E-Book, Deutsch, 325 Seiten
Ungar Die Klasse
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1587-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 325 Seiten
ISBN: 978-3-8496-1587-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ungars Roman über einen Lehrer, dessen von Verfolgungswahn getriebene Herrschsucht ihn nicht nur im Klassenzimmer zum Tyrann macht ist ein Meisterwerk des psychologischen Genres und gehört in jedes Bücherregal.
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7. Kapitel
Der Lehrer Leopold wurde in den Pausen von Josef Blaus Schülern umringt. Josef Blau stand wie immer an seinem Platz am Ende des Gangs, in den die Türen der Schulzimmer mündeten. Er hörte Lehrer Leopolds laute Stimme und das Lachen der Knaben.
In den Schulstunden ereignete sich nichts. Karpel wich seinem Blick aus, er hob die Augen nicht vom Pult. Wenn der Lehrer ihn rief, antwortete er mit abgewandtem Gesicht.
In einer Pause trat Lehrer Leopold auf Josef Blau zu. Er erkundigte sich nach Selmas Befinden. Josef Blau antwortete kurz. Er forderte den neuen Lehrer nicht auf, ihn wieder zu besuchen.
Auf dem Heimweg sah Josef Blau vor sich Karpel und Laub mit einem schwarz gekleideten Mann. Josef Blau erkannte Modlizki. Es mußten besondere Dinge vorgehen, wenn Modlizki die Schüler nach der Schule erwartete. Er mußte Modlizki aufsuchen.
Als er am nächsten Tag nachmittags von der Lehrerkonferenz heimkehrte, erfuhr er von Selma, Modlizki sei dagewesen, ihn zu sprechen. Er habe nicht gesagt, was er wollte. Kein Zweifel, daß sich wichtige Dinge vorbereiteten. Es war heute zu spät, Modlizki aufzusuchen, Josef Blau mußte es auf den morgigen Tag verschieben. Es war klar, daß etwas im Zuge war. Vielleicht hatte Josef Blau in seinem Rausch durch Worte und Gebärden heraufbeschworen, was nun eintreten sollte. Er mühte sich, alles in sein Gedächtnis zurückzurufen, was in jener Nacht geschehen war. Aber das meiste war wie in einem großen Lärm von Stimmen versunken. Er wußte – und er erstarrte bei diesem Gedanken –, daß er in dieser Nacht den Gedanken an die Verantwortung verloren hatte. Der Gedanke war fremd und ohne Schrecken gewesen, wie ein Ding, das er ruhig betrachten konnte, als berühre es ihn selbst nicht. Er wußte, daß er Onkel Bobek bedroht hatte und daß der Lehrer Leopold Selma angesehen hatte, als sei Josef Blau nicht anwesend oder gestorben und er hörte noch Selmas Lachen am Ende aus dem Schlafzimmer durch die geschlossene Tür.
Er durfte nichts verloren geben, trotz allem. Er mußte trotz allem mit der Macht seines Gedankens, mit der Kraft der Anrufung dorthin zu gelangen suchen, wo die Schicksale, seines, Selmas und des zu Gebärenden Schicksal, sich entschieden. Denn es gab keinen Zufall. Eines zog das andere nach sich. Alles war verbunden, Worte, Taten und Menschen. An einem Ort liefen sie zusammen und dort entschied sich Leben und Tod.
Er wollte morgen zu Modlizki gehen, nachmittags, wenn Modlizki am besten zu sprechen war. Er überlegte nachts, was er ihn fragen wollte: wegen der Pläne der Knaben und wegen des Lehrers Leopold. Modlizki würde ihn ansehen, mit geneigtem Kopf, und sprechen. Es waren merkwürdige Dinge, die Modlizki sagte, wenn sie auch lächerlich waren, in gewissem Sinne beschränkt. Modlizki fehlte vielleicht nichts als eine gründliche Bildung. Aber Modlizki lehnte ab, sich zu bilden. Er wollte nichts von den anderen, nicht einmal ihr Wissen. Er haßte sie, er haßte Josef Blau, trotzdem Josef Blau der Sohn eines Gerichtsdieners war und nicht mehr besaß als ein Metalldreher. Aber darauf kam es nicht an, sondern auf das andere, das Josef Blau mitmachte, auf den guten Ton, die feine Bildung und das ganze Getue, wie Modlizki es nannte. Warum begann Modlizki immer von seinem Vater zu sprechen, der von einer Leiter gefallen und gestorben war? Josef Blau wußte es doch. Er war selbst dabeigestanden, durch den Lärm der Leute angelockt, als man Modlizkis Vater aufhob und ins Krankenhaus schaffte. Wollte Modlizki Josef Blau an den Gerichtsdiener erinnern, Josef Blaus Vater, der vom Bürgersteig herunter auf die Straße trat, wenn der Bezirksrichter kam? Josef Blaus Vater war groß und breit und trug einen Vollbart mit ausrasiertem Kinn. Seine Wangen waren wie rote Äpfel. Er hielt sich gerade wie ein Soldat bis zu seinem Tod. Der Bezirksrichter schickte ihn um Würstchen und Bier.
»Springen Sie mir um Würstchen, Blau«, sagte der Bezirksrichter Wünsche.
Der Gerichtsdiener erzählte es dem Sohn mit einem lauten, bösen Lachen. Nicht daß er ihn um Würstchen schickte, daß er sagte »Springen Sie mir«, das beleidigte Josef Blaus Vater, als hätte darin etwas besonders Beleidigendes gelegen, neben dem die zweite Kränkung verblaßte, daß er ihm »Blau« sagte, einfach Blau, und nicht Herr Blau, wie es einem alten und verdienten Mann zukam, der der Vater des Bezirksrichters hätte sein können.
Um fünf Uhr morgens bewegte sich Selma. Josef Blau hörte sie leise stöhnen. Hatte sie einen schweren Traum? Sie richtete sich im Bett auf.
»Schläfst du?« fragte sie. »Ich glaube, es soll jetzt beginnen.«
Er sprang auf, zog rasch Hose und Rock an. Selma stöhnte leise. Sie hatte die Augen geschlossen. Als sie sie öffnete, stand er in der Mitte des Zimmers und sah sie an.
»Rufe die Mutter«, sagte sie.
Die Mutter lag im Bett. Ihr Haar war über den Kopf glatt nach hinten gestrichen und zeigte am Scheitel große, kahle Stellen.
Josef Blau weckte sie.
»Es ist soweit«, schrie er.
Sie erhob sich. Sie stand vor ihm in einem dunklen Unterrock und einer über den Bauch herabhängenden weißen Jacke, die am Kragen von einem roten Muster verziert war.
Die Mutter stürzte in Selmas Zimmer. Sie beugte sich über das Bett der Tochter.
»Die Wehen!« schrie sie.
Josef Blau fuhr zusammen. Es mußte durch alle Räume des Hauses gedrungen sein.
Die Mutter hatte den blauen Schlafrock mit den großen gelben Blumen angelegt. Josef Blau wandte den Blick ab.
»Steh nicht müßig«, rief sie. »Ruf Martha, daß sie die Hebamme holt.«
Josef Blau eilte die Treppen hinunter. Er klopfte im Souterrain an die Tür. Martha öffnete. Sie trug nichts als einen Rock und ein ärmelloses Hemd. Das Haar hatte sie zu einem kurzen dünnen Zopf geflochten, der steif von ihrem Kopf wegstand wie der Schwanz einer Ratte. Ihre Füße waren nackt.
»Zieh dir Strümpfe an, Martha!« sagte er.
Martha sah ihn erstaunt an.
»Es hat begonnen«, sagte er, »hole die Hebamme!«
Er setzte sich ans Fenster und wartete. Im Nebenzimmer hörte er die Mutter auf und ab gehen und mit Geschirr klirren. Die Mutter trat ein. Sie hatte die Ärmel des Schlafrocks bis über die Ellbogen hochgeschlagen. Josef Blau hörte sie nun aus der Küche. Er trat an die Tür zu Selmas Zimmer. Selma hatte die Augen geschlossen. Ihr Mund war offen wie stets, aber um ihre Lippen lagen Falten, die Josef Blau nicht kannte. Selma schien ihm fremd, als habe er sie noch nie gesehen. Er trat näher ans Bett. Auf ihrer Stirn standen Schweißtropfen. Sie atmete unregelmäßig. Ihr Antlitz war entstellt, häßlich. War es Selma, die stets gleiche, mit der glatten, unbewegten Stirn, die hier vor ihm lag? Oder war es eine Andere, Unbekannte?
»Selma«, sagte er leise.
Sie schlief nicht, aber sie hörte ihn nicht.
Sie hatte sich entfernt von allen und war allein; etwas Fremdes, Unbekanntes zu vollbringen, war sie fremd und unbekannt geworden.
Josef Blau hörte Schritte und Stimmen. Er verließ das Zimmer.
Die Hebamme trat mit Martha ein. Die Hebamme hieß Frau Nowak. Sie war grauhaarig, groß und stark mit dickem, rundem Bauch. Auf dem Kopf trug sie eine weiße Haube. Sie entnahm ihrer Handtasche einen weißen Mantel und legte ihn an. Martha brachte warmes Wasser. Frau Nowak wusch sich sorgfältig die Hände. Josef Blau hatte sich gesetzt und schrieb einen Brief an den Direktor. Er gab Martha den Brief und bat sie, ihn dem Schuldiener zu übergeben. Der Schuldiener würde um acht Uhr am Schultor stehen. Sie sollte nichts sagen und keine Frage beantworten, den Brief abgeben und zurückkehren.
Indessen hatte die Mutter aus der Küche Kaffee gebracht. Die Hebamme und die Mutter setzten sich an den Tisch. Josef Blau trank nicht. Er lauschte. Aus Selmas Zimmer drang leises Stöhnen. Frau Nowak sah ihn an.
»Das ist nichts«, sagte sie. Sie hatte ein falsches Gebiß, an dem die Zunge beim Sprechen anstieß. »Das wird noch lange dauern.«
Nun erhoben sich die Frauen vom Kaffeetisch und traten in Selmas Zimmer. Josef Blau folgte ihnen.
»Guten Tag, liebe...




