Waldman Der amerikanische Architekt
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-89561-856-7
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 512 Seiten
ISBN: 978-3-89561-856-7
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Amy Waldman, Jahrgang 1969, leitete acht Jahre lang das Südasien-Büro der New York Times und war dort Korrespondentin für The Atlantic. Ihr Roman Der amerikanische Architekt wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Sie lebt in Brooklyn.
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Die Namen«, sagte Claire. »Was ist mit den Namen?«
»Sie dienen doch nur als Dokumentation«, antwortete die Bildhauerin. Die anderen Künstler, der Kritiker und die beiden Kuratoren für Kunst im öffentlichen Raum, die um den Esstisch versammelt waren, nickten so einhellig zu Arianas Worten, als stünden sie unter ihrem Bann. Sie war das berühmteste und einflussreichste Mitglied der Jury, Claires größtes Problem.
Ariana hatte am Kopf des Tischs Platz genommen, als führte sie den Vorsitz. In den letzten vier Monaten hatte die Jury an einem runden Tisch getagt, an dem sich dieses Problem nicht stellte, in einem Büro hoch über dem verwüsteten Gelände. Die anderen Juroren hatten Rücksicht auf den Wunsch der Witwe genommen, mit dem Rücken zum Fenster zu sitzen, so dass sie den Ort des schrecklichen Geschehens nur auf dem Weg zu ihrem Platz als undeutlichen grauen Fleck wahrnahm. Heute jedoch hatte sich die Jury für die endgültige, entscheidende Debatte am langen Esstisch von Gracie Mansion, dem Sitz des New Yorker Bürgermeisters, zusammengefunden. Und Ariana hatte ohne vorherige Absprache und ohne jeden Anlass, wie es schien, den Ehrenplatz am Kopf des Tischs eingenommen, ein eindeutiger Hinweis darauf, dass sie fest entschlossen war, ihren Willen durchzusetzen.
»Die Namen der Toten sind eine selbstverständliche Voraussetzung und werden in den Ausschreibungsbedingungen explizit verlangt«, fuhr sie fort. Für eine so herbe Person hatte sie eine geradezu honigsüße Stimme. »Aber in der idealen Gedenkstätte werden nicht die Namen die Emotionsträger sein.«
»Für mich schon«, sagte Claire mit gepresster Stimme und empfand eine gewisse Befriedigung angesichts der gesenkten Blicke und der betretenen Mienen der anderen Anwesenden. Natürlich hatte der Anschlag auch ihnen viel genommen – das Gefühl, dass ihr Land unangreifbar war, das sichtbarste Wahrzeichen ihrer Stadt, vielleicht Freunde oder Bekannte. Aber sie war die Einzige, die ihren Mann verloren hatte.
Claire hatte keine Skrupel, sie am heutigen Abend, an dem die endgültige Entscheidung über die Gedenkstätte fallen würde, daran zu erinnern. Gemeinsam hatten sie fünftausend anonyme Bewerbungen gesichtet. Eigentlich hätte die jetzt anstehende endgültige Entscheidung zwischen den beiden übrig gebliebenen Entwürfen ein Kinderspiel sein müssen. Aber nach einer dreistündigen Diskussion, zwei Abstimmungsrunden und zu viel Wein aus den Privatbeständen des Bürgermeisters wurde die Stimmung immer gereizter und aggressiver, drehte sich die Debatte immer mehr im Kreis. Der Garten, Claires Favorit, war zu schön, betonten Ariana und die anderen Künstler immer wieder. Zu sehen war ihr Beruf, aber was den Garten anbelangte, wollten sie anscheinend partout nicht sehen, was Claire sah.
Das Konzept des Gartens war denkbar einfach: ein von Mauern eingefasster quadratischer, streng geometrisch untergliederter Raum. In der Mitte lud ein etwas erhöhter Pavillon zur Besinnung ein. Zwei breite, rechtwinklig aufeinandertreffende Kanäle viertelten das sechs Hektar große Gelände. Gehwege innerhalb der vier Quadranten bildeten zusammen mit den Bäumen, den echten und denen aus Stahl, die wie in einer Baumschule in Reih und Glied ausgerichtet waren, ein Raster. Die Namen der Opfer sollten auf den Innenflächen der weißen, neun Meter hohen Umfassungsmauer aufgelistet werden, so angeordnet, dass das Textfeld den Umriss der zerstörten Gebäude ergab. Die stählernen Bäume riefen die Türme noch buchstäblicher in Erinnerung: Sie würden aus den gefundenen Metallüberresten hergestellt werden.
Vier Zeichnungen zeigten den Garten im Lauf der Jahreszeiten. Am meisten liebte Claire die holzschnittartige Darstellung des winterlichen Gartens: Schnee bedeckte den Boden wie ein Bahrtuch, die kahlen echten Bäume wirkten wie aus Zinn gemacht, die aus Stahl hatten im Licht eines Spätnachmittags einen rosigen Schimmer angenommen, die onyxartigen Flächen der Kanäle glitzerten wie gekreuzte Schwerter. Schwarze Lettern hoben sich klar und deutlich von den weißen Mauern ab. Schönheit war schließlich kein Verbrechen, aber der Garten war mehr als nur schön. Sogar Ariana musste zugeben, dass die spartanischen Bäume aus Stahl ein unerwartetes Element darstellten – Erinnerung daran, dass ein Garten trotz aller Natürlichkeit etwas von Menschen Gemachtes war, perfekt für eine Stadt, in der Plastiktüten zusammen mit den Vögeln durch die Luft schwebten und das Abtropfwasser der Klimaanlagen sich mit dem Regen mischte. Von der Form her wirkten die stählernen Bäume organisch, würden aber nicht dem von den Jahreszeiten bestimmten Werden und Vergehen eines Gartens unterliegen.
»Wir empfinden Das Nichts als zu düster«, sagte Claire, nicht zum ersten Mal. Wir – das waren die Familien, die Angehörigen der Toten. In dieser Jury stand nur sie allein für dieses Wir. Sie hasste Das Nichts, Arianas Favoriten, den zweiten Finalisten, und war sicher, dass es den anderen Angehörigen genauso gehen würde. Das Nichts hatte überhaupt nichts Nichtsartiges. Vielmehr wirkte der gigantische, etwa zwölf Stockwerke hohe Quader aus schwarzem Granit, der schräg aus einem riesigen ovalen Teich aufragte, auf den Zeichnungen wie ein klaffender Riss im Himmel. Die Namen der Toten sollten in die Oberfläche des Quaders eingemeißelt werden und sich im Wasser des Teichs spiegeln – eine Anlehnung an die sich ebenfalls spiegelnden Namen des Vietnam Veterans Memorial in Washington. Allerdings, fand Claire, eine völlig verfehlte. Derartige Abstraktionen funktionierten nur, wenn man sie berühren konnte, so dicht daran herangehen konnte, dass der Maßstab sich veränderte. Aber die Namen auf dem Quader ließen sich nicht berühren, waren nur mit Mühe zu entziffern. Der einzige Vorteil des Nichts war seine Höhe. Claire fürchtete, manche der Familien – mit ihrem übertriebenen Patriotismus, ihrer Engstirnigkeit – könnten den Garten so verstehen, als überlasse man den Feinden Amerikas ein Stück Territorium, auch wenn dieses Territorium nur aus Luft bestand.
»Gärten sind Fetische der europäischen Bourgeoisie«, sagte Ariana und deutete auf die Wände des Esszimmers, die mit einem Panorama üppiger Bäume tapeziert waren, zwischen denen winzige, förmlich gekleidete Männer und Frauen lustwandelten. Ariana selbst war wie üblich von Kopf bis Fuß in eine Art Haferschleimgrau gewandet, für das sie das Patent besaß, Hommage an und Persiflage auf Yves Kleins leuchtendes Blau.
»Fetische der Aristokratie«, korrigierte der einzige Historiker in der Jury. »Die Bourgeoisie hat den Adel nur nachgeäfft.«
»Sie ist übrigens französisch, die Tapete«, warf die Assistentin des Bürgermeisters, seine Vertreterin in der Jury, ein.
»Der springende Punkt ist jedenfalls«, fuhr Ariana fort, »dass Gärten nichts für unser Land Typisches sind. Typisch für uns sind Parks. Formale Gärten sind kein Teil unserer Tradition.«
»Erfahrungen zählen mehr als Traditionen«, sagte Claire.
»Nein. Traditionen sind Erfahrungen. Wir sind darauf gepolt, an bestimmten Orten bestimmte Gefühle zu empfinden.«
»Friedhöfe«, ließ Claire, in der sich eine alte Hartnäckigkeit zu Wort meldete, nicht locker. »Wieso sind sie so oft die schönsten Orte in einer Stadt? Es gibt ein Gedicht – von George Herbert – mit den Zeilen: »Wer hätt’ gedacht, mein trauernd’ Herz, könnt’ Grünes wieder finden?« Eine Freundin aus Collegezeiten hatte ihr eine Beileidskarte mit diesem Zitat geschickt. »Der Garten«, fuhr sie fort, »wird ein Ort sein, an dem wir – die Angehörigen, einfach jeder – auch Freude finden können. Mein Mann …«, sprach sie weiter, überlegte es sich anders und verstummte, während die Juroren sich aufmerksam vorbeugten, um zu hören, was sie sagen wollte. Ihre Worte blieben in der Luft hängen wie ein Rauchschleier.
Ariana blies ihn fort. »Tut mir leid, aber die Gedenkstätte ist kein Friedhof, sondern ein nationales Symbol, eine historische Mahnung, ein Versuch, jeden Besucher – egal welche zeitliche oder örtliche Distanz zwischen ihm und dem Geschehen liegt – nachempfinden zu lassen, wie es sich anfühlte, was es konkret bedeutete. Das Nichts ist emotional, zornig, düster, brutal, weil es an jenem Tag keine Freude gab. Man kann nicht sagen, ob sich der Quader emporreckt oder ob er kippt, und das ist ehrlich und entspricht genau dem historischen Augenblick, um den es geht. Das Nichts ist geschaffene Zerstörung, was der tatsächlichen Zerstörung, im dialektischen Umkehrschluss gesprochen, ihre Macht nimmt. Der Garten dagegen appelliert an unsere Sehnsucht nach Heilung, die zwar ein natürliches, aber nicht gerade ein besonders hoch entwickeltes Gefühl ist.«
»Haben Sie etwas gegen Heilung?«, fragte Claire.
»Natürlich nicht. Wir sind nur unterschiedlicher Meinung, welches die beste Methode ist, sie herbeizuführen«, antwortete Ariana. »Ich finde, man muss sich dem Schmerz stellen, ihm ins Gesicht sehen, völlig darin aufgehen, bevor man den nächsten Schritt machen kann.«
»Ich werde es mir merken«, gab Claire zurück und legte die Hand über ihr Weinglas, bevor der Kellner es nachfüllen konnte.
Paul bekam nur noch am Rande mit, wer was sagte. Seine Juroren hatten das von ihm georderte Wohlfühlessen – Brathähnchen, Kartoffelpüree, Rosenkohl mit Speck – zwar gegessen, aber anscheinend hatte es nicht viel zu ihrem Wohlbefinden beigetragen. Er war stolz darauf, gut mit dominanten Frauen umgehen zu...




