E-Book, Deutsch, 189 Seiten
Ury Das Rosenhäusel
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-272-3862-0
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Geschichte aus dem Riesengebirge
E-Book, Deutsch, 189 Seiten
ISBN: 978-80-272-3862-0
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lesern, die sich für die fein gezeichneten Porträts der Gesellschaft und die subtilen Konflikte in der deutschen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts interessieren, sei 'Das Rosenhäusel' von Else Ury wärmstens empfohlen. Dieses Buch bietet nicht nur einen fesselnden Blick in eine vergangene Epoche, sondern regt auch zum Nachdenken über zeitlose Themen wie soziale Ungleichheit und persönliche Integrität an. Urys einfühlsame Erzählweise und ihr talentierter Umgang mit Sprache machen 'Das Rosenhäusel' zu einem Juwel der deutschsprachigen Literatur, das auch heute noch relevant und lesenswert ist.
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2. Kapitel Im Rosenhäusel
Vater Kleinert umstrickte einen alten, irdenen Topf, der einen Sprung bekommen, mit Drahtgeflecht, um ihn wieder brauchbar zu machen. Er saß in der Küche neben der Strümpfe strickenden Großmutter und der die Wäsche ihres Mannes bügelnden Frau. Karl und Friedel machten am Küchentisch Schularbeiten. Fritzel spielte auf dem Fußboden mit der Katze. Die Küche war der Hauptaufenthalt der Dorfbewohner. Dort war es warm. Die Stube wurde nur ausnahmsweise geheizt. Brennholz war teuer, obgleich der Wald einem beinahe in die Fenster hineinwuchs. Und das Reisig, das die Dorfkinder mit Berechtigungsscheinen auflesen durften, flog zum Schornstein hinaus und gab keine Wärme. Trotzdem man schon den vierten Mai schrieb, war es in dem Gebirgsdorf nach Sonnenuntergang noch empfindlich kalt.
Vater Kleinert pfiff sich eins bei der Arbeit. Das Rotkehlchen im Bauer am Fenster flötete dazu die Begleitung. Flügellahm hatten es die Kinder als junges Vögelchen im Garten gefunden. Es war wohl aus dem Nest gefallen. Nun führte es in dem vom Vater selbst geflochtenen Bauer ein ganz vergnügtes Dasein. Nur mit der grauen Mieze stand es auf Kriegsfuß.
Fritzel jauchzte über die Sprünge der Katze, der Vater pfiff, das Vögelchen flötete – der Lehrer Opitz mußte zweimal an die Küchentür klopfen, ehe man da drin sein Pochen vernahm.
»Ach, der Herr Lährer – ist mir a Ehre, ist mir halt a große Ehre –.« Vater Kleinert erhob sich von seinem Holzschemel.
Frau Kleinert wischte sich ihre Hand, trotzdem sie ganz sauber war, erst an der Blaudruckschürze ab, ehe sie dieselbe dem Eintretenden reichte. Die Großmutter blickte erfreut von ihrem Strickstrumpf auf. Besuch war eine angenehme Abwechslung in der Einförmigkeit der Tage. Karl sah weniger erfreut dem Besuch des Lehrers entgegen. Während die jüngere Friedel verlegen knickste, überflog er sein ganzes Sündenregister. Irgend etwas hatte er immer auf dem Kerbholz, der Karl. Ein reines Gewissen hatte er nie.
Als der Lehrer sich jetzt zum Vater wandte: »Kann ich Sie wohl mal ein paar Minuten allein sprechen, Herr Kleinert?« da war es für den Jungen Gewißheit – sicher die Taubengeschichte. Mit Knallerbsen hatten die Schlingel nach des Lehrers Tauben geschossen. Oder sollte die Karnickeljagd, die sie neulich mit des Nachbars Karnickeln veranstaltet hatten, etwa der Grund zu dem ungewöhnlichen Besuch sein? Es war nicht herausgekommen, daß er es gewesen, der den Karnickelstall geöffnet hatte, aber – für alle Fälle gab Karl doch lieber Fersengeld, während der Herr Lehrer dem Vater in die Stube folgte.
»A bissel kalt ist's schon hier, Herr Lährer«, sagte Vater Kleinert, sich die Hände reibend. »Nu nähmen Se ooch Platz, nu setzen Se sich ooch.« Er bot seinem Gast einen Platz auf dem buntgeblümten Kattunsofa. »Womit kann ich dienen – ist wull halt wieder amal was in Ordnung zu bringen, gelt?«
»Ja, in Ordnung bringen möchte ich ganz gern etwas«, stimmte der Lehrer lächelnd zu, Stock und Hut ablegend. »Aber diesmal handelt es sich nicht um meine Sachen, sondern um etwas, was Ihnen gehört, Herr Kleinert. Ich komme wegen Ihrer Tochter, der Bärbel.«
»Wegen der Bärbel – wegen mein Bärbele?« verwunderte sich Vater Kleinert. »Das Mädel ist gutt, das Mädel ist brav und fleißig – – –«, er schüttelte verständnislos den Kopf. Was konnte der Herr Lehrer nur gegen sein Bärbele vorbringen?
»Freilich ist sie fleißig, die Bärbel«, bestätigte der Lehrer. »Sie ist meine fleißigste und begabteste Schülerin. Und darum eben will ich mit Ihnen sprechen. Ich möchte der Bärbel eine Freistelle im Töchterlyzeum verschaffen. Es ist schade um ihre gute Veranlagung. Sie kann mehr lernen als unser Volksschulplan umfaßt. Bei ihrer Begabung und ihrem Interesse für die Bücher wird es ihr sicher nicht schwer werden, mal ihr Lehrerinexamen zu machen. Zur Musiklehrerin wäre sie ganz besonders geeignet. Aber das hat ja noch gute Wege. Die Hauptsache, sie lernt erst was Rechtes. Nun, Herr Kleinert, was meinen Sie dazu?«
Vater Kleinert meinte fürs erste gar nichts. Der saß ganz still und paffte dicke Rauchwolken aus seiner Rübezahlpfeife. In Gedanken wiederholte er noch einmal die Worte des Lehrers. Sein Bärbel war brav und fleißig, sie war begabt fürs Lernen – der Herr Lehrer wollte sie in die höhere Schule schicken – was sollte er da anderes tun, als sich darüber freuen?
»Nu jo jo, wenn der Herr Lährer meinen tut und er will's Bärbel was Rechtschaffenes lernen lassen, mir sull's schon rechte sein. Ich bin halt selber immer arg uff jädes Büchel gewäst. Ich tät mich freuen – nu jo jo – wenn und es wird amal was aus dem Mädel. Aber wir wullen die Muttel halt noch befragen, die hat mit Verlaub da ooch noch a Wörtel dazu zu sprechen.« Er öffnete die Stubentür. »Frau!« – rief er hinaus. »Mariele – kumm ooch, der Herr Lährer hat uns halt was zu sagen.«
Frau Kleinert erschien. Ihre ohnedies schon frischen Wangen glühten vom Bügeln und von der Ehre des Besuches.
Der Lehrer wiederholte sein Anliegen. Dann schwieg er, Antwort abwartend. Auch Vater Kleinert paffte stumm. Mutter Kleinert wickelte verlegen die Hände in die Schürze.
»Nu, sieh ooch, Mariele«, begann der Mann, da seine Frau nicht daran dachte, sich zu äußern, »der Herr Lährer tut sprechen, unser Bärbel wär halt seine beste Schülerin. Tät's dich nicht freien, wenn und sie käm' auf die hehere Schule?«
Die Frau schüttelte energisch den blonden Kopf.
»Nu nä – nu nä ooch – wir tun halt scheene danken fier die Ehre, Herr Lährer, aber unser Mädel hat da nischte nich zu suchen uff der hohen Schule. Die Bärbel sitzt mir halt schon viel zu viele ieber die Biecher. Und du, Mann, machst das Mädel vollends dumme mit deinem Zithergespiele. Das taugt nu mal nä fier unsereens. Die Bärbel sull, wenn und sie is ieber's Jahr eingesägnet, in a Dienst wie ihre Mutter. Nach Krummhiebel 'nauf in a großes Logierhaus. Da tut sie was Rechtes lernen.«
Nachdem Frau Kleinert die Verlegenheit erst mal überwunden hatte, sprach sie resolut und bestimmt, wie es ihrer ganzen Erscheinung entsprach.
»Nu nä, Mutterle, nu nä – – –«, ließ sich Vater Kleinert hören. Die Fortsetzung des Satzes ging in Rauchwolken, die er aus der Rübezahlpfeife herausstieß, auf.
»Jeder Stand und jeder Beruf ist gut, wenn man seine Pflicht darin tut«, nahm der Lehrer wieder das Wort. »Aber ich meine, Frau Kleinert, Eltern haben die Pflicht, ihre Kinder auf den rechten Platz fürs Leben zu stellen. Wenn die Bärbel nun mal besonders fürs Lernen ist, da soll man die guten Gaben, die sie von der Natur mitbekommen hat, nicht brach liegen lassen. Auf ein jedes Feld soll man das säen, wozu der Boden sich eignet.«
»Aus Gerschte wird nu amal im Läben keen Weizen nä«, gab die Frau halsstarr zur Antwort. »Mein Mädel braucht halt ooch nischte Besseres zu werden als ihre Mutter. Die Bärbel sull sich amal ihrer Eltern nä schämen.«
»Das tut sie ganz gewiß nä, unser Bärbele, dafür kenn' ich mein Mädel zu gutt«, stieß der Vater zwischen Tabakswolken hervor. Ihm war's nicht recht, daß seine Frau dem Herrn Lehrer entgegen war.
»Sehen Sie, Frau Kleinert«, versuchte es der Lehrer noch einmal, »heute kommt es nicht mehr darauf an, wer man ist, sondern was man leistet. Auch unsern Volksschülern soll die Möglichkeit geboten werden, ihrer Begabung entsprechend etwas im Leben zu erreichen. Freie Bahn dem Tüchtigen! Sie haben nicht das Recht, liebe Frau Kleinert, meine ich, Ihrem Kinde ein Hindernis in den Weg zu legen.« So sprach der Lehrer ernst und eindringlich.
»Nu, wir werden es halt ieberlägen, Herr Lährer, wir werden's mitanander ieberlägen, gelt ja, Mariele?« vermittelte Vater Kleinert. »Heite und morgen braucht ja's Bärbel noch nä uff die hohe Schule.«
»Ich hätte bald eine Eingabe bei der Provinzial-Schulbehörde gemacht, daß man die Bärbel von Pfingsten an in die dritte Lyzeumsklasse überweist. Sie hat die Reife dafür. In Französisch würde ich ihr gern während des Sommers Privatstunden geben, daß sie mitkommt. Aber dann muß es eben bis auf den Herbst bleiben.«
»Franzesisch – unser Bärbel Franzesisch?« Frau Kleinert konnte sich nicht so rasch von diesem Schreck erholen. Der Mund blieb ihr beinahe offen. »Sie meenen's gutt, Sie meenen's sicher gutt, Herr Lährer. Aber was fier een Kind das Rechte ist, das weeß nu amal die Mutter halt doch immer am besten.«
»Auf einen Hieb fällt kein Baum«, meinte der Lehrer lächelnd. »Also überlegen Sie sich's in Ruhe. Die Bärbel braucht ja vorderhand noch nichts von unsern Plänen zu erfahren.« Damit griff Herr Opitz wieder nach Hut und Stock.
Als er die Tür öffnete, gab es einen Krach. Etwas flog mit einem unterdrückten Schmerzenslaut in die dunkle Ecke hinter den großen Schrank, der im Flur stand.
»Ei – ei – der Horcher an der Wand!« sagte der Lehrer tadelnd, war aber nett genug, der Ursache nicht weiter auf den Grund zu gehen. Vater Kleinert gab ihm das Geleit bis zur Gartentür.
»Ein schöner Tag, ein prächtiger Frühlingstag heute nach dem langen Winter«, sagte der Lehrer abschiednehmend.
»Von Wolfshau aus hat man doch den scheensten Blick uffs Gebirge«, stimmte Vater Kleinert zu. »Man mechte sprechen, zum Greifen nahe sind halt heite die Koppenhäusel und's Schläsierhaus.«
Während Karl, der »Horcher an der Wand«, seine schmerzende Stirnbeule rieb, schritt der Lehrer Opitz, in Gedanken versunken, durch den Abendfrieden des Gebirgstals. Letztes Sonnengold lag...




