E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Valin Ein Haus voller Wände
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95732-547-1
Verlag: Verbrecher Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-95732-547-1
Verlag: Verbrecher Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Frédéric Valin, geboren 1982 in Wangen im Allgäu, lebt seit einigen Jahren in Berlin. Dort studierte er Deutsche Literatur und Romanistik, bevor er begann, als Pflegekraft und Autor seinen Unterhalt zu verdienen. Im Verbrecher Verlag erschienen die Bücher: 'Pflegeprotokolle', 'Zidane schweigt. Die Équipe Tricolore, der Aufstieg des Front National und die Spaltung der französischen Gesellschaft', 'In kleinen Städten' und 'Randgruppenmitglied'.
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10
Er hat die Hände auf dem Rücken verschränkt und betrachtet den Weg, während er läuft. Sein schmaler Oberkörper schlenkert in eleganten, tänzerischen Bewegungen mal hin, mal her, mal hin, mal her. Bisweilen bleibt er stehen und besieht sich ein Blatt; dann bückt er sich, um es aufzuheben, betrachtet es eine kleine Weile und legt es an den Straßenrand oder wirft es in eine Mülltonne. Zwei oder drei Mal dreht er sich um, sieht mich an mit diesen hellblauwasserfarbenen Augen und fragt: »Darf ich mich freuen?«
Ja, Johannes, natürlich darfst Du Dich freuen.
Nach dem Kuchen wollte er spazieren gehen, er sagt »kleine Runde drehen« dazu und »zu den Pferden«. Seine Aussprache ist etwas verwaschen, man braucht ein bisschen Zeit, bis man ein Gehör für ihn bekommt. Es macht aber nichts, Johannes hat sehr viel Geduld; er wiederholt die Sätze auch fünfzehn Mal. Selbst, wenn man sie verstanden hat.
Johannes kommuniziert gern, sogar sehr gern. Sein Wortschatz ist nicht groß, vielleicht zweihundert Komponenten, deswegen greift er wieder und wieder auf die gleichen Wendungen zurück. Manchmal wiegt er dabei den Kopf, als würde er abwägen, ob das jetzt auch der passende Ausdruck ist. Fragen, die sich ihm aufdrängen, will er möglichst schnell klären; wenn ihn etwas umtreibt, dann nimmt er keine Rücksicht darauf, ob ich gerade mit jemand anderem beschäftigt bin, die Unsicherheit ist stärker als er. Dann geht er dazwischen, mit seinem ganzen schmalen und aufgeregt trippelnden Körper, stellt sich fast Nase an Nase vor mich und will es wissen. Drei Mal, vier Mal, zwölf Mal, je nachdem, wie aufgeregt er ist, wie lange es dauert, bis irgendeine Gewissheit durch seine Anspannung hindurchgesickert ist.
»Darf ich mich freuen?«, fragt er.
Was antwortet man jemandem, der einen fragt, ob er sich freuen darf? Gibt es Grund zur Freude in der heutigen Zeit? Anlass zur Hoffnung? Etwas von der versprochenen Erlösung? Und, wenn ja, darf ich sie erteilen?
»Ja«, sage ich, »Du darfst Dich freuen.« Dabei weiß ich, dass das nicht stimmt.
Und Johannes weiß es auch. Er sieht mich an und sagt: »Jaja, freu Dich ruhig.« Ihm war nicht wichtig, sich zu freuen; es war eine Frage, die funktioniert hat. Aber eben, weil sie funktioniert hat, hängt er jetzt die Arme hinten ein, lacht kurz auf – ein kehliges, atmendes Lachen, zwischen Schluchzen und Glucksen – und kuckt.
Das macht er oft: kucken. Manchmal sitzt er auf dem Sofa, in zurückgelehnter Haltung, die Beine übereinandergeschlagen, ganz so als brächte der Kellner gleich den Pastis, und sieht sich um. Die Lässigkeit, die er ausstrahlt, täuscht: Nichts entgeht seinem Blick. Er schaut genau, was ich mache, um es bei Gelegenheit zu wiederholen. Nehme ich einmal – nur einmal! – das Spültuch statt des Lappens, um den Tisch sauber zu machen, wird er es mir die nächsten Wochen immer wieder gleichtun; da kann ich ihm dann zweihundert Mal sagen, dass man den Kaffee nicht mit dem Spültuch aufwischt, weil das ungefähr eine Waschmaschine mehr pro Woche bedeutet. Er hat gesehen, was möglich ist, es ist etwas Neues, also probiert er es aus.
Es ist nicht nur die Lust am Neuen, die ihn antreibt, es ist auch die Möglichkeit, darüber ins Gespräch zu kommen, obwohl sein Wortschatz überschaubar ist. Johannes ist ein großer Suchender, dem ein geeignetes Mittel fehlt, der sich davon aber nicht abhalten lässt: Dann spricht er eben immer wieder die gleichen zwanzig, dreißig Sätze. Es ist trotzdem immer ein anderes Gespräch, weil er in den Details, den Betonungen, in Mimik und Gestik stark variiert; es ist in jedem Gespräch etwas Neues zu entdecken. Wie viele Menschen, die sich gern unterhalten, schenkt sich Johannes selbst gern her. Wann immer er anderen begegnet, ergreift eine freudige Nervosität von ihm Besitz. In allen Berichten über ihn steht, er sei distanzlos; ich habe vielmehr den Eindruck, dass ihn die Aufregung fortträgt, dass ihn eine Aufgekratztheit befällt, die bisweilen mit Unkonventionalität verwechselt wird.
Alberto Manguel beschreibt in seiner »Geschichte der Neugierde«, wie er nach einem Schlaganfall zwar nicht die Sprache verlor, wohl aber die Fähigkeit zu sprechen: Die Worte waren in seinem Kopf, aber er konnte sie nicht mehr formulieren:
»Diese beängstigende Erfahrung ließ mich über die Verbindung von Gedanken und Sprache nachdenken. Wenn sich der Gedanke, wie ich glaube, in unserem Geist erst in den Worten formt, dann würde das bedeuten, dass die vielen möglichen Ausdrücke, die sich im Bruchteil einer Sekunde um einen Gedanken bilden, während er noch im Entstehen begriffen ist, für den Geist gar nicht klar voneinander zu unterscheiden sind: Sie würden den Gedanken in potentia darstellen. Dieser Schwarm aus Worten würde es dem Geist erlauben, einen Gedanken so wahrzunehmen, wie man eine Form unter dem Wasser erahnt, die noch nicht ganz klar erkennbar ist. (…) Da es mir unmöglich war, einen bereits gefassten Gedanken auch in Worten auszudrücken, fühlte ich mich, als würde ich im Dunkeln nach etwas tasten, das dauernd zwischen meinen Fingern zerrinnt. Ich konnte den Gedanken nicht greifen, ihn nicht zu einem Satz formen. (…) Diese Erfahrung hinterließ in mir die Frage, was ein solcher Gedanke, der noch nicht zu seiner vollen verbalen Gestalt gelangt ist, eigentlich ist? Ich glaube, Dante bezieht sich auf eine ähnliche Erfahrung, wenn er am Ende der Commedia schreibt: ›Vielmehr ist mein Geist getroffen / Von einem Blitz, der seinen Willen erfüllt.‹«
Ich habe noch nie die Sprache verloren, ich weiß nicht genau, wie das ist. Was mich an Manguels Deutung besonders überzeugt, was mich an Johannes denken lässt, sind die Metaphern, die er verwendet: der Blitz, das Wasser, konkreter noch: ein Fluss; auch auf Magnetspäne verweist er zwei Mal. Alles Dinge, die oszillieren, deren Oberflächen die Welt spiegeln, die uneindeutig und flimmernd sind.
Alles Dinge, die Johannes auch liebt: Was glänzt und reflektiert, interessiert ihn. Er kann ganze Nachmittage damit verbringen, die Lichtpunkte eines geschliffenen Glases zu beobachten; und es ist nicht nur das Visuelle, er liebt auch den Klang von Glas, wenn es gegen anderes Glas scheppert, den Klang des Bestecks, wenn er es aus dreißig Zentimetern Höhe in die Schublade fallen lässt. Ich habe die ersten Wochen versucht, ihm das auszureden; weil die Gläser ja Katschen bekämen, die Teller zerspringen könnten, und ich mich jedes Mal erschrecke, wenn es wieder aus der Küche klirrt; inzwischen nehme ich es einfach hin. Was soll’s? Kaufen wir halt einmal mehr ein Tassenservice.
Oder die Wasserverschwendung. Wasser fasziniert Johannes besonders. Fünf, sechs Mal pro Dienst geht er in sein Bad und drückt die Klospülung, um versonnen in den Strudel zu blicken. Wenn er duscht, kommt es vor, dass er minutenlang offenen Mundes den Wasserstrahl aus dem Brausekopf anstarrt, fasziniert von den perlenden Tropfen, die kaum mehr als einen Moment stabil bleiben, die nicht zu greifen sind, sondern sofort, sobald sie die Fliesen berühren, verschwinden und schmale Rinnsale werden. Dann ist eine Entrücktheit in seinem Blick, als hätte er eine Göttin gesehen. Es ist ein Moment von großer Ruhe.
Vielleicht klingt es paradox, doch gleichzeitig ist Johannes ein Ordnungsfanatiker: Obwohl er eine Faszination für alles Fluide, Uneindeutige, Fraktale hat, sind seine Lebensumstände doch geregelt. In seinem Zimmer ist alles an seinem Platz: Da sind links im Schrank ganz oben die Sonntagshemden, dann die T-Shirts, die langärmeligen Hemden. Die Schlafanzüge weiter unten, einmal die kurzärmeligen und -beinigen, einmal die für kalte Tage, außerdem noch, im letzten Fach, vier Jogginghosen. Im Schrank daneben dann die Hosen, die Pullover, sauber zusammengelegt, und dazwischen, an einer Stange aufgereiht, die Jacken. In einem kleinen Schränkchen mit Schubläden der Rest: Socken, kurze Unterhosen, lange Unterhosen, kurze Unterhemden, lange Unterhemden, alles je in einem eigenen Fach. Es sind völlig nachvollziehbare, sofort verständliche Kategorien, und nicht nur bei der Kleidung: Jede Schublade, jeder Stauraum hat eine genau definierte Bestimmung. Selbst die Tagesdecke hat einen Ort, Johannes ist wahrscheinlich der einzige Mensch, den ich kenne, der tagsüber sein Bett abdeckt. Es sieht aus wie in einem Lagerhaus, nur sehr viel gemütlicher.
Das ist umso erstaunlicher, weil die leichte Spastik, die seine Arme lähmt, seine Feinmotorik derart einschränkt, dass er beispielsweise nicht dazu in der Lage ist, ein Kleidungsstück zusammenzulegen. Er kann nicht falten, er ist ein Knüller. Wenn er etwas nicht kann, bittet er um Hilfe, nicht unterwürfig oder mit schlechtem Gewissen, ganz selbstverständlich. Hinterher bedankt er sich zwar und freut sich, aber mir kommt es so vor, als läge diese Freude gar nicht so sehr an der Erledigung einer Aufgabe; sie ist vielmehr...




