E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Stang Das Akkordeon
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-5147-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-7526-5147-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alltagsgeschichten für Menschen, die vor dreißig Jahren beinah noch jung waren. Und alle anderen.
Knut Stang: Ein literarisches Kaleidoskop. Ein biografischer Irrgarten. Historiker, Informatiker, Lyriker, Bildhauer, Romancier, Publizist. Vielleicht der erste Autor der Neo-Renaissance.
Autoren/Hrsg.
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Manche Wege
Man tritt schweigend aus dem Haus. Man sieht sich an und weiß, dass der andere weiß, und keiner wird je Worte dafür finden. Man wäre an sich selbst genug: wenn man nur wäre. Die Straße ist kalt geworden, jetzt zum Dezember hin. Die Häuser blicken an den erloschenen Straßenlampen vorbei und da und dort über Weiden; die gibt es hier noch. Die Neubaugebiete wissen natürlich wie immer alles besser, aber die beginnen erst zwei Straßen weiter. Hier sind die Häuser älter, kurz vor oder kurz nach dem Krieg gebaut, und alle mit zwei Fenstern im Erdgeschoss zur Straße hin, und natürlich alle mit der Haustür auf der rechten Seite, etwas zurückgesetzt und manchmal mit einem Vordach über dem Eingang. Sie blickt unschlüssig einen Moment auf ihre Schuhspitze, die einen Halbkreis über den frostigen Asphalt zieht, genau den Moment lang, den es bräuchte, dass er die Autotür noch einmal öffnete und an sie heran träte und die Arme um sie legte, diesmal ohne Koketterie und Albernheiten. Aber sie weiß, dass er es nicht tun wird, und sie wusste es schon, als sie ausstieg und er den Motor nicht ausmachte und das Licht seines alten Renault nicht löschte. Natürlich fühlt sie etwas reißen in sich, fühlt es wie immer, wenn sie wieder nach so einem Abend in zwei Richtungen auseinander gehen und sie nicht weiß, ob es wirklich mehr ist als nur Erinnern an frühere Zeiten, das in ihr schreit und wütet: „Mach das nicht! Geh jetzt endlich verdammt noch mal zurück!“ Und dann geht sie, aber immer in eine ganz andere Richtung. Die Straße kann sehr lang sein und sehr weit in solchen Nächten. Er stellt den Sitz etwas tiefer, scrollt die Playlist bis Cohen und fährt einfach los. Dahinten ist Bremen, und dahinter kommt dann Worpswede, und irgendwo kommt da irgendwann bestimmt auch Hamburg und dann Kopenhagen und dann ist man praktisch schon am Nordpol. Aber da war ich schon, denkt er, da komm ich gerade her. Denkt er und weiß, dass es so einfach nicht ist. Denn den Nordpol hat er in den Augen gehabt, und da hatte sie das Sankt-Elms-Feuer, das da immer schon war, wenn er in ihre Augen sah, und das seinem schwankenden Kahn jederzeit den nahenden Untergang verkünden konnte, ließe er es nur zu dicht an sich heran. Aber du würdest wieder einmal leuchten, denkt er müde, endlich einmal wieder. Seit seine Welt so dunkel geworden ist, wie sie nun einmal ist, weiß er erst, wie wichtig ihm dieses Leuchten immer war, dass zu Lieben in ihm strahlen ließ. Alles hat seine Zeit, denkt er, und vielleicht ist die Zeit zu lieben mithin vorbei gegangen; man weiß es nicht. Er weiß, dass die Zeit der Begierde nicht vorbei ist; das hatte er kürzlich einige Tage lang befürchtet, aber das ist nicht so. Doch darauf kommt es überhaupt nicht an; und er weiß eigentlich auch, dass genau so wenig die Zeit zu lieben vorbei ist. Nun ja, denkt er, die Dinge geschehen natürlich nur, wenn man sie zulässt, und allenfalls dann. Und ich kann das nicht zulassen. Sie hasste die Erinnerungen. Sie liebte die Erinnerungen wie Geschwister. Sie wusste, dass ohne diese Erinnerungen sie einander wahrscheinlich nichts bedeuten würden. Sie wusste auch, dass sie dann keine Scheu mehr hätten und dass ihre Schultern endlich sich an seine drängen könnten, wonach beide sich mit fast Knochenschmerzen sehnten. Sie schloss die Haustür auf. Alle schliefen schon, und Damian sah nur kurz hoch, wie er manchmal tat, wenn sie heimkam. Aber ihre Mutter hatte ihr eine Schale mit Apfelstücken und eine halbe Flasche Rotwein auf dem Tisch stehen lassen. Es war nicht der erste Abend, der so war, und sie wusste nicht, wieviel davon ihre Mutter wusste oder ahnte; sie wusste nur, dass ihre Mutter mehr verstand, als sie durch Wissen hätte begründen können. Sie wusste auch, dass es nicht darauf ankam, ob ihre Mutter verstand. Dass es vielmehr darauf ankam, dass ihr eigener Kopf verstand, was Herz und Unterleib in mehreren Sprachen und lauthals ihr zu sagen versuchten. Sie setzte sich an den Küchentisch und versuchte sich vorzustellen, wie sein Körper sich anfühlte. Sie hatte ihn einmal berührt, sehr vorsichtig, ängstlich, wie nur Kinder sind, die das erste Mal erwachsen spielen, und die vor allem Erwachsenen in sich doch in den Wald zurück fliehen, in dem sie einmal – aber das war eben gestern – zu Hause waren. Sie merkte, dass sie fror. Es war so viel geschehen in den Jahren, in denen sie sich nur immer wieder mal gesehen hatten, und in denen sie nie sicher war, wieviel er ahnte von dem, was sie fühlte. Oder was er fühlte, und wieviel er ahnte und zuließ in sich, von dem, was er vielleicht, oh nur vielleicht fühlte in sich. Und dann war da ja auch Mark gewesen, und jetzt Dirk. Dirk, mit dem sie verheiratet war, und dem sie von allen Männern in ihrem Leben erzählt hatte, meist in Anekdoten, nur von ihm nicht. Oder wenn sie von ihm erzählt hatte, dann nur als von einem, den sie kannte von früher. Aber nicht als von dem, dessen bloßer Anblick ihr schier das Herz zerrte aus der Brust. Es ist zu weit, dachte er. Zu weit gekommen, so weit gewandert, weg von dort, wo wir einmal waren. Dahin ein Zurück? Dahin gibt es kein Zurück. So weit, wenn man zu einem anderen Ort unterwegs ist als zu dem Ort, an dem man sterben wird irgendwann. Aber sollte das Leben wirklich nicht mehr sein als eine Reise in den Tod? Er hieb die Faust aufs Lenkrad und wunderte sich, dass er nicht von der Straße abkam. Er fuhr nicht sehr schnell, weil es glatt war und dunkel und weil es nicht darauf ankam, schnell zu fahren, nur darauf, zu fahren. Was sollen wir nur tun, dachte er und wusste, dass es auch darauf keine Antwort gab. Dann vergeht wieder ein Jahr, in dem sie sich nicht sehen. Sie telefonieren miteinander, einmal, zweimal, aber das ist nicht das Richtige. Er verwünscht meine Schwatzhaftigkeit, denkt sie, und ich kann es ihm nicht verdenken. Sie hasst ihn, weil er so kurz und nur Belangloses spricht und sie nie sicher, nie ganz sicher sein lässt, ob es wirklich ihn so sehr wie sie drängt, endlich wirklich zu sprechen, statt immer und immer nur zu reden. In diesem Jahr hat Dirk sie gefragt, ob sie denn nun Kinder haben sollen. Bisher hat er nie davon gesprochen, hat er gesagt, weil ja noch Zeit gewesen sei, hat er gesagt. Damian lag auf ihren Knien, sie hat ihn gestreichelt und sich aus unerfindlichen Gründen beleidigt gefühlt. „Und jetzt fühlst du, wie deine biologische Uhr tickt?“ hat sie gefragt, ein bisschen spöttisch, weil es Dirk war, und ein bisschen bitter, weil sie noch nicht einmal vor sich selbst zugeben mochte, wie sehr sie in sich das Sperma dieses anderen Mannes wollte. Ja, wenn überhaupt, dann wollte sie seine Kinder zur Welt bringen; nicht Dirks. Ein Teil von ihr wollte Dirk das, genau das sagen: aber ein anderer Teil herrschte sie an, nicht alles kaputt zu machen, was Bestand hat und vernünftig ist, und schon gar nicht für etwas, davon sie vielleicht nie wissen wird, ob es denn mehr ist als ein Erinnern nur, ein Erinnern an jene ersten, frühen Jahre. Jene Jahre, die so laut gewesen waren und dennoch still, auf ihre eigene, merkwürdige Art. Dirk hat ein Recht, das alles zu wissen, denkt sie. Dann selbst zu entscheiden, ob er gehen soll, ob er bleiben will, bleiben kann. Aber vielleicht ist das auch nur eine Form von Feigheit, wenn sie noch nicht einmal bereit ist, für Dirk zu entscheiden, nachdem sie für sich zu entscheiden so offensichtlich außerstande, so sehr zu feige und mithin von guten Argumenten leicht verführbar ist. Das sind diese Tage, an denen sie erfolglos Blumen umzutopfen versucht. Manchmal geht sie stattdessen ins Kino, aber oft genug stellt sie Erde und neuen Topf und sogar Handschuhe bereit, geht dann stattdessen ins Bett, masturbiert ein wenig, sehr freudlos, und weint, bis Dirk nach Hause kommt und sie ihm sagt, sie habe nur ein bisschen geschlafen, weil sie wieder diese Kopfschmerzen hätte, davon seien auch ihre Augen so rot. Dirk nickt dann weise und sehr wissend, ist rührend um sie besorgt und geht, wenn ihre Kopfschmerzen sich nicht mehr behaupten lassen, mit ihr auf eine Pizza und einen Chianti zu Franco, wo alles köstlich ist, nur der Salat ist wie immer der letzte Dreck. Die Taxifahrerin war nicht mal schuldbewusst gewesen, als er ihr die App hingehalten hatte. „Manche Wege sind länger, als man vorher gedacht hätte“, sagte sie grinsend, senkte aber dann doch den Fahrpreis. Nur die verlorene Zeit konnte sie ihm nicht zurückgeben. Während er eincheckte, flaute sein Ärger langsam ab. Du ärgerst dich zu viel, und viel zu oft in der letzten Zeit, dachte er. Meine Güte, jetzt nimmst du schon Blutdruckpillen. Manchmal könnte man glauben, du wirst alt. Und manchmal könnte man glauben, was immer du noch wirst, das jedenfalls wirst du nicht. Wie lange denn schon noch? Klar, vielleicht noch vierzig Jahre mehr. Aber gute Jahre? Noch zehn? Fünfzehn vielleicht? Und danach, was dann? Dann jedenfalls ist kein Weg mehr zu ihr, und ich muss mich nicht mehr fragen, warum zum Teufel ich ihn nicht gehe, und welche faulen Ausreden mir wohl diesmal einfallen werden. Denn es wird...




