E-Book, Deutsch, 206 Seiten
Wachter Todesangst
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7427-8592-3
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 206 Seiten
ISBN: 978-3-7427-8592-3
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Daniel Wachter, geboren 1991 in Luzern, ist hauptberuflich Lokomotivführer bei den SBB. Nebenbei arbeitet er als Freizeitautor. Sein Debütroman 'Strich', den er mit 19 Jahren geschrieben hatte, wurde 2014 als E-Book und 2017 als Taschenbuch veröffentlicht. Weitere Werke: 'Menschensgedanken' (2017), 'Getäuscht' (2013-2017) und 'Todesangst' (2012), welcher als nicht ganz unvollendeter Entwurf zu einer unvollendeten Fortsetzung von 'Strich' gilt.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 2
23. Juli
07:32 Uhr
Wenige Minuten und eine leidenschaftliche Verabschiedung von Miguel später rauschte Fernanda zum zweiten Mal innert zwölf Stunden mit überhöhter Geschwindigkeit die Avenida Infante Santo herunter. Bei der Estrela-Basilika war sie glatt bei Rot über die Kreuzung gebraust, was beinahe zu einer Kollision mit einem Bus und wahrhaftig zu einem Hupkonzert der restlichen Verkehrsteilnehmer geführt hatte.
Nachdem sie auf der abschüssig angelegten Unterführung beinahe abgehoben wäre, bog sie nicht wie üblich nach rechts in die Haarnadelkurve zur Kriminalabteilung der PSP ab, sondern fuhr geradeaus weiter auf die Avenida de Brasilia.
Nachdem sie einen halben Möchtegern-Park durchquert hatte und bei der Unterführung zum Bahnhof Alcântara-Mar beinahe einer Fussgängergruppe den Garaus gemacht hatte, bremste sie auf dem Parkplatz am Doca de Santo Amaro ab und hinterliess einen fetten schwarzen Strich auf der Fahrbahn.
Der ehemalige Handelshafen war einem noblen Jachthafen gewichen, die Hafengebäude wurden zu einer Restaurant- und Barzeile umgebaut, welche sich – den tiefen Preisen sei Dank – zu einer vor allem bei jungen Touristen zu einer beliebten Partymeile gemausert hatte.
Mit noch müden Augen trottete sie den mittlerweile geschlossenen Bars und Clubs entlang. Den winkenden Carvalho erkannte sie schon von Weitem, was sie den Magen umdrehen liess. Sie spielte mit dem Gedanken, ihn ins Wasser zu schubsen.
Über eine Verbindungsbrücke sprang sie auf den Steg und näherte sich ihrem Kollegen.
'Die sieht ja unzufrieden aus. Vielleicht hat ihr eine Portion João Carvalho gefehlt', dachte Carvalho, als er die ungekämmte Pinta auf sich zuhasten sah. Der Wind zersauste ihre Haare und liess den Kommissar an eine rotierende Windmühle erinnern.
Er hob zur Begrüssung die Hand, doch sie erwiderte die Geste nicht.
„Was geht ab?“, fragte sie stattdessen. Meine Güte, war die ursprünglich blond oder was? Carvalho hatte es ihr am Telefon klipp und klar erklärt, wie der Sachverhalt aussah. Und nun so eine Frage!
„Da der IQ-Durchschnitt dank ihrer Ankunft nun fast in den Minusbereich gesunken ist, können wir loslegen!“, sagte er missmutig, verzog aber keine Miene.
Mit offenem Mund blickte Fernanda ihren Kollegen an. Echt jetzt? Welch eine Unverschämtheit gerade seine Fresse verlassen hatte!
Carvalho schien den Moment des Schweigens genutzt zu haben, denn er marschierte los und hielt auf einen Seitensteg zu. Sie folgte ihm. Der Hafen schien voll belegt zu sein, was in Betracht der Jahreszeit auch nicht ungewöhnlich schien. Auf einer grossen weissen Motorjacht, welche in ihren Dimensionen fast zu übermächtig für den Hafen schien, tummelten sich Beamten der Spurensicherung, selbsternannte Götter in Weiss.
Carvalho und Fernanda schritten über eine wacklige Brücke auf das Schiff.
„Wie sieht's aus?“, wandte Carvalho das Wort an alle Anwesenden. Doch keiner schien sich verantwortlich zu sehen, dem Maestro Antwort zu geben. Also räusperte sich Carvalho und wiederholte die Frage. Eine missmutige Bemerkung unterliess er jedoch, man wollte sich doch nicht mit den Damen und Herren Kollegen verschätzen.
Erst jetzt blickte einer der Beamten auf.
„Der Kapitän hat die Leiche heute Früh entdeckt, als er den Kahn rüber nach Cascais schippern wollte.“, erklärte er.
„Wie kam sie ins Boot?“, mischte sich Fernanda in die Konversation ein.
„Der Kapitän wird gerade befragt“
„Wo und zum Teufel von wem?“
„Dort drüben!“
Der Beamte wies auf die Spitze des Piers, wo zwei uniformierte Beamte mit einem Mann sprachen.
„Um wen kümmern wir uns nachher“, sagte Carvalho. „Wo ist die Leiche?“
„Folgen Sie mir bitte!“
Der Spurensicherungsbeamte betrat mit Carvalho und Fernanda im Schlepptau das Innere der Jacht. Sie war nobel eingerichtet, Samtvorhänge an den Fenstern schützten das Interieur von neugierigen Blicken. Vier rote Sofas wurden um einen quadratischen Glastisch gruppiert, daneben stand eine Bar, welche eine ansehnliche Sammlung von Schnapsflaschen vorweisen konnte.
Auf einem der vier Sofas lag sie. Da die Vorhänge zurückgezogen waren, um Licht in den Salon zu schaffen, liess das Licht der aufgehenden Sonne die Haut des Opfers golden glänzen. Sie besass eine ähnliche Haarfarbe wie Terésa. Sie trug ein knappes Höschen und einen BH, beides in samtrotener Farbe gehalten. Auf ihrem nackten Bauch war die Eintrittstelle des Messers sichtbar. Der Parkettboden war mit Blutseen übersät, die getrocknet waren.
„Gibt es Hinweise auf die Tatwaffe?“, fragte Carvalho.
„Sie weist drei tödliche Stiche in der Magengegend auf, zugefügt mit einer fünf bis zehn Zentimeter langen Klinge! Der Fundort ist mit dem Tatort identisch, was das Blut auf dem Boden zeigt. Sie ist sicherlich in der letzten Nacht gestorben.“
„Das klingt für mich wie bei der Toten in der Alfama“, sagte Carvalho und wandte sich an Fernanda. „Was meinen Sie?“
Fernanda atmete laut aus. „Dieser Fakt lässt auf einen Zusammenhang zwischen den Fällen schliessen!“
„Überflüssig“, äusserte sich Carvalho knapp.
„Wie bitte?“
„Ihre Antwort. Dasselbe habe ich auch gedacht!“, brummte Carvalho und trat ins Freie. Erste Sonnenstrahlen erreichten sein Gesicht.
Die beiden Kriminalbeamten traten auf die Kaianlage und spazierten der immerzu brummenden Ponte 25 de Abril, welche unmittelbar am Doca de Santo Amaro in dutzenden Meter Höhe vorbeiführt, entlang zur Spitze des Piers. Hinter der Häuserzeile wurde eine grosszügige Quaianlage mit parkähnlichen Elementen angelegt, welcher durch eine Abstellanlage der Eisenbahn von den drei lärmbelasteten und verkehrsintensiven Hauptverkehrsachsen Richtung Belém und stadtauswärts nach Oeiras, Estoril und Cascais, der Avenida de Brasilia, der Linha de Cascais und der Avenida de India getrennt war, so dass abgesehen vom Summen der Hängebrücke, deren Kastenträger unmittelbar über den Köpfen von Carvalho und Fernanda schwebte, ein wenig Ruhe am Tejo herrscht.
Die beiden gesellten sich zur kleinen Menschengruppe, bestehend aus zwei Streifenpolizisten und einem Mann mit weissem Poloshirt, offensichtlich dem Kapitän der Jacht.
„Wer sind Sie?“, fragte Carvalho.
„João Gomez de…“, begann einer der Streifenpolizisten stolz, doch Carvalho unterbrach ihn, bevor er seinen Namen vollenden und mit seinem Dienstgrad ergänzen konnte, mit einer abfälligen Geste der linken Hand.
„Schon gut, danke. Ab hier übernehmen wir. Sie können gehen!“
Wie geprügelte Hunde schlichen die beiden Streifenpolizisten vom Platz, verzicheten jedoch darauf, Carvalhos Bemerkung zu kontern. War ja nichts Neues von ihm.
„Ich bin João Carvalho von der kriminaltechnischen Abteilung der Polícia Segurança Pública und das ist meine Kollegin Fernanda Pinta. Sie haben also das Opfer gefunden?“
Der Hobbykapitän nickte.
„Wie ist Ihr Name“, fragte Fernanda.
„Manuel Ferreira“
„Wie haben Sie sie gefunden?“
„Ich hatte vom Besitzer der Jacht den Auftrag, sie wieder an den Stammplatz drüben in Cascais zu überführen. Ich habe sie dann gesehen, als sie tot auf dem Sofa lag.“
„Wissen Sie, wie sie ins Schiff gelangen konnte?“
Ferreira zuckte mit den Schultern. „Meines Wissens war der Besitzer der Jacht Gastgeber einer Party.“
„Ihres Wissens? Waren Sie nicht eingeladen?“, spottete Carvalho.
„Nein. Ich habe mit dem Besitzer nur schriftlichen Kontakt mittels eines Mittelsmannes. Ich weiss nicht, wem das Schiff gehört. Ich darf ihn auch nicht zu Gesicht bekommen.“
'Komische Regel', dachte Carvalho. „Darf ich das Kennzeichen des Schiffes in Erfahrung bringen?“
Ferreira nickte und holte ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus der Brusttasche seines Poloshirts, welches er Carvalho übergab; dieser entfaltete es umgehend und musterte es.
„Vielen Dank! Wo waren Sie letzte Nacht?“
Ferreira schien mit der Frage gerechnet zu haben. „In meiner Wohnung in Benfica. Meine Frau kann das bezeugen!“
Carvalho nickte knapp und tippte zum Gruss an die Stirn. „Sie können gehen!“
„Danke!“ Ferreira stapfte davon.
„Was nun?“, fragte Fernanda.
„Jetzt bringen wir den Besitzer der Jacht in Erfahrung“
„Aber Ferreira hat doch gesagt…“
Du dummes Lottchen! „Aus irgendwelchem Grund habe ich ja das Kennzeichen verlangt. Wahrscheinlich um das Boot auf eBay zu verkaufen!“ Nachdem Carvalho den eingeschüchterten Gesichtsausdruck Fernandas sah, fügte er hinzu:
„Tut mir Leid, ich hätte Sie nicht so anfahren sollen. Mit den Schiffen ist es dasselbe wie mit den Autos. Das Kennzeichen weist auf den Besitzer hin.“
„Und was ist, wenn Ferreira als Besitzer eingetragen ist?“
„Sie haben mit Ihrer Vermutung Recht gehabt?“, brummte Carvalho eine Viertelstunde später, als beide in seinem Büro in Alcântara sassen und klatschte ein zusammengeheftetes Dossier auf den Tisch.
„Ferreira ist als Besitzer des Schiffes eingetragen“, donnerte der Kommissar.
„Was bedeutet das?“, fragte sie fast überflüssig und erwartete halb einen weiteren Ausbruch Carvalhos.
Und sie behielt Unrecht. Hätte sie den Ausbruch doch nur total erwartet…
„Was das bedeutet? Das fragst du,...




