, wenn man sich Mühe gab. Doch der Küchentisch blieb abgeschabt und blank. Sie konnte sich keine Rühreier mit Speck und Butterbrot vorstellen. Und trotz der schmerzhaften Leere im Bauch rief auch der Gedanke, dass die fleckigen Tapeten mit dem Speiseöl der besseren Jahre getränkt waren, bei ihr keinen Speichelfluss mehr hervor. War Johanna für das Leben in echter Armut inzwischen zu dumm geworden? Bestimmt kann man darüber etwas in der Bibliothek erfahren, wenn man das richtige Buch erwischt, flüsterte ihr anderes Ich. Johanna seufzte. Grit kam zurück, sie rubbelte sich die Haare trocken. »Hab gehört, dass die Seniorinnen heute in der Bibo sind. Du wolltest doch hin wegen diesem Tierbuch.« Wegen des Tierbuchs, dachte Johanna automatisch. »Jörgens Tierleben meinst du«, murmelte sie. »Ja ja, du weißt schon. Wenn sie wieder Nusskuchen dabeihaben, bring mir ein Stück mit.« Grit wickelte sich das Tuch wie einen Turban um den Kopf. »Und was machst du so lang?«, fragte Johanna. Ihre Mutter hielt inne. »Ich hau mich noch ’ne Runde aufs Ohr, aber im Schlafzimmer.« Johanna hörte das Bettgestell ächzen, weil Grit sich wie immer hineinfallen ließ. Ihr Magen antwortete mit dem enttäuschten Protest der Vergessenen. Die winzigen Kuchenstücke, welche die Seniorinnen den Lesenden regelmäßig spendierten, hinterließen stets ein hungriges Loch in Johannas Magen. Wenigstens bekam man den Leseausweis der Bibliothek kostenlos, auch wenn sich damit den Magen nicht füllte. Kochbücher gab es in der Bibo nämlich nicht. Während Grit drinnen schon wieder schnarchte, hörte Johanna Grits andere Stimme aus einer Zeit, in der es noch Frühstück gegeben hatte: Wenn du aus diesem Loch raus willst, dann beschäftige dich mit Büchern, mein Kind. Das ist die beste Zukunftsvorsorge! * Stirnrunzelnd musterte der Sachbearbeiter Helmreich Grit und Johanna über seine Gleitsichtbrille hinweg. Beide lächelten zurück, aufmerksam darauf bedacht, auf dem Grat zwischen zaghafter Herzlichkeit und bitterer Bedürftigkeit nicht zu straucheln. »Was war es diesmal? Die Kleinküsterhausener Trampolinmeisterschaft?« Helmreich suchte auf seinem Schreibtisch nach einem Kugelschreiber. »Nee, echt nicht.« Johanna schüttelte den Kopf. Der Kugelschreiber musste sein Versteck zwischen den Aktendeckeln verlassen. Helmreich klickte die Miene heraus. »Was sagen denn Ihre Nachbarn dazu, Frau Braun?« Trotzig spitzte Grit die trockenen Lippen. »Was sollen die schon sagen? Die haben auch nur Sachen aus dem Möbellager. Und da kracht eben öfter was zusammen.« »Aber doch nicht dreimal innerhalb von fünfzehn Monaten.« Helmreich bedachte Johanna mit einem weiteren ernsten Blick. »Vielleicht war diesmal ein Holzwurm drin«, überlegte Grit. »Die im Möbellager müssen einfach besser aufpassen, dass sie nicht immer Schrott-« »Frau Braun, alle gebrauchten Möbel werden gewissenhaft auf ihren Zustand überprüft, gegebenenfalls instand gesetzt und ordnungsgemäß bei den Beziehern abgeliefert«, unterbrach Helmreich sie lauter als nötig. »Sie sind die einzige Familie in meinem Bereich, bei der die Betten zusammenkrachen wie Kartenhäuser! Bitte erklären Sie mir das.« Grit warf ihrer Tochter einen Blick zu, den Helmreich unter resigniert, weil endlich in die Enge getrieben, ablegte. »Da gibt es nix zu erklären. Johanna schläft in dem Bett und fertig.« Johanna nickte eifrig. »Das hat doch auch die Frau Rupprich bestätigt.« Müde schloss Helmreich die Augen. Ja, das hatte die Kollegin vom Jugendamt tatsächlich. Und seinen Verdacht Jugendbett – übermäßige Abnutzung – daraus resultierende üppigere Haushaltskasse zum Glück entkräften können. Er hatte wirklich schon viel erlebt. Die Brauns waren und blieben absolut einzigartig. - Ergeben öffnete er die Augen wieder. »Schauen Sie, Frau Braun, Sie müssen das irgendwie ändern. Ich kann Ihrer Tochter nicht jedes Jahr drei Bezugsscheine für Betten zuteilen. Mein Chef steigt mir schon aufs Dach.« »Aber das wäre dieses Jahr der erste«, meinte Johanna und fühlte sich im Recht. »Und der vierte in Folge«, meinte Helmreich. »Also gut, Frau Braun. Wenn Sie mir eine absolut logische Erklärung liefern können, warum die Betten Ihrer Tochter so schnell kaputtgehen, stelle ich noch mal einen Bezugsschein aus. Ausnahmsweise!« Natürlich hätte Grit ihm endlich sagen können, dass es an den Büchern lag, die Johanna in ihrem Bett stapelte. Aber die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass er so oder so weitermosern und die Kollegin vom Jugendamt vorbeischicken würde. Darauf hatte sie keine Lust mehr. Zwei Minuten später standen sie und Johanna wieder auf der Straße. »Muss ich jetzt auf dem Boden schlafen?«, fragte Johanna bedrückt. Grit blickte zu der Fensterscheibe hoch, hinter der Helmreichs Bürogeranien zu sehen waren. »Die Matratze tut’s auch ohne Gestell. Du hättest nicht so viele Bücher ‘reinlegen sollen.« »Aber du hast doch gesagt, wenn ich-« Grit winkte ab. »Hätte ich ihm sagen sollen, dass Omas Tierlexika so schwer sind?«, wagte Johanna einen weiteren Vorstoß. Grit schüttelte den Kopf. »Nee. Am Ende hätte er verlangt, dass wir Omas Bücher verkaufen.« Johanna schauderte. Oma Bertas zwölfbändiges Tierlexikon mit Goldschnitt von 1912 verkaufen, nur wegen ihres instabilen Bettes? Niemals! Und so schlief ab sofort Johanna auf der Matratze auf dem Boden, umgeben von ihren papiernen Lieblingen. * Ein paar Tage später entdeckte sie die Bücher auf dem Nachhauseweg in der Auslage der Pfandleihe. Zuerst glaubte sie an einen Irrtum. Doch als sie ganz nah an die Scheibe herangetreten war, konnte sie mit etwas Mühe den Titel auf dem kleinen Schild lesen: Jörgens Tiere der Welt in 6 Bänden, Ausgabe von 1912, sehr gut erhalten, Goldschnitt, Abbildungen, Ledereinband. »Ich hatte noch was bei der Kleinheisters offen, das wollte sie heute wiederhaben«, erklärte Grit achselzuckend, als Johanna sie zu Hause darauf ansprach. »Aber ich hole deine Bücher zurück, denn der Lubisch schuldet mir auch noch was und das gibt er mir heute, hat er gesagt. Und dann kriegst du deine Bücher wieder.« Grit sorgt eben vor, dachte Johanna beunruhigt. So hatte sie es bisher gemacht, etwas geliehen, etwas versetzt, den Betrag zurückgezahlt und dann selbst von anderen Geld eingetrieben. Nicht lange und Grit würde auch Johannas Bücher wieder auslösen. Bereits am nächsten Tag waren die wertvollen Goldschnitterbstücke aus dem Schaufenster der Pfandleihe verschwunden. Erfreut wähnte Johanna den Jörgen und ihre tierischen Freunde zu Hause auf ihrer Matratze. Doch dort waren sie nicht. Dafür lagerten in dem halb vollen Kühlschrank Teile ihrer physischen Geschwister und deren Produkte: ein bisschen Wurstaufschnitt, ein Liter Milch, sechs Eier. Diese Katastrophe war Grit nur das übliche Achselzucken wert. »Lubisch hat gezahlt, aber die Bücher waren schon weg, als ich vorhin in der Pfandleihe vorbeigeschaut habe. Willste noch ’nen Pfannkuchen?« Von Wollen konnte keine Rede sein. Johanna musste noch einen Pfannkuchen essen, so ausgehungert und verzweifelt war sie. Während sie kaute, überkam sie das Pfingstfeuer oder so ähnlich, sie erinnerte sich nicht mehr daran, was sie in der Schule darüber gelernt hatte. Es war irgendwas mit Worten...




