Stamm | Weit über das Land | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Stamm Weit über das Land

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-403136-1
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-10-403136-1
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ist es ein neuer Anfang, wenn man alles hinter sich lässt? Der neue große Roman von Peter Stamm. Ein Mann steht auf und geht. Einen Augenblick zögert Thomas, dann verlässt er das Haus, seine Frau und seine Kinder. Mit einem erstaunten Lächeln geht er einfach weiter und verschwindet. Astrid, seine Frau, fragt sich zunächst, wohin er gegangen ist, dann, wann er wiederkommt, schließlich, ob er noch lebt. Jeder kennt ihn: den Wunsch zu fliehen, den Gedanken, das alte Leben abzulegen, ein anderer sein zu können, vielleicht man selbst. Peter Stamm ist ein Meister im Erzählen jener Träume, die zugleich locken und erschrecken, die zugleich die schönste Möglichkeit und den furchtbarsten Verlust bedeuten. ?Weit über das Land? ist ein Roman, der die alltäglichste aller Fragen stellt: die nach dem eigenen Leben.

Peter Stamm, geboren 1963, studierte einige Semester Anglistik, Psychologie und Psychopathologie und übte verschiedene Berufe aus, u.a. in Paris und New York. Er lebt in der Schweiz. Seit 1990 arbeitet er als freier Autor. Er schrieb mehr als ein Dutzend Hörspiele. Seit seinem Romandebüt »Agnes« 1998 erschienen sechs weitere Romane, fünf Erzählungssammlungen und ein Band mit Theaterstücken, zuletzt die Romane »Weit über das Land«, »Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt«, »Das Archiv der Gefühle« und zuletzt »In einer dunkelblauen Stunde« sowie die Erzählung »Marcia aus Vermont«. Unter dem Titel »Die Vertreibung aus dem Paradies« erschienen 2014 seine Bamberger Poetikvorlesungen sowie 2024 die Züricher Poetikvorlesungen »Eine Fantasie der Zeit«. »Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt« wurde mit dem Schweizer Buchpreis 2018 ausgezeichnet. Literaturpreise: Rheingau Literatur Preis 2000 Bodensee-Literaturpreis 2012 Friedrich-Hölderlin-Preis 2014 Cotta Literaturpreis 2017 ZKB-Schillerpreis 2017 Solothurner Literaturpreis 2018 Schweizer Buchpreis 2018
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Thomas hatte das beunruhigende Gefühl, dies alles sei für ihn inszeniert worden, die Menschen des Dorfes seien Schauspieler, die nur darauf gewartet hätten, dass er auftauchte, um in ihre Rollen zu fallen, ihren Text zu sprechen. Es war eine künstliche Welt, eine Modellbaulandschaft unter einem weiten blauen Himmel. Die Sonne schien, die Häuser glänzten im Morgenlicht. Eine Rentnerin und ein Rentner, beide mit Hund, standen am Wegrand und unterhielten sich über das Wetter, eine Frau, die mit dem Fahrrad vorbeifuhr, rief ihnen einen Gruß zu, Schüler übten auf dem Sportplatz Weitsprung, auf dem Spielplatz des Kindergartens tollten die kleineren Kinder herum. Thomas ging durch das Dorf, zugleich Schauspieler und Zuschauer dieses Stücks. Autos fuhren im Schritttempo vorüber, eine Verkäuferin reinigte das Schaufenster eines Lederwarengeschäfts, zwei Handwerker scherzten mit ihr. Eine junge Frau beugte sich über einen Kinderwagen und sprach beruhigend auf ihr Baby ein. Die Gesten und Worte der Leute schienen übertrieben wie die von Laiendarstellern in einem Dorftheater.

Thomas fragte einen jungen Mann in Anzug und mit Aktenkoffer nach einem Sportgeschäft und ließ sich den Weg erklären. Das Einkaufszentrum lag an der Hauptstraße in der Nähe des Bahnhofs. Es schien erst vor kurzem eröffnet worden zu sein, einige Geschäfte waren noch Baustellen, was Thomas’ Gefühl, sich durch Kulissen zu bewegen, nur verstärkte.

Nach Tagen im Freien fühlte sich selbst die hohe Halle eng an, aber Thomas genoss die zuverlässige Wärme der Räume, das blasse Neonlicht und die einfachen künstlichen Gerüche der Schuhe und Textilien. Es war eine endliche Welt, die zu begreifen war, eine Welt ohne Überraschungen und ohne Gefahren. Eine junge Verkäuferin sprach ihn an. Er sagte, er schaue sich nur ein wenig um. Während er die Dinge zusammensuchte, die er brauchte, sah er sie immer wieder. Sie räumte Regale ein, gab einer zweiten Verkäuferin Anweisungen, bediente einen Kunden, der unendlich lange brauchte, bis er sich für ein Paar Turnschuhe entschieden hatte. Die Verkäuferin strahlte eine geschäftige Fröhlichkeit aus, die perfekt an diesen unwirklichen Ort passte. Beim Bezahlen fragte sie mit routiniertem Interesse, ob er eine Wanderung plane. In die Berge, sagte Thomas, und nach kurzem Nachdenken, als müsse er sich selbst versichern, noch einmal, in die Berge. Aber die Verkäuferin war damit beschäftigt die Diebstahlsicherungen aus seinen Einkäufen zu entfernen, und schien nicht zuzuhören. Er betrachtete ihre Hände, die älter aussahen als ihr dezent geschminktes Gesicht, die Fingernägel waren sorgfältig manikürt und lackiert, einen Ring trug sie nicht. Diese Hände versöhnten ihn mit ihr. Er war fast sicher, dass sie keinen Mann hatte, keinen Freund, eine Katze allerhöchstens. Er stellte sich vor, wie sie nach Arbeitsschluss nach Hause ging in ihre kleine Wohnung in einem der mächtigen Wohnblocks, die er am Rand des Ortes gesehen hatte. Bestimmt war die Wohnung ebenso aufgeräumt wie dieses Geschäft, wie das Dorf, wie die ganze Gegend. Sie duschte, bereitete sich einen Salat zu, ließ, während sie aß, das Radio laufen. Was sie wohl sagen würde, wenn er sie fragte, ob sie heute Abend etwas vorhabe? Er stellte sich vor, wie er bei ihr Unterschlupf fand. Er saß, während sie duschte, in der Küche und lauschte auf die Geräusche aus dem Bad. Sie kam herein in einem Kimono, ein Handtuch um die Haare geschlungen, nahm Lebensmittel aus dem Kühlschrank, bereitete sich ihr Abendessen zu. Er saß da, schaute ihr stumm beim Essen zu. Er saß neben ihr vor dem Fernseher, und später, wenn sie ins Bett ging, legte er sich wie selbstverständlich mit unter ihre Decke. Während sie am nächsten Tag bei der Arbeit war, wartete er in der Wohnung auf den Abend. Bis er eines Tages weiterziehen würde, nun auch zeitlich weit entfernt von zu Hause. Bar oder Karte, fragte die Verkäuferin. Karte, sagte Thomas.

Er hob an einem Geldautomaten tausend Franken ab. Im Supermarkt neben dem Sportgeschäft kaufte er eine große Flasche Wasser und so viele Lebensmittel, wie in den Rucksack passten, dauerhafte und kalorienreiche Produkte, Kekse und Schokolade, Salami, Hartkäse, in Scheiben geschnittenes Roggenbrot, Trockenfrüchte und Nüsse und – nachdem er kurz gezögert hatte – eine kleine Flasche billigen Schnaps. Dann zog er sich in der öffentlichen Toilette des Einkaufszentrums um. Die alten Sachen warf er in den Mülleimer.

Thomas war froh, als er aus dem Dorf heraus war. Am liebsten wäre er wieder nachts gewandert, aber er hatte keinen Ort gefunden, an dem er den Tag unbeobachtet hätte verbringen können. Immerhin sah er jetzt aus wie ein richtiger Wanderer, mit angemessener Kleidung, schweren Schuhen und Rucksack. Aber die neue Ausrüstung beschwerte ihn auch, und er kam langsamer voran als bisher. Er folgte den gelben Wanderwegweisern unter der Autobahn hindurch und dann über die Ebene zur nächsten Ortschaft, einem Bauerndorf, an dessen Rändern zwischen Kuhweiden und Scheunen Dutzende Neubauten standen. Die Häuschen sahen aus, als seien sie vom Himmel gefallen, eine feindliche Invasion aus urbaneren Gebieten. Vor sich sah er den etwas erhöhten Talausgang und weit hinten Felszacken, aber der Wanderweg folgte einem Sträßchen, das sich seitlich des Tals den Berghang hochwand. Je höher Thomas emporstieg, desto weiter öffnete sich unter ihm die dicht besiedelte Ebene. Umgeben von Hügelzügen wirkte sie wie eine riesige Arena. In der Ferne war der See zu sehen und jenseits noch mehr Dörfer, Wälder und Hügel, die Autobahn und die Eisenbahnlinie. Wieder musste er an eine Modellbaulandschaft denken, eine Topographie aus Pappmaché, mit künstlichem Grün bestreut und bestückt mit Häuschen und Bäumen aus dem Katalog.

Erst hoch oben führte der Weg in das Tal hinein und der westlichen Flanke entlang nach Süden. In der Landschaft verstreut standen Bauernhöfe. Aus einem Waldstück unterhalb des Sträßchens stieg eine Rauchsäule auf. Auf der gegenüberliegenden Seite führten mannshohe Druckrohre zum Wasserkraftwerk in der Ebene. Der Weg ging nun leicht abwärts, während das Tal langsam anstieg. Nach ein paar Kilometern leichten Gehens erreichte Thomas den Talgrund. Hier wurde die Landschaft weiter, und der Wald an den Hängen wich grünen Wiesen, auf denen Schafe und Kühe weideten. Ein langgezogenes Dorf folgte mit einer Selbstbedienungstankstelle und einem geschlossenen Lebensmittelladen. Beim oberen Dorfausgang war ein Campingplatz, der vollgestellt war mit alten Wohnwagen. Es schien, als seien sie seit Jahren nicht bewegt worden. Manche hatten improvisierte Dächer aus gewelltem Kunststoff und Plastikplanen. Vor einem der Wagen saßen ein alter Mann und ein kleines Mädchen, regungslos, als stünden sie unter einem Bann.

Bald darauf verengte sich das Tal zu einer bewaldeten Schlucht. Der schmale Weg führte am Bachbett entlang, in dem riesige Felsbrocken lagen, aber das kein Wasser führte. Eine Tafel warnte vor überraschenden Flutwellen, die auch bei schönem Wetter auftreten könnten. Dann sah Thomas durch die Baumwipfel hindurch die Krone der Staumauer. Ein schmaler Pfad führte seitlich den Abhang hoch und dann im Zickzack durch eine Felswand. An einigen Stellen waren Drahtseile zur Sicherung angebracht.

Als Thomas aus dem Wald trat, war es ihm, als sei er in einer anderen Welt angekommen. Er stand am Ende der Staumauer, vor ihm breitete sich der künstliche See aus, gesäumt von Wäldern und Weiden. Auf der anderen Seite des Sees lag ein kleines Dorf. Die schroffen grauen Felszacken am Horizont schienen nun schon ganz nah. Dort hatten sich Zirruswolken gebildet, aber über Thomas war der Himmel noch blau. Er ging ein Stück am Seeufer entlang, dann setzte er sich ins Gras, um etwas zu essen und sich auszuruhen. Aus der Ferne waren Kuhglocken zu hören. Thomas legte sich hin und fiel bald in eine Art Halbschlaf, in dem Zeiten und Orte verschwammen zu einem glücklichen Gefühl der Allgegenwärtigkeit.

Kaum war Astrid losgefahren, schliefen die Kinder ein, obwohl es erst kurz vor neun war. Sie war froh, nicht reden zu müssen. Schon während des Abendessens hatte keiner viel gesagt. Die Kinder hatten sich eine Pizza geteilt, danach hatte Astrid ihnen ein Eis spendiert, als sei es ein Feiertag. Sie selbst hatte nicht einmal den Salat fertig gegessen, den sie sich bestellt hatte.

Sie hatte die Route über den Seedamm und das Oberland gewählt, um nicht wieder durch die Stadt fahren zu müssen. Es fiel immer noch ein leichter Sprühregen, die nasse Straße spiegelte die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos. Das Fahren in der Dunkelheit strengte Astrid an. Sie hatte nicht gut geschlafen in den letzten Nächten und hatte Angst, die Augen könnten ihr zufallen. Sie wollte wütend sein auf Thomas, der schuld war an dem allem, aber sie schaffte es nicht. Stattdessen sorgte sie sich auch noch um ihn. Sie setzte sich sehr gerade auf ihrem Sitz, sang leise vor sich hin, aber die Müdigkeit war wie ein Gift, das sich langsam in ihrem Körper ausbreitete und ihn immer mehr gegen außen verschloss.

An der Raststätte kurz vor Winterthur hielt sie an und parkte den Wagen neben dem kleinen Tankstellenshop. Sie holte sich drinnen einen Kaffee und blieb unter dem Vordach stehen, von wo aus sie die Kinder im Auto sehen konnte. Das Zischen der vorbeifahrenden Autos, die Reflexionen der Lichter auf den nassen Flächen, der Geruch von Benzin erinnerten sie an lange Nachtfahrten an Sonntagabenden nach Besuchen bei ihren Eltern und beruhigten sie ein wenig. Der Kaffee war so heiß, dass sie ihn nur langsam trinken konnte. Erst jetzt dachte sie daran, die Polizei...


Stamm, Peter
Peter Stamm, geboren 1963, studierte einige Semester Anglistik, Psychologie und Psychopathologie und übte verschiedene Berufe aus, u.a. in Paris und New York. Er lebt in der Schweiz. Seit 1990 arbeitet er als freier Autor. Er schrieb mehr als ein Dutzend Hörspiele. Seit seinem Romandebüt 'Agnes' 1998 erschienen sechs weitere Romane, fünf Erzählungssammlungen und ein Band mit Theaterstücken, zuletzt die Romane 'Weit über das Land', 'Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt' und 'Das Archiv der Gefühle' sowie die Erzählung 'Marcia aus Vermont'. Unter dem Titel 'Die Vertreibung aus dem Paradies' erschienen seine Bamberger Poetikvorlesungen. 'Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt' wurde ausgezeichnet mit dem Schweizer Buchpreis 2018.

Literaturpreise:

Rheingau Literatur Preis 2000
Bodensee-Literaturpreis 2012
Friedrich-Hölderlin-Preis 2014
Cotta Literaturpreis 2017
ZKB-Schillerpreis 2017
Solothurner Literaturpreis 2018
Schweizer Buchpreis 2018

Peter StammPeter Stamm, geboren 1963, studierte einige Semester Anglistik, Psychologie und Psychopathologie und übte verschiedene Berufe aus, u.a. in Paris und New York. Er lebt in der Schweiz. Seit 1990 arbeitet er als freier Autor. Er schrieb mehr als ein Dutzend Hörspiele. Seit seinem Romandebüt 'Agnes' 1998 erschienen sechs weitere Romane, fünf Erzählungssammlungen und ein Band mit Theaterstücken, zuletzt die Romane 'Weit über das Land', 'Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt' und 'Das Archiv der Gefühle' sowie die Erzählung 'Marcia aus Vermont'. Unter dem Titel 'Die Vertreibung aus dem Paradies' erschienen seine Bamberger Poetikvorlesungen. 'Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt' wurde ausgezeichnet mit dem Schweizer Buchpreis 2018.


Literaturpreise:

Rheingau Literatur Preis 2000
Bodensee-Literaturpreis 2012
Friedrich-Hölderlin-Preis 2014
Cotta Literaturpreis 2017
ZKB-Schillerpreis 2017
Solothurner Literaturpreis 2018
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