E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Teschner Vom Wanderweg des Lebens
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-9731-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-7597-9731-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ulrich Teschner ist in Braunschweig geboren und wohnt seit 2012 im Rheingau. Seine Stärke ist das Verweben von Verstand und Intuition. Denn auf der einen Seite hat er als promovierter Mathematiker und erfahrener Projektmanager die Fähigkeit, analytisch zu denken und klar zu strukturieren. Auf der anderen Seite verfügt er über eine Ausbildung in gewaltfreier Kommunikation und ist zertifizierter Naturcoach. So weiß er um den Wert der Intuition, insbesondere in der Natur, die uns erwiesenermaßen hilft, wenn wir unzufrieden sind oder nicht weiter wissen. So hat er selbst mit Hilfe seiner Intuition einen eher unorthodoxen Weg durch Beruf und Karriere zurückgelegt. Mit diesem Buch möchte er sein Gedankengebäude, das schon manchem wertvolle Impulse geben konnte, einem breiten Publikum näher bringen.
Autoren/Hrsg.
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Sonia
Sonia saß auf dem Balkon ihrer Studentenwohnung in der Nachmittagssonne. In der Hand hielt sie ein Buch, das sie vor zwei Stunden gekauft hatte, weil der Klappentext sie spontan angesprochen hatte. Noch auf dem Weg nach Hause hatte sie sich total darauf gefreut, dieses Buch in Ruhe auf dem Balkon zu lesen, und jetzt las sie den ersten Absatz gerade zum vierten Mal. Sie war traurig. Viel lieber als das Buch, hätte sie jetzt Manolo hier gehabt. Aber der hatte ihr ja seinen alten Großvater vorgezogen. Selbst die Drohung, Schluss zu machen, wenn er tatsächlich für sechs Wochen in die Berge verschwand, hatte ihn nicht zurückgehalten. Und so war sie eben konsequent gewesen und hatte Schluss gemacht.
Sie war immer konsequent! Wenn sie ein Ziel hatte, hatte sie es auch immer erreicht, und das – davon war sie überzeugt – verdankte sie ihrer Konsequenz. Als sie drei Jahre vor dem Abitur realisiert hatte, dass sie auf dem Weg zu ihrem Traumberuf Zahnärztin einen hervorragenden Numerus clausus benötigen würde, hatte das gewirkt wie eine Gehirnwäsche. Von Stund‘ an hatte sie gelernt wie eine Wilde, hatte Bücher gewälzt und ihre bis dahin gelebte Bequemlichkeit in Sachen Schule über Bord geworfen. Am Ende hatte sie das Abitur als Zweitbeste des Jahrgangs bestanden und auf Anhieb einen Studienplatz bekommen.
Auch das Stipendium, das ihr einen relativ sorglosen Lebenswandel ermöglichte, hatte sie ihrer Konsequenz zu verdanken. Denn die Stiftung, die sie seit dem zweiten Semester förderte, hatte zunächst ihre Bewerbung verschlampt, und nur durch ihre Hartnäckigkeit war es ihr gelungen, ihre Unterlagen noch einmal einreichen zu dürfen, obwohl die Bewerbungsfrist schon vorbei war.
Dass Manolo trotz ihrer Drohung zu seinem Großvater abgereist war, empfand sie als Niederlage. Denn sie liebte ihn und schon während des hitzigen Gesprächs, von dem ihre letzte Begegnung geprägt war, hatte sie das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben. Das Gefühl, dass der konsequente Weg in diesem Fall nicht der richtige Weg war. Natürlich hatte sie das im Moment der Auseinandersetzung nicht zugeben können. Sie hatte auch gehofft, dass Manolo doch noch einlenken würde, wenn er nur merkte, dass sie konsequent blieb, aber er tat es nicht. Und dann war es zu spät gewesen, denn als er kurz darauf wütend ihre Wohnung verließ, war sie zu stolz gewesen, ihn aufzuhalten.
Und jetzt saß sie auf dem Balkon, auf dem auch Manolo so gerne in der Abendsonne gesessen hatte, und vermisste ihn. Warum nur musste sie jetzt so sentimental sein? So kannte sie sich gar nicht.
Es klingelte. Barbara, ihre Nachbarin, stand mit einer Flasche Cidre vor der Tür und schaute sie fragend an. Sonia schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter, zog Barbara auf den Balkon und sagte: „Du kommst wie gerufen. Ich hatte gerade so einen merkwürdigen Anflug von Sentimentalität.“ „Wegen Manolo?“, fragte Barbara ganz direkt. Die beiden Frauen kannten sich so gut, dass sie über alles miteinander reden konnten, obwohl Barbara fast vierzehn Jahre älter war. „Ja“, sagte Sonia, „ich fürchte, ich war da etwas zu konsequent.“ „Man könnte es auch egoistisch nennen“, meinte Barbara ehrlich. „Was ist denn so schlimm daran, dass er seinen Großvater besuchen will? So eine vorübergehende Trennung kann doch ganz belebend sein für eine Beziehung!“ „Ach, mir hat es einfach nicht gepasst. Ich hatte gedacht, ich könnte mit ihm zwei Wochen ans Meer fahren. Während des Semesters haben wir ja oft gar nicht viel Zeit füreinander. Du weißt schon, ich muss doch so viel büffeln“, erwiderte Sonia. „Hat er dir deswegen schon mal Vorwürfe gemacht?“, fragte Barbara, die beschlossen hatte, es Sonia beim Thema Manolo nicht zu leicht zu machen. Sie konnte Manolo sehr gut leiden und fand, dass er diese Behandlung nicht verdient hatte.
„Nein, jedenfalls nicht mit Worten“, antwortete Sonia, dachte kurz nach und verwarf dann den Gedanken, darüber mit Barbara einen Streit anzufangen. Stattdessen sagte sie: „Ich mach‘ uns schnell noch einen Salat. Mach’s dir schon mal gemütlich“, und verschwand in der Küche. Sie hatte keine Lust, sich von Barbara Vorwürfe machen zu lassen. Schließlich hatte sie ohnehin schon ein schlechtes Gewissen. Sie legte selbst sehr großen Wert auf ihre Freiheit, also hätte sie auch ihm seine Freiheit lassen müssen, das wusste sie.
Barbara warf einen Blick auf das Buch, das auf dem Tischchen lag, und beschloss, Sonia heute Abend nicht weiter zuzusetzen. Sie kannte es. Dem Autor war es gelungen, einen Beziehungsroman zu schreiben und dabei Erkenntnisse einfließen zu lassen, die Paaren in schwierigen Phasen durchaus weiterhelfen konnten. – Barbara schmunzelte. Sie war sich nun sicher, dass Sonia und Manolo noch nicht fertig waren miteinander.
_____________
Zwei Tage später passierte etwas, das Sonias Leben eine ganz andere Wendung geben sollte. Sie bekam eine Postkarte. Von Manolo. Nur zwei Sätze:
„Es war schön mit Dir. Danke für die gemeinsame Zeit!“
So sehr sie sich im ersten Moment gefreut hatte, so sehr war sie im zweiten Moment enttäuscht. Denn aus den Sätzen sprach kein Bedauern, kein „Es tut mir leid“, keine Liebesbezeugung, kein Überredungsversuch, es noch einmal versuchen zu wollen. Lediglich Dankbarkeit war da zu erkennen.
Über Dankbarkeit hatten sie oft gesprochen, Manolo und sie. Er meinte immer, es stünde so schlecht um die Welt, weil die Menschen nicht mehr dankbar seien. Denn nichts sei in Wirklichkeit selbstverständlich und man habe auch keinen Anspruch auf irgendetwas. Je mehr Geld ein Mensch habe, desto mehr glaube er oft, Anspruch auf etwas zu haben, sei es eine bestimmte Ware, ein besonderer Service oder einfach nur sein Recht, sich beliebig schlecht zu benehmen. Er habe es ja bezahlt oder werde es noch tun, deshalb dürfe er das.
Bei diesem Thema hatte sich Manolo regelmäßig in Rage geredet, denn sie hatte fleißig dagegengehalten. Wer es im Leben zu etwas gebracht hatte, so ihre Meinung, musste eben keinen Hunger leiden. Im Gegenteil – der konnte sich auch mal etwas wirklich Feines gönnen, wie zum Beispiel eine Flasche Champagner. Danken musste man da höchstens sich selbst, nämlich dafür, dass man es sich leisten konnte.
Meistens war er dann nach einiger Zeit sanfter geworden. Sein Credo zum Thema Dankbarkeit kannte sie, seit sie das erste Mal bei ihm übernachtet hatte, denn in seiner Studentenbude klebte ein Zettel am Badezimmerspiegel, auf dem stand: „Jemandem aufrichtig zu danken, ist eine kostenlose Methode, dem anderen ein erhebendes Gefühl zu geben. Und auch sich selbst!“
Ein erhebendes Gefühl hatte die Postkarte ganz und gar nicht ausgelöst. Sonia war sauer, dass Manolo nicht wenigstens den Versuch machte, sie zurückzuerobern! – Und doch machten die zwei Sätze etwas mit ihr. Denn offensichtlich dachte Manolo genauso an sie, wie sie an ihn. Wahrscheinlich fehlte sie ihm sogar genauso, wie er ihr.
Und so kam es, dass sie ein Weilchen danach, als ihre Enttäuschung verraucht war, zum ersten Mal in ihrem Leben ihren Stolz hinunterschluckte und beschloss, Manolo nachzureisen. Zum einen wollte sie ihm einfach nahe sein, zum anderen war sie auch neugierig auf den alten Großvater. War er wirklich so weise und gütig, wie Manolo immer sagte? Bewertete er wirklich nicht, was sein Gegenüber sagte, sondern nahm es einfach so als gegeben hin? Legte er wirklich keinen Wert auf Besitz und ein angenehmes Leben? Es wäre bestimmt spannend, einen solchen Menschen einmal persönlich kennenzulernen, auch wenn sie sich nicht vorstellen konnte, einem solchen Lebensstil nachzueifern, wie Manolo es manchmal tat, zum Beispiel mit seiner übertriebenen Dankbarkeit.
Aber wie sollte sie es anstellen, wie sollte sie die beiden finden? Das Einzige, was sie wusste, war der Name des Zielbahnhofs, bis zu dem Manolo eine Zugfahrkarte gelöst hatte. Sie hatte ihn zufällig gelesen, weil das Ticket an ihrem letzten gemeinsamen Abend kurz auf dem Küchentisch gelegen hatte.
Aber war er von dort aus noch mit dem Bus weitergefahren oder direkt in die Berge gestiegen? Hatte ihn der Großvater irgendwo abgeholt?
Wie sollte sie die beiden finden, die noch nicht einmal wussten, dass sie gesucht wurden? Würde sie überhaupt willkommen sein oder womöglich die Zweisamkeit von Enkel und Großvater empfindlich stören?
Sie wurde ganz mutlos und begann zu weinen. Schon wieder so ein Anflug von Sentimentalität, den sie nicht einzuordnen wusste.
Nach einiger Zeit rappelte sie sich auf und klingelte nebenan bei ihrer Freundin Barbara, um mit ihr darüber zu sprechen. Sie wollte wissen, ob diese es für total idiotisch hielte, dass sie nun Manolo nachreisen wollte, nachdem sie noch vor einer Woche mit ihm Schluss gemacht hatte. Zum andern wollte sie Barbara um Rat fragen, wie sie Manolo und seinen Großvater finden könne. Denn Barbara war intelligent und im ganzen Freundeskreis bekannt für ihre kreativen Ideen.
Erstaunlicherweise fand Barbara den Einfall, Manolo nachzureisen,...




