Walter | Ausatmen - Liebesgeschichten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 131 Seiten

Walter Ausatmen - Liebesgeschichten

Es geht nicht darum sie zu fragen wie es ihr geht, es geht immer darum, zuzuhören, wenn sie antwortet.
3. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7575-0873-9
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Es geht nicht darum sie zu fragen wie es ihr geht, es geht immer darum, zuzuhören, wenn sie antwortet.

E-Book, Deutsch, 131 Seiten

ISBN: 978-3-7575-0873-9
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Liebesgeschichten! Von dem, was sie anrichtet, die Liebe, was sie uns allen antut, soll hier die Rede sein. Auch vom Glück und vom Unglücklichsein. Und dann ist ja da auch noch die Sehnsucht ... Niemand wird verschont. Da ist die aufs Land geratene unglückliche Bauersfrau, deren gelebte Liebe im Internet stattfindet. Da ist auch er, der Mann, der auf dem Weg zur Arbeit ist, den die vergangene Nacht und die Gedanken an Hannah nicht loslassen. Von einem Mann in einem feinen Anzug handelt eine elektrisierende erotische Geschichte. Er macht einer nackten Frau, die einen Puma an der Leine durch einen Flughafen führt, seine Aufwartung. Und da ist das Kummerleben, welchem der wahrsagende November bescheinigt, Pulsadern, Messer und blutige Handgelenke gesehen zu haben. All das und mehr sind Geschichten, die mit poetischen Zwischentexten verbunden sind, um als Ganzes der Liebe, dem Glück, aber auch den damit verbundenen Herzschmerzen ein weiteres Denkmal zu setzen.

Mit sechzehn Jahren bekam Tom Walter seine erste Gitarre, damals, da oben, in der Provinz. Ab dann aber war sie immer an seiner Seite. Er nahm sie zum Rudern, zum Angeben, um Autogramme drauf schreiben zu lassen und um sie - und viele andere später auch, irgendwo liegen zu lassen. Heute ist Tom Walter nach wie vor Musiker und Chef eines mobilen Kindervarités, komponiert Musik, veröffentlicht sie, schreibt Erzählungen, Kurzgeschichten und Gedichte. Er ist sein eigener Songtexter und allerbester Freund. Kann man mehr erwarten? Natürlich! Was vergessen? Oh ja ...
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Autoren/Hrsg.


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S-Bahn, Geheimnisse und Bilder,

die ein Leben malt

Einer nach dem anderen schlenderte teilnahmslos ins S-Bahn-Abteil, plumpste auf einen Sitz oder lehnte an freien Plätzen an der Automatiktür. Junge Leute waren das, auch alte, einer mit Fahrrad, ein Mädchen mit Kinderwagen usw. Die mit dem Baby hatte gerade noch ihre Kippe draußen vor der Bahn auf die Gleise geschnippt, bevor sie eingestiegen war; ihre pinkfarbenen Haare quollen aus ihrer Pudelmütze hervor. Es rappelte, klapperte, schabte und knisterte im Abteil. Mensch an Mensch. Sie streiften sich, umgingen sich und sahen sich kaum an. Dennoch: Trotz all des Gewusels, hervorgerufen durch Bewegungsgeräusche, herrschte eine bedrückende Stille. Kommunikation untereinander gleich null. Ein Montagmorgen wie viele andere.

*

Ich hatte einen Sitzplatz ergattert, hockte steif da und sah ins Nichts, durch die Menschen hindurch ins Alltägliche. Das funktioniert prima. Man schaut ins Leere und kriegt trotzdem alles mit. Das ist eine Kunst, die ich über die Jahre meiner «ICH FAHR MIT DER S-BAHN KARRIERE» bis ins letzte Quäntchen verfeinert habe. Gelegenheiten hatte ich bisher genug. Immer dieselbe Strecke, seit Jahren schon: Marzahner Häuserschluchten hin und zurück.

Neben mir träumte ein älterer Herr. Er war gerade eben eingestiegen, hatte seine Aktentasche zwischen seine Beine geschoben, sich zurückgelehnt und war sofort eingeschlafen. Oder er tat nur so. Gut war, dass ich keinen Körperkontakt zu ihm hatte, so viel Distanz hatte er gewahrt. Ich hasse Körperkontakt mit mir unbekannten Menschen. Er roch nach Alkohol und Zigarettenrauch. Das auch noch.

*

Ich überlegte, ob sich Hannah, nachdem ich losgedüst war, wohl noch mal hingelegt hat? Sie hatte frei an jenem Tag, wollte von dem aufregenden Wochenende runterkommen, das so anders war, wie sie mir beim Abschied ins Ohr hauchte. Sie hatte mich nach unten begleitet, war im Fahrstuhl die acht Etagen mit mir runtergefahren, dann noch mal mit mir hoch in die Elfte und dann wieder runter. Alles nur, um nicht zu früh loslassen zu müssen. Gut, dass Aufzüge keine Kameras haben. Die Überwacher wären aus ihrem Montagsschläfchen gerissen worden. Sie hätten gesehen, wie wir fühlen, hätten gesehen, dass die Liebe eins aus uns gemacht hat, jedenfalls immer dann, wenn keiner zu uns einstieg. Und sie hätten Hannah gesehen, eine glückliche Hannah, meine. Manchmal glaube ich, dass man glücklichen Menschen ansieht, was in ihnen vorgeht. Hannah sehe ich das an der Nasenspitze an. Da können Gesichter Filme abspulen die Hollywoodqualität aufweisen. So wie gerade eben bei ihr, vor einer halben Stunde im Fahrstuhl und bei all den Handküssen, bevor sich die Schiebetür des Liftes schloss.

*

Abfahrtsignal!

Die Türen schlossen sich, niemand nahm Notiz davon. Ohne einen Ton, ohne Quietschen, ohne Rattern setzte sich die rotgelbe Stahlschlange in Bewegung. Auf gings.

Da hockten und standen sie, ein bunter Mix an Leuten, die offenbar zur Arbeit wollten. Nach durchzechter Partynacht sah keiner aus, auch wenn alle Großstadtzombies (manche ähnelten denen tatsächlich) trübe Blicke und Falten um die Augen hatten. Aber das war, schätze ich mal, die Müdigkeit, denn es war 6:30 Uhr, eine verdammt unchristliche Zeit. Wer um diese Zeit in der Bahn hockt, um durch Marzahn zu brettern, muss mehr oder weniger zur Arbeit; was soll man denn in dieser Beton-Gegend sonst machen? Kino? Klub? Theater? Rockkonzert? Wohl eher nicht. Ok, ein paar Schnarchnasen, die von ihrer Geliebten zurückkehrten, werden wohl auch dabei gewesen sein. Ups, zu denen gehöre ich auch irgendwie? Nein, bei mir ist das mehr, viel mehr, viel, viel mehr. Ich vermisse sie jetzt schon, halte mir meine Hände vors Gesicht und atme sie und das ganze Wochenende noch einmal ein.

Mir gegenüber thronte eine junge Frau auf ihrem Sitz, dreißig schätzte ich sie. Sie tätschelte ihr Handy. Mit durchgedrücktem Rücken saß sie da, aufrecht, weltvergessen, aber mit dem Brustraussyndrom. Aus den Ärmeln ihrer Jeansjacke streckten sich dünne Ärmchen, die mit Tattoos übersät waren. Zig silberne Ringe unterschiedlicher Art zierten ihre Finger. An den Füßen Springerstiefel. Auf dem Kopf sehr kurz geschnittene schwarze Haare, so kurz, dass man die Kopfhaut erahnte. Früher nannte man das Igelschnitt. Keine Strümpfe. Schmal geschnittene schwarze Jeans trug sie, T-Shirt und Lederjacke. Die rote AIDS-Schleife als einziges Schmuckstück auf der Brusttasche. Keine Ketten, keine Nieten. Auch von Piercing in der Nase oder Ohren keine Spur. Nur schwarz umrandete Augen, mit dem Eyeliner exakt aufgemalt. Warum das die jungen Frauen immer mit sich machen? Ich sehe dann immer eine Art Traurigkeit in ihrem Blick. Aber das wird wohl so gewollt sein. Ein trauriger Blick ist das neue Niemand-soll-wissen-was-in-mir-vorgeht-Schutzschild.

Die Frau schien sich mit dem technischen Wunderwerk in ihrer Hand gut auszukennen, denn sie strich wie wild auf ihm herum, tippte, las und drehte das Gerät. Sie vergrößerte mit Spreizen ihrer Finger offenbar die Fotos, die sie betrachtete. Manchmal lächelte sie kaum merklich, manchmal war ihr Gesicht aus Eis. Insgesamt aber sah sie unaufgeregt aus. Ein Geheimnis schien sie nicht in sich zu tragen, jedenfalls las man es ihr nicht von ihrem Gesicht ab. Glück auf der Nasenspitze konnte ich nicht entdecken. Eine Fahrstuhlfahrt, mit vorangegangener Nacht im Rausch, schien sie nicht hinter sich zu haben. Was aber nichts und auch gar nichts heißen soll, denn ich kannte sie ja nicht. Wohin sie wollte, interessierte mich sehr. Vielleicht war sie Autoverkäuferin? Die sehen ja gerne mal ungewöhnlich aus. Nein, das konnte nicht sein. Die Typen, die Autos an den Mann oder an die Frau bringen, sind so früh noch nicht unterwegs. Um diese Zeit sitzen die entweder zu Hause unter einem mobilen Solarium, gelen ihr Haar oder zählen Geld, irgend so was. Ich hab mal eine Physiotherapeutin kennengelernt, die auch komplett tätowiert war. Ob die junge Frau mir gegenüber vielleicht so was machte? Ich weiß noch, wie ich mir vorstellte, sie einfach zu fragen. Dann hätte mal jemand in der Bahn gesprochen, denn das tat niemand, keiner. Aber ich tat es dann doch nicht, ich hätte es nämlich laut machen müssen, aber nach laut sein war mir an jenem Morgen nicht gewesen.

*

Hannah hat keine Tattoos. Noch nicht. Ich hab ihr vorgestern vorgeschlagen, sich ein Biene-Maja-Tattoo auf die Pobacke stechen zu lassen. Süßes zu Süßem. Sie hat mit dem Zeigefinger an ihre Stirn getippt und meinte, dass sie das sofort tun würde, wenn ich bei mir an gleicher Stelle Biene Majas Freund Willi einstechen lassen würde. Sie schlug sogar vor, das selbst zu erledigen, und grinste dabei wie ein Honigkuchenpferd. Da hab ich ihr den Vogel gezeigt. Der Abend anschließend war der lustigste, den wir bisher hatten. Wir aßen Schokoladenpudding im Bett und fütterten uns damit mit verbundenen Augen. Das war die süßeste Sauerei, die ich je machte. Später haben wir uns noch mit einem Edding die Pobacken bemalt. Ich sie, sie mich. Hoffentlich krieg ich das jemals wieder ab, sonst mach ich mich unter der Dusche nach dem Handball zum Willi der Mannschaft.

Ob Hannah immer noch am Fenster steht? Oder ob sie schon die Laken aufhängt?

*

Erster Halt.

Ein paar Plätze weiter relaxte ein Mann. Ich schreibe «relaxte» weil er halb heruntergerutscht, vollkommen entspannt in einer Sitzbankecke baumelte und den Lieben Gott einen guten Mann sein ließ. Die Welt schien ihn einen Scheißdreck zu interessieren. Was sagt Hannah immer, wenn ich mich aufrege? – chill mal! Wahrscheinlich meinte sie damit, dass ich so in mir ruhen sollte, wie der Kerl da drüben. Der chillte, jedenfalls stelle ich mir das Chillen so vor. Wie alt der war, war schwer zu sagen, er trug eine dunkle Brille und starrte ebenfalls auf ein megagroßes Handydisplay. Vierzig vielleicht? Er sah sich wohl einen Porno auf seinem Handy an. In den Gläsern seiner Sonnenbrille sah man wippende nackte Haut. Ich guckte erst mal an die Decke, weil ich feixen musste und mich erinnerte. Das, was der da gerade als Konserve sah, lief auch in meinem Kopf ab. Bei mir aber tausendmal detaillierter und mit Duft an meinen Händen, ihrem Duft. Wie lange war die letzte Berührung her? Eine halbe Stunde? Hoffentlich wirkt er lange nach und begleitet mich durch den Tag, dachte ich. Was für eine Nacht!

Wir fuhren Bahn. Unterwegs träumte ich und an den Bahnhöfen stoppten wir. Es stiegen Leute aus allen Herren Länder ein und aus. Das große Schweigen war allgegenwärtig. Ab Ostkreuz würde sich das ändern, denn dann kommen Musiker und Jongleure in den Zug und drängen den Fahrgästen ihre sogenannten Künste auf. Dann wird es immer spaßig, weil die auch ab und an mal angeschnauzt und geschubst werden. Ich hab mal gesehen, dass es einer Frau zu viel wurde und sie einem Akkordeonspieler ihre Tasche um die Ohren gehauen hatte. Alles applaudierte. Ich auch. Der Getroffene nicht. Der maulte irgendetwas wie: Mamaliga în cap.

Auf dieser Strecke jedoch hab ich das noch nicht erlebt, ich meine das mit Musikern und Sängern und Jongleuren in der Bahn. Entweder pennen die Straßenkünstler der Satellitenvorstädte noch, sind entweder krank und ans Bett gefesselt, leben gar nicht in Marzahn oder kommen erst am späten Abend aus ihren Löchern. Künstlergesochse eben, man hört ja so einiges.

Ich hab Hannah mal ein Lied vorgesungen, als sie krank war, ein Schlaflied. Ich hab es mehr geflüstert als gesungen und ihre Hand dabei gehalten. Sie hat die Augen...



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