Togawa | Trübe Wasser in Tokio | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Togawa Trübe Wasser in Tokio

Kriminalroman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30529-8
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-293-30529-8
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der junge Psychiater Dr. Uemura hat zwei Probleme. Das eine ist sein Patient, der Student Akio Tanno, der behauptet, eine Frau umgebracht zu haben. Das andere ist die attraktive Frau Owada, das vermeintliche Opfer. Sie ist quicklebendig und behauptet, Akio Tanno überhaupt nicht zu kennen. Dr. Uemura will der Sache auf den Grund gehen. Doch anstatt dass sich das Rätsel löst, verliert er sich in einem Labyrinth aus Geheimnissen, Obsessionen und Erpressung.

Masako Togawa (1933-2016) arbeitete als Nachtclubsängerin in Tokyo, bevor sie zu schreiben begann und mit vierundzwanzig in einem Krimiwettbewerb den ersten Preis gewann. Ihre meisterlichen psychologischen Kriminalromane sind Bestseller und wurden vielfach preisgekrönt. Masako Togawa besaß einen Nachtclub in Tokio und war eine bekannte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens in Japan, berühmt für ihre Krimis, Essays und sozialkritischen Beiträge.
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2


Zwischenspiel: Schwarz-weiß

1

Der Flughafen war gähnend leer. Nur ein junges Paar stand andächtig vor einem fabrikneuen Auto auf einem mit Plastikrosen geschmückten Podest, und ein Mann mittleren Alters saß zusammengesunken vor einem Fernseher, aus dem die Abendnachrichten dröhnten. Die letzten Maschinen aus Europa über die Südroute via Hongkong oder über die Polarroute via Anchorage waren fast alle schon gelandet.

Die Ankunftslounge war verwaist. Die Fluggäste hatten die Zollabfertigung passiert und waren mit Freunden und Verwandten, die sie abgeholt hatten, auf und davon. Man traf nur noch Angestellte der Fluggesellschaften und Leute wie mich, die auf die Passagiere der allerletzten Maschine warteten und die Zeit totschlugen.

Ich ging die Treppe zur Ebene über dem An- und Abflugbereich hinauf und betrat eine der zahlreichen Bars. Die Sperrstunde nahte, und in den meisten Bars, in denen sich die Menschen sonst drängten, hatte man schon die Stühle auf die Tische gekippt, wie in der Schule nach Unterrichtsschluss. Ich setzte mich an den geschwungenen Tresen und bestellte leise seufzend ein Mineralwasser. Ein Bier wäre mir lieber gewesen, aber ich fürchtete, dass Alkohol meine Konzentration beeinflussen könnte. Diese Geschichte forderte mir mehr Geistesgegenwart ab als ein Patientengespräch.

Hinter dem Tresen stand ein Mädchen in einer langen blauen Schürze mit rot abgesetzten Kanten; lächelnd stellte sie das Glas vor mich hin. Ihr Blick schien Interesse für mich anzudeuten. Aber vielleicht war sie auch aus einem anderen Grund so vergnügt. Am entgegengesetzten Ende des Tresens arbeitete ein zweites, ziemlich mageres Mädchen. Sie trug die gleiche Schürze wie die Kollegin und hatte dunkle Ringe unter den Augen, die kein Make-up der Welt verdecken konnte. Unbeholfen servierte sie einem dicken Ausländer eine Schale Suppe. Sie war sichtbar übermüdet und frustriert. Ich konzentrierte meine Gedanken auf die Aufgabe, die vor mir lag.

Siehst du, wie einfach es ist? Mit jeder Regung gibt der Mensch etwas von sich preis. Am besten zerbreche ich mir über die Begegnung mit ihm überhaupt nicht den Kopf. Ich entdecke garantiert etwas Brauchbares.

Ich versuchte, mich zu beruhigen, aber meine Zweifel blieben. Man durchschaut nur Leute, die sich unbeobachtet wähnen. Wer mit Beobachtung rechnet oder einen von Anfang an austricksen will, kann einen leicht zum Narren halten, oder man zieht gar die falschen Schlüsse. Mein Gewissen wollte keine Ruhe geben.

In diesem Augenblick ertönte eine melodische Ansage. »Flug HBY 806 aus Hongkong, Ankunft 22.30 Uhr, die Maschine wird in Kürze an Flugsteig 13 landen.« Ich schaute auf meine Uhr – es war kurz vor elf. Wir waren um Viertel vor elf verabredet.

Aus der Ferne hörte ich das Getöse eines nahenden Jets. Am Ende der Rollbahn erschien eine DC-8 mit roten Landelichtern. Der Chefpilot dieser Maschine war Hisako Owadas Ehemann. In diesen Minuten würde er allerdings kaum an seine Eheprobleme denken und auch nicht an seine Verabredung mit mir, dem Psychiater; der Landeanflug ist schließlich die schwierigste Phase eines jeden Fluges.

Ich zündete mir gerade meine zweite Zigarette an, als Flugkapitän Owada in seiner schmucken Pilotenuniform die Bar betrat. Er trug eine schwarze Aktentasche, eine junge Stewardess begleitete ihn; ich schätzte sie auf etwa fünfundzwanzig. Während sie auf mich zukamen, schaute sie Owada an und sagte rasch etwas zu ihm. Dabei leuchteten ihre Augen – einen Moment lang glaubte ich einen Ausdruck von Leidenschaft zu erkennen. Owada reagierte nicht, sondern blickte so angespannt in Richtung Bar, als hielte er Ausschau nach den Positionslichtern auf der Landebahn. Ich winkte ihm leicht zu. Angesichts dessen, was wir zu besprechen hatten, wollte ich auf Formalitäten möglichst verzichten.

»Wir hatten in Hongkong Probleme mit der Wartung. Tut mir Leid, dass ich mich verspätet habe.«

Er setzte sich neben mich und bestellte einen Whisky Soda. Seine Stimme klang ruhig und abgeklärt; Owada schien zu jenen Menschen zu gehören, die sich genau überlegen, was sie sagen.

Die Stewardess nickte mir zu und ließ sich in einiger Entfernung am Fenster nieder. Ich betrachtete sie genauer. Ein hübsches Mädchen mit dunklem Teint, fast wie eine Indonesierin. Etwas rundlich; aber mit ihren wohlgeformten Beinen hatte sie wahrscheinlich keine Probleme, Männer für sich zu interessieren.

»Wie ist das Wetter in Rom?« Ich begann bewusst mit einer unverfänglichen Frage. Das Wetter war zwar kein ideales Thema, aber besser als nichts.

»In dieser Jahreszeit regnet es dort ziemlich viel«, sagte er nach einer Pause. Ich beobachtete, wie er das Glas zum Mund führte. Seine Lippen waren schmal und angespannt, ein Hinweis auf starke Willenskraft. Dieser Mann war fähig, seine Begierden und Sehnsüchte unter Kontrolle zu halten.

»Haben Sie schon mit meiner Frau gesprochen?«, fragte er besorgt, als sei er irritiert, dass ich es nicht gleich erwähnt hatte. Er schien seine Worte genau zu wählen, wohl in dem Bewusstsein, dass er es mit einem Arzt zu tun hatte.

»Ja. Ich habe sie, wie vereinbart, heute Nachmittag in Ihrer Wohnung aufgesucht.«

»Ich verstehe.« Er betrachtete die goldbraune Flüssigkeit in seinem Glas. Woran mochte er denken?

»Ihre Frau hat den Angaben meines Patienten im letzten Teil nicht zustimmen können.«

»Und was hat das Ihrer Meinung nach zu bedeuten?« Er wandte sich zu mir und schaute mich an.

»Sie sagte, der Student sei ein zweites Mal aufgetaucht, und zwar wegen des Wasserhahns, aber ein drittes Mal habe es nicht gegeben. Sie bestritt energisch, dass der Student einen Karton mitgebracht habe, in den eine Schrotflinte gepasst hätte; sie verneinte auch jegliche Gewaltanwendung.«

Owada sagte nichts und wandte sich wieder seinem Glas zu.

2

Was halten Sie von der Aussage meiner Frau, Doktor Uemura? Glauben Sie ihr?«, fragte er mich nach einer langen Pause mit leiser Stimme. Er wusste ganz augenscheinlich nicht, was er davon halten sollte. Ich zögerte. Was war besser – nicht an schmerzhafte Gefühle zu rühren oder die Wahrheit ans Licht zu zerren, auch wenn dabei alte Wunden aufrissen?

Meinen Besuch bei Frau Owada hatte in der Tat ihr Ehemann veranlasst. Eine Grundregel der Medizin besagt, dass ein Arzt bei der Behandlung eines Patienten auf die Gefühle aller Beteiligten Rücksicht nehmen sollte. Unter normalen Umständen ist es auch für einen Arzt kaum denkbar, eine verheiratete Frau in ihrer Wohnung aufzusuchen und sie zu fragen, ob sie vergewaltigt wurde. Anders sieht es aus, wenn er vom Ehemann ausdrücklich darum gebeten wird. Dann kann solch ein Besuch Teil der Behandlung sein.

Akio Tanno hatte Captain Owada eine Abschrift seines Geständnisses geschickt. Er hatte wohl gedacht, wenn ihn die Polizei nicht zur Rechenschaft zog, sollte er wenigstens den Ehemann seines Opfers informieren, den einzigen Menschen, der das moralische Recht hatte, ihn, Tanno, zu bestrafen.

»Ich habe Ihre Frau mit einer langen Waffe getötet, die im Geschenkkarton eines Kaufhauses versteckt war.« Das war der Kern der Erklärung. Mir fiel ein, dass der Pilot mir Tannos Brief bisher nicht gezeigt hatte. Statt seine Frage zu beantworten, stellte ich eine Gegenfrage:

»Kann ich den Brief meines Patienten einmal sehen?«

Er öffnete die schwarze Aktenmappe auf seinen Knien und fischte aus einem Sammelsurium von Flugplänen, Notizbüchern und englischsprachigen Paperbacks einen ziemlich zerknitterten Brief heraus. War dessen Aussehen ein Zeichen für Akio Tannos Aggression oder eher für die seelischen Nöte Owadas, der sich vielleicht nicht entscheiden konnte, ob er das Blatt zerreißen oder seiner Frau vor die Nase halten sollte? Am Ende hatte er vielleicht eingesehen, dass es am einfachsten wäre, das Dokument der psychiatrischen Abteilung vorzulegen, die in dem Brief erwähnt wurde.

»Ich hatte den Brief in Rom vergessen; er lag mir also nicht vor, als wir telefonierten.« Seine Augen verrieten keine Emotion.

»Sie haben in Rom eine Möglichkeit, persönliche Papiere zu verwahren?«

»Ja. Ich habe bei einem Freund ein Zimmer gemietet. Die Crew wohnt normalerweise im Hotel der Airline.«

»Weiß Ihre Frau davon?«

»Nein, obwohl ich den Verdacht habe, dass sie es … dass sie es erraten hat.« – ›… dass sie es herausgefunden hat‹, wollte er anscheinend sagen, aber das klang wohl zu eindeutig. Captain Owada und ich waren übereingekommen, dass er von Anfang an offen und aufrichtig über sein Verhältnis zu seiner Frau sprechen würde.

Ehrlich, offen, ohne etwas zu verschweigen. So will es der Psychiater von seinem Patienten. Natürlich wehrt sich anfangs jeder, am Ende aber tauen sie alle auf. Versuchen zumindest, mithilfe des Analytikers, die verschlossenen Türen in den tieferen Schichten ihres Bewusstseins zu öffnen. Bei seelisch gesunden Menschen ist das anders, ein quasi eingebauter Verteidigungsmechanismus lässt sie ihre Geheimnisse um jeden Preis bewahren. Sollte das bei Owada der Fall sein, könnte ich unfreiwillig auf eine falsche Fährte geschickt werden.

Ich schaute ihm in die Augen. Er benahm sich wie ein verschmitzter Patient. Aber ich ließ mich nicht ablenken. Der Brief,...


Thienhaus, Bettina
Bettina Thienhaus lebt als Übersetzerin und Kritikerin mit Schwerpunkt Kriminalliteratur in Frankfurt am Main.

Togawa, Masako
Masako Togawa (1933-2016) arbeitete als Nachtclubsängerin in Tokyo, bevor sie zu schreiben begann und mit vierundzwanzig in einem Krimiwettbewerb den ersten Preis gewann. Ihre meisterlichen psychologischen Kriminalromane sind Bestseller und wurden vielfach preisgekrönt. Masako Togawa besaß einen Nachtclub in Tokio und war eine bekannte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens in Japan, berühmt für ihre Krimis, Essays und sozialkritischen Beiträge.



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