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E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Weiler Butterbrezel


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86358-636-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-86358-636-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
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Nach haarsträubenden Aufregungen verläuft das Leben in Pfenningen am Fuße der schwäbischen Alb wieder in beschaulichen Bahnen. Bis ein Bankraub und eine Reihe von Todesfällen die Kommissare Thomas Knöpfle und Willi Schirmer aufschrecken. Hat erneut der ominöse Schriftsteller seine Finger im Spiel? Und muss am Ende Gott wieder Ordnung ins schwäbische Chaos bringen?

Bernd Weiler wurde 1959 in Eislingen/Fils am Albtrauf geboren und studierte Germanistik und Anglistik, um dann als freier Redakteur und Autor im Bereich Reise und Natur zu arbeiten. Derzeit ist er als Hausmann, freier Lektor und Autor tätig. Er lebt mit seiner fünfköpfigen Familie in Pfullingen.
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Weitere stille Tage am Albtrauf

So ging das doch nicht mit dem Schreiben, dachte der Schriftsteller. Hier in diesem Verlies konnte er kaum richtig Luft holen. Frei war er, gut, das schon, aber in diesem Keller konnte doch keiner ein paar vernünftige Worte aneinanderreihen. Er brauchte die Freiheit, den Wind, die Berge und auch mal ein kühles Bier.

Fast wünschte er, er hätte damals die Versorgung von Hans Bremer, als der hier einsaß, ein wenig mehr kritisiert und verbessert. Davon könnte er heute profitieren. So blieb die Versorgung hier eine einzige Zumutung. Dabei war doch alles so gut gelaufen. Der Litauer hatte dafür gesorgt, dass er wieder aus dem Gefängnis kam. Das war so was gewesen. Er hatte natürlich gleich an Literatur gedacht, »Der Graf von Monte Christo« etwa, »Papillon« oder die »Flucht aus Alcatraz«. Von wegen. Er wusste bis heute nicht, woher sein Zellenkollege, genannt die Glatze, all die vielen Schlüssel hatte und warum da überhaupt kein Wärter zu sehen gewesen war. Das war anscheinend ein sehr personalarmes Gefängnis dort in Trübingen, dachte er.

Jedenfalls waren sie, das konnte er so schreiben, einfach hinausgegangen. Gut, der Bremer war mal eben noch so mit rausgewitscht, aber sonst lief alles einwandfrei und zu seiner Zufriedenheit. Bis dahin. Eben bis dahin. Denn als sich Bremer dann davongeschlichen hatte, ging es für den Schriftsteller darum, einen Ort zum Schreiben zu finden. Denn in sein Haus am Pfenninger Ortsrand konnte er natürlich nicht zurück. Er brauchte seine Ruhe, wollte weiterschreiben, dieses Pfenninger Spiel weitertreiben. Er brauchte nichts Besonderes, war in dieser Hinsicht nicht anspruchsvoll. Gut, der Blick von seinem Balkon auf den Albtrauf war schon was Schönes gewesen. Es hatte funktioniert dort. Ihm hatte sein Büro genügt, aber bitte, wenn es um Höheres gehen sollte, dann vielleicht auch was Passenderes, um zu schreiben.

Er war locker, er schrieb so vor sich hin. Das merkte er, das sah er in seinen Sätzen. Das machte man nicht mal eben so, eine Stadt so hinschreiben, dass sie so lebte. Die Figuren agieren lassen, dann auch noch Gott mit reinschreiben, so was machte man eigentlich nicht. Man schrieb doch, um gelesen zu werden, oder man war so bekannt, dass man schreiben musste, egal was. Hauptsache, schwarz auf weiß. Aber wie sollte er anfangen? Hatte er nicht schon das meiste von Pfenningen erzählt? Sollte er die Komödie denn wirklich noch weitertreiben?

Diese Frage stellte sich auch Gott droben im Himmel. Er wollte nicht unbedingt einen zweiten Band. Ihm hätte ja der erste genügt. Der Himmel mochte keine Wiederholungen. Einlieferungen hatte er nun wirklich genug gehabt in der letzten Zeit, und schließlich war er ganz zufrieden mit der Geschichte gewesen. Das mit der Befreiung aus dem Gefängnis stand allerdings nicht auf seinem Zettel, das musste ihm irgendwie rausgegangen sein. Die Gerda und der Franz, die übrigens hier oben gute Freunde geworden waren, erinnerten sich aber noch gut.

Da hatte er sich so zwei eingefangen. Die turtelten hier oben rum, als ob sie im siebten Himmel wären. Dabei gab es doch nur den einen. Aber mit denen kam er zurecht. Da machte ihm die Luise schon eher Sorgen, denn deren besseres Teil trieb sich ja noch dort unten rum. Die schaute und schaute, und sie las vor allem mit Entsetzen die Untertitel und zeterte rum. Und das konnte er nun gar nicht brauchen.

Da unten durften und konnten sie von ihm aus laut sein, diese seine Menschen, aber hier oben im Himmel galten dann endlich mal seine Gesetze, hier hatte er das Sagen, und das hieß: Stille. Das klappte mit den meisten auch ganz hervorragend. Da saßen Weltpolitiker in netter Runde und redeten über ihre Zeit da unten. Da wurden Gedanken ausgetauscht, womöglich Fehler zugegeben. Gut, da wurde dann auch mal einer laut, weil er feststellte, da unten gar nicht der gewesen zu sein, der er hatte sein wollen. Da wurde auch mal einem der Kopf zurechtgerückt, von wegen, wer warst du denn wirklich. Das war halt Himmel. Das Ende eben oder auch ein neuer Anfang.

Petrus beklagte sich immer, wie viel Mühe er hatte, dass die Hartz-IV-Empfänger bestimmten Herren nicht an die Gurgel gingen. Auch das war Himmel, schon so, wie es seine Jungs da unten seit Jahrhunderten proklamierten, man traf sich halt wieder, ein zweites Mal. Gericht? Nicht seine Sache, das machten die Menschen schon mit sich selbst aus. Mal so, mal so. Und auf das Jüngste Gericht konnte auch er noch ganz gut eine Weile warten. Er wollte sich die Chose noch ein paar Jahrtausende anschauen und ein wenig mitspielen, dann würde er sehen. Schließlich war er Gott, und Zeit war ein Begriff, der ihm gehörte.

Das hätte Pfarrer Leonhard auch gern so gesehen. Aber die Zeit, die lief ihm ja eher immer davon. Wie jetzt etwa. Er hätte sich gern mal in Ruhe auf seine Bank hinter dem Pfarrhaus gesetzt und ein Zigarillo geraucht. Aber er musste immer weiter. Das hatte ihm irgendwie auch keiner gesagt, als er damals anfing, dass da auch junge Menschen, sozusagen Kinder, sein würden, die er dann zu unterrichten hätte.

Der Religionsunterricht war ihm ein Gräuel. Eigentlich waren es nicht so sehr die Kinder, diese Last hatten die rechtschaffenen Lehrer auch, nein, es war der Verlust an Glauben, der Achtung vor Gott und dem Ganzen, was ihn umtrieb und unsicher machte. Er konnte sich doch keines Momentes bewusst und sicher sein. Kaum hatte er eine Linie gefunden, war mittendrin, da fiepte entweder ein Handy mit einer SMS, oder einer dieser Schüler hatte eine Anwandlung.

Wie letzte Woche diese Sophie. Steht mitten im Unterricht auf und behauptet, eine Erscheinung zu haben. Liebe Sophie, hatte er ohne Körperkontakt, denn man musste ja vorsichtig sein, gesagt, das wollen wir doch mal nicht so ernst nehmen. Von wegen. Die hatten das doch abgemacht, das war doch gegen ihn und die Kirche! Wie eingeübt knieten sich die anderen Schüler vor diese Sophie hin und beteten für ihre Erscheinung. Oh große Sophie und so. Er war Pfarrer, aber er war kein Depp.

Mit dieser Einstellung ging er immer in die Schule und bis dahin hatte das genügt. Aber diesmal waren Reserven gefordert. Eigentlich hätte er sich so viel Phantasie gar nicht zugetraut, aber wenn es dann über einen kam, war es auch schön. Er hatte geistesgegenwärtig das Waschbecken gesehen und flugs die Gemeinde mal deutlich kalt getauft. Und wie bei sonstigen gesellschaftlichen Entgleisungen war der allgemeinen Euphorie eine schnelle Ernüchterung gefolgt. Er war mit Achtung aus der Sache rausgekommen, was ihm nicht unbedingt immer gelang. Gut, er musste anschließend zum Schulleiter, weil sich die Eltern beschwert hatten, dass ihre Kinder nass aus dem Unterricht nach Hause gekommen waren. Immerhin, da hatten sie mal was mitgenommen, dachte Pfarrer Leonhard.

So hätte das Kommissar Willi Schirmer nicht gesehen. Er war auch nass, hatte aber nichts mitgenommen. Er hatte doch gleich gewusst, dass dieser Schreiberling weitermachen würde. Das war doch klar gewesen. Da gab es doch Wege, aus dem Gefängnis heraus zu schreiben. Heutzutage mit diesen Mails eh.

Ihn hatte der erste Band eingeholt. In seinem innersten Innern hatte er schon so etwas erwartet gehabt. »Die Rache des Georgenbergs« könnte man das nennen, dachte er hinterher.

Natürlich war mit den Artikeln in der Zeitung seine Aktion am Georgenberg bekannt geworden. Manche der Jugendlichen hatten zum ersten Mal wieder eine Zeitung in der Hand gehabt und bewusst gelesen. Und wie die gelesen hatten. Alles, das Trinkgelage, sein Einschleichen und schließlich auch alles darüber, warum es ihnen allen hinterher so schlecht gegangen war. Kein Wunder, dass sie einen Hass auf ihn schoben. Aber sie waren ja noch Kinder, hatte Schirmer gedacht und die Sache feste verdrängt.

Bis gestern Abend. Die hatten ihn also ausspioniert. Ihn und seinen Abendspaziergang, den er ziemlich regelmäßig machte. Er ging nicht mit dem Hund, denn er hatte keinen, nein, er ging einfach so noch eine Runde am Waldrand unterhalb des Monikabergs. Immer denselben Weg. Er hatte diese Blechbadewanne schon mal gesehen, hatte er noch gedacht, als er wieder aufwachte. Er war vermutlich schon Hunderte Male daran vorbeispaziert. Er erinnerte sich noch an ein Mal, da hatte er sich gefragt, was diese Blechbadewanne in diesem Gütle wohl zu suchen hatte oder was man damit machte. Jetzt wusste er es.

Er musste zugeben, die Rache war etwa so ausgefallen, niveaumäßig, wie auch seine Aktion am Georgenberg gewesen war. Sie hatten ihn abgepasst, ihm einen Sack über den Kopf gestülpt und mit so einem Spray kampfunfähig gemacht. Er hätte nicht gedacht, dass das ging, durch den Sack hindurch. Ganz schön gewitzt, die Jungs, war ihm noch durch den Kopf gegangen, bevor ihm die Sinne schwanden.

Als er aufwachte, lag er in der Scheiße, aber so richtig. Wo sie diese Menge an Exkrementen herhatten, war ihm schleierhaft. Aber stinken tat das zum Gotterbarmen. Er wuchtete sich aus der Wanne, sah an sich hinunter und dachte an Vollreinigung und die Möglichkeit, diese Freizeitjacke und seine Lieblingswanderhose jemals wieder benutzen zu können.

Sein Heimweg war quatschend verlaufen. Die Scheiße war ihm in die Schuhe gelaufen und von dort bei jedem Schritt, den er machte, auf den Weg gespritzt. Es hatte in der DDR mal einen tollen Film mit Manfred Krug gegeben: »Spur der Steine«. Er hingegen spielte hier gerade eher in einem Streifen mit, der hieß: »Spur der Scheiße«. Hoffentlich würde ihn niemand sehen, und hoffentlich würde ihm niemand begegnen. Das wäre fatal gewesen. Aber so, in diesem Zustand, konnte er nicht im Wohngebiet einlaufen. Das hätte ja nach Entdeckung und Bloßstellung geradezu geschrien. Als einziger Ausweg war nur der Bach...


Bernd Weiler wurde 1959 in Eislingen/Fils am Albtrauf geboren und studierte Germanistik und Anglistik, um dann als freier Redakteur und Autor im Bereich Reise und Natur zu arbeiten. Derzeit ist er als Hausmann, freier Lektor und Autor tätig. Er lebt mit seiner fünfköpfigen Familie in Pfullingen.



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