E-Book, Deutsch, 140 Seiten
Weiß Das Ende von Gestern
2. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8448-8814-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zungenkrebs überlebt
E-Book, Deutsch, 140 Seiten
ISBN: 978-3-8448-8814-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jahrgang 1963, studierte nach dem Abitur zunächst Jura und Psychologie, entschloss sich dann aber für eine Ausbildung zum Krankenpfleger, die er 1989 erfolgreich abschloss. Danach war er in mehreren Klinken in verschiedenen Funktionen im Pflegedienst tätig. Unter anderem als Pflegedienstleiter einer Station und als Praxisanleiter. 1998 wechselte er in eine Berufsfachschule für Pflegeberufe und wurde als Fortbildungsbeauftragter und Dozent für Pflege tätig. 2004 erkrankte er an Zungenkrebs, den er nach mehrmonatiger Krankheit aber überlebte. 2013 entschloss er sich zusammen mit seiner Frau und den beiden gemeinsamen Söhnen, sich offen dazu zu bekennen, eine Frau zu sein, nach dem er jahrelang nur versteckt im häuslichen Bereich als Frau leben konnte. Im Juli 2014 erhielt er durch Beschluss des Amtsgerichts Celle neue Vornamen und den weiblichen Personenstand zugesprochen. Seitdem trägt sie den Namen Ilka Christin Weiß. Sie ist seit 2023 im Ruhestand, aber weiterhin als freiberufliche Dozentin und Autorin für transsensible Pflege tätig. Ilka Christin Weiß hält Vorträge zum Thema Trans* und möchte mit ihrem Engagement als Transaktivistin für mehr Verständnis für die Lebenssituation von Transmenschen werben.
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14. Entlassung aus der Klinik
Am elften postoperativen Tag war es dann endlich so weit. Ich sollte entlassen werden. Zunächst wollte mich der Stationsarzt am Freitag vor dem Wochenende entlassen, aber wegen der blutigen Stuhlabgänge wurde ich noch etwas länger in der Klinik behalten. Diese unangenehmen Begleiterscheinungen verschwanden aber nach Absetzen der Zäpfchen wieder, und ich bekam die Schmerzmedikamente nun als Tropfen und Saft.
Es ist ein großer Vorteil, wenn man vom Fach ist. Die Fachsprache der Ärzte und Pflegenden ist kein Geheimnis. Sie können einem nichts vormachen oder sich so unterhalten, dass der Patient nichts versteht. Jeder ist doch schon einmal Patient gewesen und weiß, wie ärgerlich es ist, wenn man etwas gesagt bekommt und es nicht verstehen kann. Warum ist das nötig? Eine Fachsprache ist wichtig und sollte auch sein, damit die Fachleute sich verständigen können, aber muss man das auch vor dem Patienten heraushängen lassen? Warum können nicht die wichtigen Befunde ausgetauscht sein, bevor man zum Patienten geht. Warum muss das vor der Tür oder gar im Zimmer der Patienten sein? Warum muss ständig die ohnehin kaum vorhandene Intimsphäre der Patienten verletzt werden? Ich kann mich noch an einen Morgen erinnern, an dem ich mit meinem Mitpatienten frühstückte. Mich hatte es schon immer genervt, wenn morgens und auch zwischendurch jemand in unser Zimmer kam und einfach die Tür offenstehen ließ. Es war nicht so, dass man uns vom Flur aus sehen konnte, was ich als noch unangenehmer empfunden hätte. Es war aber so, dass alles, was gesprochen wurde, auf dem Flur hörbar war. Sicher stehen die Pflegenden und alle anderen, die in Kliniken arbeiten, unter einem mörderischen Arbeitsdruck. Die vielen Reformbemühungen im Gesundheitswesen haben die Arbeitsbedingungen des Klinikpersonals immer weiter verschärft und letztendlich leiden alle darunter. Aber der Patient ist auch ein Leidtragender. Wie das Wort schon sagt: Ein Leidender. Dass aber im Klinikbetrieb so wenig Rücksicht auf die Belange der Patienten genommen wurde, wie in dieser Klinik, dass fand ich schon erstaunlich. So saßen wir beide, die wenig sprachen, bei unserem Brei und lasen die Zeitung. Wir waren froh, ein wenig Ruhe zu haben, als während des Frühstücks die Reinigungskraft mit Wischmob ins Zimmer kam. Klar, auch die Reinigungskraft hat Druck. Gerade die Putzfrauen, auch wenn sie in den Kliniken fest angestellt sind, haben in den vergangenen zwanzig Jahren immer mehr Arbeit aufgelastet bekommen. Die sogenannten Reviere wurden immer größer, und es musste immer mehr geleistet werden. Von Fremdfirmen, die in Kliniken Putzkolonnen stellen, will ich gar nicht sprechen. Kommt Protest aus diesen Reihen, wenn er überhaupt kommt, dann wird mit Outsourcing gedroht. Eine bekannte und unerträgliche Masche, Menschen unter Druck zu setzen. Die Outsourcing-Welle hat vielen Menschen in den letzten Jahren den Job gekostet. Reinigungsdienste, Wäschereien, Küchen, Laborleistungen, Security. Vor nichts schreckten Verwaltungsdirektoren zurück. Was möglich war, wurde an Fremdfirmen vergeben. Dort schuften die Menschen für Billiglöhne. Die Identifikation mit dem eigenen Betrieb war plötzlich nichts mehr wert. In vielen Fällen wurden dann Rückzieher gemacht, weil man merkte, der Schuss war nach hinten losgegangen. Die eigenen Putzfrauen arbeiteten doch besser als die externen Putzkolonnen, denn sie fühlen sich für das Haus mitverantwortlich. Die externe Putzkolonne hatte ihre Arbeit getan, wenn die Zeit vorbei war. Was danach kam, interessierte sie nicht mehr. Überall übte man jahrelang immer wieder Druck auf die Putzfrauen aus, weil man wohl hoffte, die können sich nicht wehren.
Man kann an den Namens- und Firmenschildern, die die Beschäftigten tragen, erkennen, ob es sich um hauseigene Angestellte oder um Fremdfirmen handelt. In unserem Fall hatten wir eine Reinigungskraft vor uns, die im Haus angestellt war. Mich ärgerte es, dass sie ausgerechnet zur Frühstückszeit in die Patientenzimmer geschickt wurde. Die Putzfrau konnte nichts dafür. Ich nehme es ihr auch nicht übel, dass sie beim Frühstück sauber machte. Aber ich sage auch bewusst, dass sie ins Zimmer geschickt wurde, um zu putzen. Sicherlich auch nicht, um uns persönlich zu ärgern. Der Plan war einfach so gemacht. Irgendjemand hatte diesen Reinigungsplan erstellt und die Reinigungszeit für die Patientenzimmer genau auf die Frühstückszeit der Patienten gelegt. Ich hielt das für einen schlechten Plan. Hier wurden ausschließlich die Belange des Betriebs berücksichtigt. Ob das für die Patienten gut war, interessierte nicht. Und die Putzfrau musste das austragen. Die Kleinste der Kleinen musste sich dafür beim Patienten entschuldigen. Ich denke, da sind die Verantwortlichen der Klinik in der Pflicht und nicht die Reinigungskräfte.
Aber es war ja mein Entlassungstag, und ich war froh nach Hause zu kommen, obwohl ich nicht wusste, was mir die Zukunft bringen würde. Klarheit sollte das Entlassungsgespräch bringen, dass der Stationsarzt mit mir führen wollte. Meine Frau sollte noch dazukommen, weil sie mich abholen würde.
Meine Sachen hatte ich bereits gepackt, und ich wartete sehnsüchtig auf meine Frau, die dann auch nach dem Frühstück kam. Wir setzten uns im Zimmer mit dem Arzt zusammen, und er erläuterte uns den weiteren Weg. Er erklärte mir, dass ich noch Chemo- und Strahlentherapie machen müsse, weil bei mir ein Lymphknoten befallen war. Ohne den Lymphknoten wäre die operative Entfernung des Tumors ausreichend gewesen. Aber wegen der Gefahr von Mikrometastasen müsse die Therapie fortgesetzt werden. Dazu habe er schon einen Termin für die weitere Terminplanung in der Strahlentherapie für mich abgemacht. Weiterhin sollte ich nach Abschluss der Bestrahlung eine Rehabilitation (Reha) antreten. Auch dafür war schon ein ungefährer Termin mit einer Reha-Klinik vereinbart worden. Anschließend erhielt ich noch Verhaltensregeln. Ich solle keinen oder nur wenig Alkohol trinken, mich gesund ernähren, positiv denken und gegen die Krankheit angehen, denn ich hätte Glück gehabt, dass der Tumor bei mir in diesem Stadium bereits entdeckt worden sei. Das Rückfallrisiko (Rezidiv) bezifferte er mit „fifty-fifty“.
Oh, zog das runter! War ich zunächst durch seine Worte etwas aufgebaut worden und hatte ich auch den Mut, gut durch die weitere Therapie zu kommen, so bekam ich durch diese Prognose einen Tiefschlag. Ich war ja auch so ein schlechter Mensch, dass mich das treffen musste. Ich hatte Strafe verdient. Das waren so die depressiven Gedankengänge, die mich packten. Und wie sollte man positiv denken, wenn es einem ganz schlecht ging? Wenn es mir schlecht ging, ging es mir schlecht. Ich kannte diese Ratschläge. Aber wie sagten wir früher: „Ratschläge sind auch Schläge.“ Ich habe diese vermeintliche Aufmunterung nie zu Patienten gesagt. Wie sollte man positiv denken, wenn man gerade ganz unten ist? Wie sollte man sich überhaupt positive Gedanken in dieser Situation machen? Ich wusste es nicht. Man muss es auch zulassen können, wenn es einem schlecht geht. Für mich ist dieses positive Denken eine Vergewaltigung meiner Selbst, und mittlerweile ist es auch umstritten. Übersieht man damit nicht vielleicht auch den Ernst der Lage? Es ist so leicht dahingesagt: „Denke positiv.“ Wie denn? Der Weg dahin fehlt leider bei diesem Rat(schlag).
Später habe ich versucht herauszufinden, wie hoch die Rezidivrate wirklich ist und habe überall recherchiert, aber keine verlässlichen Zahlen dazu gefunden. Es wird immer nur gesagt, es komme auf den zukünftigen Lebensstil an und die Rezidivrate sei hoch wegen mangelnder Compliance. Das heißt so viel, dass, wenn man einen ungesunden Lebensstil nicht aufgibt und weiter raucht und übermäßig Alkohol trinkt, ein Rezidiv entsteht. Bei einem schlechten Lebensstil stehen die Chancen schlecht, bei einem gesunden Lebensstil stehen die Chancen gut. Ich war entschlossen, auf jeden Fall den gesunden Lebensstil zu verfolgen. Ich vermutete, dass es gar keine richtig erfassten Daten zum Rezidivrisiko zum Beispiel nur bei der Diagnose Zungenkrebs gab, sondern dass auch hier alle Plattenepithelkarzinome der Mundschleimhaut zusammengenommen wurden. Und dann stellten sich mir sofort weitere Fragen. Wurde zum Beispiel genau zwischen gesundem und ungesundem Lebensstil unterschieden oder wurden auch hier alle Rezidive in ein Topf geworfen? Die Zahlen, die ich ermitteln konnte, bewegten sich zwischen 15 und 80 Prozent Rezidivrisiko. Und damit war ich wieder am Anfang. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, dass es keine genauen Zahlen gibt, und ich gestehe auch ein, dass es wohl sehr schwer sein muss, diese exakt zu ermitteln.
Völlig geknickt musste ich zur Entlassungsvorstellung beim Professor. Der Stationsarzt stellte mich noch einmal vor. Der Chefarzt untersuchte mich und las meinen Entlassungsbrief. Da kam der nächste Tiefschlag. Etwas in meinem Brief gefiel ihm nicht. Er zog einen Kugelschreiber aus der Kitteltasche und strich etwas durch. Mit der Bemerkung, der Brief müsse korrigiert werden, war ich schon wieder draußen. Die Akte bekam ich in die Hand gedrückt. So etwas. Ich war sehr sehr neugierig, was der Chefarzt da moniert hat und schlug auch sofort nach. Da war ich...




