Walpole | Zug ans Meer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Walpole Zug ans Meer


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7844-8221-7
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-7844-8221-7
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Licht- und Schattenseiten des menschlichen Charakters, die Geheimnisse der Seele, die scheinbare Unvereinbarkeit von Denken und Tun - Hugh Walpole war nichts Menschliches fremd. Ob ältere Damen, vom Flieder der Liebe berauschte ewige Junggesellen oder eine haarige Vater-Sohn-Beziehung, alles wird einem gleichermaßen liebevollen wie scharfen Blick für jedes Detail unterworfen

Sir Hugh Seymour Walpole wurde 1884 in Neuseeland geboren und lebte später in Cornwall. Der vielseitige Schriftsteller verfasste neben seinem wohl bekanntesten Werk, den Herries Chronicles, auch Jugendromane und Schauergeschichten. Zeitgenossen wie Ernest Hemingway und Joseph Conrad priesen seine Werke. Für die Verfilmung von Charles Dickens' David Copperfield (1935) schrieb er das Drehbuch ebenso wie für Frances Hodgson Burnetts Der kleine Lord. 1937 wurde er geadelt und verstarb 1941 in London.
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ZUG ANS MEER

Eine Woche vor Weihnachten gab Familie Godley eine große Gesellschaft.

Vielleicht entspricht es nicht ganz den Tatsachen, wenn man sagt, »sie gaben eine Gesellschaft«, denn es war einfach ein Abend, wie er bei den Godleys so häufig zustande kam, nachdem Muriel zu jemand gesagt hatte: »Doch, stimmt ja, heute Abend sind wir alle zu Hause«, oder wenn Frank zu seiner besten Freundin bemerkte: »Komm mal vorbei, wenn du nichts Besseres vorhast«, oder wenn Vater Godley sich von seinem besten Freund verabschiedete: »Na, du weißt ja, Harry, du bist immer willkommen.«

Durch flüchtige Bemerkungen wie diese, stets mit echt Godley‘scher Aufrichtigkeit und guter Laune und Großzügigkeit geäußert, war es auch diesmal zu einer Gesellschaft gekommen, sodass Mrs Godley plötzlich eifrig dabei war, ihre beliebten Kuchen zu backen und kaltes Brathuhn vorzubereiten und nachzuschauen, ob für die Bowle genügend Mosel im Haus war.

Sie wusste, dass ein »paar Freunde« kommen würden, und das bedeutete ein Haus voller Gäste, denn ihre Freunde brachten andere mit, die die Godleys noch nie im Leben gesehen hatten: »Oh, natürlich könnt ihr kommen, es sind die gutmütigsten Menschen von der Welt, und sie haben immer haufenweise zu essen und zu trinken, und wir tanzen ein bisschen, und wer will, kann Karten spielen.« Und den Freunden, die von den Freunden mitgebracht wurden, gefielen die Godleys so gut, dass sie im Stillen entschlossen waren, wiederzukommen.

Das Haus war groß genug für eine Schar von Gästen – ein großes, weitläufiges Gebäude mit ein wenig Garten nach vorne und nach hinten hinaus, und es lag linker Hand am Putney-Hügel, nicht weit von dem Haus »Die Kiefern«, in dem früher der berühmte Dichter Swinburne gelebt hatte. Die Godleys wohnten seit zwanzig Jahren in ihrem Haus. Alle Kinder waren dort zur Welt gekommen, mit Ausnahme von Tracy, der unversehens in Bournemouth erschienen war. Magdalena, das älteste Godley-Mädchen, war jetzt neunzehn und betrachtete das Haus als ihr eigenes. Sechs Godley-Kinder waren es, und alle betrachteten sie das Haus als ihr eigenes: Die einzigen Leute, denen es nicht richtig zu gehören schien, waren Mr und Mrs Godley.

Mrs Godley war eine hübsche Frau, trotz der sechs Kinder, die sie geboren hatte, und ihr einziger Fehler war es wohl, dass sie breit und nicht sehr groß war. Sie hatte pechschwarzes Haar, die schönsten schwarzen Augen und eine frische Gesichtsfarbe. Sie war fröhlich und gutmütig und warmherzig. Tom Godley war blond, hatte aber eine ähnliche Figur wie seine Frau, denn er war dick und klein. Er gehörte zu jener Sorte von Menschen, die stets so gutmütig sind, dass jeder ihre Gutmütigkeit als selbstverständlich voraussetzt.

Jedermann begönnerte ihn, nicht zum wenigsten seine eigene Familie, und das nicht, weil er ein Schwächling oder Dummkopf gewesen wäre, sondern weil er nie die Beherrschung verlor und lieber jedem Menschen recht gab, anstatt einen Streit heraufzubeschwören. Er war Bücher-Revisor und hatte ein ausgezeichnetes Geschäft, und obendrein hatte ihm noch eine alte Tante, die ihn liebte, eine sehr beträchtliche Geldsumme hinterlassen, sodass die Godleys wohlhabend waren und sich nichts abgehen zu lassen brauchten.

Es waren lauter kluge Kinder. Magdalena lebte im Elternhaus; die drei älteren Jungen gingen in Harrow in die Schule, und Bobby, der Jüngste, achtjährig, war noch zu Hause. Doch jetzt waren alle sechs daheim, denn es war nur noch eine Woche bis Weihnachten.

Vom frühen Morgen bis zum späten Abend war ein Höllenlärm im Haus, aber das fand jeder herrlich. Die Godleys waren von jeher an lautes Getöse gewöhnt, und da sie alle gesund und netter Gemütsart waren, so war es immer ein höchst liebenswürdiger Krach. Am stillsten war Tom. Miss Brent, eine sehr alte Freundin der Familie, pflegte zu sagen: »Tom Godley ist anders, als ihr glaubt. Er hat eine lebhafte und fröhliche Familie, deshalb bemüht er sich, auch lebhaft und fröhlich zu sein, aber das ist nicht seine wahre Natur. Wenn er andere Kinder hätte, würdet ihr euch schön wundern über ihn. Ich weiß, was ich sage, glaubt’s nur.«

Miss Brent schloss ihre Behauptung stets mit diesem Satz, und keiner widersprach ihr jemals. Einmal meinte sie zu Mrs Godley:

»Glaubst du, Tom gefällt das Leben, das er hier so führt?«

»Was für eine Frage!«, rief Mrs Godley. »Selbstverständlich!«

»Da bin ich gar nicht so überzeugt. Verreist ihr beide eigentlich nie mal allein?«

Mrs Godley lachte: »Allein? Wie könnten wir denn jemals allein sein? Dazu käm’s nie, selbst wenn wir es wollten.«

Miss Brent verzog die Mundwinkel. Sie ließ Mrs Godley ein bisschen beunruhigt zurück. So wirkte sie immer auf die Leute. Und daher sagte Mrs Godley ein wenig später zu ihrer ältesten Tochter Magdalena:

»Maggie, Herzchen, du findest doch nicht, dass mit Vater etwas los ist, nicht wahr?«

Magdalena glich ihrer Mutter in der Haut- und Haarfarbe, war aber sehr groß und ausgesprochen herrschsüchtig. Ihr ganzes neunzehnjähriges Leben lang hatte es ihr behagt, andere Leute zu dirigieren, und schon in sehr jugendlichem Alter entdeckte sie, dass von zehn menschlichen Lebewesen neun nicht sehr genau wussten, was sie eigentlich tun oder wohin sie gehen wollten, sodass sie also bei jedermann ihren Kopf durchsetzte. Sie war immer bezaubernd, verlor nie ihre gute Laune und lachte sehr viel.

»Ach, natürlich kommst du«, sagte sie etwa. »Unsinn! Punkt zehn bist du hier!« Und die betreffende Person tat’s auch immer. Sie war praktisch und hatte gesunden Menschenverstand. Wenn sie einen Fehler hatte, dann den, dass ihr die sanften Eigenschaften abgingen – Züge, die man früher an Frauen zu bewundern pflegte. Sie neigte eher dazu, mit erhobener Stimme zu reden; sie war in jeder Sportart beschlagen; sie war sehr gut, wenn jemand krank war, und dann scheute sie keine Mühe: Sie hatte eine unbegrenzte Energie.

*

Am Nachmittag ging Tom Godley zum Parkplatz, wo sein Wagen stand, und zweierlei fiel ihm auf: erstens, dass er ein bisschen nervös war, zweitens, dass sie einen wunderschönen Tag hatten: scharfe, trockene Kälte mit strahlend blauem Himmel. Er holte den Wagen und schickte sich an, nach Putney zu fahren. Dabei besann er sich, weshalb er so gereizt sein mochte. Er schalt jemand nach, der ihn zu überholen versuchte, und plötzlich wurde ihm klar, dass er heute Abend keine Gesellschaft haben wollte. Das war seltsam, denn er hatte stets gewollt, was seine Kinder wollten; doch nun erinnerte er sich, dass er in seiner Jugend Gesellschaften verabscheut hatte.

Wie anders war er damals gewesen! Ein scheuer, ziemlich zurückhaltender Junge, der gerne las, die Vögel beobachtete und ganze Nachmittage verschwand, um im Fluss hinter dem alten Haus in Wiltshire, in dem seine Eltern wohnten, für sich allein zu angeln. Damals hatte er hochfliegende Träume gehegt. Er glaubte, er würde ein Dichter werden. Bei der Erinnerung daran – er hatte so viele, viele Jahre nicht mehr daran gedacht – musste er laut lachen. Tom Godley, der große Dichter! Wie sich alle über ihn lustig machen würden, wenn sie es wüssten!

Er war – wie jetzt seine Söhne – auch in Harrow zur Schule gegangen, und dann, weil er ein guter Kricketspieler und ein freundlicher Bursch war, hatte ihn das Leben in ein fröhliches Schlepptau genommen. Es war so leicht, zu allen nett zu sein. Er war gescheit und hatte eine gute Portion gesunden Menschenverstand, daher war er zu der Erkenntnis gekommen, dass es vernünftig sei, Geld zu verdienen. Weshalb, das war ihm nie so recht klar geworden, abgesehen davon, dass man, wenn man Geld hatte, auch Macht besaß und sich kaufen konnte, was man haben wollte.

Was war denn nur heute mit ihm los? Er musste sich plötzlich fragen, ob er alles hatte, was er haben wollte. Er war leidenschaftlich in seine Frau verliebt gewesen, und sie in ihn, und nun musste er an die Flitterwochen denken, die sie in Plimpton-Strand verlebt hatten. Sie hatten Anfang Dezember geheiratet, und aus irgendeinem verrückten Grund hatten sie die Flitterwochen in einem leeren Hotel an der Südküste verbracht. Stürme hatten getobt, das Hotel war verödet, und doch war es die glücklichste Woche seines Lebens gewesen. Seit Jahren hatte er schon nicht mehr daran gedacht, und er nahm an, dass es seiner Frau ebenso ergangen war.

Wenn er jetzt sein Leben überschaute, schien es ihm, als sei er seit jener ersten Woche nie wieder mit seiner Frau allein gewesen, doch das erste Jahr ihrer Ehe war sehr glücklich gewesen. Selbst damals schon hatten ihre Freunde begonnen, sie oft aufzusuchen, weil sie so warmherzige Menschen waren, und seit dann Magdalena da war, hatte es immer eine Menge fröhliches Getöse und Gelächter gegeben. Gelächter!

Er war jetzt fast zu Hause, nur die Verkehrsampeln hielten ihn noch auf. Doch während er so dasaß und auf die breite, selbstgefällige Rückseite des Wagens vor ihm starrte, dachte er wieder, wie still es in jener ersten Woche seiner Ehe gewesen war. Nur das Rauschen des Meeres!

So deutlich, als sei er mittendrin, sah er die langen, leeren Hotel-Korridore vor sich, sah, wie Mary und er selbst aus dem Zimmer traten und zum Essen hinuntergingen; nirgends ein Laut und keine Menschenseele zu sehen; und dann der lange Esssaal mit den kleinen, leeren Tischen und der stämmige alte Ober mit den freundlichen Augen und der Stupsnase, für den Mary sich so erwärmte. Ja, die langen, leeren Gänge und Mary – stolz auf ihr neues Abendkleid, das sie niemandem...


Sir Hugh Seymour Walpole wurde 1884 in Neuseeland geboren und lebte später in Cornwall. Der vielseitige Schriftsteller verfasste neben seinem wohl bekanntesten Werk, den Herries Chronicles, auch Jugendromane und Schauergeschichten. Zeitgenossen wie Ernest Hemingway und Joseph Conrad priesen seine Werke. Für die Verfilmung von Charles Dickens' David Copperfield (1935) schrieb er das Drehbuch ebenso wie für Frances Hodgson Burnetts Der kleine Lord. 1937 wurde er geadelt und verstarb 1941 in London.



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