Weiß | Tödliche See | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 5, 380 Seiten

Reihe: Liv Lammers

Weiß Tödliche See

Sylt-Krimi
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-0377-2
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Sylt-Krimi

E-Book, Deutsch, Band 5, 380 Seiten

Reihe: Liv Lammers

ISBN: 978-3-7517-0377-2
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Nordsee, fast achtzig Kilometer vor Sylt. Im Gerüst unter einer Versorgungsplattform wird die Leiche eines Tauchers gefunden. Unfall oder Selbstmord sind ausgeschlossen. Liv Lammers und ihre Kollegen von der Mordkommission fliegen mit dem Hubschrauber ein. Sie stoßen auf eine eingeschworene Gemeinschaft von Arbeitern. Bald aber zeigt sich: Hinter den Kulissen brodelt es. Als auch die Firmeninhaberin auf Sylt bedroht wird, nimmt der Fall eine neue Wendung, denn vielen Einheimischen ist die Offshore-Anlage vor der Insel ein Dorn im Auge ...

Liv Lammers ermittelt in ihrem 5. Fall vor und auf Sylt



Sabine Weiß, Jahrgang 1968, arbeitete nach ihrem Germanistik- und Geschichtsstudium als Journalistin. Seit 2007 veröffentlicht sie erfolgreich Historische Romane, seit 2017 zusätzlich Krimis. Um an den Schauplätzen zu recherchieren, reist sie im Camper auf den Spuren ihrer Figuren durch Europa. Wenn sie nicht unterwegs ist, lebt Sabine Weiß mit ihrem Mann und ihrem Sohn in der Nähe von Hamburg.
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2


Flensburg, Montag, 7. Mai, 0.29 Uhr


Der Trommelwirbel schwoll an und wieder ab, dann ließ Liv ihr Schlagzeugsolo mit einigen wohldosierten Fill-Ins ausklingen. Nach dem letzten Ton riss sie ekstatisch die Hände in die Höhe, und kam sich sofort ein wenig albern vor. Wenn die Kriminellen, mit denen sie als Kommissarin zu tun hatte, sie jetzt sehen könnten, würden sie sie garantiert nicht mehr ernst nehmen. Andererseits hatte sie so lange von diesem Augenblick geträumt, so lange darauf hingearbeitet. Außerdem: Das Volxbad war ausverkauft, das Konzert lief super. Die Stimmung war schon bei der Vorband gut gewesen, jetzt aber tobte die Menge. Sven, der Sänger, brüllte ihren Namen, und der Applaus wurde noch lauter. Gitarre und Bass übernahmen Livs Rhythmus und improvisierten in den nächsten Song hinein.

Nun hielt es Liv nicht mehr auf dem Hocker. Um ihr Schlagzeug herum lief sie an den Bühnenrand. Ihre Hände pulsten, die Armmuskeln brannten, und das Top klebte ihr am Rücken. Ihre Bandmitglieder und sie peitschten die Zuschauer weiter an. Erfüllt von Aufregung und Stolz blickte Liv über die hüpfenden und tanzenden Köpfe, entdeckte viele bekannte Gesichter. Ihr Herz stolperte unvermittelt. Da war ein Gesicht, das sie nicht erwartet hatte. Was tat er hier? Bleib fokussiert, bleib in diesem Moment und genieße ihn, ermahnte sie sich.

Liv wirbelte die Drumsticks zwischen den Fingern und schleuderte sie in die Menge. Nun band sie mit einer schnellen Bewegung ihre langen rötlichblonden Haare zusammen. Sie breitete die Arme aus, ihre hohe, schlanke Gestalt warf einen Schatten in die Menge hinein. Gerade wollte sie sich umdrehen, um sich fallen und von der Menge tragen zu lassen, als sie es sah. Die junge Frau in der ersten Reihe war den Tränen nahe. Sie wehrte sich gegen einen Kerl, der sie grob festhielt und feixend zu küssen versuchte. Wut schoss unvermittelt in Liv hoch. Das war ihr Konzert, ihr gemeinsames Fest, und dieser Typ wagte es, die Enge und die Feierlaune auszunutzen?!

Mit einem Satz war Liv im Publikum und trennte die beiden.

Der Grabscher lachte ungläubig, dann brüllte er sie an: »Spinnst du?«

Liv packte ihn am Kragen. »Lass deine Finger bei dir und verpiss dich!«, schrie sie gegen die Musik an. »Du begehst gerade eine Straftat. Hier ist Polizei im Saal, die sich freut, wenn sie einen wie dich zu fassen bekommt!«

Kurz sah es aus, als ob er nach ihr schlagen wollte, aber dann bemerkten sie beide den Ordner – einen muskelbepackten Kumpel des Sängers –, der sich ihnen näherte. Prompt verzog sich der Grabscher. Die junge Frau, die inzwischen von ihrer Freundin getröstet wurde, schenkte Liv einen dankbaren Blick. An der Melodie erkannte Liv, dass gleich wieder Zeit für ihren Einsatz war, deshalb neigte sie sich zu der Frau. »Du kannst den Typen anzeigen. Das ist dein gutes Recht«, rief sie ihr ins Ohr.

»Ich weiß nicht …«

»Der darf damit nicht durchkommen!«

Die Gitarrenriffs wurden drängender. Liv eilte auf die Bühne zurück und ignorierte die fragenden Blicke ihrer Bandkollegen. Schnell hinters Drumset. Ein neues Paar Sticks, und weiter ging es …

Wenig später sah Liv noch einmal in die Menge. Erleichtert registrierte sie, dass die junge Frau wieder klatschte und tanzte.

Nach der letzten Zugabe traten alle Bandmitglieder vor und verbeugten sich. Ihr Sänger zog sie näher zu sich heran.

»Was war denn los?«

»Ein Grabscher. Direkt vor der Bühne. So ein Idiot.«

»Hättest mal was gesagt. Dem hätte ich ’ne Ansage gemacht«, erwiderte Sven sauer.

»Ich hab ihm auch eine Ansage gemacht.«

Er lachte. »Kann ich mir denken.«

Liv suchte noch einmal den Überraschungsgast in der Menge, den sie vor der Sache mit dem Grabscher entdeckt hatte. Zunächst konnte sie ihn nicht finden, dafür sah sie ihren Kollege Hennes von der Flensburger Mordkommission und ihre Tochter Sanna. Sie freute sich, dass Sanna so lange ausgehalten hatte. Eigentlich war es für einen Teenager ja ultrapeinlich, die eigene Mutter auf der Bühne zu erleben. Und da, auf der anderen Seite des Saals, da war er. Doktor Sebastian Gerlich. Ihn hätte sie nie und nimmer hier erwartet. Noch dazu hatte er getanzt, das hatte sie genau gesehen.

Seit den dramatischen Ereignissen im letzten Herbst hatte Liv sich ab und zu länger mit dem Rechtsmediziner unterhalten. Erstaunlich offen war er gewesen und überraschend unkonventionell. Als sie zuletzt aber beim Rechtsmedizinischen Institut in Kiel Informationen über einen Fall eingeholt hatte, hatte er das Gespräch mit ihr gemieden, zumindest war es ihr so vorgekommen. In diesem Augenblick hatte sie es bereut, Berufliches und Privates vermischt zu haben. Gefühle machten gesellschaftlichen Umgang immer so verflucht kompliziert. Sebastian jetzt hier zu sehen, verwirrte sie.

Kurz entschlossen tauchte Liv in die Menge ein, umarmte Freunde und ließ sich von Bekannten auf die Schultern klopfen. Sie hielt auch nach dem Grabscher und seinem Opfer Ausschau, aber beide waren verschwunden. Schließlich ging sie zu Sebastian. Offenbar war er mit einem Freund hierhergekommen. Liv hatte den Rechtsmediziner lange Zeit jünger geschätzt, wusste aber inzwischen, dass er ebenfalls Anfang dreißig war. Sie beide verband, dass sie früh verantwortungsvolle Positionen erreicht hatten, in denen sie sich wegen ihrer Jugend behaupten mussten. Bei der Arbeit sah sie ihn normalerweise formell gekleidet oder in Schutzkleidung, jetzt aber fügte er sich in Vans-Turnschuhen, engen Jeans und schwarzem Shirt perfekt in das Publikum ein. Ohne die Nickelbrille wirkte er smart und männlich, statt nerdig, wie Liv erstaunt feststellte.

Sebastian wandte sich ihr mit einem begeisterten Lächeln zu. »Das ging ja echt ab. Respekt.«

»Woher wusstest du …«

Kurz wirkte Sebastian verunsichert. »Du hattest mir von euren Auftritten erzählt, und als mein alter Schulfreund hier das Konzert erwähnte … Entschuldigt, wie unhöflich.« Er stellte sie einander vor. »Was war denn vorhin los? Ich dachte erst, du machst Stagediving, aber dann bist du in der Menge verschwunden.«

Liv erzählte Sebastian von dem Vorfall. »Das ist so widerlich!«, platzte er heraus und schüttelte so heftig den Kopf, dass seine dunklen Locken wippten. »Bei Festivals passiert leider auch immer so einiges. In der Rechtsmedizinischen Ambulanz haben wir es dann regelmäßig mit Übergriffen und Vergewaltigungen zu tun.«

»Ich dachte, du arbeitest nur mit Toten«, mischte der Schulfreund sich ein.

»Irrtum. Die Forensische Pathologie ist nur einer meiner Arbeitsbereiche. Wir beschäftigen uns auch mit Toxikologie, Genetik – also beispielsweise Vaterschaftstests –, Unfallrekonstruktion und vielem mehr. Die Ambulanz für Gewaltopfer nimmt einen bedeutenden Teil unserer Arbeit …«

In diesem Augenblick drängte sich Hennes zu ihnen. Mit knapp sechzig, huckeliger Nase und seinem Jeans-Ensemble wirkte er zwischen den anderen Konzertbesuchern wie ein Rock-Opa. Als er Sebastian Gerlich erblickte, wirkte Hennes irritiert. Genau wie Liv schien er nicht damit gerechnet zu haben, den Rechtsmediziner hier zu treffen. Dann jedoch richtete Hennes den Blick auf Liv und hob in einer vielsagenden Geste sein Handy. Es bedurfte keiner Worte. Liv wusste auch so, dass die After-Show-Party ausfallen würde. Zumindest für sie. Nüchtern war sie immerhin, und das nicht nur, weil sie beim Schlagzeugspielen gerne einen klaren Kopf hatte. Beim K1, der Mordkommission Flensburg, für die Liv seit zweieinhalb Jahren arbeitete, galt der Kodex der stillen Bereitschaft. Da das K1 personell etwas ausgedünnt war, seit ein Kollege in der Reha war, musste man immer mit einem Einsatz rechnen – auch bei einem Konzert.

Als sie auf die Schiffbrücke hinaustraten, schlüpfte Liv in die Lederjacke und zog die Kapuze ihres Pullis über den Kopf. Es war spät, trotzdem stand sie auf dieser Straße zwischen Einkaufsviertel und Amüsiermeile im Licht. Hinter ihr war das frühere Volksbad mit seiner Backstein- und Putzfassade beleuchtet, vor ihr glitzerte der Flensburger Hafen. Eine Bö kräuselte das Wasser der Förde. Liv fröstelte, nass geschwitzt, wie sie war. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie ihre sechzehnjährige Tochter Sanna telefonierte; sicher mit ihrem Freund Kimi, denn sie tuschelte verliebt. In diesem Augenblick wirkte Sanna wie eine normale Jugendliche, die ihre erste Liebe erlebte. Kimi hatte ihr geholfen, den schrecklichen Vorfall zu bewältigen, der sich im vergangenen September zugetragen hatte: Sanna war nur knapp einem sexuellen Übergriff entkommen. Und als ob das nicht schlimm genug gewesen wäre, stammte der Täter auch noch aus dem engsten Umfeld. Es war Ocke, der gefürchtete Patriarch der Lammers-Familie. Ausgerechnet Sannas Großvater hatte versucht, sich an ihr zu vergreifen, und Sanna, als diese sich gewehrt hatte, brutal verprügelt. Entsprechend groß war Sannas Trauma. Neben Kimis Unterstützung hatten ihr auch die Gespräche mit einer Therapeutin geholfen. Aber Liv wusste, dass ihre Tochter seitdem nicht mehr dieselbe war. Das zeigten nicht nur die kurz rasierten Haare, der Verzicht auf Make-up und die weiten Klamotten. Vor allem psychisch hatte Sanna sich verändert.

Aber sie würden Ocke damit nicht durchkommen lassen. Selbstverständlich hatte Liv alle Bestechungsversuche ihres verhassten Vaters abgelehnt. Nie würde sie die Anzeige gegen ihren Vater zurückziehen, nie ihrer Tochter dazu raten. Nie würde sie sich Ocke Lammers unterwerfen, um irgendwann in den Schoß der Sylter Familie zurückzukehren und in den Genuss des...



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