E-Book, Deutsch, 157 Seiten
Temme Ein tragisches Ende
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-272-2653-5
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mystery-Krimi
E-Book, Deutsch, 157 Seiten
ISBN: 978-80-272-2653-5
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In 'Ein tragisches Ende' von Jodocus Temme wird die Geschichte eines jungen Liebespaares erzählt, das durch die rätselhaften Umstände seines Todes in den Mittelpunkt einer mysteriösen Ermittlung gerät. Temmes literarischer Stil zeichnet sich durch eine exquisite Detailgenauigkeit und eine subtile Spannung aus, die den Leser von der ersten bis zur letzten Seite fesseln. Das Buch kann als klassisches Beispiel der deutschen Romantik betrachtet werden, da es die Themen Liebe, Schicksal und Tragödie auf eine kraftvolle und einfühlsame Weise behandelt. Temmes Werk ist bekannt für seine meisterhafte Darstellung der menschlichen Psyche und seiner reflektierenden Erzählweise. Mit 'Ein tragisches Ende' zeigt er seine Fähigkeit, die subtilen Nuancen zwischen Wirklichkeit und Phantasie zu erkunden und den Leser mit tiefgreifenden Einsichten zu fesseln. Dieses Buch ist ein absolutes Muss für Liebhaber klassischer deutscher Literatur und für alle, die sich für die feine gestalterische Kunst des romantischen Romans begeistern können.
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Ein tragisches Ende
Eine Kriminalgeschichte und doch keine
1. Der Racheschwur
In dem großen Hause Molkenmarkt Nr. 3 befanden sich in einem kleinen Zimmer zwei Treppen hoch zwei Personen, ein kleiner runder Mann mit einem roten Gesicht und ein langer, hagerer Mann mit einem blassen Gesicht.
Das große Haus am Molkenmarkt Nr. 3 zu Berlin ist bekanntlich das Kriminalgerichtsgebäude oder, wie der Berliner sagt, das Kriminalgericht.
Die Stube, in welcher die beiden Männer sich befanden, war eine Verhörstube des Kriminalgerichts. Sie war es. Jetzt gibt es schon seit mehreren Jahren keine Verhörstuben mehr. Das neue öffentliche mündliche Strafverfahren mit einem Staatsanwalt und mit Geschworenen hat auch die Verhörstube mit ihren Inquirenten abgeschafft und dafür Instruktionszimmer mit einem Instruktionsrichter eingeführt, in denen übrigens genauso verfahren wird wie in den Verhörstuben des alten schriftlichen Inquisitionsprozesses.
Der kleine runde Herr mit dem roten Gesicht war der Inquirent der Verhörstube, der Kriminalgerichtsrat oder, wie seine Untergebenen zu ihm sagen mußten, Stadtgerichtsrat Pannemann.
Der lange, hagere Mann mit dem blassen Gesicht war sein Kriminalprotokollführer Köpke.
Der Kriminalgerichtsrat war soeben in die Verhörstube eingetreten, hatte Hut und Stock und Handschuhe abgelegt und sich an seinen Arbeitstisch begeben. Auf diesem lagen, musterhaft geordnet, seine Arbeiten für den heutigen Tag; auf der einen Seite die Akten, in denen zu dekretieren, auf der anderen die, in denen zu inquirieren war. Köpke hatte sie musterhaft geordnet, er hatte auch, wie immer, noch mehr getan. Die »Decernenda« hatte er schon »abdekretiert«; der Rat mußte nur seinen Namen darunterschreiben; ob er sie auch durchlesen wollte, stand in seinem Belieben. In den »Terminakten« hatte der fleißige Protokollführer die Protokolle schon fertig gemacht. Der Rat mußte nur noch die vernommenen Personen wieder vorkommen, ihnen die Protokolle vorlesen lassen und sie befragen, ob es so richtig sei.
Dies war indes nicht in allen Sachen so. Denn, wie gesagt, der Kriminalgerichtsrat hatte die wichtigeren sich zur eigenen Bearbeitung vorbehalten. Köpke mußte sie ihm obenauf legen.
Der Kriminalgerichtsrat Pannemann besah zuerst das Aktenstück, das oben auf den Terminakten lag, also mutmaßlich zu seiner eigenen Bearbeitung stand. Er wurde überrascht, und zwar angenehm überrascht.
»Piepritz?« rief er. – »Piepritz!« sagte der Protokollführer Köpke.
»Und bestätigt?«
»Bestätigt.«
»Gottlob, Gottlob! Köpke, klingeln Sie.«
Über dem Arbeitstische hing eine Schnur, die zu einer Klingel in den Verhörgängen führte. Köpke zog dreimal die Schnur. Die Verhörstube führte in dem Gange, an dem sie lag, die Nummer drei. Ein Kriminalgerichtsdiener trat ein. – »Den Piepritz«, befahl der Kriminalgerichtsrat. – »Zu Befehl, Herr Stadtgerichtsrat.« Der Diener ging zurück.
Der Kriminalgerichtsrat war so freudig aufgeregt, daß er keine Akten weiter ansehen konnte. Er ging in der kleinen Stube auf und ab.
Der Protokollführer faltete einen Bogen Papier und schrieb, den Eingang ins Protokoll darauf.
»Köpke!« sagte der Rat wichtig und vergnügt, »ich bin recht neugierig.«
Köpke nickte mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß er es glaube.
Er war mit Schreiben beschäftigt, und der Rat, der selbst gern viel sprach, hatte es nicht gern, wenn andere sprachen.
»Der wird Augen machen, Köpke.« – Köpke nickte.
»Es hat mich auch Mühe genug gekostet. Was habe ich dem Kerl zusetzen müssen.« – Köpke nickte wieder. »Warum antworten Sie mir nicht, Köpke?«
»Ja, er war sehr zähe«, sagte Köpke mit einer melancholischen Stimme.
»Ich habe ihn dennoch zur Überführung gebracht. Indizium auf Indizium, alle so fein, so delikat« – der Rat schnalzte mit der Zunge – »und doch so fest. Ich umstrickte ihn, wie einen Aal in einem Fischernetze. Ja, ja, ein glatter Aal war der Kerl; aber ich bin ihm doch Meister geworden. – Soll ich Ihnen die Wahrheit sagen, Köpke?«
»Ja, Herr Stadtgerichtsrat.«
»So recht habe ich selbst an die Schuld des Menschen nicht geglaubt.«
»Ich auch nicht, Herr Stadtgerichtsrat.«
»Aber sehen Sie, Köpke, er ist ein so alter und so oft bestrafter Dieb und hat so oft gestohlen, ohne daß er bestraft ist. Ist er hier auch unschuldig, so hat er durch hundert andere Verbrechen die Strafe doppelt, dreifach verdient.«
Köpke nickte.
»Und ein Exempel mußte an ihm statuiert werden, und darum gab ich mir auch so viele Mühe mit dem Menschen; ich selbst. Und gottlob, ich hatte die Genugtuung, daß das Kriminalgericht meinen Indizienbeweis für genügend annahm und ihn verurteilte, und jetzt hat es auch der Ober-Appellationssenat bestätigt. – Fünfzehn Jahre! Und gar mit Besserungsdetention! Eine lange Zeit! Er wird sich verwundern. Ich bin recht neugierig.«
Die Tür ging auf. Der Kriminalgerichtsbote führte einen Gefangenen herein.
Der Kriminalgefangene Piepritz war in den vierziger Jahren, ein kleiner schmächtiger Mensch, mit einem eingefallenen erdfahlen Gesicht und mit verschleierten, eidechsenartig schillernden Spitzbubenaugen. Er hatte seit seinem zwölften Jahre die meiste Zeit seines Lebens in Untersuchungsarrest und in Zuchthäusern zugebracht.
Er trat mit einem langsamen, ruhigen Wesen und einem unbeweglichen Gesicht in die Verhörstube. Ob er jemanden darin ansah, ob er etwas darin suchte, ob er überhaupt auf irgend etwas achtete, konnte man bei den völlig verschleierten Augen nicht sehen. Nur einen stillen Trotz konnte man an ihm bemerken.
Der Kriminalgerichtsrat redete ihn an. Mit den ersten Worten amtlich ernst; bald konnte er aber seine vergnügte Stimmung nicht mehr verbergen.
»Piepritz, dein zweites Urteil ist gekommen. Es soll dir publiziert werden. Was meinst du wohl, wie es ausgefallen ist?«
Der Gefangene schwieg trotzig.
»Du sagst nichts, Piepritz? Du hast wohl eine Ahnung?«
Der Gefangene antwortete mit jener heiseren Stimme des Schnapses aus früherer und der Gefängnisluft aus späterer Zeit: »Wenn es nach Recht und Gerechtigkeit geht, Herr Kriminalrat, so bin ich freigesprochen.«
»Wenn es nun nicht so wäre, bester Piepritz?«
Der Kriminalgerichtsrat war von Herzen ein grundguter Mensch, dem es auch wahrlich an Gerechtigkeitsgefühl nicht fehlte. Aber die lange Gewohnheit des Inquirierens hatte namentlich in zweierlei Weise eigentümlich auf ihn eingewirkt. Einerseits ergriff ihn gerade vermöge seines Gerechtigkeitsgefühls gegenüber den strengbindenden Vorschriften der Kriminalordnung über den Beweis, durch den es den Verbrechern so sehr leicht gemacht war, »sich durchzulügen«, manchmal ein zäher Eigensinn, gleichsam eine stille Wut, den leugnenden Verbrecher zu überführen, durch Indizien über Indizien »den frechen Lügner« wie einen »glatten Aal« zu umstricken und zu fangen. Andererseits, wenn er endlich seinen Zweck erreicht hatte, so bestand seine hauptsächliche Freude darin, mit dem armen überführten Inquisiten wie die Katze mit der Maus zu spielen.
»Aber wenn es nun nicht so wäre, bester Piepritz?« fragte der Kriminalgerichtsrat.
»Herr Kriminalrat, noch gibt es in Preußen Gesetze und gerechte Richter.«
»Du könntest dich doch irren, guter Piepritz.«
»Da drinnen, Herr Kriminalrat?«
»In deiner Freisprechung.«
»Na, lassen Sie hören.«
»Dein erstes Urteil ist lediglich bestätigt worden.«
»Lassen Sie es mir vorlesen, wie es Vorschrift ist«, sagte trotzig der Gefangene.
Der Rat mußte vorlesen.
»In der Kriminaluntersuchungssache gegen den Arbeitsmann Leonhard Friedrich Wilhelm Piepritz aus Berlin hat der Ober-Appellationssenat des Kammergerichts den Akten gemäß für Recht erkannt, die Erkenntnis des Kriminalgerichts zu Berlin vom 3. März 18 … lediglich dahin zu bestätigen, daß der Inquisit Leonhard Friedrich Wilhelm Piepritz wegen zweiten gewaltsamen und zugleich dritten Diebstahls außerordentlich mit fünfzehn Jahren Strafarbeit und Detention in der Strafanstalt bis zu seiner nachgewiesenen Besserung zu bestrafen ist. Von Rechts wegen …«
Damals dachte man bei der Strafe noch an Besserung des Verbrechers. Jetzt ist alles »absolute Strafrechtstheorie«.
Der Gefangene hatte der Vorlesung mit seinem ganzen unbeweglichen Trotze zugehört.
»Soll ich dir auch die Entscheidungsgründe vorlesen?« fragte der Kriminalgerichtsrat. »Du kannst es nach dem Gesetze verlangen.«
»Inkommodieren Sie sich nicht, Herr Rat. Ich weiß doch, daß ich meine Strafe nur Ihnen zu verdanken habe.«
Der Rat rieb sich die Hände.
»Ja, ja, Freund Piepritz, du warst klug, recht klug, aber …«
»Aber wir sprechen uns wieder, Herr Kriminalrat. Fünfzehn Jahre sind zwar eine lange Zeit.«
»Ja, ja, eine recht lange Zeit!«
»Aber sie gehen vorüber, Herr Kriminalrat.«
»Und vergiß auch die Besserungsdetention nicht, bester Piepritz.«
»Oh, Herr Kriminalrat, was die anbetrifft, so werde ich vom ersten Tage an im Zuchthause mich so bessern, daß ich keine Stunde länger sitzen muß als meine fünfzehn Jahre. Und wissen Sie auch, warum, bester Herr Kriminalrat? Um genau nach fünfzehn Jahren mit Ihnen wieder sprechen und Ihnen dafür danken zu können, daß ich so lange Zeit im Zuchthause mich habe bessern müssen.«
Der Mensch hatte,...




