E-Book, Deutsch, 364 Seiten
Storch Nelson und das Fresstier
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8495-9806-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 364 Seiten
ISBN: 978-3-8495-9806-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Nelson rennt zur Tür hinaus. Er hat genug von den ewigen Demütigungen seiner Familie, nur weil er tollpatschig und in deren Augen fett ist. Das hat er nicht verdient. Er rennt die Dorfstraße hinunter, am Ortsschild vorbei ... und gerät in ein unglaubliches Abenteuer, unter Anweisung einer einäugigen Libelle! Es ist eine waghalsige Reise in eine andere Welt, auf der Suche nach dem verlorenen Fresstier.
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DIE ANKUNFT
Kaum hat er den Berg verlassen, geht es abwärts. Steil abwärts. Wie auf einer großen Rutschbahn. Nur, dass diese Rutschbahn keinen Rand zum Festhalten hat. Nelson dreht sich um seine eigene Achse. Nochmal und nochmal. Und das, nachdem er so viel gegessen hat. Ihm wird schlecht. Immer schneller rast er den Berg hinunter. Von weitem dringt noch ein dünnes „Uups, das habe ich vergessen zu sagen“ in seine Ohren. Dann wird ihm schwarz vor Augen. Einzig der Boden scheint es gut mit ihm zu meinen. Der ist nämlich weich und riecht nach Vanille.
„Hallo, aufwachen“. Das ist das Nächste, was er wieder wahrnimmt. Jemand rüttelt ihn an der Schulter. Nelson dreht sich auf den Rücken und öffnet die Augen. Die Sonne blendet ihn. Und ihm ist immer noch schlecht. Was ist nur passiert?
Ein junges Mädchen, etwa in seinem Alter, schiebt sich vor die Sonne. Rote, lange, lockige Haare zu einem dicken Zopf geflochten. Typ widerspenstig. Würde sie das Haar offen tragen, wäre ihr Kopf wahrscheinlich drei Mal so groß. Und sie hat Sommersprossen. Große grüne Augen und ein sehr buntes Kleid. Zu bunt für seinen Geschmack. Nelson kann sich nicht erinnern, dieses Mädchen zuvor schon einmal gesehen zu haben. Und eigentlich kennt er alle Mädchen aus seiner kleinen Stadt.
Wo zum Teufel ist er? Er tastet sich ab. Es scheint nichts gebrochen zu sein. Trotzdem spürt er jeden Knochen.
„Ich heiße Rosina“, stellt sich sein Gegenüber vor. „Und wer bist du?“
„Nelson“, sagt er knapp und muss aufpassen, dass er nicht rülpst. Sein Bauch fühlt sich an wie ein riesiger Ballon, der unter Druck steht. Außerdem tut sein Kopf weh. Und seine Rippen auch.
„Und wo kommst du her, Nelson? Und wie bist du hierher gekommen und seit wann bist du da?“
Das Mädchen mit dem merkwürdigen Namen will alles wissen und kennt anscheinend keine Gnade. Sie sieht doch, dass es ihm gerade nicht so gut geht.
„Ich weiß es nicht“, stöhnt Nelson. „Kann mich nicht so richtig erinnern. Durch einen weißen Berg. Ich musste essen. Und dann bin ich hinunter gefallen.“ Er hält sich seinen Bauch.
„Du hast zu viel gegessen?“
„Ich glaube ja“, antwortet Nelson. Dieses Mal muss er rülpsen. Er kann es nicht zurückhalten. Oberpeinlich. Vor einem vollkommen fremden Mädchen rülpsen. Au weia. Seine Schwester würde ihn jetzt kalt machen.
Das Mädchen holt eine Tasse aus seinem Rucksack, den es geschultert hat. Dann verschwindet es hinter einer Hecke und kehrt nach wenigen Minuten zurück. Aus der Tasse dampft es.
„Hier ist ein Pfefferminztee. Der hilft sofort“, sagt es und reicht ihm die Tasse.
Nelson nimmt einen Schluck. Schmeckt nach Krankenhaus.
„Wohnst du hier gleich um die Ecke?“, will er wissen.
„Nein, wie kommst du darauf?“, fragt Rosina.
„Na wegen des Tees natürlich. Oder sprudelt der aus der Erde?“, grinst Nelson, dem es bereits etwas besser geht.
„Ja klar“, grinst Rosina zurück. „Dort hinten ist eine Teequelle.“
„Verarschen kann ich mich selbst“, mault er zurück, als plötzlich die Erinnerungen über ihn herfallen wie Mücken über eine Kuh. Er erinnert sich an alles. Haargenau. Wie ein Film beginnt die Geschichte in seinem Kopf abzulaufen. Er schaut Rosina mit großen Augen an und sagt:
„Setz dich mal, ich erzähle dir alles!“
Rosina macht es sich neben ihm bequem. Nelson holt tief Luft und fängt an. Und das ist ihm passiert:
Begonnen hat alles mit einem kleinen Missgeschick seinerseits zu Hause. Beim Versuch, das letzte Stück Schwarzwälder Kirschtorte zu erhaschen, hat er die alte Kaffeekanne seiner Oma vom Tisch gesenst. Die löst sich in ihre Bestandteile auf und Nelson muss, bewacht vom bösen Blick seiner Mutter, alles zusammenfegen und schnurstracks auf sein Zimmer. Sein blöder Bruder grinst und stopft SEIN Kuchenstück in sich hinein. Er hat Zimmerarrest den restlichen Tag. Nelson ist frustriert. Er schnappt sich seinen geheimen Gummibärchenvorrat und fängt an, sie in sich hineinzustopfen. Eines nach dem anderen. Bis zum Schluss nur noch der große Klumpen übrig ist. Fünf Gummibärchen sind zusammengeklebt. Und diesen Klumpen hat Nelson sich für einen besonderen Anlass aufgehoben. Und dieser besondere Anlass ist nun gekommen.
Danach geht es ihm etwas besser.
Nun gut, er hätte seine blöde Schwester fragen können:
„Anette, würdest du mal bitte so lieb sein und mir noch ein Stück Kuchen auf den Teller tun?“ So sagt es seine Mutter, so hätte er sich verhalten sollen.
Oder er hätte langsamer nach dem Kuchen greifen können und nicht so gierig – dieser Vorschlag kam ziemlich laut, aus dem Mund seines Vaters. Gierig – wie er dieses Wort hasst und wie oft er es schon gehört hat. Nie darf man das essen, was man will, nie darf man so viel essen, bis man satt ist, nie darf man so schnell essen, wie man mag, wenn das Essen besonders gut schmeckt – immer und ständig ist man gierig. Warum ist es denn eigentlich so schlimm, wenn eine Kaffeekanne kaputtgeht? Man kann doch eine Neue kaufen!
Nun, so einfach ist das nicht, denn diese Kaffeekanne stammt von der Uroma, echtes Meissner Porzellan und man kann sie nicht ersetzen, weil sie ein Erinnerungsstück ist. Dinge, die durch Erinnerungen wertvoll werden, sind mit allem Geld dieser Welt nicht zu ersetzen. Nelson weiß das auch. Und es tut Nelson furchtbar leid, dass seine Mutter jetzt so traurig ist. Er kennt das genau. Sie sagt dann nichts, aber ihre Lippen werden ganz schmal und ihr Kinn zittert. Wie oft hat sie ihn schon so angeschaut, wenn er wieder etwas falsch gemacht hat und dann geht es ihm durch Mark und Bein. Manchmal denkt er sogar, am Besten wäre er gar nicht geboren. Dann hätte seine Mutter nicht so viel Kummer und müsste nicht immer mit dem Kinn zittern. Sicher hätte sie mehr Spaß im Leben, wenn sie nicht dauernd wegen Nelson mit dem Kinn zittern müsste. Wegen Anette und Bodo musste seine Mutter noch nie mit dem Kinn zittern.
Und sein Vater? Wird immer ganz rot im Gesicht und schreit und hinterher sagt er, jetzt habe er es wieder am Herz und dann fasst er sich auf die Brust und muss sich hinlegen. Nelson weiß zwar nicht genau, was das sein soll, es am Herz haben, aber er weiß, dass es auf jeden Fall nichts Gutes ist und er weiß auch, dass er daran schuld ist, wenn der Vater es am Herz hat.
Mittlerweile war es draußen dunkel. Abendessenzeit. Nelson hört in seinem Zimmer, wie Anette den Tisch deckt. Das vertraute Klappern von Besteck und Tellern. Dann hört er, wie die Stühle gerückt werden. Eigentlich müssten jetzt alle am Tisch sitzen. Warum ruft ihn niemand? Haben sie ihn womöglich vergessen? Am besten, Nelson schaut einmal nach. Eigentlich könnte Nelson sich entschuldigen. Eigentlich tut es Nelson ja wirklich leid. Eigentlich tut es ihm immer leid, wenn er etwas angestellt hat, vor allem deswegen, weil er das, was er anstellt, nicht absichtlich anstellt. Nelson ist kein böser Junge. Er ist nur ein armer, dicker Pechvogel, den keiner richtig ernst nimmt und dem andauernd Dinge passieren, die anderen Menschen Kummer und Ärger bereiten.
Nelson beschließt sein Zimmer zu verlassen und zum Abendessen zu gehen. Er stellt sich vor, wie er sich seiner Mutter nähert, ihre Hand fasst, ihr in die Augen schaut und leise „Entschuldigung“ murmelt.
Er stellt sich vor, wie seine Mutter ihn in den Arm nimmt, ihm über den Kopf streichelt und „Ist schon gut, Nelson“ sagt.
Und der Vater würde wieder freundlich blicken, würde für Nelson den Stuhl zurechtrücken und sagen:
„Komm, setz dich zu uns, Nelson, und iss dein Abendbrot.“
Jawohl, so wird es ablaufen. Er, Nelson, wird sich jetzt entschuldigen und dann ist alles wieder gut.
Aber Nelson täuscht sich. Er macht seine Zimmertür auf, geht die Diele entlang und betritt das Esszimmer. Alle hören auf zu sprechen. Die Mutter und der Vater schauen sehr, sehr böse. Sie schauen sogar so böse, dass Nelson sich überlegt, den Plan mit der Entschuldigung auf morgen zu verschieben.
Anette und Bodo starren auf ihn wie auf ein Monster aus fernen Welten. Aber er nimmt all seinen Mut zusammen und geht zu seiner Mutter. Er will ihre Hand nehmen und dabei „Entschuldigung“ sagen.
Doch bevor er dazu kommt, auch nur irgendetwas zu sagen, sagt seine Mutter etwas. Sie sagt mit fester Stimme und in einem sehr ernsten Ton:
„Nelson, ich will dich heute nicht mehr sehen. Geh in dein Zimmer. Für dich gibt es heute kein Abendessen. Geh mir aus den Augen.“
Anette schneidet zu diesen Worten eine Fratze und streckt ihm die Zunge heraus.
Bodo grinst: „Abmagern schadet dem sowieso nicht!“
Der Vater sägt mit verbissenem Gesichtsausdruck das Fleisch auf seinem Teller in winzig kleine Stücke.
Wieder einmal ist es soweit: Alle sind böse auf Nelson, keiner will ihn.
„Geh mir aus den Augen“, hat es geheißen. In diesem Moment geschieht etwas mit Nelson. Tief in ihm drin.
Er holt Luft um sich zu wehren, besinnt sich dann aber, ohne zu wissen warum, auf etwas Anderes. Er rennt zur Tür hinaus. Er hat genug von den ewigen Demütigungen seiner Familie, nur weil er tollpatschig und in deren Augen fett ist. Das hat er nicht verdient. Er rennt und rennt und kommt schnell aus der Puste, denn er ist nicht sehr sportlich. Dennoch rennt er immer weiter. Die Dorfstraße hinunter,...




