Vigan | Nach einer wahren Geschichte | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 350 Seiten

Vigan Nach einer wahren Geschichte

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-8321-8927-3
Verlag: DuMont Buchverlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 350 Seiten

ISBN: 978-3-8321-8927-3
Verlag: DuMont Buchverlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zwei Frauen lernen sich auf einer Party kennen. Die zurückhaltende Delphine, die sich mit fremden Menschen meist sehr schwer tut, ist sofort fasziniert von der klugen und eleganten L., die als Ghostwriter arbeitet. Aus gelegentlichen Treffen werden regelmäßige, man erzählt einander das eigene Leben, spricht über Familie und Freunde, vor allem über Freundinnen. Und natürlich über Bücher und Filme, die man liebt und bewundert. Delphine ist glücklich über die Gemeinsamkeiten und fühlt sich verstanden wie schon lange nicht mehr. Ganz entgegen ihrer Gewohnheit gibt sie in einem Gespräch über das Schreiben die Idee für ihr nächstes Buch preis. L. reagiert enttäuscht: Wie nur könne Delphine ihre Zeit auf eine erfundene Geschichte verschwenden? Eine Autorin ihres Formats müsse sich der Wahrheit verschreiben. Delphine ist entsetzt. L.s leidenschaftlich vorgetragene Forderung löst eine tiefe Verunsicherung in ihr aus. Bald kann sie weder Papier noch Stift in die Hand nehmen. L. scheint völlig unglücklich über das zu sein, was sie in der Freundin ausgelöst hat. Selbstlos übernimmt sie die Beantwortung von E-Mails, das Absagen von Lesungen und Interviews, das Vertrösten des Verlags, der auf einen neuen Roman wartet. Und all das in Delphines Namen. Keiner weiß davon, keiner kennt L., und so ist Delphine allein, als sie feststellt, dass L. ihr immer ähnlicher wird ... Ausgezeichnet mit dem Prix Renaudot 2015

DELPHINE DE VIGAN, geboren 1966, erreichte ihren endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman >No & ich< (2007), für den sie mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International 2008 ausgezeichnet wurde. Ihr Roman >Nach einer wahren Geschichte< (DuMont 2016) stand wochenlang auf der Bestsellerliste in Frankreich und erhielt 2015 den Prix Renaudot. Zuletzt erschien bei DuMont ihre Romane >Dankbarkeiten< (2019) und >Das Lächeln meiner Mutter< (2020). Die Autorin lebt mit ihren
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Ich möchte erzählen, wie und unter welchen Umständen L. in mein Leben trat, ich möchte den Kontext genau beschreiben, der es L. ermöglichte, in meine Privatsphäre einzudringen und sie mit Geduld zu annektieren. Das ist nicht so einfach. Und jetzt, wo ich diesen Satz hinschreibe, wie L. in mein Leben trat, ermesse ich, was diese Formulierung an Pompösem, leicht Übertriebenem an sich hat, wie sie eine Dramaturgie hervorhebt, die noch gar nicht existiert, wie sie eine Wendung oder Überraschung ankündigen zu wollen scheint. Ja, L. trat in mein Leben und löste darin langsam, sicher und heimtückisch eine tiefgreifende Erschütterung aus. L. trat in mein Leben wie mitten in der Vorstellung auf eine Bühne, als hätte ein Regisseur dafür gesorgt, dass sich ringsum alles zurücknimmt, um ihr Platz zu lassen, als wäre L.s Auftritt arrangiert worden, um seine Bedeutung zu unterstreichen, damit in genau diesem Augenblick der Zuschauer und die anderen Personen auf der Bühne (in diesem Fall ich) nur auf sie sehen, damit ringsum alles andere erstarrt und ihre Stimme bis zum Ende des Saals trägt, kurzum, damit sie Eindruck macht.

Aber ich greife vor.

Ich lernte L. Ende März kennen. Im September darauf bewegte sich L. in meinem Leben wie eine langjährige Freundin, wie auf vertrautem Terrain. Im September darauf hatten wir bereits unsere private jokes, eine gemeinsame Sprache aus Anspielungen und Doppelbödigkeiten, wir konnten uns mit Blicken verständigen. Unser Einverständnis wurde von vertraulichen Mitteilungen genährt, aber auch von Ungesagtem und schweigenden Kommentaren. Aus der Distanz und angesichts der Gewalt, die später unsere Beziehung bestimmte, könnte ich versucht sein zu sagen, L. sei in mein Leben eingebrochen, und zwar mit dem einzigen Ziel, mein Territorium zu annektieren, aber das würde nicht stimmen.

L. trat sanft und mit unendlichem Takt in mein Leben, und ich erlebte mit ihr Augenblicke erstaunlicher Verschworenheit.

Am Nachmittag vor unserer ersten Begegnung wurde ich zu einer Signierstunde auf der Pariser Buchmesse erwartet. Dort traf ich mich mit meinem Freund Olivier, der Gast bei einer Direktübertragung vom Radio-France-Stand war. Ich mischte mich unters Publikum, um ihm zuzuhören. Danach setzten wir uns mit Rose, seiner ältesten Tochter, in einer Ecke auf den abgenutzten Teppichboden der Messehalle und teilten uns ein Sandwich. Meine Signierstunde war für 14Uhr30 angekündigt, wir hatten also nicht viel Zeit. Olivier sagte mir ziemlich bald, ich sähe erschöpft aus, ja wirklich, besorgt fragte er, wie ich mit alldem zurechtkäme, womit er sowohl die Tatsache meinte, dass ich ein so persönliches, so intimes Buch geschrieben hatte, als auch das enorme Echo, das dieses Buch gefunden hatte, ein Echo, mit dem ich, wie er wusste, keine Sekunde lang gerechnet hatte und auf das ich also auch nicht vorbereitet gewesen war.

Später bot mir Olivier an, mich zu begleiten, und wir machten uns auf den Weg zum Stand meines Verlags. Wir kamen an einer dicht gedrängten Warteschlange vorbei, und ich fragte mich, vor welchem Autor sie wohl endete, ich weiß noch, dass ich den Blick hob und nach dem Plakat suchte, auf dem der Name stehen würde, und dann flüsterte mir Olivier ins Ohr: Ich glaube, die sind deinetwegen hier. Tatsächlich zog sich die Schlange immer länger hin, machte dann einen Knick und endete vor dem Stand, an dem ich erwartet wurde.

Zu anderen Zeiten und noch wenige Monate zuvor hätte mich das mit Freude und wahrscheinlich auch Eitelkeit erfüllt. Ich hatte auf verschiedenen Messen stundenlang brav hinter meinem Stapel Bücher gehockt und vergeblich auf Leser gewartet, ich kannte diese Ratlosigkeit, diese etwas peinliche Einsamkeit. Jetzt überkam mich ein ganz anderes Gefühl, eine Art Betäubung, und mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass dies zu viel sei, zu viel für einen einzigen Menschen, zu viel für mich. Olivier sagte, er werde mich nun allein lassen.

Mein Buch war Ende August erschienen, und seit einigen Monaten fuhr ich von Stadt zu Stadt, von Begegnungen zu Signierstunden, von Lesungen zu Diskussionen in Buchhandlungen, Bibliotheken und Mediatheken, wo mich von Mal zu Mal mehr Leser erwarteten.

Manchmal überwältigte es mich, dieses Gefühl, ins Schwarze getroffen zu haben, Tausende von Lesern mitgezogen, ins Schlepptau genommen zu haben, dieses wahrscheinlich trügerische Gefühl, verstanden worden zu sein.

Ich hatte ein Buch geschrieben, dessen Tragweite ich mir nicht hatte vorstellen können.

Ich hatte ein Buch geschrieben, dessen Wirkung sich in meiner Familie und in meiner Umgebung in mehreren Wellen ausbreiten würde, ein Buch, dessen Kollateralschäden ich nicht vorhergesehen hatte, das mir schon bald meine echten, aber auch die falschen Freunde zeigen würde und dessen Spätfolgen noch lange anhalten sollten.

Ich hatte mir die Vervielfältigung des Gegenstands und deren Folgen nicht vorgestellt, das hundert-, dann tausendfach reproduzierte Bild meiner Mutter, dieses Foto auf dem Buchumschlag, das beträchtlich zur Verbreitung des Textes beigetragen hatte, dieses Foto, das sich sehr bald von ihr getrennt hatte und auf dem nicht mehr meine Mutter war, sondern die verschwommene, diffuse Romanfigur.

Ich hatte mir die bewegten, tief beeindruckten Leser nicht vorgestellt, auch nicht, dass einige vor meinen Augen weinen würden und wie schwer es mir fallen würde, nicht mit ihnen zu weinen.

Es hatte dieses allererste Mal gegeben, in Lille, wo mir eine zarte und von mehreren Klinikaufenthalten sichtlich geschwächte junge Frau erklärt hatte, der Roman habe in ihr die verrückte, die unsinnige Hoffnung geweckt, ihre Kinder könnten sie, vielleicht, trotz allem, was geschehen und nicht wiedergutzumachen sei, trotz allem, was sie ihnen angetan habe, lieben …

Und ein anderes Mal in Paris, an einem Sonntagmorgen, als ein völlig kaputter Mann von der psychischen Störung sprach, vom Blick der anderen auf ihn, auf sie, die den anderen so viel Angst einjagten, dass sie alle in denselben Sack gesteckt wurden, Bipolare, Schizophrene, Depressive, je nach der aktuellen Tendenz und den Zeitschriftentitelseiten etikettiert wie folienverpackte Hähnchen, und Lucile, meine unberührbare Heldin, habe sie alle rehabilitiert.

Und noch andere, in Straßburg, Nantes oder Montpellier, Menschen, die ich manchmal am liebsten in die Arme geschlossen hätte.

Nach und nach baute ich mir mehr schlecht als recht eine unsichtbare Schutzwand auf, eine Sperrzone, die es mir ermöglichte weiterzumachen, da zu sein, die richtige Distanz zu halten, eine Bewegung des Zwerchfells, mit der ich die Luft auf der Höhe des Brustbeins blockierte, sodass ein winziges Kissen entstand, ein unsichtbarer Airbag, dessen Luft ich, sobald die Gefahr vorüber war, nach und nach durch den Mund ausatmete. So konnte ich zuhören, sprechen und das Netz verstehen, das sich um dieses Buch entspann, dieses Hin und Her zwischen Leser und Text, wobei das Buch den Leser fast immer – und aus einem Grund, den ich nicht erklären kann – auf seine eigene Geschichte zurückverwies. Das Buch war eine Art Spiegel, dessen Tiefenschärfe und Umrisse mir nicht mehr gehörten.

Doch ich wusste, früher oder später würde mich das alles einholen, die Zahl, ja die Zahl der Leser, der Kommentare, der Einladungen, die Zahl der Besuche in Buchhandlungen und der Stunden im TGV, und dann würde etwas unter dem Gewicht meiner Zweifel und meiner Widersprüche nachgeben. Ich wusste, eines Tages würde ich mich nicht mehr entziehen können, dann würde ich das genaue Maß der Dinge erfassen müssen, wenn ich mich schon nicht von ihnen befreien konnte.

An jenem Samstag auf der Buchmesse hatte ich pausenlos signiert. Die Leute waren gekommen, um mit mir zu sprechen, ich suchte mühsam nach Worten, um ihnen zu danken, ihre Fragen zu beantworten, ihren Erwartungen gerecht zu werden. Ich hörte meine Stimme zittern, ich rang nach Luft. Der Airbag funktionierte nicht mehr, ich schaffte es nicht mehr. Ich war porös geworden. Verwundbar.

Gegen 18Uhr war die Schlange mit Hilfe eines elastischen Bands zwischen zwei Ständern geschlossen worden, damit die Neuankömmlinge sich nicht mehr anstellten, sondern ihrer Wege gingen. Wenige Meter entfernt von mir hörte ich die Stand-Verantwortlichen erklären, dass ich jetzt aufhören würde: Sie muss weg, sie hört auf, es tut uns leid, sie geht jetzt.

Nachdem ich die Bücher derjenigen, die zu den Letzten der Schlange bestimmt worden waren, signiert hatte, blieb ich noch einige Minuten, um mit meiner Lektorin und dem Vertriebsleiter zu sprechen. Ich dachte an den Weg, den ich noch zum Bahnhof hatte, ich fühlte mich erschöpft, ich hätte mich auf dem Teppichboden ausstrecken und da liegen bleiben mögen. Wir unterhielten uns am Stand, ich mit dem Rücken zu dem Tischchen, an dem ich wenige Minuten zuvor gesessen hatte. Eine Frau trat von hinten an uns heran und fragte mich, ob ich ihr Buch signieren könne. Ich hörte mich Nein sagen, einfach so, ohne zu zögern. Ich glaube, ich erklärte ihr, wenn ich ihr Buch signieren würde, würden sich auch andere Leute anstellen, um eine Widmung von mir zu bekommen, und dann würde sich zwangsläufig wieder eine Schlange bilden.

Ich sah an ihrem Blick, dass sie es nicht verstand, nicht verstehen konnte, in unserer Nähe war niemand mehr, die Zuspätgekommenen hatten sich zerstreut, alles wirkte ruhig und friedlich, ich sah in ihren Augen, dass sie dachte, für wen hält sie sich eigentlich, diese blöde Kuh, was macht das schon, ein oder zwei Bücher mehr, denn deshalb sind Sie doch hier, um Ihre Bücher zu...



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