Stang | Der große Tag | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 260 Seiten

Stang Der große Tag


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-9857-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 260 Seiten

ISBN: 978-3-7526-9857-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Alltagsgeschichten für Menschen, die vor dreißig Jahren beinah noch jung waren. Und alle anderen.

Knut Stang: Ein literarisches Kaleidoskop. Ein biografischer Irrgarten. Historiker, Informatiker, Lyriker, Bildhauer, Romancier, Publizist. Vielleicht der erste Autor der Neo-Renaissance.

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Marks Ort
"Was muss man denn, Mark, was?" schrie Julia. Ihr kranker Mann starrte zum Fenster hinaus, antwortlos, und seine Hände krampften um sein leeres Glas. Julia war wütend, sie war jetzt oft wütend, und sie schrie oft, seit Mark vom Arzt gekommen war und ihr gesagt hatte, dass er bald sterben würde. Aber Mark konnte es nicht mehr ertragen, dass Julia schrie. Mark wusste, für Julia war es wichtig, dass sie schrie, darum sagte er nichts. Er merkte nur, jedes Mal wenn sie schrie, stürzte er ein bisschen tiefer in das schwarze Nichts, das ganz innen in ihm war, aus dem nie etwas gekommen war, nie, nicht bis zu jenem Morgen. An diesem Morgen war er aufgewacht und hatte gewusst, dass er Krebs hatte. Er hatte es gewusst, bevor er zum Arzt ging und die letzte Gewissheit erhielt, was die Symptome der letzten Wochen bedeuteten. Das plötzliche Husten, der schlechte Geschmack im Mund nach dem Aufwachen, die unregelmäßige Verdauung. Da hatte er gewusst, dass die sorgfältig zusammengenagelten Bretter, die über jenem schwarzen Loch lagen, morsch geworden waren. Vielleicht würde etwas nach oben kriechen, ganz sicher würde er nach unten stürzen, in jedem Fall hielten die Bretter nicht mehr stand. Wenn ich ganz in jenem Loch bin, werde ich sterben, dachte Mark jetzt. Es war kein neuer Gedanke, er hatte diese Gewissheit schon vor drei Monaten gewonnen, da wusste er gerade mal zwei Wochen, was geschehen würde. Julia wütete weiter, als sei sie noch in seiner Geschichte. Sie war vielleicht auch noch in seiner Geschichte, aber nur gerade noch so weit, wie er noch hinausragte aus jenem Schwarz. Das war nicht mehr sehr weit, und selbst dieses Wenige schwand mit jedem Mal, dass sie schrie. Mark wünschte sich nicht, zu sterben. Er fürchtete den Tod, jetzt, da er aufgehört hatte, das Sterben zu fürchten. Es gab noch so viel zu sagen, so viel zu tun. Er wollte Dinge tun, die zu tun er niemals auch nur erwogen hätte, wenn nicht so plötzlich alles anders, so überschaubar kurz geworden wäre. "Siehst du das, siehst du das?" schrie Julia gerade. Sie nahm die kleine Kupferplastik, die auf seinem Schreibtisch stand, und sie warf sie an die Wand, dass sie verbeulte und die feinen Drähte rissen. Mark hatte dieses undefinierbare Etwas immer gemocht, es war eine der ersten Plastiken gewesen, die Julia für ihn gemacht hatte. Damals, als der Mond noch Licht für ihn hatte. Dann kniete Julia vor den Resten und weinte verzweifelt. Ihre Hände, die sonst so sanft und so geschickt waren, versuchten ungelenk, die Beulen auszudrücken, Drähte wieder über polierte Dornen zu schlingen. Was soll das noch, dachte Mark. Drückt man Pestbeulen aus, vertreibt das vielleicht den Tod aus ihnen? Sie ist eben jetzt zerstört, weg, und was von ihr bleibt, ist alles, was von ihr jemals noch sein wird. Er dachte nur flüchtig, dass es mit ihm ähnlich war, auch mit Julia, und dass dieser Gedanke einen widerwärtigen Geschmack von Plattitüde hatte. "Lass doch", sagte er schließlich. "Komm zu mir, lass uns schlafen." Und als sie hilflos aufstand, sagte er doch noch: "Bring sie mit." Da lagen sie dann, und als Julia aufgehört hatte, zu weinen und sich zu entschuldigen, schlief sie ein. Mark lag wach. Durch die gelegentlichen Schmerzen hindurch spürte er kalt und gratig die zerstörte Plastik an seinem Bauch. Sie war wie das Kind, das sie nie gehabt hatten. Sie hatten nie ein Kind gehabt, weil sie beide nie eines wollten, aber vor allem weil er Angst vor Julias Wutausbrüchen hatte. Das hatte er immer für sich behalten, und wenn Julia das manchmal mutmaßte, hatte er es bestritten. Selbst Frank hatte er nie davon erzählt, und sie hatten einander sonst immer alles erzählt. Aber das war seine Sache gewesen, ganz allein, das hatte er mit sich ausgemacht. Jetzt war er froh, dass er so entschieden hatte. Vielleicht hätte er keinen Krebs gekriegt mit einem Kind. Aber das war eine Frage, die sich jetzt nicht mehr beantworten ließ. Und wenn da doch ein Kind gewesen wäre, er konnte ja kaum den Schmerz in Julias Augen ertragen, das war noch schlimmer als ihre Wut, wie sollte er da einem Kind begegnen, wenn es ihn verlor? Was du wirklich nicht ertragen kannst, ist etwas anderes, dachte er jetzt. Du verlierst sie, du kannst sie nicht an dir halten, obwohl ihr beide das doch so verzweifelt wollt, vielleicht gerade deshalb nicht. Du verlierst sie, noch bevor du dich in diesem schwarzen Loch verlierst. Das geht einem alles zwischen den Händen durch, das ist wie Spinnweben bloß noch. Und dann mit einem Kind? Dass dein Sterben dich zu einem Fremden machte für das Kind, lange bevor du tot bist, das könntest du vielleicht noch ertragen. Aber dass dein Kind, dein eigen Fleisch und Blut, und das ist kein dämlicher Ausdruck, dass dieses Kind dir fremd wird, lange bevor du tot bist, das könntest du nie und nimmer ertragen. Aber nicht erst, wo du hingehst, dort wo du bist, in jenem Schwarz und Leer und Tief, schon dorthin kann dir keiner folgen, und da ist es egal, ob Julia fortrennt davon, vor dir, vor sich, vor dem, was du dann bist. Es ist dein Dunkel, davor sich alles verliert, und alles andere Verlieren ist nur zeithaft dagegen. Denn Frodo ist irgendwann allein mit dem Ring, in seiner Welt des Leidens, in seiner Welt der Einsamkeit, und das Feuerrad dreht sich vor seinen Augen, wenn es längst die ganze übrige Welt verschlungen, nein, aus der Wirklichkeit vertrieben hat. Vielleicht ist der Tod kein Ort, nur ein Nichtort. Aber diese Dunkelheit, in der ich bin, die ist ein Ort, und sie ist Frodos Rad, nur dass sie nicht in lodernden Flammens steht, bloß tropft von asphaltenem Schlamm. Vielleicht ist es mein Ort. Vielleicht ist das mein Ort, und es ist nur mein Ort. Nicht, weil keiner mir dorthin folgen kann. Sondern weil ich immer schon in ihm war, wie eine Schnecke in ihrem Haus. Ein schreckliches, ein eigentlich unbewohnbares Haus. Aber mein Haus. Ich hab es immer schon ganz ausgefüllt, und nur weil die Krankheit mich immer kleiner macht, gehe ich immer tiefer hinein in dieses Schwarz. Julia machte plötzlich ein Geräusch im Schlaf, und er sah im Zwielicht des Mondes, dass sie lächelte, ganz kurz. Das freute ihn. Früher hatte es ihn geärgert, wenn Julia im Schlaf lächelte. Jetzt nicht mehr. Er hatte früher gedacht, sie erlebte ohne ihn etwas Schönes, und er erlebte alles gerne mit ihr, weil es so schön war, wenn sie sich freute. Da war es dann, als hätte sie ihm etwas weg genommen, das er nie gehabt, worauf er keinen Anspruch hatte, das er aber dennoch mehr alles andere haben wollte, einfach nur, weil er es nicht hatte. Mark wusste, dass viele Leute ihn zu abgeklärt, zu gelassen fanden, oder vielleicht zu lethargisch, zu phlegmatisch. Das hatte auch Julia heute wieder wütend gemacht: dass er nicht aufbegehrte; dass er nicht wütete; dass er nicht Gott verfluchte und haderte mit seinem Schicksal, mit den Ärzten oder doch wenigstens mit seinem eigenen Körper. Aber wenn Mark allein war und sich selbst betrachtete, wusste er, das war keine Ruhe, das war keine Abgeklärtheit: das war die Arroganz desjenigen, der recht behalten hatte. Es war nicht so, dass Mark jemals ernsthaft daran gedacht hatte, irgendwann einmal Krebs zu bekommen. Aber ohne sagen zu können, wann oder wie, war er immer sicher gewesen: irgendwann würde das Dunkel, das in ihm war, ihn verschlingen. Oder nein, irgendwann würde er einfach nur in dieses Dunkel zurücktreten, wie das Wettermännchen zurück tritt ins Wetterhäuschen, am Ende der Regenwolkenzeit. Dann tritt das Wetterfräulein heraus und balanciert seinen Sonnenschirm. Er sah Julia an, die in seinem Arm lag. Meine kleine Wetterfrau, dachte er und streichelte vorsichtig ihre Stirn. Sie murmelte etwas, und dann nahm sie seinen rechten Arm und drückte ihn ganz fest an sich und ließ ihn nicht mehr los, bis auch Mark eingeschlafen war. Am nächsten Morgen fühlte er sich erschöpft und zerschlagen. Schlaf brachte ihm nur wenig Erholung, die Schmerzmittel verhinderten das. Gegen Morgen verloren sie rapide an Wirkung, dann schlief er vielleicht ein bisschen richtig, wie früher. Bis die Schmerzen ihn weckten und er wusste, dass es wieder Zeit war. Früher fand er Spritzen widerlich, jede Blutabnahme war ein Albtraum gewesen. Inzwischen waren die Spritzen zwar immer noch widerlich, trotzdem war das jetzt etwas anderes. Sie gehörten zu ihm, das Widerliche gehörte zu ihm. Vielleicht würde er Julia eines Tages widerlich werden. Vielleicht begann er schlecht zu riechen, paranoid zu werden, vielleicht würde er gewalttätig sein, bevor er dann endgültig in jenem Dunkel verschwand. Das hoffte er, darauf wartete er: das würde es Julia leichter machen. Darin sah er seine letzte Aufgabe: Es ihr leichter zu machen. Nicht sich; dafür hatten Ärzte und Pharmazeuten zu sorgen, und er vertraute ihnen ganz. Aber ihr wollte er es leichter machen, und dass er so offensichtlich daran scheiterte, machte ihn dann doch manchmal wütend und verzweifelt. Vielleicht wäre es mit einem Hirntumor leichter gewesen, da gehörten solche Dinge ja fast schon zur Normalität, nach allem, was man hörte. So aber blieben sie lediglich eine mehr oder weniger wahrscheinliche Nebenwirkung seiner Medikamente, und etwas, das...



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