Wekwerth | Die Zeit der Magnolien | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 285 Seiten

Wekwerth Die Zeit der Magnolien

Roman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96148-264-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 285 Seiten

ISBN: 978-3-96148-264-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Berührend und anmutig: Das gefühlvolle Lesevergnügen 'Die Zeit der Magnolien' von Tanja Wekwerth jetzt als eBook bei dotbooks. Elizabeth weiß: Es ist Zeit für eine Veränderung in ihrem Leben! Ihr Studium erfüllt sie nicht mehr, sie ist einsam und weiß nicht, wie ihre Zukunft aussehen soll ... bis sie dem liebenswerten Pensionär Otto begegnet, der ihr seine Geschichte erzählt: Einst arbeitete er als Gärtner im Haus der schönen Esther. Niemals hat er jene Frau vergessen, die Ende der dreißiger Jahre aus Berlin fliehen musste und die für ihn der Inbegriff von Schönheit, Eleganz und Lebenskunst war. Bis zum heutigen Tag hat er ihr Bild in seinem Herzen bewahrt. Während Otto erzählt, erliegt Elizabeth immer mehr Esthers Faszination - und trifft schließlich eine Entscheidung, die ihr Leben verändert ... Jetzt als eBook kaufen und genießen: 'Die Zeit der Magnolien' von Tanja Wekwerth. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks - der eBook-Verlag.

Tanja Wekwerth lebt und arbeitet in Berlin. Neben dem Schreiben widmet sie sich der Fotografie. Bei dotbooks veröffentlichte Tanja Wekwerth ihre Romane »Die Zeit der Magnolien«, »Das Geheimnis der Mitternachtstöchter« und »Das Haus der Hebamme«.
Wekwerth Die Zeit der Magnolien jetzt bestellen!

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1


Es ist ein Tag im Frühling, ein Tag zwischen Sonne und Schatten. Wie ein türkis-goldenes Osterei leuchtet die Kuppel der Synagoge durch den knospenden Kastanienbaum, der seine glatten dunklen Äste bis in das vierte Stockwerk hinaufstreckt. Aus dem Hinterhof schallen Stimmen, tiefe Stimmen von Männern, die gerade mit viel Getöse die Mülltonnen leeren. Elizabeth hört Fetzen einer Jazzmelodie, federleicht auf einem verstimmten Klavier gespielt, und das Zetern eines erschrockenen Spatzes. Wie aus einem gewaltigen Schalltrichter werden all diese Geräusche zu ihr getragen. Zu Essenszeiten strömen auch Gerüche von gedünsteten Zwiebeln und gebratenem Fleisch in die Höhe. Doch jetzt riecht es nur nach frühem Morgen und dem Kaffee, den sie sich gerade gekocht hat. Sie hört einen polternden Laut, dann beginnt ein Mann zu fluchen. Ein anderer lacht. Elizabeth geht ans offene Fenster und sieht, dass eine volle Mülltonne umgekippt ist. Der Abfall hat sich in den grau gepflasterten Hof ergossen. Hellblau leuchtet zwischen sprießenden Funkien eine zerbeulte Plastikflasche Weichspüler in einem schmalen, von zerbrochenen Ofenkacheln eingefassten Beet. Überall liegen zerknüllte Papierkugeln, Tüten, leere Joghurtbecher, nach denen sich der Mann im orangefarbenen Overall bückt. Während Elizabeth überlegt, ob auch ihr Abfall dabei ist, fällt ihr auf, dass die Sonnenstrahlen den Grund des Hofes nicht erreichen, gerade so, als würden sie sich nicht in den Schatten wagen. Abrupt halten sie an einer bestimmten Stelle an, ziehen eine scharfe Linie, teilen den Schacht in Hell und Dunkel. Erst die kleinen Balkone im ersten Stock stehen im Licht. Darunter herrscht der ewig grün bemooste Dämmerzustand eines Berliner Hinterhofes, voller Farngewächse, wilder Pfefferminze und einer Klopfstange, an der manchmal kopfüber ein stilles Kind hängt.

Der Müllmann schimpft noch immer vor sich hin, ein Flugzeug schwebt lautlos am Himmel.

Plötzlich erinnert Elizabeth sich daran, wie sie vor vielen Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben, das damals noch ein glitzerndes, wogendes Meer voller Geheimnisse und Untiefen gewesen war, in einem Flugzeug gesessen hatte. Hingerissen war sie von den unbekannten Gefühlen, die auf sie einstürmten – Todesangst hatte sich in ihren jungen Nacken gekrallt, während das Flugzeug über die Startbahn raste, und parallel zu diesem entsetzlich kalten Griff schwoll eine geradezu ekstatische Lust in ihrem Unterleib heran, eine Lust zu leben, und beides vermischte sich in ihrem Solarplexus zu einem wollüstig-warmen Ausgeliefertsein. Seufzend überließ sie sich ihrem Schicksal, das sie in ihren Sitz presste und ihr den Atem nahm, sodass sie sich zusammenreißen musste, um nicht einfach loszuschreien vor Glück und der abstrusen Gewissheit, im nächsten Augenblick selig zu sterben. Doch sie starb nicht, das Flugzeug hob ab und flog eine scharfe Linkskurve über der Stadt Berlin, die in der Abenddämmerung dalag wie ein riesengroßes, flaches, atmendes Lebewesen am Grunde eines blauen Himmels, und Elizabeth hatte das Gefühl, sie überfliege ihr Leben, das unter ihr wogte, und sie brauche nur einzutauchen, denn alles war möglich zu dieser Zeit. Bald hatte das Flugzeug, eine Boeing 737, seine Reiseflughöhe erreicht. Ruhig und kraftvoll glitt es dahin. Elizabeths Hände, die bis eben noch zu Fäusten geballt waren, öffneten sich langsam und legten sich ausgestreckt auf ihre Oberschenkel. Sie lehnte den Kopf zurück, schloss kurz die Augen und fühlte sich geborgen wie im Innern eines Engels, der sie sicher über das Meer trug. Von einem lächelnden Steward wurde ihr ein Glas Tomatensaft serviert, dazu legte er ein Tütchen geröstete Erdnüsse auf die quadratische weiße Serviette auf dem Klapptisch vor ihr, und als sich ihr Herzschlag beruhigt hatte, erblickte sie im graublauen Abendhimmel einen einzigen Stern. Kauend fasste sie in ebendiesem Moment den Entschluss, nicht Floristin zu werden, nicht das Geschäft ihrer Mutter zu übernehmen, nicht morgens um vier aufzustehen, um auf dem Berliner Großmarkt eimerweise Tulpen, Rosen und Nelken einzukaufen und damit ins Blumenhäuschen am Spandauer Damm zurückzukehren, nicht immer kalte Füße und zerschnittene Hände zu haben wie ihre Mutter.

Elizabeth nahm noch einen Schluck des dickflüssigen Saftes. Nein! Sie würde Luft- und Raumfahrttechnik studieren. Rosen, Tulpen, Nelken – alle Blumen welken. Es war wie eine Eingebung. Und sie wusste, dass sie gerade die wichtigste Entscheidung ihres Lebens getroffen hatte, die mit so sphärischen Dingen wie Sternen, Sonnenaufgängen, ja, sogar Engeln und dem Universum zu tun hatte.

Doch schon nach wenigen Semestern hatte Elizabeth erkennen müssen, dass ein Flugzeug kein Engel war, sondern ein mit Hochdruckverdichtern, primären und sekundären Kontrollflächen ausgestattetes Fluggerät. Sie konnte aber nicht zugeben, dass der ursprüngliche Zauber sich verflüchtigt hatte, denn mit gebrochenem Herzen hatte ihre Mutter in der Zwischenzeit das Blumenhäuschen verkauft, die Lavendelkränze und präparierten Rosengestecke aus dem Schaufenster für einen Spottpreis verhökert und ihrer Tochter nicht vergeben. »Riech, riech nur diesen Flieder!«, hatte sie ihr früher oft befohlen und ihr einen ganzen Arm voll lila wippender Dolden unter die Nase gehalten. »Riech!«, befahl sie, als Elizabeth zurückzuckte, denn sie mochte den Geruch der Blüten nicht besonders, und sie machte ihn mitverantwortlich für die endlosen Nierenbeckenentzündungen und Halskrankheiten ihrer Mutter. »Riech doch!«, wiederholte ihre Mutter ungeduldig und versenkte dann selbst das Gesicht im Flieder, saugte lautstark das dunkle, leicht gasartige Aroma in sich hinein, als wollte sie jeden Winkel ihres Körpers damit füllen und ihr Gehirn betäuben. Wenn Kunden die gläserne Tür des Blumenhäuschens öffneten, hielten die meisten kurz inne, hoben die Nase und witterten mit übertriebener Geste wie hungrige Wölfe. »Aaaah«, machten sie und lächelten entrückt. »Dieser Duft!«

Wenn Elizabeth sich nach Schulschluss mit dem Schulranzen gegen die gläserne Eingangstür warf und das Geschäft betrat, bemerkte sie hinter dem zunehmend verhassten, übersüßen Durcheinander an Blütenausdünstungen vor allem den Geruch des nicht mehr ganz frischen Wassers in den Vasen, die sie gleich im Hinterzimmer zu säubern hatte. Mit Schwamm und Bürste schrubbte sie nachmittagelang an glitschigen Innenwänden von Eimern und hellgrün angelaufenen Vasen herum, während ihre Hände und Füße immer kälter wurden. Ihre Mutter befreite derweil die Stiele der Baccara-Rosen von ihren Dornen, schnitt sie schräg an, eine nach der anderen, bis wieder ein Kunde eintrat und »Aaaah!« machte und ihre Mutter diensteifrig durch den Vorhang eilte, der das hintere Zimmer vom Verkaufsraum trennte, um kunstvolle Gebinde zu zaubern, so flink und mühelos, dass es eine Freude war, ihr dabei zuzusehen. Kleine und große Sträuße entstanden, in die sie giftgrüne Birkenzweige oder Chinagräser band – und all ihre Liebe.

All ihre Liebe, während ihre Tochter im Hinterzimmer die Vasen schrubbte und den Boden fegte. Elizabeth schwor sich damals, dass sie, sollte sie jemals heiraten, in ihren Händen ganz sicher keinen Brautstrauß halten würde, sondern ... sie überlegte kurz, wobei sie sich auf den Besen stützte ... einen Ast vielleicht? Oder besser noch einen Apfel!

Sie war fünfzehn Jahre alt. Lady Diana, nur wenige Jahre älter, hatte gerade Prinz Charles geheiratet. Mit Levkojen, Rosen und Iris im Brautstrauß, aber sie, Elizabeth, würde mit einem leuchtenden grünen runden Apfel in der Hand heiraten, zwar wohl auch gerne einen Prinzen in einer Kathedrale, aber auf jeden Fall ohne eine einzige Blume.

Doch kein Prinz war gekommen, kein Apfel hatte in ihren Händen gelegen, auch keine Diplomarbeit. Zu glauben, dass allein das Verrinnen von Zeit zu einer Ordnung ihres Lebens beitragen würde, hatte sich als Trugschluss erwiesen.

Als Lady Diana starb und ein Blumenmeer die Straßen Londons überflutete, verwandelte sich Kensington Park in eine knisternde Cellophanwüste. »Die schönen Blumen«, hatte Elizabeths Mutter bei der Fernseh-Live-Übertragung von der Beerdigung geschluchzt, aber Elizabeth konnte nur denken: Was für eine Umweltverschmutzung! Was würde es kosten, diesen ganzen Müll wieder fortzuschaffen, und musste Cellophan nicht von den verwelkten Blumen getrennt und gesondert entsorgt werden? Während sich der Sarg, geschmückt mit weißen Lilien, weißen Rosen, weißen Tulpen, auf einer Geschützlafette, gezogen von sechs Rappen, langsam durch die weinenden Menschenmassen vorwärts bewegte, schluchzte Elizabeth mit ihrer Mutter, weinte über ihr eigenes Leben, über ihre Borniertheit und Engherzigkeit und darüber, dass sie bei dieser ergreifenden Trauerfeier nur an sich selbst denken konnte. Und an Mülltrennung.

»Ich habe das Gefühl, dass irgendetwas in meinem Lebensgetriebe klemmt wie ein Schwarm Krähen in einem Triebwerk, und ich weiß nicht, wie der Schaden zu beheben ist, der mich daran hindert, durchzustarten und endlich anzufangen zu leben, denn wenn es so weitergeht, ist es schon bald wieder vorbei damit«, hatte sie einmal in ihr Tagebuch geschrieben, und vor dem Fenster hatte zur gleichen Zeit der Kastanienbaum so weiß und optimistisch geblüht, dass sie den Eindruck bekam, er lächle ihr durch die geschlossenen Scheiben auf seine verschwiegene, baumartige Weise zu. Es war das erste und letzte Mal gewesen, dass etwas Blühendes sie nicht gestört hatte.

Seit Jahren jobbte Elizabeth. »Die ewige Studentin«, höhnte ihre Mutter, die nach der Aufgabe des Blumenladens erschreckend schnell dahinwelkte, wie eine Primel ohne Wasser. »In deinem Alter war ich bereits Mutter und selbstständig und habe nicht anderen Leuten Flitterzeug...



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