E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Stibbe Ein Mann fürs Haus
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-15052-5
Verlag: Manhattan
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zwei Schwestern auf der Suche nach einem Mann für ihre Mutter - Roman
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-641-15052-5
Verlag: Manhattan
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lizzie Vogel ist neun Jahre alt und macht sich Gedanken. Vor allem über ihre frisch geschiedene Mutter, die es mit 31 Jahren, drei kleinen Kindern und einem Labrador soeben von London in die englische Provinz verschlagen hat. Im ländlichen Leicestershire der Siebzigerjahre gibt es nichts Schlimmeres, als ohne Mann im Haus dazustehen. Die Frauen im Ort befürchten, Lizzies Mutter könnte hinter ihren Ehemännern her sein, und die vaterlosen Kinder werden wahlweise bemitleidet oder misstrauisch beäugt. Also machen sich Lizzie und ihre Schwester auf die Suche nach einem neuen Gatten für ihre Mutter ...
Nina Stibbe verbrachte große Teile ihrer Kindheit auf dem Land im englischen Leicestershire, bevor sie als Teenager nach London flüchtete. Sie studierte Geisteswissenschaften, begann 1990 ihre Verlagskarriere und arbeitete schließlich als Lektorin bei Routledge. 2002 zog sie mit ihrem Lebensgefährten und ihren Kindern nach Cornwall.
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1
Meine Schwester und – danach – ich und mein Bruder wurden einst in recht angenehme Lebensumstände hineingeboren. Zwar gab es auch bei uns immer wieder kleine Veränderungen, doch im Wesentlichen spulte sich unser Dasein mit einer Gleichförmigkeit ab, die ungeheuer bequem war. Das ging so bis zu einem Abend im Jahr 1970, als unsere Mutter mitbekam, was unser Vater so alles am Telefon sagte. Es war etwas, das sie veranlasste, sich ins Geschirrtuch zu schnäuzen – was sie nur im absoluten Notfall tat.
Und am nächsten Morgen, gerade als mein Vater es sich mit der Morgenzeitung bequem machen wollte, nahm sie die Pfanne mit Spiegeleiern von der Flamme und feuerte die Eier unserem Vater an den Kopf. In der Annahme, das Fett sei noch heiß, kreischte er auf wie ein Mädchen und fiel vom Stuhl. Aber meine Mutter war nicht verrückt, und die Spiegeleier waren allenfalls lauwarm, also keine Gefahr. Höflich übersahen wir, wie er einen Moment lang am Boden lag. Dann versuchte er, an die Kaffeekanne zu gelangen, aber da war meine Mutter vor. Leider rutschte sie dabei auf dem nassen Daily Telegraph aus, der sich allmählich in Pappmaché verwandelte, und bald wälzten sich beide in erbitterter Umklammerung auf dem Küchenboden – was übrigens anfangs noch harmlos aussah, eher wie eine Rangelei auf dem Spielplatz. Bedrohlicher war schon, als sie einen Schuh verlor, was nie ein gutes Zeichen ist und darüber hinaus ein bekanntes Motiv aus Märchen und Fernsehkrimis. Der letzte Zweifel schwand, als unser Vater sie mit seinen großen weißen Händen würgte. Da wünschte ich mir, sie hätte die Kraft gehabt, ihn mit einem gekonnten Judogriff auf den Rücken zu werfen und mit ihrem verbliebenen Absatz auf dem Boden festzunageln. Stattdessen musste Mrs Lunt einschreiten und ihm jeden Finger einzeln nach hinten biegen, bis er von meiner Mutter abließ.
Und auf einmal war es 8 Uhr 30, und Bernard, sein Chauffeur, der in einer kleinen Laube bei uns mit auf dem Grundstück wohnte, hatte den Mercedes vorgefahren und hupte. Immer noch wütend, zerzaust und bekleckert, blieb meinem Vater nichts anderes übrig, als sich ins Büro fahren zu lassen. Unterdessen strich sich unsere Mutter das Kleid glatt und goss sich einen Scotch mit Ginger Ale ein. Doch auch sie kehrte nicht an den Frühstückstisch zurück. Sie lächelte nicht, sie weinte nicht, sie sah uns nicht einmal an, sondern war – mit nur einem Schuh – an der Anrichte stehen geblieben, wo sie in ihrer eigenen Welt ihren eigenen Gedanken nachhing.
Am Ende gab es Teegebäck zum Frühstück, denn alles andere war bei dem »Aufstand« (wie Mrs Lunt sich ausdrückte) vernichtet worden. Damals hortete man noch nicht endlos Vorräte, sondern kaufte jeden Tag frisch ein. Oder vielmehr tat die Lunt das.
Wie gesagt, meine Mutter stand an der Anrichte, und nach einem Glas Scotch hatte sie dort so etwas wie eine Eingebung. Jedenfalls lief sie sofort in den Flur, wo sie die Wählscheibe des Telefons betätigte. Nach allem, was passiert war, hörten wir natürlich gespannt zu. Wen würde sie jetzt anrufen? Zur Abwechslung quatschte auch die Lunt nicht dazwischen wie sonst immer, wenn die Kinder etwas nicht hören sollten oder wenn – angeblich – die Privatsphäre meiner Mutter gefährdet war, sondern hatte ihr großes Ohr aufgestellt und lauschte unverfroren, indem sie den Finger an die Lippen legte.
Ich dachte erst, es sei die Polizei oder dieser Phil. Tatsächlich aber bestellte sie nur den Kohlenmann ab.
»So, das hätten wir«, sagte sie mit tapfer-brüchiger Stimme. »Den Rest bringe ich am Wochenende wieder in Ordnung.«
Auch das war eher enttäuschend, und ich denke, die anderen fanden das ebenso.
Meine Eltern schätzten ein gemütliches Kaminfeuer am Abend, und es musste im Sommer schon sehr heiß werden, damit der Kamin aus blieb. Mein Vater bevorzugte Kohle als Brennstoff und konnte in die hellrote Glut starren, bis seine Haut Flecken bekam und kein Wimpernschlag mehr seinen stieren Blick unterbrach.
Meine Mutter dagegen liebte Holzfeuer, also tanzende Flammen auf zerfallenden Scheiterhaufen, nicht diese grimmige Höllenhitze, wie sie von Kohlen ausging. Schon der Anblick der schwarz glänzenden Brocken im Eimer gefiel ihr nicht, erst recht nicht die Asche, deren kleinste Partikel noch in der Luft schwebten, lange nachdem Mrs Lunt den Kamin gereinigt hatte. Sogar in verbrannter Form verhielt sich Holz einfach fügsamer. Wir wussten das alles, weil unsere Mutter einmal ein Gedicht geschrieben hatte, in dem diese Unterschiede thematisiert wurden. Und dann war da noch der Kohlenmann, den sie einmal dabei beobachtet hatte, wie er ins Blumenbeet pinkelte. Dagegen hätte sie an sich nichts gehabt, aber dass er die Calendula regelrecht niederpinkelte, erzürnte sie.
Zwar war dieser Vorfall in ihrem Gedicht nicht enthalten, doch sie beklagte sich bei meinem Vater darüber, der abwiegelte: »Der Kerl hatte eben Druck.« Aus purem Übermut zog er auch noch Mrs Lunt in die Diskussion: »Na, schon mal zugeguckt, wie so ein Klüttenmann den Stollen unter Wasser setzt.« Die Lunt gab sich empört wie eine englische Lady in einer Sitcom und verließ unter Protestgenuschel das Zimmer.
Damit war die Sache erledigt. Der Kohlenmann erschien nicht mehr, und wir kauften nur noch Holz vom Milchmann, der mit seinem elektrischen Milchwagen auf unserer halbrunden Auffahrt durch die Kurve zog, dass sämtliche Milchkästen ins Rutschen gerieten. Außerdem mochte er Debbie, unseren Labrador, und pfiff immer nach ihr.
Die Lunt meinte, Holz sei ja gut und schön – nur dass man jedes Scheit tausendmal anfassen musste, ehe man es (trocken, aber nicht zu trocken) im Wohnzimmer hatte, sei nicht so angenehm. Und dass sich zwischen dem Brennholz allerlei Getier einnistete, was einem regelmäßig einen Schock versetzte. Dagegen, so die Lunt, sei Kohle durch ihre Unwirtlichkeit eine geradezu saubere Sache, zumindest wisse man bei Kohle immer, woran man sei. Aber meine Mutter verwies auf den strullernden Kohlenmann und blieb bei ihrer Entscheidung.
Für mich war damit die Energiewende abgeschlossen: Holz war die Zukunft. Meine Schwester war anderer Meinung. Die fortdauernde Abwesenheit meines Vaters ließ ihr keine Ruhe, entsprechend oft wollte sie mich mit ihrer Panik anstecken. Sie meinte, dass ich die furchtbare Wahrheit früher oder später ja doch erfahren würde, und dramatisierte, wo es nur ging.
»So ganz allein wird Mutter wahnsinnig, das ist mal sicher«, sagte sie. »Beten wir, dass er bald zurückkommt und dass sie sich nicht trennen.«
»Sie trennen sich schon nicht«, sagte ich.
»Woher willst du das wissen? Sie haben nicht die geringsten Gemeinsamkeiten, sie sind wie Hund und Katze.« So meine Schwester. Aber das stimmte nicht. Sie waren nur zwei grundverschiedene Arten von Hund und Katze.
Ich sah das sowieso ganz anders. Sie glichen sich schon äußerlich. Außerdem hatten sie denselben Gang, liebten Toast und Iris Murdoch und hüstelten auf diese abgehackte Weise, die sich anhörte wie kennich-kennich-kennich. Die Liste war damit noch nicht komplett, doch ich verzichtete auf weitere Argumente, denn sie stachen ohnehin nicht.
Ich sagte jedoch: »Immerhin sitzen sie gerne vor dem Kamin.« Womit wir wieder beim Kohlenmann waren.
Unsere Mutter versuchte, uns ihre Trennung so schonend wie möglich beizubringen.
Sie sagte: »Ich will es euch so schonend wie möglich beibringen: Euer Vater und ich sind übereingekommen, uns scheiden zu lassen. Daddy hat sich bereits eine eigene Wohnung gesucht.«
Die Stimmung kippte, als meine Schwester sagte: »O nein, der Ärmste! Armer Daddy.«
In diesem Moment platzte es aus meiner Mutter heraus. »Armer Daddy? Armer Daddy? Dein armer Daddy ist über beide Ohren verknallt.« Der Satz endete in einem sarkastischen Schluchzer, über den ich gern laut gelacht hätte, wäre meine Schwester nicht gewesen. Es gibt eben traurige Momente, die eher zum Lachen sind.
Ich verstand auch nicht, wie meine Schwester Mitleid mit meinem Vater haben konnte, wenn sie hauptsächlich um meine Mutter besorgt war.
Jedenfalls setzte sie sich gleich hin und schrieb meinem Vater auf ihrem guten Briefpapier einen Brief, in dem sie ihn anflehte, die Entscheidung zu überdenken. Es war nur ein kurzer Brief, aber er enthielt das Wesentliche: »Lizzie und ich machen uns große Sorgen, wie es nun weitergehen soll.« Er schrieb zwar nicht zurück, aber er rief an und erklärte ihr die Situation. Er sagte auch, dass Bernard, der Chauffeur, noch vorbeikäme, um seine wenigen Habseligkeiten abzuholen. Meine Mutter erkannte die Gefahr und schärfte uns ein, in der nächsten Zeit besonders gut auf Debbie aufzupassen – falls Bernard den Hund kidnappen wollte.
Bernard erschien schon am folgenden Tag und nahm ein paar Sachen mit wie das Bild mit dem Jagdhund und dem toten Vogel im Maul, Dads Toilettenkoffer für Herren mit den diversen Haarbürsten sowie den Toaster. Meine Schwester hatte noch weitere Sachen herausgelegt, darunter sein Lieblingskissen, aber Bernard blieb stur bei seiner Liste. Er bat nur um eine Decke, um das Bild darin einzuschlagen.
Ich selbst hielt derweil Debbie an der Leine und war erleichtert, als der Mercedes endlich wegfuhr – ohne Hund.
Jetzt könnte man denken, meine Mutter sei froh gewesen, meinen Vater (einschließlich seiner grässlichen Haarbürsten) los zu sein. Wobei ihre Gedanken an Phil vielleicht nicht so schmerzvoll waren wie die an die vielen, vielen Jahre, in denen sie aneinander vorbeigelebt hatten. Denn selbst früher hatte sich unser Vater im Kreis der Familie kaum blicken lassen, verließ nur zum Abendessen sein Zimmer, nicht...




