E-Book, Deutsch, 328 Seiten
Utami Larung
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30926-5
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 328 Seiten
ISBN: 978-3-293-30926-5
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ayu Utami, geboren 1968 in Bogor (Indonesien), studierte Literaturwissenschaften an der Universität Indonesia in Jakarta. Sie ist Radio- und Zeitungsjournalistin und Autorin von Romanen und Kurzgeschichten. Ihr erster Roman Saman wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem niederländischen Prinz-Claus-Award. Nachdem drei wichtige Nachrichtenmagazine von Suharto verboten wurden, schloss sie sich aus Protest der ?Allianz unabhängiger Journalisten? an.
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Fledermäuse
Sie bringt mich zu einer Fledermaushöhle.
Wir kommen an einer Stelle vorbei, an der mir einen Moment lang ein ranziger Geruch in die Nase steigt, wie von meiner Großmutter. Ich schaudere und werde gleichzeitig traurig.
Wir sind zu dritt, sie, Muluk, ihr Helfer, der mich vorhin empfangen hat, und ich selbst. Der junge Mann trägt die alte blinde Frau auf dem Rücken. Als wir durch den Teakwald laufen, scheint seine Last ihm sehr leicht zu sein. So wie mir meine Großmutter, wenn ich sie aus der Badekammer trage. Ich kann die treue Ergebenheit in seinen Augen lesen und erkenne darin meine eigenen Augen. Sie sind wie der Spiegel eines dunklen Sees, in dessen Tiefe ein Geheimnis liegt: die unerklärliche Hingabe an die Großmutter. Ein Gehorsam, der etwas Abstoßendes hat und doch schön ist. Eine Spannung zwischen Abscheu und Bereitwilligkeit, die bei mir in dem Moment ihren Höhepunkt erreicht hat, als ich beschlossen habe, dem Leben meiner Großmutter ein Ende zu bereiten. Muluk, mein Freund, wann wirst du tun, was ich zu tun im Begriff bin, denn das ist unser Schicksal?
Den Zugang zur Höhle bildet ein Spalt am Abhang eines Hügels. Es geht tief hinein. Zwischen Farnkraut und ähnlichen Gewächsen, die einen frischen, bitteren Geruch verströmen. Die Spitzen ihrer Blätter, zusammengerollt wie kleine Föten, hängen tief herab. Als ich hinuntersteige, wird es kühler und feuchter. Unten fließt der Bach Lembu Peteng, dessen Lauf ein kleiner Fluss kreuzt, der aus dem Inneren der Höhle kommt. Es ist finster. Wenn das Wasser in der Höhle steigt, was manchmal passiert, dann sitzt man, wie es heißt, in der Falle, falls man sich nicht in die Schächte oberhalb flüchten oder an den Stalaktiten hinaufklettern kann. Wenn die Gefahr vorüber ist, dann bleibt der Kalkstein glatt und durchsichtig wie junger Marmor zurück, denn das Wasser spült Moos und Algen fort, die sich im Schlamm zwischen dem verwitterten Kalk festgesetzt haben.
Man sagt, der Bach fließe in der Höhle unterirdisch weiter und münde in einer großen Spalte direkt in den Indischen Ozean. Dann vernehme ich die Stimme der alten Frau wieder, die von den Wänden widerhallt: »Die Leute, die deinen Vater umgebracht haben, Junge. Es sind dieselben Leute, die mit den Lastwagen. Sie schleppten alle, die sie für Feinde hielten, heran, lebendig oder tot, Frauen wie Männer, die einen mit Kopf, die anderen ohne, oder überhaupt bloß den Kopf, und warfen sie im Südosten in ein Erdloch. Unterhalb davon floss dieser Bach hier entlang, parallel zum Brantas-Strom. Auf diese Weise wurden die herabgeworfenen Körper von der Strömung erfasst und zum offenen Meer getrieben. Wer noch lebte, kam unterwegs um, vom Strudel erfasst, so dass alles, was dort angetrieben wurde, nur noch weiß aufgetriebene Leichen waren. Blutlos waren sie und stanken. Das geschah im Jahr 66, und noch heute zittern die Leute hier, wenn sie an diese Jahreszahl denken oder an irgendeine Kleinigkeit, derentwegen unschuldige Nachbarn umgebracht worden sind. Es war eine ganz furchtbare Zeit. Ein Heer von Todesengeln war auf die Erde herabgefahren und hatte die Gesichter von Menschen angenommen, doch niemand wusste, was für Menschen es waren. Das wusste man erst, wenn sie einen zum Rand eines Grabens schleppten, mit dunklem Gesicht, ohne Augen. Niemandem konnten wir mehr vertrauen, dem Geliebten nicht, nicht einmal uns selbst. Denn damals brauchte man bloß auf einen anderen Menschen zu zeigen, um sich selbst zu retten. Den Schatten des Todes über dem eigenen Kopf auf den eines anderen zu lenken. Doch auch wir waren gepeinigt von der Sorge: Sitzt uns nicht der Tod schon im Nacken? Droht nicht Freunden schon das Unheil? Wie konntest du gewiss sein, Junge, dass deinem Vater nicht dasselbe Schicksal beschieden war wie den Menschen, die man in den unterirdischen Fluss warf? Und wer konnte sicher sein, dass der Tunnel nicht zur Hölle führte, denn es gibt keine Aufrichtigkeit zwischen denen, die miteinander verfeindet sind, es gibt nur Gewinner und Verlierer. Früher oder später fahren alle zur Hölle, zu dem Ort, wo die Zungen der Betrüger in feine Stücke gehackt werden.«
»Gibt es denn keine erfreulicheren Geschichten als diese?«
»Die Fledermäuse in dieser Höhle, mein Junge, haben eine unheimliche Geschichte. Sie sind hier, du musst nur alle deine Sinne schärfen, um sie wahrzunehmen. Zu Hunderten, ja zu Tausenden hängen sie in den Nischen und Spalten an der Decke der Höhle. Spürst du nicht, wie ihre winzigen Herzen pochen? Spürst du ihre warmen Körper nicht? Du kannst sie nicht sehen, denn das Tageslicht dringt nicht bis hierher. Wenn sich jedoch Sonnenstrahlen hierher verirren würden, dann wären die kleinen Lichter an der Decke der Höhle wie eine riesige Sternenmenge, mit dem Großen Bären und den anderen Sternbildern des Tierkreises. Hinter ihnen sind überall verschlungene Gänge, in denen Fledermäuse in unüberschaubarer Menge sitzen, zusammengepfercht wie die Menschen in den engen Gassen der Großstädte. Weißt du, wer sie sind?«
»Wenn ich ehrlich sein soll, nein.«
»Es sind die Verlorenen und Besiegten. Sie sind nicht tot, denn sie leben nachts in unseren Träumen. Lach nicht darüber und denke nicht, es wäre ein Ammenmärchen. Nur wenige Menschen haben bisher gehört, was ich Dir jetzt erzähle:
»Die Leute nannten sie das verschleierte Mädchen. Sie lebte vor vielen hundert Jahren hier, im elften Jahrhundert, im Reich Dhaha, bevor es in zwei Hälften geteilt wurde, Kedhiri im Westen und Jenggala im Osten. Sie hatte sich König Airlanggas Zorn zugezogen und musste fliehen. Sie zog von Wald zu Wald auf der Suche nach Durga. Die Göttin verbirgt sich gern in alten Bäumen, besonders in Waringins, in Kepuh- oder Kapok-Bäumen.
Das Mädchen blieb unsichtbar, die Leute in den Dörfern sahen nur, wenn sie durch die Ritzen ihrer Bambuswände lugten, einen Schatten vorübergleiten. Ihre Schritte schwebten über der Erde, sie bewegte sich geschmeidig wie ein Panther, die Ringe aus kleinen Münzen um ihre Fesseln klimperten ganz leise. Ihr Hüfttuch war dunkel gesprenkelt. Die Menschen spürten es, wenn sie vorüberkam, denn sie verströmte einen feinen Duft von Cempaka-Blüten. Doch war sie fort, blieb Leichengeruch in der Luft hängen.
Einige glaubten fest daran, sie wäre Ratna Manjali, die von ihrem Gatten und von König Airlangga verstoßen worden war und den Schleier anlegte, um nicht erkannt zu werden. Doch konnte es niemand beweisen. Andere wieder behaupteten, es handele sich um eine gewöhnliche Frau, die wegen einer Schandtat verflucht worden sei und der daraufhin ein Bart und auf der Brust Haare gewachsen seien. Sie habe aus Kummer über die erlittene Schande ihren Körper verhüllt.
Sobald das Gerücht umging, sie sei wieder erschienen, suchten die Dorfkinder früh am Morgen auf dem Fußweg nach Spuren ihrer Tränen, die ihr nachts unter ihrem Mantel über den Körper flossen, auf den Boden fielen und dort zurückblieben, wie Tränen von Riesen: schön anzusehen. Sie vergingen nicht, aber sie waren giftig. Bloß nicht daran riechen! Sie glänzten, waren aber nur schöner Schein. Die Kinder brachten sie auf Taroblättern nach Hause, wie Silberschmuck auf grünem Samt. Sie übergaben sie dem Dorfältesten, der damit Ehefrauen und junge Mädchen vor Ehebruch warnte.
Denkt nur, wie wunderschön Dewi Uma, der Schatz von Gott Shiwa war! Nicht aus Lust, sondern nur um ihre Sehnsucht zu stillen und zu ihrem Gatten auf die andere Seite des Stroms zu gelangen, gab sie sich einem Schiffer hin – das war der Preis, den er verlangte, um sie überzusetzen.
Da war sie verwünscht und in ein Ungeheuer verwandelt worden. Am ganzen Körper wuchs ihr rotes und schwarzes Haar und auf der Stirn ein Horn. Aus Scham und Zorn flüchtete sie sich ins Dunkel der Friedhöfe und verbarg ihre hässliche Gestalt im Finsteren.
So wurde Dewi Uma zu Durga, der Königin der Zauberinnen.
Die Wahrsagerinnen und Zauberinnen waren damals sehr mächtig. Am Rande des Reiches Dhaha, im Weiler Jirah, lebte eine Witwe. Das war Calon Arang, eine Meisterin der schwarzen Kunst. Ihre Schülerinnen waren kampfeslustige Jungfrauen mit kühner Stirn wie die Winde: Lendi, Larung, Gandi, Guyang, Weksirsa und Mahisawadana. Sie waren so schnell wie Pfeile. Doch Calon Arang war von großem Zorn erfüllt. Denn da sie eine Witwe war, kam niemand und hielt um die Hand ihrer Tochter an. Das ist das Unglück der Frauen: Ohne Mann ist eine Frau bedeutungslos, er ist es, der ihren Wert bestimmt. Und so hoffte Ratna Manjali, ihre schöne Tochter, vergeblich.
Da ging Calon Arang, um Durga auf dem alten Friedhof ein Opfer darzubringen. Der war sehr alt, die Nangkas und die Früchte der Tamarinde schmeckten besonders herzhaft, weil sie mit ihren Wurzeln die Essenz der Leichen aufsogen. Die Göttin Durga erschien aus den Faserwurzeln des Kapokbaums, aus der aufgeplatzten Kapokschote und aus deren Blättern wie eine summende Biene, bevor sie ihre hehre Gestalt annahm. Sie war schwarz. Sie hatte Verständnis für Calon Arangs Wut. Kurz darauf war das Schwirren von Insektenflügeln zu hören, wie von Termiten oder von Heuschrecken, und aus den Gräbern krochen Larven ans Licht, aus Wesen, die im Sterben lagen. Die Luft füllte sich mit stachligen Insekten. Vor dem Tor von Airlanggas Palast starben die Menschen wie Fliegen. Die Leichen türmten sich übereinander. Gestank erfüllte die Luft. Die Menschen starben, bevor sie ihre Mitmenschen begraben konnten.
Die Wut der Hexe wurde durch einen...




