Ury | Flüchtlingskinder | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 162 Seiten

Ury Flüchtlingskinder

Zwei kleine Helden (Kinderklassiker)
1. Auflage 2016
ISBN: 978-80-268-6930-6
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Zwei kleine Helden (Kinderklassiker)

E-Book, Deutsch, 162 Seiten

ISBN: 978-80-268-6930-6
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Flüchtlingskinder' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Else Ury (1877-1943) war eine beliebte deutsche Schriftstellerin und Kinderbuchautorin. Urys Schaffen beschränkt sich auf Prosa: Kinder- und Jugendgeschichten und -romane. Die Abenteuer, die Else Ury ihre Helden in ihren Erzählungen erleben lässt, haben häufig eine für den Leser sehr erheiternde Seite. Patriotismus und Verharmlosung des Krieges finden sich auch in einigen Werken Else Urys, z. B. in Flüchtlingskinder. Aus dem Buch: 'Schneeweiß war das Häuschen, in dem Peter und Hanni wohnten. Ein lustiges rotes Ziegeldach hatte es und grüne Fensterläden; wie aus einer Spielzeugschachtel schaute es aus, so sauber und nett. Das war aber noch nicht das Schönste. Das Schönste war der große Garten mit den süßen Erdbeeren und Himbeeren, den Johannisbeer- und den Stachelbeerhecken und den vielen, vielen Obstbäumen. Ja, der Garten, der war so recht der Tummelplatz der beiden Geschwister. Im Haus sah man sie jetzt während der heißen Sommerzeit eigentlich nur des Nachts beim Schlafen. Denn auch die Mahlzeiten wurden in der kühlen Geißblattlaube eingenommen. An den Garten schloß sich eine große Wiese, die war über und über mit bunten Blumen besät. Hei - war das eine Lust, hier zu pflücken, Sträußchen zu binden und Kränze zu winden. Hanni machte diese stille Beschäftigung mehr Spaß als Peter. Denn Peter war ein Wildfang, liebte Tollen und Klettern, die Dorfgänse zu jagen und im Bach zu waten...'

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2. Kapitel
Wo Peter und Hanni aufwachen


Ganz merkwürdige Tage kamen jetzt. Vater, der sonst stets vergnügt war und mit seinen Kindern scherzte und tollte, sah meistens ernst aus und furchte die Stirn. Dabei war solch herrliches Erntewetter, an dem mußte doch jeder Landwirt seine Freude haben.

Auch Muttchen war nicht wie sonst. Zwar arbeitete sie genau so emsig in Haus und Garten. Aber es kam vor, daß sie mitten im Bohnenabfädeln, bei dem die Kinder gar zu gern halfen, das Messer sinken ließ und mit sorgenvollen Augen in die Ferne blickte.

»Bist du böse, Muttchen?« erkundigte sich Peter angelegentlich, denn irgend etwas hatte sie eigentlich immer ausgefressen, manchmal sogar, ohne daß sie's wußte.

»Nein, mein Herzchen, nur – –«, ein tiefer Seufzer hob Mutters Brust.

»Nur?« Peter und Hanni spitzten neugierig die Ohren.

»Nichts, gar nichts – für euch, Kinderchen, ist das nichts – Gott schütze uns alle!« Muttchen betrachtete das Gespräch als erledigt. Aber nicht die beiden Kleinen.

»Du, Peter, weißt du nicht, warum Vater jetzt immer so ärgerlich aussieht, auch wenn's noch so gutes Essen gibt?« fragte Hanni nach dem ziemlich einsilbigen Mittagbrot. »Und als ich ihm nachher ›Gesegnete Mahlzeit‹ wünschte, da hat er mich gar nicht Huckepacke genommen, wie sonst, sondern mir bloß mal übers Haar gestrichen.«

»Und Muttchen hat so wenig gegessen und immerzu traurige Augen gemacht, als ob ich Gott weiß wie ungezogen gewesen wäre. Und die Blaubeerflecke in meiner weißen Schürze hat sie überhaupt nicht gesehen – und ›Gott schütze uns‹ hat sie heute vormittag gesagt. Du, Hanni, am Ende geht die Welt unter!«

»Ei, nein!« Hanni, der Held, packte erschreckt Peters Arm und sah ängstlich zum Himmel empor, von dem goldener Sonnenschein herniederlachte.

Die Überlegungen der Kinder wurden plötzlich durch Peitschengeknall unterbrochen. Beide stürzten zum Hof.

Nanu – Vater fuhr in die Stadt. Vor dem gelben Korbwägelchen wurde gerade der Schimmel eingespannt.

»Vatchen – ach, liebes Vatchen, nimm uns doch mit! Du hast neulich versprochen, wenn du das nächstemal nach Soldau einkaufen fährst, dürfen wir mit!« schmeichelnd angelte Peter in die Höhe nach Vaters Hals. Auch Hanni versuchte von rückwärts her eine zärtliche Umarmung.

Aber ungeduldig machte sich der sonst so liebevolle Vater los.

»Heute nicht – es gibt wichtige Dinge heute in der Stadt zu besprechen. Wer weiß, wann ich wieder nach Hause komme.«

»Du kannst uns ja inzwischen auf dem Marktplatz lassen, da gibt's so viele schöne Schaufenster anzugucken«, schlug Peter bittend vor.

»Nein, mein Herzchen, das ist heute dort wirklich nichts für Kinder! Ein andermal, wenn alles noch gut wird, wie wir hoffen wollen – –« Da knallte der Vater auch schon mit der Peitsche. Noch einmal nickte er seinen Lieblingen zu. Dann zog der Schimmel an. Der Wagen ratterte zum Hoftor hinaus.

Hannis Blauaugen hatte die Enttäuschung mit Tränen gefüllt. Peter aber ballte die kleinen Fäuste und trampste sogar mit dem Fuß auf.

»Immer ist man zu klein, nie darf man mit – und erfahren tut man auch nicht, was los ist. Ach, ich wollte, wir wären auch schon große Leute!« rief sie empört.

»Seid froh, daß ihr noch klein seid und keine Ahnung habt von dem Schweren, das kommen kann«, sagte die Mutter, welche dem abfahrenden Vater ebenfalls nachgeschaut, mit feuchten Augen.

Peter schüttelte das hübsche Köpfchen. Muttchen schalt nicht, daß sie mit den Füßen getrampelt hatte ... sie hatte Tränen in den Augen und war doch sonst so lustig mit ihnen ... Das kleine Mädel zuckte die Achsel. Daraus sollte ein anderer klug werden!

Aber im Laufe des Nachmittags gab es noch viel mehr zum Staunen. Da hatte man soviel zu sehen, daß die Kinder den Marktplatz in Soldau mit all seinen Schaufensterherrlichkeiten darüber vergaßen.

Zog denn das ganze Dorf heute um?

Karren und Leiterwagen mit allerlei Geräten, Möbeln, Körben, Kisten und Truhen beladen, schwankten die Dorfstraße entlang, der Eisenbahnstation zu. Aufgeregte Menschen liefen daneben, hastig und laut durcheinander rufend und ängstlich zurückschauend. Kühe, Schweine und Ziegen wurden vorbeigetrieben – ach, und da! – laut auf mußte Peter lachen.

»Sieh doch bloß mal, Hanni, da haben sie lauter Hühner in einen Kinderwagen gepackt, hör' nur, wie es durcheinander gackert, nein, ist das komisch!« Das kleine Mädchen wollte sich ausschütten vor Lachen.

»Aber jetzt erst, Peter, guck' bloß mal, jetzt« – Hanni, der neben seinem Schwesterchen auf dem Dach des niedrigen Gerätschuppens, dem besten Aussichtspunkt, thronte, wies begeistert auf eine neue Gruppe. »Schuster Anders und seine Frau schleppen ihre kleinen Zwillinge in einem Waschfaß davon – hahaha –« Hanni konnte nicht weiter. Es war zu köstlich!

»Ja, ist denn das ganze Dorf verrückt geworden, Hanni?«

»Peter – Peter – da trägt ja die alte Mutter Stine ihr Kälbchen huckepack, wie der Vater mich immer – –«

»Nein, es ist ja zum Totlachen!« Die Kinder jauchzten und jubelten von ihrem Dach herunter.

Sie ahnten in ihrer kindlichen Unbefangenheit nicht, wie schwer und traurig all diesen Menschen zumute war, die von Haus und Hof flüchten mußten vor den russischen Kosaken.

»Frau Kaschuba, wissen Sie es schon? Der Krieg ist erklärt!« Eine Nachbarin rief es über den Zaun der Mutter zu.

Es war das erstemal, daß Peter und Hanni das furchtbare Wort »Krieg« vernahmen.

Der Mutter entfiel vor Schreck die Gartenschere, mit der sie gerade die Tomatensträucher ausschnitt. Jäh brach der Zweig in ihren bebenden Fingern ab.

»Erbarm sich – Krieg mit Rußland – dann sei der Himmel uns hier an der Grenze gnädig! Ei, du Grundgütiger, und mein Mann gerade in der Stadt! Er wollte hören, ob es Gefahr hat, und inzwischen können uns die Russen schon das Dach über dem Kopf anzünden!« So aufgeregt hatten die Kinder ihre Mutter noch nie gesehen.

Hanni ließ sich angstvoll von seinem Auslug herabgleiten.

Wenn die Russen das Dach anzündeten, war es entschieden ratsam, es nicht als Sitzgelegenheit zu benutzen.

Peter aber blieb mit klopfendem Herzen. Sie mußte noch mehr erfahren.

»Ich würde Ihnen doch raten, Frau Kaschuba, sich und Ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Der Feind kann hier sein, ehe man sich's versieht. Vergraben Sie auch irgendwo im Garten oder Keller, was Sie an Silberzeug oder sonstigen Wertsachen haben, die Russen haben lange Finger.« Das letzte erklang nur noch im Flüsterton. Aber Peter hatte scharfe Ohren.

»Barmherziger, wenn mein Mann doch nur da wäre! Er hat Pferd und Wagen mit. Wer hätte denn gedacht, daß es so schnell kommen könnte. Ohne meinen Mann rühre ich mich nicht vom Fleck.«

»So geben Sie uns wenigstens Ihre Kinder mit, daß die in Sicherheit sind. Wir fahren in einer Stunde.« Die gutherzige Nachbarin eilte davon, denn sie hatte noch alle Hände voll zu tun.

Frau Kaschuba schlug die Schürze vors Gesicht. Da war es, das Furchtbare, vor dem sie schon seit Tagen zitterte, was ihren Mann ernst und wortkarg gemacht, und an das man doch immer noch nicht hatte glauben wollen – der Krieg!

Plötzlich fühlte sie sich von zärtlichen Kinderarmen umfangen.

»Weine nicht, Muttchen.« Das Töchterchen, dem das Lachen vergangen war, schmiegte den Kopf stürmisch an der Mutter Brust. »Wir fahren nicht mit der Nachbarin fort, wir bleiben bei dir. Und wenn die alten Russen kommen, jage ich sie mit der Mistgabel vom Hof!« Mit blitzenden Augen griff Peter nach der in der Ecke lehnenden Forke.

»Und ich hole meine Flinte und meinen Säbel.« Hanni, der sonst nicht gerade allzu mutig war, wollte nicht hinter der Schwester zurückstehen.

Die Mutter mußte unter Tränen lächeln.

»Gott gebe, daß dies nicht nötig sein wird und daß man uns in unserem Häuschen ungeschoren läßt. Ja, wir bleiben beisammen – es wird ja nicht so schlimm werden. Unser Vater wird auch bald zurückkommen und uns, wenn's nottut, holen.«

Jedoch Frau Kaschuba irrte sich. Es wurde Abend, das Essen stand auf dem Tisch, aber der Vater war noch nicht heimgekehrt. Auf der Dorfstraße hatte der Tumult allmählich abgenommen. Hinter dem Walde ging die Sonne purpurn unter – so schön, so friedlich lag das Dörfchen in grüne Matten gebettet da, als wäre der aufregende Tag, die drohende Gefahr ein böser Traum gewesen.

Unwillkürlich übte der köstliche Abendfrieden auch auf der Mutter erregtes Gemüt seine beruhigende Wirkung aus. Wer weiß, ob die Leute nicht alles viel schwärzer ansahen, als es in Wirklichkeit war. Wenn einer den Kopf verlor, verloren alle anderen ihre Überlegtheit mit. Stände es wirklich so schlimm, dann hätte ihr sorgsamer Mann ihr sicher Nachricht gesandt, wenn er nicht selbst kommen konnte.

Den Gartensteg entlang zwischen den schon schlummernden Levkojen und Reseden huschte der Sandmann. Keines wurde des kleinen unsichtbaren Männleins gewahr. Bis er hinter den Kindern stand und ihnen – schwabb – eine Handvoll aus seinem grauen Säckchen in die Augen streute.

Da begannen sie beide herzhaft zu gähnen.

»Es ist Schlafenszeit, Kinder, der Sandmann ist da.« Die Mutter nahm ihre Lieblinge an die Hand und ging mit ihnen ins Haus.

»Vater ist doch noch nicht zurück, ich wollte so gern aufbleiben, bis er wieder da ist.« Dabei fielen Peter die Augen beinahe zu.

»Das könnt ihr...



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