E-Book, Deutsch, 250 Seiten
Staedter Kaiserschmarrn mit Todesfall
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8437-3627-5
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Krimi aus dem Salzkammergut | Winterlicher Cosy Krimi im Salzkammergut: hier wird geschlemmt und gemordet
E-Book, Deutsch, 250 Seiten
ISBN: 978-3-8437-3627-5
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Chris Staedter aus Hilden, NRW (eigentlich Christiane Pesendorfer) studierte Germanistik und Musikwissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und an der Ruhr-Universität Bochum. Nach freien Assistenzen trat sie ihr erstes Festengagement 1999 an der Kölner Oper an. Es folgten das Aalto-Theater Essen und die Städtischen Bühnen Osnabrück, bevor sie als Künstlerische Betriebsdirektorin und Stellvertretende Intendantin an das Theater Erfurt wechselte, wo sie erstmals auch Regie führte ('Salome' und 'La clemenza di Tito'). Seit 2016 ist sie als Künstlerische Produktionsleitung an der Deutschen Oper Berlin tätig und lebt mit ihrem Mann, dem gemeinsamen Kind und zwei Dackelmädchen in Steglitz.
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Prolog
Sie hätte längst fahren können. Die letzten Gäste hatten das Lokal bereits verlassen, ihre Stimmen hatten noch kurz über den Parkplatz gehallt, dann Türenschlagen, Motorgeräusche, Stille. Drinnen im Restaurant waren die Lichter gedimmt worden. Hinter den großen Fenstern bewegten sich noch die Schatten des Personals, ein letztes routiniertes Aufräumen. Ein Abend wie jeder andere.
Nicht für sie.
Sie hatte die Hände auf das Lenkrad gelegt und dachte nach. Irgendetwas nagte an ihr. Irgendetwas störte sie. Sie konnte es noch nicht greifen. Oder war es nur der Umstand – das Gefühl –, endlich über ihren eigenen Schatten gesprungen zu sein? Eigentlich war doch alles bestens gelaufen. Rückblickend könnte Romy die Veranstaltung sogar vorsichtig als Erfolg verbuchen. Sie schüttelte den Kopf, um die negativen Gedanken loszuwerden. Das war sicher nur die Müdigkeit, zu viele fremde Gesichter, zu viele Gespräche und zu viele Selbstzweifel, weil sie sich aus ihrer Komfortzone bewegt hatte. Ganz zaghaft stieg endlich das warme Gefühl der Euphorie in ihr auf. Euphorie und Vorfreude. Sie musste es nur zulassen.
Seufzend lehnte sie ihren Kopf an die Stütze des Autositzes und schob sich die Pumps von den schmerzenden Füßen. Mit einem leicht ploppenden Geräusch katapultierte sie die beiden Schuhe in den Fußraum, einen nach dem anderen. Knapp vier Stunden auf den Dingern hatten ihr wieder einmal gereicht. Aber sie hatte sicherstellen wollen, dass der potenzielle neue Mann an ihrer Seite mindestens gleich groß, wenn nicht sogar größer als sie – plus die 6 Zentimeter Absatz –, sein würde. Das war ihr wichtig. Wenn schon ein Mann, dann auch einer zum Anlehnen. Da hatte man in ihrem Alter schon gewisse Vorstellungen. Mit diesen Schuhen war das eine sichere Nummer gewesen. Außerdem verlängerten Absatzschuhe ein Bein optisch. Sie wollte einen nicht weniger als perfekten Eindruck hinterlassen, auch wenn sie sonst flache Schuhe bevorzugte. Aus dem Fußraum der Beifahrerseite fischte sie ihre bequemen Winterstiefel und schob ihre Füße in das flauschige Fell. Kein richtiges Fell natürlich, nur Polyester, sodass ihre Füße in den Nylonstrümpfen in weniger als einer Stunde nach Hamsterkäfig riechen würden. Aber für heute war ihr das egal, sie würde sicher keinen der Kandidaten mehr treffen. Es war weit nach 23 Uhr und die Laternen tauchten die mickrigen Schnee- und Matschreste auf dem Restaurantparkplatz in ein hässliches Gelb.
Sie drehte den Kopf zur Seite und musterte die Zettel, die sie auf den Beifahrersitz gelegt hatte. Drei Zettel, drei Namen, drei Telefonnummern, drei Männer. Dieser Abend hatte ihr mehr Ausbeute gebracht als die letzten vier Jahre zusammen. Sie blickte wieder nach vorne, hing ihren Gedanken nach, seufzte erneut, klappte die Sonnenblende nach unten und schob das Verdeck des Spiegels auf, um ihr Make-up zu checken. Das automatische Licht der Blende ließ sie genug erkennen: Ihr Gesicht sah noch perfekt aus. Nichts war verwischt oder verschmiert. Die schwarze Wimperntusche und der dezente bronzen-glitzernde Lidschatten ließen ihre grünen Augen strahlen. Zartrosa Rouge betonte ihre hohen Wangenknochen. Skeptisch betrachtete sie ihre neue Frisur und fuhr sich mit den Fingern durch die blonden Haare. Makelloser Ansatz. Nur noch ungefähr schulterlang, durchgestuft und ein paar Ponyfransen. Wahrscheinlich würde ihre Freundin Susi recht behalten. Die investierte Zeit würde sich auszahlen.
Sie hatten den ganzen Nachmittag bei der Friseurin, Susis Schwägerin, verbracht. Färben, Schneiden und dann auch noch Make-up. Für ihr eigenes Wohlgefühl hatte es sich in jedem Fall schon gelohnt.
Ob es ihre Zukunft mit einem Mann heute schon besiegelt hatte, würde die Zeit zeigen. Immerhin war sie nun um drei Telefonnummern reicher.
Anfänglich hatte sie das alles für eine furchtbare Idee gehalten. Nun gut, sie lebte seit fünf Jahren am Traunsee und die letzten vier hatte es keinen einzigen – zumindest keinen ernst zu nehmenden – Mann in ihrem Leben gegeben. Die sprichwörtlich besten Jahre ihres Lebens waren so vorbeigerauscht. Und natürlich hatte sie hin und wieder ihrer Freundin Susi damit die Ohren vollgejammert …
Bis Susi vor ein paar Wochen der Kragen geplatzt war. »Dann unternimm halt mal was!«, hatte sie sie angemotzt und Romy kurzerhand bei dieser hochpreisigen Blind-Date-Veranstaltung angemeldet. »Da kommen dann wenigstens auch gescheite Männer, die sich was leisten können«, hatte sie gemeint.
Dieser eine Abend hatte stolze 250 € gekostet. Bei der Registrierung im Vorfeld waren bereits 150 € fällig gewesen. Aber die Veranstalter garantierten exquisites Essen, entsprechende Getränke, interessante Gespräche mit – natürlich – perfekten Matches und damit schlussendlich den Partner fürs Leben. Ein ambitioniertes Versprechen. Da müsste man eben auch schon mal bereit sein, etwas zu investieren. In diesem Fall: Geld. Aber 400 € für ein einziges Date? Romy hatte, zur Vorbereitung auf diesen Abend, mehrere Seiten mit Fragen beantworten müssen, mit Gewohnheiten, Lebenseinstellungen, Lieblingsdingen, Wünschen für die Zukunft und so weiter. So hatten die Organisatoren sicherstellen wollen, dass diejenigen, die dort zusammenkamen, sich auch etwas zu sagen hatten. Ihr eigenes Leben hatte Romy vor fünf Jahren komplett umgekrempelt, sie hatte den Mut bewiesen, noch einmal ganz neu anzufangen. Jetzt wollte sie echte Verbindungen. Menschen, mit denen sie lachen, mit denen sie schweigen und denen sie vertrauen konnte. Romy ging es nicht mehr um Abenteuer – sie wollte ankommen und bleiben.
Nach dem Friseurbesuch hatte sie sich ihr dunkelblaues Etuikleid mit Dreiviertelärmeln angezogen und noch einen gefütterten, bunt karierten Wollmantel mitgenommen. Es war zwar kalt, aber schneien sollte es heute Abend nicht, sonst hätte sie sich für ihren Steppmantel entschieden. Bei Feuchtigkeit würde der Wollmantel nämlich schnell nach nassem Hund riechen. In Kombination mit ihren Hamsterfüßen würde sie damit binnen kürzester Zeit einen beinahe kompletten Tierstall ausmachen.
Die Veranstaltung sollte um 19 Uhr beginnen, Einlass war ab 18:30 Uhr gewesen. Die Location war ein Edel-Italiener, etwas außerhalb von Linz. Das Ambiente stimmte also schon einmal. Das Gebäude war ein alter Gutshof, prächtig saniert und die Art von Restaurant mit hohen Decken, dezenter Musik, echten Kerzen und weißen Stoffservietten.
Um Viertel vor sieben hatte Romy etwas abseits vor den Fenstern des Wintergartens gestanden und unauffällig durch die Scheiben gelugt. Vor der Eingangstür hatte sie schon das Schild: »Wintergarten – heute geschlossene Gesellschaft« gelesen. Also mussten die, die sich bereits dort im Raum eingefunden hatten, zu ihrer Veranstaltung gehören. Alles Menschen auf der Suche nach der großen Liebe … Oh weh!
Sie sah ungefähr 20 Personen in dem schicken gläsernen Anbau. Wirklich jeder hatte einen Aperitif oder ein Glas Sekt – nein, bei den Preisen musste es zumindest Crémant sein – in der Hand. Man setzte also auch bei dieser Veranstaltung auf die unterhaltungsfördernde Wirkung von Alkohol. Die meisten standen noch allein, etwas schüchtern und unschlüssig, in der Gegend herum. Es gab nur eine größere Gruppe – genau genommen waren es vier Frauen und ein, zugegebenermaßen wirklich gut aussehender, Mann, der wie der sprichwörtliche Hahn im Korb in der Mitte der Damen stand.
Romy hatte das starke Bedürfnis, wieder in ihr Auto zu steigen und loszufahren. Aber 400 € ausgeben, um sich dann feige davonzuschleichen? Susi würde ihr die Hölle heiß machen! Aber vielleicht könnte sie sich auch einfach krankmelden? Ein plötzlicher Magen-Darm-Infekt? Würde man dann zumindest die 250 € wiederbekommen?
»Sie wollen wohl auch erst einmal die Lage checken?« Ein Mann war geräuschlos neben sie getreten.
Romy fühlte sich erwischt und wurde rot. Verlegen sah sie ihn an. Er lächelte sympathisch zurück.
»Hatten Sie etwa die gleiche Idee?«, fragte sie frech.
Er nickte, sah dann wieder durch die Scheibe Richtung Veranstaltung.
Sie musterte ihn, während er Personen und Situation im Wintergarten sondierte. Er war etwas größer als sie, trug eine gutsitzende blaue Jeans, weißes Hemd, schickes Jackett mit Fischgrätmuster, darüber einen dunkelblauen, etwas längeren, gefütterten Parka. Dunkle Haare. Leicht angegraut an den Schläfen. Waren das Muskeln, die unter dem Hemd zu erkennen waren?
Er wandte ihr wieder sein Gesicht zu. Freundliche braune Augen blickten sie an.
»Wenn Sie reingehen, mache ich es auch.« Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu.
»Also gut. Dann wagen wir es. Schließlich sind wir deswegen hier, oder? Und wir wollen ja nicht gleich mit Zuspätkommen negativ auffallen.«
Sie gingen schweigend zum Eingang. Er hielt ihr die Tür auf, ganz der Gentleman.
Als sie eintraten, wurden sie von einer Dame mit grauem Kurzhaarschnitt an einem kleinen Stehtisch begrüßt.
»Ah, jetzt...




