E-Book, Deutsch, 433 Seiten
Webb / Hessel Die Neuentdeckung der Schöpfung
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-86470-804-6
Verlag: Plassen Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie (unser) Leben durch synthetische Biologie neu definiert wird
E-Book, Deutsch, 433 Seiten
ISBN: 978-3-86470-804-6
Verlag: Plassen Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Amy Webb ist Gründerin des Future Today Institute, einer Beratungsfirma für Zukunftsforschung, und Professorin für strategische Zukunftsforschung an der New York University. Forbes bezeichnete sie als 'eine der fünf Frauen, die die Welt verändern'. Andrew Hessel ist ein Pionier und Experte auf dem Gebiet der synthetischen Biologie. Er ist Präsident von Humane Genomics, einem Unternehmen, das synthetische Viren für die Onkologie entwickelt.
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SCHLECHTE GENE LEHNEN WIR AB
Die Tage wurden wieder kürzer, die Nächte kühler. Der Herbst setzte ein in Duxbury, Massachusetts, einer schönen Küstenstadt gleich südlich von Boston. Bill McBain war ein begabter Schüler mit vielen Interessen, etwa an Fotografie, Mathematik und Journalismus. In anderer Hinsicht war er unauffällig – am ersten Tag in der achten Klasse, war es offensichtlich, dass Bill genau wie seine Freunde im Sommer einen echten Wachstumsschub hingelegt hatte. Er war nun zehn Zentimeter größer. Aber im Gegensatz zu den anderen Kindern hatte er dabei abgenommen. Seine Freunde wurden massiger und legten sich jugendliche Muskeln zu, aber Bill war spindeldürr und schien nur aus Ellenbogen, Rippen und Knien zu bestehen.
Jeden Abend ging Bill früh zu Bett, jeden Morgen erwachte er ganz erschöpft. Er begann, Wasser zu trinken, sehr viel Wasser, aber sein Durst schien unstillbar. Man schrieb das Jahr 1999, und durchsichtige Nalgene-Trinkflaschen, die eigentlich für Aktivitäten wie Märsche durch die Wildnis gedacht waren, waren an Bills Schule der letzte Schrei. Für Bill war die Flasche jedoch mehr als ein Modeartikel – er füllte sie zwischen den Stunden ständig auf und trank und trank. Einmal starrte er beim Trinken auf die Markierungen auf der Flasche, und weil er Mathe liebte, stellte er im Kopf einige Berechnungen an. Er schätzte, dass er ungefähr 15 Liter Wasser am Tag trank, an manchen Tagen auch 19 Liter. Eines Nachmittags im Februar war eine Freundin der Familie zu Besuch und verfolgte nervös, wie Bill wieder und wieder zur Wasserflasche griff. Als Krankenschwester erkannte sie auf der Stelle die Signale und holte sich bei einem diskreten Abstecher ins Badezimmer die Bestätigung für ihre Vermutung: Der Toilettensitz fühlte sich klebrig an, und als sie sich darüberbeugte, umwehte ein unangenehm süßer Geruch ihre Nase.
Sie bat Bills Eltern, am nächsten Tag mit ihrem Sohn ins Krankenhaus zu fahren und sein Blut untersuchen zu lassen.
Auf dem Weg dorthin hielt die Familie für ein rasches Frühstück. Bill bestellte einen Zimt-und-Zucker-Bagel und dazu ein großes Glas Gatorade. Das war definitiv nicht die beste Mahlzeit kurz vor einer Nüchternblutzucker-Untersuchung, aber das wusste Bill nicht. Im Krankenhaus stach der Arzt Bill mit einer winzigen Nadel in den Finger und drückte einen Tropfen Blut auf einen Teststreifen an einem Messgerät. Nach wenigen Sekunden piepte das Gerät, und auf dem Bildschirm war „hoch“ zu lesen, was bedeutete, dass der Blutzuckerspiegel bei über 500 Milligramm pro Deziliter (mg/dL) lag. Bei Menschen mit einer gesunden Bauchspeicheldrüse erwartet man einen Nüchternwert zwischen 70 und 99 mg/dL, was knapp einem Tausendstel Gramm pro Zehntelliter entspricht … oder anders formuliert: kaum zu bemerken, denn im Körper eines gesunden Menschen wird der Zucker rasch aufgespalten und in Energie umgewandelt, sodass gar nicht erst viel Zucker ins Blut gelangt. Wenn eine gesunde Person diesen Test direkt nach einer Mahlzeit durchführt, wird der Wert, einige Stunden lang höher ausfallen, während der Körper die Nahrung verarbeitet aber er sollte noch immer unter 140 mg/dL liegen.
Der Arzt nahm Bill noch mehr Blut ab und schickte es für ausführlichere Untersuchungen ins Labor. Die Ergebnisse machten ihn sprachlos. Er ging mit Bill und seinen Eltern in sein Büro und setzte sich. Er blickte von der Akte auf Bill und seine Eltern, dann wieder auf die Akte. Bills Blutzucker lag bei atemberaubenden 1.380 mg/dL. Natrium, Magnesium und Zink waren dermaßen hoch, dass sich sogar der pH-Wert von Bills Blut verändert hatte. Bill stand kurz davor, in ein diabetisches Koma zu fallen … und das wäre möglicherweise noch das geringere Übel, denn bei solchen Blutwerten können Menschen sterben.
Bill und seine Eltern erhielten einen Crashkurs in der Funktionsweise von Typ-1-Diabetes und wie man diese Krankheit behandelt. Eine gesunde Bauchspeicheldrüse sondert ständig langsam das Hormon Insulin ab, das unsere Zellen benötigen, um Energie zu produzieren. Wenn man etwas isst, erhöht die Bauchspeicheldrüse die Insulindosis, um den Zucker, den man mit der Nahrung aufnimmt, verstoffwechseln zu können. Bei Bill jedoch hatte die Bauchspeicheldrüse die Insulinproduktion schlagartig eingestellt. Typ-1-Diabetes macht sich üblicherweise in der Pubertät bemerkbar, und Bill wies alle klassischen Symptome auf – Erschöpfung, übermäßiger Durst, klebrig-süßer Urin und ständig das Gefühl, auf die Toilette zu müssen. Der Drang, ständig zu trinken, war der hilflose Versuch von Bills Körper, sich selbst zu behandeln – viel Wasser hilft, den nicht verstoffwechselten Zucker aus dem Körper zu spülen. Früher oder später jedoch würde eine lebensbedrohliche Kettenreaktion in Gang kommen. Um an die Energie zu gelangen, die der Körper zum Überleben benötigte, würde er Fett verbrennen. Bei diesem Prozess werden Ketone freigesetzt. Diese stark sauren Chemikalien würden im Blutkreislauf hängenbleiben und dort giftig wirken. Bei zu hohen Werten würde Bill in eine diabetische Ketoazidose fallen, auch bekannt als „diabetisches Koma“. Unbehandelt würde dies rasch zum Tod führen.
Bills Eltern waren besorgt, dass sie auf irgendeine Weise zu dieser Erkrankung beigetragen hatten, deshalb fragten sie, was Bills Zustand verursacht hatte. Das Frühstück mit einem hastig heruntergeschlungenen Bagel und einer Gatorade sei nicht typisch, versicherten sie dem Arzt. Normalerweise würden sie gesunde Mahlzeiten essen und sich viel bewegen. „Das sind einfach schlechte Gene“, erwiderte der Arzt. Die Wissenschaft könne nicht genau erklären, warum bei manchen Menschen der Körper resistent gegen Insulin wird oder warum bei manchen Heranwachsenden – wie Bill – die Bauchspeicheldrüse auf einmal nicht mehr richtig arbeitet. Es gebe jedoch einen Hoffnungsschimmer: einen Behandlungsplan, bei dem all die Aufgaben, die sein Körper eigentlich automatisch erledigen sollte, manuell abgearbeitet würden. Dazu würde Bill sich ein Medikament namens Humulin Normal spritzen müssen, ein künstlich hergestelltes menschliches Insulin, das zu den Mahlzeiten kurze Insulinschübe liefern würde, sowie Humulin NPH (Neutral Protamin Hagedorn), das ihm während der Nacht langsam Insulin verabreichen würde.1
Die Entdeckung des Insulins
Häufiges Wasserlassen, Verwirrung, Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und manchmal auch der Tod – die klinischen Symptome, die mit Typ-1-Diabetes einhergehen, wurden vor rund 3.500 Jahren in Ägypten erstmals verzeichnet. Etwa um 1550 vor unserer Zeitrechnung empfahl ein Ägypter, bei übermäßigem Harndrang „ein Messglas gefüllt mit Wasser aus dem Vogelteich, Holunderbeere, Fasern der Asit-Pflanze, frischer Milch, Bier, Blüte der Gurke und grünen Datteln“ zu trinken. Die ägyptischen Ärzte vermuteten bereits damals, dass eine Verbindung zwischen dem bestand, was die Menschen aßen, und den Symptomen, die wir heute Diabetes zuschreiben. Doch es sollte weitere 1.500 Jahre dauern, bevor der Griechisch sprechende kappadokische Arzt Aretaios ein „Abschmelzen des Fleisches und der Gliedmaßen in den Urin“ beschrieb und die Erkrankung nach dem griechischen Wort für den „Weinheber“ Diabetes taufte. Zur selben Zeit machten Ärzte in China und Südasien ähnliche Entdeckungen.2
1674 begann Thomas Willis, ein Arzt der Universität Oxford, mit seiner eigenen Forschung. Dafür griff er zu einer Prozedur, die ziemlich eklig klingt. Er ließ Patienten, die Diabetes-Symptome aufwiesen, in ein kleines Glas urinieren, aus dem er dann (Sie essen hoffentlich gerade nicht) einen Schluck nahm und an dem er roch. Ähnlich wie später das elektronische Messgerät, das die Milligramm Zucker pro Deziliter in Bills Blut maß, suchte Willis nach übermäßiger Süße.3
Bis die Medizin ein klares Verständnis der Ursachen von Diabetes entwickelte, gingen allerdings noch einige Jahrhunderte ins Land. Im frühen 20. Jahrhundert empfahlen einige Ärzte eine „Hungerdiät“ mit der Logik, wenn man den Patienten Zucker in sämtlichen Formen vorenthalte, verschwinde der Diabetes möglicherweise von allein. Wenig überraschend verschlimmerte dies die Probleme bloß, denn die Patienten hungerten sich zu Tode, anstatt dass sich ihr Zustand besserte.
1921 erfolgte ein Durchbruch.4 Damals kursierte in medizinischen Kreisen seit Langem die – noch unbewiesene – Theorie, wonach ein Sekret aus der Bauchspeicheldrüse für die Regulierung des Blutzuckers verantwortlich war. Nun arbeiteten der kanadische Arzt Frederick Banting und sein Schüler Charles Best mit der Hypothese, Verdauungsenzyme würden dieses Sekret zerstören, bevor ein Wissenschaftler es extrahieren konnte. Sie beabsichtigten, die Pankreasgänge...




