E-Book, Deutsch, 344 Seiten
To Sun & Moon. Königslicht
1. Auflage, Digital Original 2018
ISBN: 978-3-646-60469-6
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 344 Seiten
ISBN: 978-3-646-60469-6
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anie To ist ein Kind der 90er und war schon immer ein Bücherwurm. Als sie noch nicht lesen konnte, wies sie ihre Mutter beim Lesen von Gutenachtgeschichten auf Fehler hin. Und als sie es dann konnte, verschlang sie ein Buch nach dem anderen, und weiß deshalb auch nicht, woran man ein altersangemessenes Buch erkennt. Seit ihrem 13. Lebensjahr versucht sie das Chaos in ihrem Kopf auf Papier zu bannen und wie sich herausstellt, gibt es immer Geschichten, die erzählt werden wollen.
Autoren/Hrsg.
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Erstes Kapitel
Gegenwart
Das Chaos war schwarz.
Ich hätte gern gewusst, warum wir diese Beerdigung bei Nacht abhielten, aber ich traute mich nicht zu fragen. Mein Vater wirkte weitaus verstörter, als man es bei dem Tod einer Cousine dritten Grades, die er seit Jahren nicht mehr und die ich noch nie gesehen hatte, annehmen würde. Noch war das Grab offen und leer. Der Sarg stand geschlossen daneben, ruhte auf vier silbernen Halterungen, die im Licht des riesenhaften Vollmondes funkelten wie Diamanten. Dick und schwer hing der Himmelskörper über der Szenerie, als würde er einen der seinen betrauern. Der Anblick war beinahe schön, zu schön für eine Beerdigung. Unpassend.
Das Chaos entpuppte sich bei näherem Hinsehen als ein Haufen Raben, die überall auf dem Boden saßen. Die schwarze Kleidung der paar Trauergäste, die gekommen waren, schien nahtlos in die glänzenden Federn der Tiere überzugehen, so viele waren es. Offenbar fand keiner die Anwesenheit der Todesvögel unheimlich oder zumindest ein bisschen seltsam, es war eher so, als hätten sich die Leute gewundert, wenn sie nicht da gewesen wären.
Wir waren ewig gefahren. Durch die Finsternis hindurch. In diesem großen, leeren Wagen, in dem ich sonst nie gemeinsam mit meinem Vater saß – generell machten wir nicht viel zusammen. Das hier war das erste Mal seit Jahren. Obwohl man doch annehmen sollte, dass er bereits viel früher darüber Bescheid gewusst haben musste, hatte er mich mitten in der Nacht aus dem Bett werfen lassen. Ohne Vorwarnung, ohne alles – aber eigentlich sollte mich das nicht wundern, er hatte mich noch nie in seinen Denkprozess miteinbezogen.
Jetzt stand ich hier an einem Grab, das sich etwas abseits der anderen unter einer Trauerweide befand, und fror. Warum erlaubte diese Stadt überhaupt eine Beerdigung um diese Uhrzeit? Der Zaun, der den Friedhof umgab, war sehr morsch und kaputt und fehlte an einigen Stellen sogar ganz. Vielleicht gehörte dieser Platz hier ja gar nicht dazu.
Diese Ruhestätte war anders als die anderen. Es gab keinen polierten Stein, kein Kreuz aus Holz, das darauf hinwies, dass bald ein Grabstein dort aufgestellt würde, nichts dergleichen. Einfach nur einen Haufen Erde neben einem tiefen Loch und dann, in ein paar Metern Entfernung, folgte der Stamm des alten Baumes. Ich hatte ein paar der Gäste darüber flüstern hören, dass die Verstorbene aus einem Waisenhaus stammte und sich daher niemand gefunden hatte, der für die Beerdigung aufkommen wollte. Deshalb habe man versucht die Kosten so gering wie möglich zu halten. Es war traurig, weil es trotz allem um ein Menschenleben ging, und ich hatte noch nie verstehen können, warum der Wert eines Lebens, sobald Geld ins Spiel kam, plötzlich messbar war.
»Esmé hat uns viel zu früh verlassen und es wird schwer sein, diesen Schmerz zu ertragen, doch wir wissen dankbar zu sein, denn der Tod ist nicht mehr als das Tor zum Licht am Ende eines mühsam gewordenen Weges. Sie ist nicht von uns, sondern vor uns gegangen.«
Die Worte kamen mir aufgesagt und irgendwie leer vor.
Eigentlich könnte es mir egal sein. Keine Ahnung, warum es das nicht war. Vielleicht weil ich müde war und fror und nicht zu Abend gegessen hatte. Ich versuchte gerade die letzten paar Kilo zu verlieren, um in das schönste Ballkleid zu passen, das ich hatte finden können. Innerlich zuckte ich zusammen. Wie unschicklich, bei einem solch traurigen Anlass an meinen Abschlussball zu denken.
Vielleicht hatte es auch gar nichts mit mir zu tun, sondern lag an meinem Vater, der noch immer neben mir stand und in ein Taschentuch weinte, obwohl er sonst kaum Gefühle zeigte. Ich hatte nicht einmal wirklich den Eindruck, ihn richtig zu kennen, weil er sich meistens in seinem Arbeitszimmer einschloss und mich mit Nanny Agatha allein ließ. Es stieß mir seltsam auf, dass eine fremde Tote solche Tränen verdiente, wenn er mich meist nicht einmal mit einem Lächeln bedachte. Ich wusste nicht, ob ich es diesem toten Mädchen vorwarf, war mir dennoch klar darüber, dass wirklich jeder Mensch mehr verdient hatte als ein paar abgelesene Worte ohne Bedeutung mitten in der Nacht.
Wenn die Welt morgen früh wieder erwachte, dann würde sie nicht einmal mitbekommen haben, dass ein siebzehnjähriges Mädchen in der Erde versunken war. Aber so war das. Die Welt drehte sich unerbittlich, ganz egal wessen Zeit langsam ablief.
»Erde zu Erde«, sagte der schwarz gekleidete Mann, den ich für den Pastor hielt.
»Und Staub zu Staub«, echote die kleine Trauergemeinde im Chor. Alle außer mir, denn ich war viel zu sehr gefangen genommen von all dem Drumherum, um richtig an dieser Beerdigung teilzunehmen. Wahrscheinlich hätte es sich auch falsch angefühlt, denn ich hatte diese Person ja nicht einmal gekannt. Es wäre irgendwie aufgesetzt, eine Trauer vorzuspielen, die ich nicht fühlte.
»Wir haben jetzt die Möglichkeit, uns von Esmé zu verabschieden. Dafür werden wir den Sarg ein letztes Mal öffnen.« Ich hob überrascht den Kopf. Die Reihenfolge dieser Beerdigung erschien mir willkürlich.
Begann es nicht mit einem offenen Sarg?
Und waren die Staub-zu-Staub-Worte nicht der Abschluss?
Es kam mir so vor, als hätte der Pastor zwischendurch einen Teil vergessen, den er jetzt unbedingt nachholen wollte, aber außer mir bemerkte das wohl niemand. Vorsichtig ließ ich den Blick über die kleine Gruppe Trauernder schweifen, alle schauten geradeaus auf den Sarg oder betrachteten ihre Fußspitzen. Alle – außer einem. Sein Blick traf mich, während der Feuerschein der vereinzelt aufgestellten Fackeln über seine Haut tanzte, und er riss nicht ab, selbst dann nicht, als er erkannte, dass ich sein Starren bemerkt hatte. Wer war das? Und warum musterte er mich so forschend, beinahe als ob … er mich kannte? Unmöglich! Ich würde mich daran erinnern, denn noch nie hatte ich so intensiv grüne Augen gesehen. Generell sah dieser Typ aus wie gephotoshopt. Nein, der war mir komplett fremd. Hatte er mit uns in der Kirche gesessen? Wenn ja, so hatte ich ihn auch dort nicht bemerkt.
Noch immer waren unsere Blicke ineinander verschränkt, dann lächelte er plötzlich und mein Magen kribbelte wie damals, als ich mich zum ersten Mal verliebt hatte.
Jetzt musste ich an Kian denken und für einen winzigen Moment fühlte ich mich schuldig. Warum fiel mir mein Freund denn ausgerechnet jetzt ein?
Auf einmal erhob sich ein Flüstern in den vordersten Reihen, das langsam zu einem verwirrten Murmeln anschwoll. Irritiert unterbrach ich unseren Augenkontakt, was vielleicht nicht so schlecht war, denn ich war noch nie gut darin gewesen, mein Pokerface lange aufrechtzuerhalten.
Keine Ahnung, was hier vor sich ging. Mein Vater packte meine Hand.
»Lucia, warst du das? Ist das mal wieder irgend so ein blöder Scherz?«
»Was denn?« Noch immer konnte ich nicht richtig erkennen, warum alle so aufgeregt waren. Die dunklen Gestalten vor mir waren alle größer als ich und versperrten mir die Sicht.
»Ich warne dich, Tochter, wenn ich herausfinde, dass du damit etwas zu tun hast!« Ohne sich zu erklären, zog er mich fort von der Trauergemeinde, von dem verwirrten Gemurmel, das sich unter den Gästen breitgemacht hatte.
»Aber –« Ich wollte gern sagen, dass die Beerdigung noch nicht zu Ende war und dass wir doch nicht mitten in der Zeremonie einfach verschwinden konnten, doch ich war noch nie fähig gewesen meinen Vater von etwas zu überzeugen.
Die Raben waren inzwischen in der Luft, als hätte die allgemeine Nervosität der Trauergemeinde sie aufgeschreckt, und kreisten über den Köpfen der schwarz gekleideten Gäste. Der Pastor bekreuzigte sich. Ich versuchte den Jungen zu finden, aber er war verschwunden.
»Jetzt, Lucia!« Die beherrschte Strenge in der Stimme meines Vaters schien eher ein Versuch zu sein, eine nie gekannte Angst zu verbergen. Verwirrt schüttelte ich den Kopf. Mein Vater war kein ängstlicher Mensch, nie gewesen. Woher kam das also plötzlich?
»Ich verstehe nicht …«, fing ich an, doch dann fiel mein Blick auf den Sarg. Er war offen und innen mit schwarzem Samt bezogen – der Samt war leer.
***
Die ganze Autofahrt nach Hause schwiegen wir, während der Wagen über eine unebene Straße nach der anderen ruckelte. Ich versuchte wach zu bleiben, weil ich noch immer so viele Fragen hatte, aber es gelang mir nicht. Als wir auf die Autobahn fuhren, die irgendwann zu einer Brücke werden und zu der Insel führen würde, auf der wir lebten, sank ich in einen tiefen Schlaf. Normalerweise hätten wir sicher die Fähre genommen, denn die echten Inselbewohner unterschieden sich von den wenigen Zugezogenen vor allem dadurch, dass ihr Stolz sie daran hinderte, die neue Straßenverbindung zum Festland zu benutzen. Allerdings würde um diese Zeit ohnehin keine Fähre mehr fahren.
Als ich aus meinem Schlaf erwachte, passierten wir gerade unsere Hofeinfahrt. Ich öffnete die Tür, obwohl ich wusste, dass ich darauf warten sollte, bis man sie für mich öffnete. Jetzt war mir das egal – ich wollte nur noch in mein Bett fallen, deshalb riskierte ich einen strengen Blick meines Vaters, der jedoch ausblieb. Er war bereits beinahe an der Haustür und ich musste mich beeilen, um mit ihm Schritt zu halten.
»Ich verspreche dir hoch und heilig, dass ich nichts damit zu tun habe!«, versicherte ich etwas angefressen darüber, dass er mir mal wieder die Schuld für eine unmögliche Sache gab, nur weil ich nicht die Tochter war, die er immer hatte haben wollen. »Wie hätte ich das machen sollen, hm?«
Vater schüttelte den Kopf. »Ich will nichts hören, Lucia!« Er drückte auf die Klingel, weil der Fahrer noch nicht...




