E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Uhlmann Zara
4. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7494-9137-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
So habe ich es mir nicht vorgestellt
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-7494-9137-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als Dozent in der sozialpädagogischen Ausbildung habe ich viele Jahre die Fächer Deutsch, Soziologie und Kinder- und Jugendliteratur unterrichtet. Ich habe als Coach für Kommunikation gearbeitet, Theater gespielt und Kabarett gemacht. Nun gibt es zwei Romane von mir: Zara - Ich weigere mich zu weinen sowie Zara - So habe ich es mir nicht vorgestellt. Der dritte Band ist fast fertig; Zara - Soll ich bleiben oder gehen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Montagvormittag
»Hallo und guten Tag. Mein Name ist Grundmann, Richard Grundmann. Und – nomen est omen – wir werden im Philosophieunterricht den Dingen auf den Grund gehen. Rerum cognoscere causas, wie Vergil sagte. Vom Schein zum Sein und weiter zum Sinn. Wir werden so tief gehen, dass Ihnen, erkenntnistheoretisch, die Luft knapp wird.«
Sein Blick durchwanderte lächelnd die Klasse. Richard Grundmann prüfte die Wirkung seiner Worte. Er sah die erwarteten verdutzten Gesichter.
»Bis ich Ihre Namen kenne, improvisieren wir ein wenig. Sie nennen Ihren Namen vor der Antwort. Und bevor wir mit dem Tauchen beginnen, möchte ich erfahren, inwieweit Sie in der Philosophie schwimmen.«
So stellte er sich vor, der neue Lehrer. Seine Haltung unterstrich die straffe Ansprache; aufrecht gegen den Tisch gelehnt, stand er vor der 12c. Er trug eine dunkelblaue, schmal geschnittene Hose, ein violettes Polohemd von Boss und die halblangen gelockten Haare zurückgekämmt.
»Ach ja, die Griechen. Nicht nur antike Ethik, auch gut für Schlagzeilen in Politik und Wirtschaft heute. Sokrates von bis? Ja.«
»Andreas Loose. 470 bis 399 vor Christus.«
»Danke Andreas. Vorname reicht. Wie die alten Griechen. Und sonst so?«
»Sokrates war ein Rebell. Er stellte Werte und Überzeugungen infrage. Traditionelle Göttermythen zum Beispiel. Er hörte eine innere Stimme, seinen Daimonion.«
»Gut, noch jemand etwas zu Sokrates?«
»Marcel. Es ging ihm um Wahrheit, um richtiges Handeln, oder? Er musste alles hinterfragen. Das Leben des Einzelnen und das Gesellschaftssystem. Deshalb ist er angeklagt und verurteilt worden.«
»Ja bitte.«
»Carsten. Er sagt, Tugend sei Wissen um das Gute. Seine Philosophie war praktisch ausgerichtet. Aus richtiger Erkenntnis sollte richtiges Handeln folgen. Alles sollte rational überprüft werden.«
»Danke, Carsten. Platon von bis? Ja.«
»Markus. 427 bis 347 vor Christus.«
»Richtig, Markus. Zwei, drei Sätze zu Platon.«
»Er war Schüler von Sokrates. Hat die vier Kardinaltugenden erfunden: Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit.«
»Gerechtigkeit, dass ich nicht lache. Die gab es damals so wenig wie heute. Mir gefallen die Sophisten am besten: Was ist in einer bestimmten Situation richtig. Ihre Tugend war, persönlich immer das Beste rauszuholen.«
»Ich war noch nicht fertig Faris. Nach Platon ergibt sich Gerechtigkeit aus der Ordnung der drei Seelenteile.«
»Und wie sieht es mit Epikur aus? Hm.«
»Rena. Epikur wurde 341 auf Samos geboren und starb 270 vor Christus in Athen.«
»Sein zentrales ethisches Thema, Rena?«
»Freude als erstrebenswertestes Ziel des Lebens.«
»Freude?«
»Zara. Ich glaube, Epikur hat eher die Lust gemeint.«
»Wer hat Lust, sich dazu genauer zu äußern?«
»Jens. Epikur unterscheidet die Lust in der Bewegung und die Lust der Ruhe. Die Lust in der Ruhe ist wichtiger.«
»Rappen ist Lust in der Bewegung«, ergänzte Faris. Das sei wichtiger.
»Und wer lebte und lehrte von 384 bis 322 vor Christus?«
»Robert. Aristoteles.«
»Was könnt ihr zu Aristoteles sagen?«
»Er war Schüler Platons und behauptet, das Ziel des menschlichen Tuns sei das Gute. Lebt und verhält man sich gut, ist man glücklich.«
»Mir gefällt sein Konzept der Mitte«, sagte Zara. »Nicht Mitte so allgemein idealistisch, sondern Mitte in Bezug auf den konkreten Menschen. Jeder hat eine andere Mitte. In seiner Nikomachischen Ethik sagt er sinngemäß: Die Mitte in Bezug auf uns wird durch Vernunft bestimmt. Das ist Klugheit – Phronesis. Der Dalai Lama spricht auch häufig über den Sinn der Mitte.«
»Okay. Soweit fürs Erste. Danke Zara. Ihr habt mit euren Zehenspitzen klassisches Wasser berührt. Aber das ist nur Faktenwissen und hat mit Philosophie wenig zu tun. Philosophie – der Begriff lässt sich in keine Definition einsperren. Um Philosophie zu verstehen, muss man philosophieren. Philosophie soll zum kritischen Prüfen anregen. Philosophie ist eine Denkwissenschaft. Welcher Name ist mit philosophischen Methoden verbunden?«
»Cindy. Sokrates. Er entwickelte eine Gesprächsform, die nach ihm benannt ist: das sokratische Gespräch.«
»Gespräch, Cindy?«
»Methode. Sokratische Methode oder sokratischer Dialog.«
»Gut, Cindy. Über das Gespräch sprechen wir später genauer.«
»Hat nicht Karl Jaspers gesagt, philosophieren beginne in Grenzsituationen? Der Mensch möchte wissen, wo er hingeht?«
»Und wer er ist. Gut, Carsten.«
»Das war aber ein sehr weiter Sprung, oder«, sagte Marcel.
»Frineur«, kommentierte Faris. »Angeber. Wer bin ich? Was will ich? Darüber haben doch schon die alten Araber nachgedacht. Immer nur Europa! Was ist mit al Ghazali zum Beispiel? Oder Khalil Gibran? Was ist mit Mohammed Ibn Ruschid?«
»Genau. Was ist mit den Chinesen: Laotse, Konfuzius, Buddha?«
»Buddha war Inder. Was ist mit den Indern? Upanischaden, Bhagavadgita, Buddhismus? Immer nur dieser eurozentristische Blick auf die Welt.«
»Ist doch egal.«
»Eben nicht. Wer bin ich denn, wenn ich nur europäische Philosophie höre. Ich will Weltdenken.«
»Ist doch nur Schulwissen.« Jens klinkte sich aus dem Unterrichtsgespräch aus und wandte sich an Faris neben ihm. »Interessanter ist doch, dass Lia da ist. Nach dem Abgang vor den Ferien. Hast du gehört? Sie war weggeschlossen.«
»Boah. Richtig weg? Mit Zwangsjacke und so?« Faris staunte. »Deshalb ist sie heute so ruhig.«
»Nur Papa durfte sie besuchen.«
»Und Zara nicht?«
»Ihre angeblich dickste Freundin.«
»Zara ist doch nicht dick, Mann.«
»Sagt man so, beste Freundin halt.«
»Die gehen durch dick und dünn, oder«, mischte sich Marcel ein und lachte über sein Wortspiel.
»Nein, Zara kam da nicht rein.«
»Woher weißte das?«
»Ist doch egal. Ist aber die Wahrheit. Ha.«
»Indische und chinesische Philosophie behandeln wir später. Noch mal kurz zu Sokrates. Platon überlieferte in seinen Sokratikoi logoi, dass Sokrates argumentative Zwiegespräche mit den Bürgern Athens auf der Agora geführt haben soll. Von ihm selbst gibt es nichts Schriftliches. Es ist daher nicht eindeutig zu klären, was dem literarisch platonischem Sokrates zuzuordnen ist und was dem historischen. Ähnlich ist das mit der Mäeutik: Sokrates indirekt durch Platon oder Sokrates historisch; seine Mutter war eine Hebamme. Aber das ist ein Streit unter Wissenschaftlern. Für uns ist die Vorgehensweise an sich wichtig und weniger die exakte Begrifflichkeit. Es geht nicht darum, über Philosophen zu unterrichten, sondern Sie als Schüler, als Menschen zu Philosophen zu machen. Es geht um selbstständiges Philosophieren und um eigenständiges Denken.«
»Das soll kurz gewesen sein?«, wandte sich Robert an Marcel.
»Ist eben alles relativ, oder.«
»Aber die Schule ist doch, in Anlehnung an Habermas, kein herrschaftsfreier Raum. Wenn ich Kritik am Unterricht übe im Sinne selbstständigen Denkens, riskiere ich eine schlechte Note«, warf Carsten ein.
»No risk, no fun«, lachte Faris.
»Auch Sokrates lebte nicht in einem herrschaftsfreien Raum. Im Gegenteil. Wie Sie alle wissen, wurde er 399 vor Christus zum Tode verurteilt, weil er mit seiner Orientierung an der Vernunft angeblich neue Götter propagierte und damit die Jugend verdarb.«
»Gut, dass es in Deutschland nicht mehr die Todesstrafe gibt, sonst dürfte ich nicht mehr rappen.«
»Du meinst, weil du neue Götter propagierst?«
»Allahu akbar. Gott ist am größten.«
»Es geht um eine Methode der Erkenntnissuche. Was man dann mit den Erkenntnissen beginnt, etwa in einer Schule oder in einer Gesellschaft, ist eine andere Frage. Die Suche nach Wahrheit war und ist immer mit Risiken verbunden, aber deshalb sollte sie nicht nicht unternommen werden. Im Übrigen sind es nicht nur die Philosophen, die sich damit beschäftigen. In Mythen, Märchen, in den Religionen geht es fast immer um die Suche nach Wahrheit.«
»Und in den Wissenschaften«, rief Cindy.
»Und in der Musik«, ergänzte Zara.
»Genau, die Wahrheit im Rap«, insistierte Faris.
»Und in der Kunst.«
»Richtig. Und damit sind wir mitten im Erkenntnisdilemma: Was ist Wahrheit?«
»Die Zensuren bestimmt nicht. Die sind reine Willkür!«
»Wir werden uns damit angemessen auseinandersetzen.«
»Mit Zensuren oder mit Willkür?«
Richard Grundmann lachte. Das war seine bisher lebendigste Philosophiestunde. Auf die Arbeit mit dieser Klasse freute er sich. Er sah auf die Uhr; gleich würde es...




