Thomas | Mutterlüge | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Thomas Mutterlüge

Psychothriller
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-641-23953-4
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Psychothriller

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-641-23953-4
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Therapeutin ist sie erfolgreich. Als Mutter eine Versagerin. Doch das weiß niemand. Bis ein Patient kommt, der beide Rollen in ihr anspricht.
Ruth Hartland ist Leiterin einer renommierten Traumatherapie-Einrichtung. Sie ist selbstbewusst und beruflich anerkannt. Aber ihr Privatleben liegt in Scherben: Vor mehr als einem Jahr ist ihr 17-jähriger Sohn Tom verschwunden, und sie quält sich mit Selbstvorwürfen: Hat sie ihren Beruf über die Familie gestellt? War sie keine gute Mutter? Als ein neuer Patient zu ihr kommt, der Tom erschreckend ähnlichsieht, weiß sie als Therapeutin genau, was zu tun ist. Aber als verzweifelte Mutter trifft sie eine ganz andere Entscheidung. Mit fatalen Konsequenzen.

Bev Thomas war viele Jahre lang als klinische Psychologin tätig. Ihr Thriller-Debüt »Mutterlüge« erhielt großes Presselob und wurde von den Leserinnen und Lesern für die besondere psychologische Tiefe bei der Figurengestaltung gefeiert. Derzeit arbeitet sie als Beraterin für psychische Gesundheit in verschiedenen Unternehmen. Sie lebt mit ihrer Familie in London. Ein weiterer psychologischer Thriller bei btb ist bereits in Vorbereitung.
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1


Auf dem Papier wirkte Dan Griffin kein bisschen außergewöhnlich. Er war ängstlich, er stand unter Druck, er war wie jeder andere Patient bei uns in der Trauma-Abteilung. »Unauffällig«, so beschrieb ich ihn der Polizei. Als die Beamten in meinen Aufzeichnungen jener ersten Therapiesitzungen nach Antworten suchten, lasen sie vom Bluterguss auf seinem Gesicht, von der Angst in seiner Stimme und den Flashbacks, die so stark waren, dass es ihm den Atem verschlug, aber nichts deutete auf Gewaltbereitschaft hin. Absolut nichts ließ erahnen, wozu er imstande war. Ich brauchte eine Weile, ehe ich verstand, dass die entscheidende Frage nicht lautete: »Warum habe ich es nicht kommen sehen?«, sondern: »Warum bin ich nicht aus der Schussbahn gegangen?«

Dans Erstgespräch findet an einem Freitagnachmittag im April statt, am Ende einer schwierigen Woche – Unmengen von Neuaufnahmen, eine E-Mail über Budgetkürzungen und dann, just an jenem Morgen, der unerwartete Anruf zum Tod eines Patienten, Alfie Burgess. Die Hospizschwester ist einfühlsam, als sie mir davon berichtet. »Friedlich«, sagt sie, »im Kreis seiner Familie.« Dann noch ein paar weitere Einzelheiten, die ich nicht höre. »Sie sagen es Ihrem Team?«, fragt sie am Ende des Gesprächs. Natürlich sollte ich als Abteilungsleiterin allen davon erzählen, und früher wäre ich Führungsaufgaben wie dieser nur allzu gern nachgekommen. Ich war gut darin, die Arme auszubreiten und den Kummer meiner Abteilung aufzufangen. Kompetent, fähig. Doch an jenem Tag, so kurz vor Toms Geburtstag, zittert mir die Hand, als ich auflege.

Es ist schlimmer geworden, dieses Gefühl. Das einstige Flattern in der Magengrube ist zu einer starken Spannung im Brustbereich geworden. Es überfällt mich bei jeder Todesmeldung, ganz gleich, wer gestorben ist; ob es sich um den Freund eines Nachbarn handelt oder ich nur in der Zeitung davon lese. Doch wenn es jemand ist, den ich gut kenne, wie Alfie, wird das Spannungsgefühl stärker, bis ich mich nur noch mit Mühe bewegen kann. Nie entsteht ein Bild oder eine Vorstellung in meinem Kopf, da ist nur dieses schleichende Grauen in Bezug auf Tom. Ich versuche, mich auf Alfie zu konzentrieren, und wie ich es dem Team sagen werde, aber mein Körper ist ganz starr, als ob er in Deckung gegangen wäre.

Toms Geburtstag ist zur Obsession geworden. Das war mir schon vorher klar. Letztes Jahr war es genauso. Neuerdings kann mir so gut wie jedes Ereignis die verstreichende Zeit vor Augen führen; die ersten bunten Blätter im Herbst, der erste zarte Raureif oder die ersten lila und gelben Kleckse der Krokusse. Alles kleine Hinweise, dass die Welt sich ohne ihn weiterdreht. Aber der Tag seiner Geburt? Sein ? Welche Mutter möchte sich nicht in den wunderbaren Kokon dieses Augenblicks zurückversetzen, egal wie alt ihr Kind ist? Da ist so eine nervöse Vorfreude, von der ich weiß, dass sie ins Leere laufen wird. Das Datum wird ohne ihn kommen und gehen, die Hoffnung wird in sich zusammenschrumpfen, wie ein leerer Luftballon, und manchmal ist es mir schon zu viel, ihn wieder in die gewohnte Form zu pumpen. Ich hatte bereits früher solche Tage, und ich weiß, sie gehen vorüber. Trotzdem bin ich in diesem Moment zu sehr davon eingenommen. Ginge es um jemand anderen, irgendein anderes Mitglied meines Teams, würde ich der Person klarmachen, dass sie bei der Arbeit nichts verloren hat. »Geh nach Hause«, würde ich sagen, »und gönn dir eine Pause.« Aus offensichtlichen Gründen ist zu Hause der letzte Ort, an dem ich sein will.

An jenem Tag bin ich wie eine übervolle Badewanne. Tropf, tropf, tropf. Die Last macht mich schwer, als würde ich beim nächsten kleinen Anliegen überschwappen, mich über den ganzen Boden ergießen. Und doch bürde ich mir immer noch mehr auf. Eine neue Patientin? Eine weitere Supervisionsgruppe? Eine Präsentation auf einer Konferenz? , höre ich mich sagen. Und ich tue es in der Hoffnung, dass es die Leere füllen wird. Ich suche nicht nach einer Rechtfertigung. Es gibt keine. Doch mein Gemütszustand an dem Tag, als ich Dan Griffin kennenlerne, lässt sich nicht leugnen.

Nach dem Anruf sitze ich noch eine Weile am Schreibtisch. Ich stelle mir vor, wie ich den anderen das mit Alfie erzähle, und ich weiß genau, wie es ablaufen wird. Ernste Gesichter. Trauer, Tränen, gedämpfte Stimmen und Umarmungen. Wir werden Tee kochen und uns an ihn erinnern, an sein munteres »Na, alles klar?«, wenn er in die Aufnahme kam. In Gedanken werden wir bei seinen Eltern sein, die ihr Schicksal still und mit Würde getragen haben; gemeinsam werden wir unserer Wut über all die Ungerechtigkeit Luft machen. Wir werden einander daran erinnern, dass er krank war, dass Porphyrie eine degenerative Erkrankung ist. Dass er alle Erwartungen übertroffen hat. »Er hat sich so gut geschlagen«, werden wir schließlich sagen, »wenn man bedenkt …«

Bei aller Kameradschaft und Anteilnahme wird man den untergründigen Wettstreit spüren: Wer kannte ihn am besten, wer hat das Anrecht auf die größte Trauer? Wir werden daran denken, wie lange er schon wegen seiner Spritzenphobie zu uns kam, mit Unterbrechungen seit über acht Jahren, vielleicht länger. Ich weiß noch, wie ich Tom einmal von ihm erzählt habe. Natürlich, ohne seinen Namen zu nennen. Tom hatte Albträume, und ich wollte ihn beruhigen, seine Ängste ins Verhältnis setzen. Mit weit aufgerissenen Augen saß er da, während ich ihm Alfies Panik schilderte, und wie wir ihm zu helfen versuchten. »Siehst du«, sagte ich und strich Tom übers Haar, »jeder hat seine Probleme.«

Wir werden uns in Erinnerung rufen, wie gut es Alfie zu gehen schien, als er zuletzt gekommen ist. Wir werden auf einer Beileidskarte unterschreiben und Geld für einen Kranz sammeln; mich schwindelt, wenn ich nur daran denke. Aufgaben, die ich über Jahre gern erledigt habe und die mir zudem leichtgefallen sind, scheinen mir heute kaum zu bewältigen.

Ich will nicht noch mehr Kummer. Noch mehr Tod. Ich fühle mich schon jetzt davon verfolgt. Ich will den Hörer auflegen und so tun, als wäre nichts passiert. Aber das geht nicht. Es würde auf mich zurückfallen. Ruth Hartland. Leiterin der Trauma-Abteilung. Ich trage die Verantwortung. So steht es auf dem Schild an meiner Tür.

Diesmal habe ich Glück. Nachdem ich es meinen Kolleginnen und Kollegen in den Nachbarbüros erzählt habe, laufe ich im Flur Paula in die Arme, und da sie ganz in ihrer neuen Stellung als Büroleiterin aufgeht, bin ich mir sicher, dass sie es dem Rest des Teams mitteilen und bis zum Mittag die Sammlung für den Kranz organisiert haben wird.

Den restlichen Morgen über gehe ich weiteren Begegnungen und Gesprächen aus dem Weg, aber am Nachmittag muss ich bei der Hauptverwaltung die Akten für die neu eingewiesenen Patienten anlegen. Ich nehme die leise Trauer ringsum wahr. Auch stoischer Widerstand ist dabei. Schau her, scheint einem die Atmosphäre zu sagen, wir sind Klinikpersonal, wir wurden dafür ausgebildet, mit schwierigen Gefühlen umzugehen – inklusive unserer eigenen. Tom hat oft darüber gewitzelt. »Mum«, sagte er immer, »du bist jetzt zu Hause, du musst nicht mehr die Therapeutin spielen.« Und doch stelle ich eine gesteigerte Empfindsamkeit fest, alle gehen sehr vorsichtig miteinander um, als wären sie besonders verletzlich. Nach zehn Minuten bekomme ich wegen all der Liebenswürdigkeit und mitfühlenden Blicke keine Luft mehr.

Diese Stimmung ändert sich bald; der Tod macht uns selbstsüchtig. Irgendwann ziehen wir uns in uns selbst zurück und denken über das eigene Leben und unsere Familien nach. Ausnahmsweise bin ich dankbar für Paula, die stets überschwänglich im Namen des Teams spricht. Sie sieht von ihren Papieren auf. »Ein solches Ereignis erinnert uns daran, wie viel wir oft als selbstverständlich hinnehmen«, sagt sie und wirft einen Blick in die Runde. »Ich will jetzt einfach nur nach Hause und meine Kinder in den Arm nehmen.« Sie schlingt die Arme um sich selbst und drückt sich fest. »Das geht uns sicher allen so.«

Ich sage nichts. Ich nehme sie nicht beiseite und erinnere sie an Eve, die keine Kinder hat, sich aber welche wünscht. Ich lächle nur und nicke. Ich rede nicht von mir selbst. Das kann ich nicht. Niemand weiß Bescheid. So ist es besser.

Dan Griffin ist an jenem Nachmittag mein letzter Patient. Mein Zimmer liegt nahe beim Wartebereich, und ich brauche nur etwa eine Minute, um einen Patienten von dort abzuholen – ein Gang, den ich in den letzten 25 Jahren Hunderte Male gemacht habe. Als Tom und Carolyn noch klein waren, haben sie mich manchmal hier besucht. Ich weiß noch, dass Tom den »Kreiselstuhl« in der Hauptverwaltung mochte, wo er ab und zu saß und aus dem Fenster über die Baumwipfel blickte. Sie wären beide überrascht, wie wenig sich hier verändert hat; der Teppich und die Möbel sind noch immer dieselben. Im Lauf der Jahre ist an den Flurwänden ein bisschen was dazugekommen: der gerahmte Beacon Award für exzellente medizinische Einrichtungen, das Anerkennungsschreiben der Stiftung für herausragende klinische Leistungen. Aber davon abgesehen, ist alles beim Alten; das Meeresbild beim Aufzug, die Reihe abstrakter Gemälde mit versprengten geometrischen Formen und das Motiv, das Tom am liebsten mochte: der durch den Regen springende zottige Hund. Genau das bieten wir unseren Patienten: ein Gefühl der Beständigkeit, etwas Gleichbleibendes und Verlässliches, das stark traumatisierte und von schrecklichen Ängsten geplagte Menschen so dringend brauchen. Heutzutage würde David bei solcherlei psychologischer Theoretisierung mit den Achseln zucken. , würde er fragen. Vielleicht wegen dem, was...


Thomas, Bev
Bev Thomas war viele Jahre lang als klinische Psychologin tätig. Ihr Thriller-Debüt »Mutterlüge« erhielt großes Presselob und wurde von den Leserinnen und Lesern für die besondere psychologische Tiefe bei der Figurengestaltung gefeiert. Derzeit arbeitet sie als Beraterin für psychische Gesundheit in verschiedenen Unternehmen. Sie lebt mit ihrer Familie in London. Ein weiterer psychologischer Thriller bei btb ist bereits in Vorbereitung.



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