E-Book, Deutsch, 90 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
Tschechow Drei Schwestern
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-401791-4
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Drama in 4 Akten
E-Book, Deutsch, 90 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-401791-4
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der russische Schriftsteller Anton Tschechow (1860-1904) wurde mit seinen Stücken, darunter ?Die Möwe?, ?Drei Schwestern?, ?Der Kirschgarten?, zu einem der berühmtesten und bis heute meistgespielten Autoren der Theatergeschichte.
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Erster Akt
Im Hause Prosorows. Ein Salon mit Säulen, hinter denen ein großer Saal zu sehen ist. Mittags. Draußen ist es sonnig und heiter. Im Saal wird der Tisch zum Frühstück gedeckt. Olga, in der blauen Uniform der Lehrerin eines Mädchengymnasiums, korrigiert die ganze Zeit über Schulhefte, im Stehen und im Gehen. Mascha, in einem schwarzen Kleid, einen Hut auf den Knien, sitzt und liest ein Buch. Irina, im weißen Kleid, steht in Gedanken versunken da.
OLGA
Vater starb genau vor einem Jahr, genau an diesem Tag, am fünften Mai, deinem Namenstag, Irina. Es war sehr kalt, es hat geschneit damals. Ich dachte, ich überlebe es nicht. Du lagst ohnmächtig da wie eine Tote. Aber nun ist ein Jahr vergangen, und die Erinnerung daran tut uns nicht mehr weh. Du trägst schon wieder ein weißes Kleid, und dein Gesicht strahlt …
Die Uhr schlägt zwölf.
Genauso hat damals die Uhr geschlagen.
Pause
Ich erinnere mich, als man Vater hinaustrug, spielte die Musik, auf dem Friedhof wurde Salut geschossen. Er war General, hatte eine Brigade kommandiert, trotzdem waren nur wenig Menschen gekommen. Übrigens regnete es damals, es regnete heftig und schneite.
IRINA
Wozu diese Erinnerungen.
Hinter den Säulen im Saal, in der Nähe des Tisches, erscheinen Baron Tusenbach, Tschebutykin und Soljony.
OLGA
Heute ist es warm. Man kann die Fenster offenlassen, aber die Birken haben noch nicht ausgeschlagen. Vater bekam die Brigade und zog mit uns von Moskau fort, vor elf Jahren, und, ich erinnere mich genau, Anfang Mai, um diese Jahreszeit, steht in Moskau schon alles in Blüte, es ist warm, alles ist von Sonne überflutet. Elf Jahre sind vergangen, aber ich erinnere mich an alles dort, als seien wir gestern erst fortgezogen. Mein Gott! Heute früh bin ich aufgewacht, habe das viele Licht gesehen, den Frühling gesehen, und mein Herz füllte sich mit Freude, und ich bekam schreckliche Sehnsucht nach Zuhause.
TSCHEBUTYKIN
Sonst noch was!
TUSENBACH
Reiner Unsinn!
Mascha, in Gedanken verloren über einem Buch, pfeift ein Lied vor sich hin.
OLGA
Pfeif nicht, Mascha! Wie kannst du nur!
Pause
Seitdem ich jeden Tag im Gymnasium bin und dann noch Stunden gebe bis zum Abend, habe ich ständig Kopfweh, und Gedanken habe ich, als sei ich eine alte Frau. Und wirklich, seit diesen vier Jahren, seit ich am Gymnasium bin, spüre ich, wie mich jeden Tag, Tropfen für Tropfen, meine Kraft und meine Jugend verlassen. Und größer und stärker wird nur der eine Traum …
IRINA
Nach Moskau zurück! Das Haus verkaufen, alles aufgeben hier und nach Moskau …
OLGA
Ja! Sobald wie möglich nach Moskau!
Tschebutykin und Tusenbach lachen.
IRINA
Unser Bruder wird bestimmt Professor, er wird sowieso nicht hierbleiben. Das einzige Hindernis ist unsere arme Mascha hier …
OLGA
Mascha wird für den ganzen Sommer nach Moskau kommen, jedes Jahr.
Mascha pfeift leise ein Lied.
IRINA
Gott gebe, daß alles so kommt. Schaut aus dem Fenster Schön ist das Wetter heute. Ich weiß nicht, warum ich so glücklich bin. Heute früh fiel mir ein, daß ich Namenstag habe, und plötzlich fühlte ich mich so froh, und meine Kindheit fiel mir ein, als Mama noch lebte. Und was für wundervolle Gedanken gingen mir durch den Kopf, was für Gedanken …
OLGA
Du strahlst heute so. Du siehst ungewöhnlich schön aus. Und Mascha ist auch schön. Andrej könnte gut aussehen, nur, er hat so zugenommen, das steht ihm nicht. Und ich bin alt geworden, ich bin so dünn geworden, wahrscheinlich, weil ich mich im Gymnasium ständig über die Mädchen ärgere. Heute habe ich frei, bin zu Hause, und mein Kopf tut mir nicht weh, und ich fühle mich jünger als gestern. Ich bin achtundzwanzig Jahre, nur … Es ist alles gut, es kommt alles von Gott, aber, ich glaube, wenn ich verheiratet wäre und den ganzen Tag zu Hause bleiben könnte, das wäre besser.
Pause
Ich würde meinen Mann lieben.
TUSENBACH zu Soljony
Sie reden so einen Unsinn, ich kann das nicht mehr mit anhören. Kommt in den Salon Ich habe vergessen zu sagen, unser neuer Regimentskommandeur Werschinin wird heute seinen Antrittsbesuch bei Ihnen machen.
Setzt sich ans Klavier
OLGA
Gut. Freut mich.
IRINA
Ist er alt?
TUSENBACH
Nein, nicht alt. Höchstens vierzig, fünfundvierzig. Fängt an, leise zu spielen Allem Anschein nach ein netter Mensch. Nicht dumm – das steht fest. Nur redet er viel.
IRINA
Ist er interessant?
TUSENBACH
Ja, doch, nur, er hat eine Frau, eine Schwiegermutter und zwei kleine Mädchen. Außerdem ist er zum zweitenmal verheiratet. Wenn er Besuche macht, erzählt er überall, daß er eine Frau und zwei kleine Mädchen hat. Hier wird er es auch erzählen. Seine Frau spinnt ein bißchen, sie trägt einen langen Kleinmädchenzopf, redet nur hochtrabendes Zeug, philosophiert und unternimmt häufig Selbstmordversuche, offensichtlich, um ihrem Mann das Leben sauer zu machen. Ich wäre längst weg von so einer, aber er hält es aus, er beklagt sich nur.
SOLJONY kommt aus dem Saal in den Salon mit Tschebutykin
Mit einer Hand stemme ich nur eineinhalb Pud, aber mit zwei Händen stemme ich fünf oder neun. Daraus schließe ich, daß zwei Menschen nicht zweimal, sondern dreimal so stark sind wie einer, oder noch stärker.
TSCHEBUTYKIN liest im Gehen die Zeitung
Bei Haarausfall … achteinhalb Gramm Naphthalin in einer halben Flasche Spiritus … auflösen und täglich anwenden. Schreibt es in ein Büchlein Das notieren wir uns. Zu Soljony Also, ich sage Ihnen, den Korken in die Flasche stecken und durch den Korken ein Glasröhrchen … dann nehmen Sie eine kleine Prise einfachen, gewöhnlichen Alaun
IRINA
Iwan Romanytsch, lieber Iwan Romanytsch!
TSCHEBUTYKIN
Was ist, mein kleines Mädchen, meine Freude?
IRINA
Sagen Sie mir, warum bin ich heute so glücklich? Als segele ich, über mir der weite, blaue Himmel, große weiße Vögel ziehen dahin. Warum? Warum?
TSCHEBUTYKIN küßt ihr beide Hände, zärtlich
Mein weißes Vögelchen …
IRINA
Als ich heute aufwachte und aufstand und mich wusch, hatte ich plötzlich das Gefühl, für mich ist alles klar auf dieser Welt, und ich weiß, wie man leben muß. Lieber Iwan Romanytsch, ich weiß alles. Der Mensch muß etwas arbeiten, er muß arbeiten im Schweiße seines Angesichts, darin allein, egal, was er tut, liegen der Sinn und das Ziel seines Lebens, sein Glück und seine Freuden. Wie schön, ein Arbeiter zu sein, der mit dem Morgengrauen aufsteht und auf der Straße Steine klopft, oder ein Hirte oder ein Lehrer, der die Kinder unterrichtet, oder ein Lokomotivführer bei der Eisenbahn … Es reicht nicht, ein Mensch zu sein, lieber ein Ochse, ein Ackergaul sein – nur arbeiten! – als eine junge Frau, die um zwölf Uhr mittags aufsteht, im Bett Kaffee trinkt, sich zwei Stunden lang anzieht … oh, ist das furchtbar! Bei heißem Wetter hat man manchmal das starke Verlangen zu trinken, und genauso habe ich jetzt das starke Verlangen zu arbeiten. Und wenn ich in Zukunft nicht früh aufstehe und arbeite, dann kündigen Sie mir die Freundschaft, Iwan Romanytsch!
TSCHEBUTYKIN zärtlich
Das werde ich, das werde ich.
OLGA
Unser Vater hat uns dazu erzogen, um sieben aufzustehen. Jetzt wacht Irina um sieben auf und liegt bis mindestens um neun im Bett und denkt nach. Mit ernstem Gesicht! Lacht
IRINA
Du siehst mich immer noch als kleines Mädchen, du findest es seltsam, wenn ich ein ernstes Gesicht mache. Ich bin zwanzig Jahre alt!
TUSENBACH
Sehnsucht nach Arbeit, mein Gott, wie gut ich das verstehe! Ich habe noch nie in meinem Leben gearbeitet. Ich bin im kalten, müßigen Petersburg geboren, in einer Familie, die nie Arbeit und Sorgen gekannt hat. Ich weiß noch, wenn ich als Kadett nach Hause kam, zog mir der Lakai die Stiefel aus, ich war kapriziös damals, meine Mutter sah mich voller Bewunderung an und war erstaunt, wenn andere mich nicht so sahen … Sie haben sich bemüht, mich vor jeder Arbeit zu bewahren. Aber es ist ihnen nicht ganz gelungen, nicht ganz. Die Zeit ist da, etwas Ungeheures kommt auf uns zu, ein heftiger Sturm bereitet sich vor, zieht auf, er ist schon nah, und bald wird er die Trägheit, die Gleichgültigkeit unserer Gesellschaft, ihr Vorurteil gegen Arbeit, ihre verkommene Langeweile wegfegen. Ich werde arbeiten, und schon in fünfundzwanzig, dreißig Jahren wird jeder Mensch arbeiten! Jeder!
TSCHEBUTYKIN
Ich nicht.
TUSENBACH
Sie zählen nicht.
SOLJONY
In fünfundzwanzig Jahren sind Sie nicht mehr auf der Welt, Gott sei Dank. In zwei, drei Jahren sterben Sie an einem Schlaganfall, oder mich packt die Wut, und ich schieße Ihnen eine Kugel durch den Kopf, mein Engel. Nimmt ein Parfümflakon aus der Tasche und bespritzt sich Hände und Brust
TSCHEBUTYKIN lacht
Im Ernst, ich habe noch nie irgend etwas getan. Seitdem ich die Universität verlassen habe,...




