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E-Book

E-Book, Deutsch, 396 Seiten

Reihe: Mord und Nachschlag

Steinhauer Ferienhaus für eine Leiche

Schweden-Krimi mit Rezepten
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-941895-67-6
Verlag: Oktober Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Schweden-Krimi mit Rezepten

E-Book, Deutsch, 396 Seiten

Reihe: Mord und Nachschlag

ISBN: 978-3-941895-67-6
Verlag: Oktober Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Als Gunnar Hilmarström sein Ferienhaus auf den Winter vorbereitet, macht er eine ebenso unerwartete wie schockierende Entdeckung: In der Aussteuertruhe auf dem Dachboden liegt eine unbekleidete, teilweise mumifizierte Frauenleiche! Schnell stellt sich heraus, dass die Unbekannte keines natürlichen Todes gestorben ist. Wer ist die Tote? Und wer hat sie in der alten Truhe versteckt? Womöglich eine der Sommerfamilien, die in dem Häuschen Urlaub machten? Aber wann ist das geschehen? In dieser Saison oder schon vor längerer Zeit? An Antworten auf diese Fragen sind nicht nur Gunnar und die schwedische Öffentlichkeit brennend interessiert. Hauptkommissar Sven Lundquist nimmt mit seinem Team die Ermittlungen auf, spürt die Mieter auf, forscht in den Familien nach vermissten Angehörigen. Als plötzlich Inga, Gunnars Ehefrau und Hobbydetektivin, spurlos verschwindet, bleibt Lundquist nur noch wenig Zeit, sie aus den Klauen des Mörders zu retten.

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Er stand am Fuß der Treppe und horchte in sich hinein.

Eigentlich hatte er mit Vielem gerechnet, mit einem schlechten Gewissen, quälenden Schuldgefühlen, bohrendem Skrupel oder aufgeregter Vorfreude.

Doch tatsächlich empfand er nichts dergleichen.

Nur eine unendliche Leere.

Noch konnte er umkehren, so tun, als habe er nie so etwas vorgehabt.

Sollte sein Plan scheitern und man ihn überführen, zöge das einen empörten Aufschrei der Scheinheiligen nach sich, er würde geächtet, von allen verteufelt.

Man würde ihn hassen.

Aber das werde ich zu verhindern wissen, dachte er selbstbewusst. Schließlich bekamen sie beide, was sie verdienten: sie den Tod und er die Freiheit!

Die verzogenen Stufen der alten Holztreppe knarrten vorwurfsvoll, als er vorsichtig zu ihrem Zimmer im Dachgeschoss schlich.

Nervös zuckte er zusammen.

Einen Moment wartete er angespannt, eingefroren in der Bewegung.

Er lauschte auf einen Ruf oder ein anderes Geräusch aus ihrem Zimmer, vielleicht ein verräterisches Husten oder eine Art Rascheln oder Zischen, hervorgerufen vom Reiben ihrer rauen und aufgerissenen Hornhautfersen auf dem kühlen glatten Bettlaken. Hatte sie ihn etwa doch kommen hören? Zum wiederholten Mal strich er sich die Haare aus der Stirn.

Würde sie jetzt, wie sonst, seinen Namen rufen? Leicht fragend, unsicher, so, als wisse sie nicht genau, ob er es war, der die Treppe herauf kam? Als ob sich in den letzten Jahren je ein Mensch hierher verirrt hätte!

Lächerlich!

Wer sollte schon das Bedürfnis haben, eine boshafte Alte und ihren idiotischen Sohn zu besuchen! Da kam doch nur, wer unbedingt musste. Der Arzt zum Beispiel – doch selbst der erschien nur noch sporadisch. Und am liebsten war ihm, wenn er die zänkische Nörglerin nicht leibhaftig zu Gesicht bekam, sondern sich von ihrem Sohn alle relevanten Informationen über ihren Gesundheitszustand geben lassen konnte. Danach händigte der Arzt ihm das Rezept aus und konnte aufatmen.

Zornig ballte er die Hände zu Fäusten und rammte sie dann kraftvoll in die Hosentaschen. Schwindel ließ ihn für einen Moment taumeln.

Das ist der Hass, der mir schwarz vor Augen werden lässt!, dachte er und es erfüllte ihn fast mit Stolz.

Es steckte doch noch Gefühl in ihm!

Als alles ruhig blieb, wagte er sich vorsichtig ein paar Stufen weiter.

Das hättest du nicht gedacht, begann er einen imaginären Dialog mit ihr, dass ich dazu fähig wäre! Oh, nein. Du hast mich eben völlig falsch eingeschätzt!

Typisch für dich!

Nie hast du meine Fähigkeiten erkannt!

Nie hast du dich für deinen einzigen Sohn interessiert!

Nun konnte er schon die Tür zu ihrem Zimmer sehen.

»Ach, du bist es nur«, begrüßte sie ihn üblicherweise mit unverhohlener Enttäuschung.

Nur! Als wäre er ein Nichts! Ein Stück Dreck! Und, während er noch damit beschäftigt war, seine Wut hinter einem milden Lächeln zu verbergen, um ihr nicht zu zeigen, dass es ihr gelungen war ihn zu verletzen, fuhr sie schon fort:

»Tja, so ist der Lauf der Dinge. Wenn man alt ist, wird man von allen gemieden und die anderen wünschen einem dann nur noch den Tod, lauern darauf, dass man nun endlich stirbt.« Diese mit leicht zitternder Stimme vorgebrachten Äußerungen waren fester Bestandteil ihres Psycho-Spiels, das einzig dazu diente ihn zu erniedrigen. Regelmäßig rang sie ihm dadurch Sätze ab wie »Ach Blödsinn, wie kannst du so etwas sagen, niemand wünscht sich deinen Tod« oder »Du wirst doch nicht gemieden! Die anderen sind nur auch unbeweglich geworden, aber beim Einkaufen fragen sie immer ganz freundlich nach dir«, die er sich nur mit Ekel sagen hörte und die ihm Schauer unbändigen Zorns durch den Körper jagten. Er wusste eigentlich gar nicht, wie es ihr gelang – er spürte immer einen so unbändigen Druck, so eine gewaltige Angst vor ihrer Reaktion, wenn er ihr die erwartete Antwort verweigerte, dass er jedes Mal brav wieder den gewünschten Text lieferte. Doch kaum hatte er seine Antwort gegeben, triumphierte sie höhnisch wie immer:

»Du lügst! Du traust dich nicht einmal jetzt, wo ich hier liege, mir die Wahrheit zu sagen! Du Schlappschwanz – wieso nur habe ausgerechnet ich so einen Blindgänger als Sohn! Aber es zeigt mir, dass ich noch immer die Hosen anhabe in diesem Haus«, und dann lachte sie ihn jedes Mal aus – lachte so lange, bis sie keine Luft mehr bekam und sich erschöpft in die Kissen sinken lassen musste, lachte, bis Tränen über ihre zerknitterten Wangen liefen. Überall, wohin er auch ging, verfolgte ihn dann ihr schrilles, wahnsinniges Hohngejohle.

Er war ein Versager, ein alberner Schwächling – sie hatte recht!

Jemand wie er, der sich immer aufs Neue demütigen ließ, sich nie zur Wehr setzte, verdiente nur Verachtung.

Während der Arbeit auf dem Hof flüsterte er später die Antworten vor sich hin, die er hätte geben wollen, berauschte sich an hasserfüllten Sätzen voller Boshaftigkeit, übte sie und nahm sich vor: Beim nächsten Mal!

Wie jedes Mal!

Ihr Machtbereich reichte weit über ihr Zimmer oder den Hof hinaus. Über Telefon war sie in Windeseile mit den tratschenden Weibern im Dorf verbunden. Sie streute falsche Behauptungen aus, wie andere Leute Rasensamen – und er konnte sich nicht einmal wehren. Einmal hatte sie behauptet, er habe sie beinahe verhungern lassen, ein anderes Mal beschuldigte sie ihn, sie misshandelt zu haben. Nicht, dass etwa eine der alten Damen zu Besuch gekommen wäre, um die Zustände in ihrem Haus zu kontrollieren. Im Grunde wussten alle, was für ein Drachen seine Mutter war, aber ihn auf die Vorwürfe anzusprechen wagte auch niemand. Schließlich hätten sich daraus weitreichende Konsequenzen ergeben können, und das galt es zu vermeiden. Wer wollte schon in solch intime Familienangelegenheiten verwickelt werden, da hielt man sich besser bedeckt!

Scheinheiliges Pack! Tuschelte lieber hinter seinem Rücken!

Andererseits erfuhr sie alles von den Tratschtanten im Ort – über jeden seiner Schritte.

Doch damit war nun endgültig Schluss!

Im Laufe der Zeit hatte er sich eine fast geräuschlose Art der Bewegung angewöhnt, damit sie wenigstens nie mit Gewissheit sagen konnte, wo auf dem weitläufigen Gelände er sich gerade befand. Es gelang ihm nie, sich auf längere Zeit ihrem Einfluss zu entziehen.

Er atmete tief durch und probierte vorsichtig die nächste Stufe. Gab es etwas Unberechenbareres als Holztreppen? Völlig ungewiss, welche der Stufen heute knarzen würde. Endlich hatte er das obere Stockwerk erreicht. Stand einen Moment unschlüssig vor ihrer Tür. Die einzigen Geräusche, die er wahrnahm, waren sein eigener Herzschlag und das Rauschen des Bluts in seinem Kopf. Seine schweißnassen Hände umklammerten die geschwungene, kühle Messingklinke.

Langsam, ganz langsam drückte er sie hinunter und schob zögernd die Tür auf.

Das Licht des Treppenhauses warf ein fahlgelbes Dreieck auf die alten, dunklen Dielen ihres Zimmers. Er wartete mit angehaltenem Atem. Rechnete fest damit, dass sie anfangen würde zu jammern und zu zetern. Seine Fingernägel bohrten sich schmerzhaft in die Handteller, als er nun angespannt lauschend im Flur stand.

Doch außer einem gleichmäßigen Atemgeräusch war nichts zu hören. Erleichtert seufzte er leise und strich sich mit zitternden Fingern die Haare aus der Stirn. Dabei registrierte er erstaunt, wie stark er schwitzte.

Lächerlich!, schalt er sich, das Schwerste war doch schon geschafft.

Alles reibungslos gelaufen, wie in dem Film, den er vor einiger Zeit im Fernsehen gesehen hatte! Der Rest würde jetzt ein Kinderspiel sein!

Bald bin ich frei!, frohlockte eine Stimme in seinem Kopf. Kein Gemecker, kein Streit mehr. Endlich ein eigenes Leben!

Der Geruch nach Alter, Vernachlässigung und Urin schlug ihm entgegen. Auch damit hätte es jetzt endgültig ein Ende! Er wusste es: Sie tat das mit Absicht, nur um ihn zu ärgern! Bestimmt war sie eigentlich noch ganz beweglich, er hatte schon lange den Verdacht, dass sie während seiner Abwesenheit durch das ganze Haus lief und herumspionierte. Er merkte es daran, dass Gegenstände nicht mehr an dem Platz lagen, an dem er sie abgelegt zu haben glaubte, sondern an den unwahrscheinlichsten Orten wieder auftauchten. Ihr Werk, bestimmt! Vielleicht sang sie sogar dabei und tänzelte durch die Räume – aber um ihm Arbeit zu machen, lag sie, wenn er im Haus war, einfach bloß noch im Bett und ließ sich von ihm bedienen. Sie pinkelte sogar ins Bett, um ihm danach triumphierend dabei zusehen zu können, wie er es dann abziehen und die stinkende Bettwäsche waschen musste. Und er – er durfte nicht zeigen, wie sehr er sich ärgerte. Abhängigkeit, das war ihm deutlich bewusst, Abhängigkeit war das Zauberwort.

Wann hatte das eigentlich alles angefangen?

So genau wusste er das gar nicht mehr.

Immer öfter war sie, von einem Moment auf den anderen, von einer gewaltigen Lustlosigkeit erfasst worden. In solchen Zeiten beschloss sie, im Bett liegen zu bleiben und nichts mehr tun zu können. Und diese – sie nannte es ›Pflegephase‹, damit er glauben konnte, die Situation würde sich nach einiger Zeit wieder bessern – hielt nun schon eindeutig viel zu lange an!

»Altersdepression und fortschreitende Demenz« lautete lapidar die Diagnose des Quacksalbers, der anfangs seine Mutter in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen besucht hatte. Das wäre durchaus nicht so selten, er müsse sich eben damit abfinden, und die Pflege seiner Mutter sei doch nun wirklich kein unlösbares Problem, hatte er noch hinzugefügt. Was hatte dieser Pseudopsychodoktor schon für eine...



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